DETAILS

Interpret:
Official Secrets Act

Titel:
Aus den Schatten der Vergangenheit

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Autor:
Richard Morgan
, 23.03.2009

INTERVIEWS

Official Secrets Act - Aus den Schatten der Vergangenheit

Official Secrets Act - Aus den Schatten der Vergangenheit

Official Secrets Act werden sicherlich bald kein Geheimnis mehr sein. Ihr Debüt-Album „Understanding Electricity“, eine Breitseite voll von synthielastigem, durchdachtem Art Rock, wird Anfang April über die Theken gehen als Release auf dem angesagten Label One Little Indian und verspricht schon jetzt mit Größen wie Television, The Clash und Franz Ferdinand verglichen zu werden.

Auf ihrer momentanen Tour treiben sich die Jungs in neun verschiedenen Ländern rum und legen sogar ein paar Support-Shows mit The Rakes mit dazu. Crazewire traf Lawrence, Thomas und Mike eine Stunde vor ihrem Auftritt im kleinen stickigen Rosis Club in Berlin Friedrichshain.

Crazewire: Wie wäre es zunächst mit ein paar Namen?

Lawrence: Mein Name ist Lawrence Diamond und ich spiele Bass.

Thomas: Ich bin Thomas Burke – Ich singe und spiele Gitarre.

Mike: Mike Evans, Ich spiele Gitarre und liefer die Synths.

Crazewire: Anscheinend habt ihr auch einen neuen Drummer für heute abend...

Lawrence Diamond: Ja, unser Support auf dieser Tour statt Alexander MacKenzie, der wurde übrigens von zwei Autos erwischt und liegt im Krankenhaus, ist Alexander Marshall Esquire White – bekannt durch Brakes, Electric Soft Parade, den Pipettes und Chicago Fame. Er ist scheiße! (Alle lachen, Anm. d. Verf.)

Lawrence Diamond: Quatsch, er ist ein ganz großer Drummer.

Crazewire: Wie läuft die Tour denn soweit?

Thomas Burke: Spitze. Natürlich ist es einfach super dass wir hier sind, aber wir verstehen auch, dass wir als größtenteils Unbekannte nicht genau wissen konnten was uns erwartet. Allerdings sind die Reaktionen bisher äußerst wohlwollend, das freut uns sehr!

Crazewire: In welchen deutschen Sädten habt ihr schon gespielt?

Mike Evans: In Köln als erstes, dann im Atomic Cafe in München – das war ein beeindruckendes Konzert!

Lawrence Diamond: Übers Internet haben uns viele deutsche Fans gebeten auch mal hierhin zu kommen, manche sind sogar extra aus Österreich nach München gekommen. Die Gewissheit, dass sich Leute wegen deiner Musik dazu motivieren lassen, ist sehr befriedigend.

Crazewire: Wie nehmt ihr das deutsche Publikum wahr?

Thomas Burke: Sie sind eher in kritischer Distanz, verglichen mit England auf jeden Fall. Sie schauen sich jeden Song an statt sich sofort rein zu schmeißen. Als Performer ist es gut zu wissen dass eine Art Interaktion stattfindet. Außerdem hauen sie nicht ab wenn wir mal was langsameres spielen, sondern lassen sich darauf ein.

Lawrence Diamond: Eigentlich würde ich sagen, dass sie absolut verrückt sind! In Köln haben die Leute mitgesungen und in München hat sich langsam alles aufgebaut, um bei den letzten 3 Songs total auszurasten! Es war einfach befreiend.

Mike Evans: Ich habe mal in Deutschland gewohnt, in der Nähe von Hannover. Als Band hierhin zurück zu kommen ist genial, die Leute verhalten sich sehr professionell, man wird gut behandelt. Die Deutschen lachen sogar, das ist super!

Crazewire: Könnt ihr euch denn auch manche Städte angucken oder rast ihr von Ort zu Ort?

Lawrence Diamond: In München haben wir uns wie üble Touristen verhalten, dadurch haben wir Stress mit unseren Freunden bekommen. Wir landeten im Hofbräu Haus beim Maßtrinken und Bretzelessen, das ist anscheinend nicht cool, aber das muss man ja wohl mal machen!

Thomas Burke: Eine Münchner Freundin sagte so was wie: „Oh mein Gott, ich glaubs nicht, dass ihr da wart. Wie unkultiviert!“

Lawrence Diamond: Was soll so was? Was sollten wir schon machen... Als wir mit The Rakes in England auf Tour waren haben sie uns erzählt, dass Berlin sie wieder zum Songschreiben und Performen motiviert hat. Das kann ich ihnen auf jeden Fall bestätigen wenn wir zurückkommen.

Thomas Burke: Heute waren wir am Funkturm am Alexanderplatz...

Lawrence Diamond: It’s fucking awesome! Das wird unser nächstes Albumcover. Exklusivinformation!

Crazewire: Woher habt ihr den Namen Official Secrets Act eigentlich?

Thomas Burke: Dazu gibt es eine gute Story. Unser regulärer Drummer Alex hatte einen Großvater, naja eigentlich kannte er ihn kein bisschen. Der war ein Spion im Zweiten Weltkrieg. Also wollte Alex rausfinden, was mit ihm passiert war und wollte sich in den National Archives umsehen. Die hatten nur ein einziges Dokument, den Official Secrets Act, ein Gesetz in England. Es ist komplett obskur: es soll Geheimnisse geheim halten, aber eigentlich schützt es die Regierung. Jedenfalls konnten wir einfach nicht verstehen, dass es ihm nicht erlaubt war, die Geschichte seiner Vorfahren zu erfahren.

Lawrence Diamond: Vieles von dem das wir in unseren Songs thematisieren dreht sich um die Dinge, die wir wissen dürfen und solche, die uns verboten sind, die Erfahrungen die wir machen dürfen und die die uns versperrt sind.

Crazewire: Wie seid ihr zu einer Band geworden?

Lawrence Diamond: Wir sind alle zur Universität von Leeds gegangen, alle gleichzeitig. Eine grandiose Zeit. Dance To The Radio haben gerade angefangen. ¡Forward, Russia! und natürlich auch die Kaiser Chiefs sind da gerade groß rausgekommen, in allen Bars und Clubs sind wahnsinnig viele Bands aufgetreten. Ich, Tom und Alex haben damals in unserem Keller geprobt und haben uns dann und wann Mike mit seiner Band live angesehen und waren ziemlich beeindruckt. Irgendwie sind wir drei dann in Edinburgh gelandet und Mike lebte auch dort...

Mike Evans: Die ersten Shows die ich von Official Secrets Act gesehen habe waren in London, das hat mich einfach umgehauen! Eins A! Als ich die Jungs dann in einem Schuppen in Edinburgh gesehen habe, war es genauso, einfach spitze!

Crazewire: Hat Mike die Band großartig verändert?

Thomas Burke: Auf jeden Fall! Wir sind extra nach Manchester in eine kleine Wohnung gezogen damit wir irgendwo spielen konnten und nicht einfach nur Jobs zu erledigen hatten. Wir haben die ganze Zeit geübt und geübt, irgendwann stieß dann also Mike dazu. Wir hatten eine simple Anlage, einen Campingkocher, ein paar Matratzen und haben da einfach losgelegt. Die Wohnung lag über dieser Bar, Mojo’s...

Lawrence Diamond: Ein verlassenes Bordell...

Thomas Burke: Total! Voller Badewannen...

Lawrence Diamond: Ja, voller Badewannen, mit Spiegeln an den Wänden und der Decke und so weiter, einfach abgefahren.

Thomas Burke: Jedenfalls hat sich in dieser Zeit alles verändert, wir waren hochmotiviert, das müssen allerdings alle sein, seit The Arcade Fire, die Ansprüche wurden erhöht! Mit Mike konnten wir das tun.

Crazewire: Warum Manchester und nicht London?

Mike Evans: Wir haben uns dafür entschieden um nicht mitten im Stress zu hocken. Wir hatten Glück und lernten einflussreiche DJs und Produzenten kennen. Zum Beispiel hat uns Steve LeMacq mal gesagt, dass man so viel Zeit wie möglich außerhalb von London verbringen sollte, gerade weil es wie ein kleines Aquarium ist, da dreht sich alles und nichts verändert sich. 

Lawrence Diamond: Manchester und Leeds haben uns erlaubt, uns individuell zu entwickeln, definitiv!

Crazewire: Welche Bands beeinflussen euch?

Thomas Burke: Aus Versehen hab ich „Bleuuurgh“ (Seufzer, Anm. d. Verf.) gesagt, aber ja, Blur! 

Mike Evans: Wen haben die denn nicht beeinflusst?

Thomas Burke: Television haben was ganz besonderes. Beim Rumfahren in Leeds haben wir viel Marquee Moon gehört, die ganze New Vorker CBGBs-Szene ist inspirierend! Ehrlichkeit und Ideen, das ist für uns anziehend als Band.

Crazewire: Welche Band würdet ihr denn gerne supporten?

Mike Evans: Arcade Fire oder Blur – die touren sogar diesen Sommer!

Lawrence Diamond: Yeah, Blur! Falls Damon Albarn Crazewire liest, wir wären für den Hyde Park im Juli startklar – ruf an!

Mike Evans: Klar, Arcade Fire wären super. Björk fände ich auch interessant...

Crazewire: Apropos Björk, ihr seid auf einem sehr illustren Label, One Little Indian – zusammen mit solchen Größen wie Björk, Alabama 3, Queenadreena, Jesse Malin, Fluke und der großartigen französischen Band Underground Railroad...

Alle: Spitzen-Band!

Lawrence Diamond: Die bringens, einfach Wahnsinn.

Thomas Burke: Ja, es ist ein einzigartiges Label. Die interessieren sich nicht für einen bestimmten Sound. Das größte Kompliment, das wir bisher erhalten haben war das Angebot von One Little Indian uns aufzunehmen... Sie unterstützen unsere Art von Unabhängigkeit, und es ist eine Ehre mit den Leuten zusammen zu arbeiten, die die erste Sugarcubes-Platte rausgebracht haben.

Lawrence Diamond: Es gibt mittlerweile so viele Bands die man einfach nur noch konsumiert, geiler Hairstyle, blah blah blah. Wir wollen den Leuten was geben anstatt uns nur zu amüsieren, natürlich auch das letztere, aber halt auch mehr! Durch One Little Indian können wir das tun.

Crazewire: Seid ihr zufrieden mit eurem Debütalbum?

Lawrence Diamond: Ja auf jeden Fall! Wir lieben es, diese Songs live zu spielen und schreiben auch schon an dem nächsten!

Crazewire: Euer Album ist sehr durchdacht und teilweise äußerst anspruchsvoll, eure Liveshows geraten schon mal außer Rand und Band. Seid ihr eher Liveband oder für den CD-Player gemacht?

Mike Evans: Wir haben da drei Wörter, die wir zwischen uns aufteilen, im Hinblick auf unsere Liveshows. Das erste ist unvorhersehbar. Das zweite ist...

Thomas Burke: Zuhören.

Mike Evans: Und das dritte Wort ist...

Lawrence Diamond: Party!

Mike Evans: Da hast du's. Es ist eine unvorhersehbare Zuhör-Party! Das macht uns besonders.

Gesagt, getan. Knapp 30 Minuten später stehen OSA auf der Bühne, Lawrence hat großzügig schwarzen Eyeshadow über sein Gesicht verteilt und die 4 aus Leeds legen sich ins Zeug. Es ist überraschend dass teilweise lautstark im Publikum mitgesungen wird – wo doch keine Single hierzulande in nicht-digitaler Form vorliegt.

Die Band rauscht geradezu durch ihr 45-Minuten-Set, Mikes Synthies kontrastieren gelungen mit Lawrences rumpelndem Bass und Thomas’ bewegtem Gesang. Die Kraft, die den Songs durch die Liveperformance hinzugefügt wird, transformiert die Albumsongs zu wahren Tanzbodenstürmern. Als Thomas sich immer wieder mit Gitarre und wildem Gesang in die Menge stürzt und am Ende des Sets, während die Hitsingle „The Girl From The BBC“ erklingt, den Boxenturm erklimmt, hat das Rosis’-Publikum den Jungs von Official Secrets Act nichts mehr entgegen zu setzen. Augen auf, diese Band könnte bald eure Radiocharts stürmen!


 

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