Interpret:
Pale
Titel:
Another Smart Move, oder wie sich eine Band zum richtigen Zeitpunkt auflöst
Autor:
Lasse Paulus
Düsseldorf, 28.07.2009
Ende Mai haben sich Pale aufgelöst. Damit hat wohl eine der sympathischsten deutschen Bands das Zeitliche gesegnet. Crazewire traf sich mit Sänger Holger Kochs, um über die Gründe der Trennung und die Zukunftspläne der Bandmitglieder zu sprechen.
Crazewire: Hallo Holger, Pale sind nun endgültig Geschichte, wie fühlt Ihr Euch jetzt?
Holger Kochs: Ich kann jetzt nur für mich sprechen, aber es ist eine Mischung aus Glück über das Zurückliegende, das Erreichte und der Traurigkeit, dass jetzt etwas vorbei ist, das 15 Jahre lang angedauert hat und ein so wichtiger Teil unseres Lebens war.
Crazewire: Glücklich weil das Kapitel Pale endlich abgeschlossen ist, oder weil es eine gute Zeit war?
Kochs: Glücklich, weil es eine solch wunderbare Zeit war. Wir haben so viel erlebt, das war wie 100 Achttausenderbesteigungen auf einmal. Zudem sind wir das Ganze immer mit dem Wichtigsten überhaupt angegangen: nämlich mit Haltung. Wir haben uns nie verkauft, nie angedient, nie verstellt und das ist das, worauf ich mit am meisten stolz bin. Wir haben uns immer selbst vertraut und nur das gemacht, was wir für richtig hielten. Zudem denke ich, dass wir einen guten Zeitpunkt für die Auflösung der Band gefunden haben. Markus (Wiebusch von Kettcar, Anm. d. Red.) schrieb uns nach dem Immergut Festival, dass es nicht jeder Band vergönnt sein wird, so einen würdigen Abschluss zu finden. Und ich glaube, genau das haben wir auch geschafft. Das hätte zwar vielleicht genauso schon vor zwei Jahren passieren können, ich bin mir aber sicher, dass es in dieser Form in zwei Jahren nicht mehr möglich gewesen wäre.
Crazewire: Jetzt ist die Mini-Tour im Mai ja super gelaufen. Kamen da nicht doch noch mal Zweifel bezüglich der Trennung auf?
Kochs: Nein, man darf Pale ja nicht nur auf die sechs Platten beschränken. Wir hatten auch immer einen sehr hohen Anspruch an uns selbst. Und diesen Anspruch konnten wir zwischen 2007 und 2009 nicht mehr erfüllen. Der Weggang von Hilly als Quasi-Gründungsmitglied und später auch von Jonas war ein heftiger Einschnitt. Und deshalb glaube ich auch, dass Pale damals schon ein Stück weit am Ende waren, jedenfalls in der Form, in der wir das Ganze begonnen hatten. Diese Mini-Tour war ein würdiges Ende und das ist auch gut so. Nun ist die Zeit für etwas Neues gekommen.
Crazewire: Mal ganz stumpf gefragt, was war denn der entscheidende Grund für die Auflösung von Pale? Spielt da vielleicht auch das letzte Album, das ja nicht von allen positiv aufgenommen wurde, eine Rolle?
Kochs: Das ist eine gute Frage. Ich glaube nicht, dass es an „Brother, Sister, Bores“ lag. Wir waren ja eh nie die Band, die zu einem Zeitpunkt unglaublich erfolgreich war und dann versuchte mit dem Nachfolgealbum an den alten Erfolg anzuknüpfen. Dafür hatten wir viele treue Fans, denen die Band auch über einen langen Zeitraum hinweg wichtig war. Was uns übrigens auch immer viel bedeutet hat... Wir hatten gute Zeiten, als die „Razzmatazz“ veröffentlicht wurde und uns bedingungslos Lob entgegenschlug. Danach kam die „How To Survive Chance“, die ein wenig kontroverser aufgenommen wurde, obwohl es für uns die richtige Platte zur richtigen Zeit war. Die letzte Platte war dann einfach die Platte, die man schreibt, wenn man sich wieder auf sich selbst besinnt. Das war einfach etwas, das wir so machen mussten. Das Album war dann ja auch viel trauriger, melancholischer und hatte vielleicht nur noch wenig mit dem zu tun, wofür wir mit den Vorgängeralben standen. Deshalb kann ich auch diejenigen verstehen, die damit ein Problem hatten. Aber sie war auch kein Flop. Vor allem nicht in künstlerischer Hinsicht.
Crazewire: Ihr habt in Eurer Zeit viele Platten verkauft. War es für Euch nie eine Alternative bei einem Majorlabel zu unterschreiben und zu schauen was da alles gehen könnte?
Kochs: Mit Mitte 30 muss ich sagen, dass es vielleicht gar nicht so schlimm gewesen wäre, bei einem Major zu unterschreiben. Es gab damals auch ein konkretes Angebot, das sich dann aus irgendwelchen Gründen zerschlagen hatte. Ich muss aber auch sagen, dass uns der „Do It Yourself“-Gedanke immer sehr wichtig war. Ohne den hätte es damals zum Beispiel unsere Europa-Touren nicht gegeben. Dieser „Do It Yourself“-Gedanke war etwas, das die Band ausgemacht hat. Es wäre zu dem Zeitpunkt extrem schwierig gewesen, unserem Umfeld einen Major-Deal zu vermitteln. Am Ende ist es einfach daran gescheitert, dass wir dort nicht die Strukturen vorgefunden hätten, die wir haben wollten.
Crazewire: Ich habe Euch immer für eine der deutschen Bands gehalten, die auch einen künstlerischen Anspruch an sich selbst und ihre Songs hatte. Gerade „Brother, Sister, Bores“ ist stellenweise anspruchsvoller geraten als zum Beispiel die „Razzmatazz“. Glaubst Du, dass es als Band mit Anspruch in Deutschland schwieriger ist ein breites Publikum zu erreichen?
Kochs: Schwierig. Wenn ich jetzt „ja“ sagen würde, wäre es ja eine Generalverurteilung jeder deutschen Band, die erfolgreich ist, weil es bedeuten würde, dass sie etwas Stumpfes machen. Und vor allem textlich gibt es mit Kettcar oder Element Of Crime tolle, sehr anspruchsvolle Bands in Deutschland. Ich glaube einfach, dass das Publikum an die Hand genommen werden möchte und du ihm etwas erzählen musst, in dem es sich wiederfindet. Wenn du das dann zu abgehangen, zu zitatreich angehst und du dann noch in Englisch singst, werden die Leute hierzulande vielleicht ein wenig skeptischer, als es für dich als Band gut ist.
Crazewire: Muss man, um das Publikum an die Hand zu nehmen, deutsch singen?
Kochs: Naja, es ist auf jeden Fall einfacher. Die einzige deutsche Band, die mit englischen Texten in den vergangenen Jahren wirklich Erfolg hatte, sind die Beatsteaks. Und die gehen es einfach clever an.
Crazewire: Wie wird es denn mit Euch weitergehen? Macht Ihr weiter Musik?
Kochs: Ich glaube, wir lassen uns gerade überraschen, wie es weitergehen könnte. (lacht, Anm. d. Red.)
Crazewire: Holger, wir danken Dir für dieses Gespräch.