DETAILS

Interpret:
Okkervil River

Titel:
Schöne neue Shuffle-Welt

Weiterführende Links:

Autor:
Benjamin Adler
Dortmund, 30.01.2008

INTERVIEWS

Okkervil River - Schöne neue Shuffle-Welt

Okkervil River - Schöne neue Shuffle-Welt


Will Sheff und seiner Band Okkervil River ist 2007 mit einem Album, das den Sprung vom Märchenwald in versiffte Hotels vollzog, so etwas wie der Durchbruch gelungen. Wir trafen den Songschreiber in einem kleinen, gar nicht märchenhaften Hinterzimmer im Gleis 22 in Münster und redeten über „The Stage Names“, die Beach Boys und die „Shuffle“-Funktion.

Crazewire: Ihr spielt heute Abend euer drittes Konzert auf der laufenden Deutschlandtour. Die Setlist eures Konzerts in München war im Internet zu sehen. Dabei fiel auf, dass ihr Songs aus jedem eurer Alben zum Besten gegeben habt, was eher unüblich ist…

Will Sheff: Es ist uns wichtig, Songs von jedem unserer Werke zu spielen, da sie uns alle gleich wichtig sind. Es soll nicht bloß ein Schaulaufen für das neue Album sein, das wäre ja langweilig.

Crazewire: Apropos neues Album: Würdest du zustimmen, dass „The Stage Names“ euer bisher größter Sprung von einer Platte zur nächsten war?

Will Sheff: Ich denke bei unseren Platten nicht an „Sprünge“ oder ähnliches. Das ist wohl eher deine Aufgabe als Hörer, von daher freut es mich, dass du das sagst. Du hast da wahrscheinlich die bessere Perspektive. Für mich hat jedes unserer Alben eine eigene Identität, ich kann nicht wirklich beurteilen, ob da jetzt eines besser ist als das andere. Wenn ich mit einer Platte fertig bin, dann habe ich mit dem Kapitel abgeschlossen und ziehe weiter zur nächsten Aufgabe.

Crazewire: Der „Sprung“ ist ja vor allem ein inhaltlicher. Im Opener „Our Life Is Not A Movie Or Maybe“ gibt es diese Zeile „it’s just a life story, so there’s no climax“. Ist das der zentrale Aspekt, herauszutreten aus der Märchenwelt des “Black Sheep Boy” ins wirkliche Leben?

Will Sheff: Ja, auf jeden Fall. „Black Sheep Boy“ war eine schwere, dunkle Platte. Ein düsteres Märchen, wenn man so will. Ich wollte für „The Stage Names“ eine echte Welt mit echten Menschen erschaffen. Die auf dem Album dargestellte Welt ist immer noch Fiktion, aber sie basiert auf der wirklichen Welt, wie wir sie kennen.

Crazewire: Magst du eigentlich die Beach Boys?

Will Sheff: (lacht, Anm. d. Verf.) Das solltest du mal Travis fragen.

Travis Nelsen: (ist in einer abgelegenen Ecke des Raumes beschäftig und sieht überrascht auf, Anm. d.Verf.) Was ist los?

Crazewire: Magst du die Beach Boys?

Travis Nelsen: Ja, sie sind meine absolute Lieblingsband. Ich liebe sie.

Crazewire: Die Frage zielt natürlich auf den Song „John Allyn Smith Sails“ ab. Als du den Song geschrieben hast, wie kamst du darauf die Melodie von „Sloop John B.“ für den Endteil zu verwenden? Beziehst du dich dabei auf den Beach Boys Song oder auf das zu Grunde liegende Traditional?

Will Sheff: Es war eigentlich keins von beidem. Ich mag die Beach Boys sehr gerne, aber ich habe die Melodie nicht verwendet, um dem Song zu huldigen oder ähnliches. Es ist vielmehr so, dass ich glaube, dass das Traditional und unser Song die gleiche Aussage haben. Die Idee kam mir auch erst beim Schreiben des Songs, ich hatte vorher nicht geplant es zu verwenden.

Crazewire: Der Song ist also nicht als Tribut an 50 Jahre Rock und Pop Musik zu verstehen…

Will Sheff: Ich denke auf dem Album sind durchaus augenzwinkernde Momente zu finden, die man als Tribut an Popmusik verstehen kann. An Songs, die uns aus den letzten Jahrzehnten am Herzen liegen. Das ist aber nicht als Konzept gedacht, es ergab sich einfach im Laufe des Songwritings und der Aufnahmen zum Album. Wie auch bei „John Allyn Smith Sails“ haben all diese Momente vor allem etwas mit der Aussage des Songs zu tun und sind nicht beliebig.

Crazewire: Welche Musik hörst du im Moment?

Will Sheff: (denkt angestrengt nach, Anm. d. Verf.) Einmal fällt mir da der Soundtrack zu diesem Bob Dylan Film ein, „I’m Not There“. Da sind ein paar gute Coverversionen drauf. Außerdem habe ich in letzter Zeit oft Nina Simone und Dusty Springfield gehört.

Crazewire: Im Rahmen eines Interviews zu eurem letzten Album hast du mal gesagt, du würdest dich oft mit der Folk- und Blues-Musik aus den 40ern und 50ern beschäftigen. Ist das immer noch ein großer Einfluss für dich, gerade im Bezug auf das neue Album?

Will Sheff: Diese Musik ist generell ein großer Einfluss für mich, weil ich mich schon immer zu ihr hingezogen fühle. Nicht nur die 40er und 50er, sondern gerade auch die Musik der 20er und 30er Jahre hat mich sehr geprägt. Diese für die Zeit typische Direktheit ist etwas, dass ich mit Okkervil River versuche umzusetzen. Auch der einfachen Poesie in den Texten eifere ich als Songschreiber nach. Diese Musik hat einfach eine unbeschreibliche Energie, die mich oft an Punkrock erinnert. Auf „The Stage Names“ hört man diesen Einfluss vielleicht weniger heraus, aber er steht hinter allem, was ich mache.

Crazewire: Was sind eure Pläne nach dieser Tour?

Will Sheff: Wir wollen noch ein Appendix zum aktuellen Album veröffentlichen, wie wir es auch schon bei „Black Sheep Boy“ gemacht haben. Es sind noch ein paar Songs aus den Sessions übrig und wir wollen sie nicht vorenthalten.

Crazewire: Habt ihr das Album also bewusst so kurz gehalten? Schließlich sind nur neun Tracks darauf zu finden…

Will Sheff: Es sollte einfach ein kurzes, bündiges Album sein. Auf eine CD passen ca. 80 Minuten Musik und es mag Künstler geben, die diesen Platz auch voll ausnutzen. Aber denkt man mal an die alten Klassiker-Alben, waren die meisten davon nur halb so lang. Und ich denke, dass gerade ihre Kürze diese Platten überhaupt erst zu Klassikern macht, da die Songs über eine kürzere Distanz mehr Zusammenhalt gewährleisten. Diesem Beispiel versuche ich zu folgen. Für den Appendix sind Songs vorgesehen, die bisher nur als Demo-Versionen vorliegen und nach der Tour ausgearbeitet werden.

Crazewire: Du erwähntest zu Beginn des Interviews, du würdest dich nach Fertigstellung einer Platte direkt der nächsten Aufgabe widmen. Lebst du angesichts des anstehenden Appendix noch in der Welt von „The Stage Names“ oder ist das Kapitel für dich abgeschlossen?

Will Sheff: Man kommt einfach an einen Punkt, an dem man gelangweilt ist von seinem eigenen Album. Und wenn ich sage „gelangweilt“, dann rede ich aus der Perspektive eines Musikers, der jeden einzelnen Song immer und immer wieder spielen, singen und hören musste. Ich lebe das Album während des Entstehungsprozesses, es ist meine komplette Welt, ich denke dann an nichts anderes mehr. Und das ermüdet mit der Zeit. Irgendwann ist dieser Prozess dann zu Ende und die Musik gelangt an die Öffentlichkeit. An diesem Punkt habe ich die Welt des Albums schon wieder verlassen. Anstatt sich selbst zu bejubeln und zu sagen „hey, seht was ich gemacht habe“ sollte man lieber denken: „Scheiß drauf! Wichtig ist das, was als nächstes kommt.“ Nur so schafft man es loszulassen und weiter zu machen. Natürlich hänge ich mit einem Fuß noch in der „Stage Names“-Welt drin, weil wir noch ein paar Songs bearbeiten werden. Aber das Album höre ich mir jetzt nicht mehr an, es geht nicht mehr.

Crazewire: Glaubst du, dass es den Menschen heute generell so geht, dass sie schnell gelangweilt sind und sich keine ganzen Alben mehr anhören?

Will Sheff: Ich denke, das ist ein Vorurteil. Natürlich kann heutzutage jeder die „Shuffle“-Funktion seines mp3-Players benutzen, aber niemand zwingt einen dazu. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass es so viele Menschen geben soll, die das Gefühl missen wollen in ein Album einzutauchen. Als ich ein Kind war, liebte ich es einfach mir Platten anzuhören und mich mit jedem einzelnen Song tiefer in diese Welt zu graben. Wenn du dir immer nur einzelne Songs anhörst und dann direkt in die nächste Welt springst, lernst du doch nie die Tiefe kennen, die hinter einer Songfolge auf einem Album stecken kann. Im Prinzip ist das Touren gut mit der „Shuffle“-Funktion zu vergleichen: Man besucht so viele verschiedene Städte, aber man sieht gar nichts von ihnen. Das ist doch traurig.

Crazewire: Vielen Dank für das Gespräch.


 

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