DETAILS

Interpret:
Muff Potter

Titel:
Das I-Love-Fahrtwind-Gefühl

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Autor:
Tristan Klocke
Hildesheim, 25.05.2009

INTERVIEWS

Muff Potter - Das I-Love-Fahrtwind-Gefühl

Muff Potter - Das I-Love-Fahrtwind-Gefühl

Als sich die Bandmitglieder Brami, Shredder, Nagel und Dennis von Muff Potter damals im rheinischen Münster zusammenrotteten, waren sie im Durchschnitt nicht älter als 16 Jahre - Eine Zahl, die nun auch in der Gegenwart der Bandgeschichte angekommen ist. Zwischen Tourbus-Koje und Bühnen-Traverse nahm sich Sänger und Songschreiber Thorsten „Nagel“ Nagelschmidt, die Zeit ein paar Fragen anlässlich des neuen Albums „Gute Aussicht“ zu beantworten.


Crazewire: Verliert man nach so vielen Jahren im Musik-Business nicht den kontrollierenden Blick für seine eigene Arbeit und läuft Gefahr sich einer emphatischen Gefühlsduselei hinzugeben. Was damals kitschig erschien, ist heute nicht mehr peinlich oder unangenehm?


Thorsten Nagelschmidt: Nein, ich habe schon immer Sachen gesungen, die man "kitschig" oder "peinlich" finden könnte, auch und gerade auf den ersten Muff Potter Platten. Als wir angefangen haben wurden wir oft dafür ausgelacht, diese Art von Musik mit deutschen Texten zu machen, von daher hatten wir da ziemlich schnell ein dickes Fell. Wir kamen aus der Deutschpunk- und Hardcore Szene und haben diese emotionsgeladene Musik mit hohem Popanteil gemacht. Das war so was von uncool. Was uns aber egal war und immer geblieben ist. Wir haben Muff Potter immer auch als Widerstand gegen kleinkariertes Szene-Beamtentum gesehen und immer wieder Schubladen gesprengt, in die man uns sperren wollte. ich glaube ich wusste immer echt genau, was ich wollte und was nicht, weil ich ein reflektierender Mensch bin. Deswegen bin ich stolz darauf, dass wir uns als Band stetig entwickelt haben, ohne 180 Grad Wendungen hinzulegen oder uns einem Zeitgeist anzubiedern.


Crazewire: Du hast dir schon eine Bühne mit Rampensau Thees Ulmann geteilt, aber beim direkten Vergleich zum Vorzeigeliebling Tomte geht eurer Band dann doch der Hut hoch. Trotzdem: Wie viel ist eurer Meinung nach dran, wenn solche Assoziationen beim Hören der neuen Platte ausgelöst werden?


Thorsten Nagelschmidt: Wie meine Musik rezipiert wird interessiert mich natürlich schon, aber darüber denke ich wirklich nicht nach. Letzten Endes kann ich es nur in begrenztem Maße beeinflussen und beschäftige mich von daher lieber mit anderen Dingen. Mir ist es ganz egal, wenn man Tomte und Muff Potter in einen Topf schmeißt. Zwar sehe ich musikalisch und textlich große Unterschiede, spüre aber gleichzeitig eine große Verbundenheit und Freundschaft zu Thees oder Tomte generell, bzw. dem ganzen Grand Hotel van Cleef Umfeld.


Crazewire: Kannst du selbst eine Verschiebung von Motiven und Themen sehen, um die sich deine Lyrics drehen - oder hast du das Gefühl immer noch über die selben Sachen, wie vor 10 Jahren in statischen Variationen zu schreiben?


Thorsten Nagelschmidt: Einige Themen wiederholen sich sicher - ich denke da zum Beispiel an diesen typischen Muff Potter Aspekt des In-Bewegung-Bleibens, der aufgrund meiner Sozialisation für mich wahrscheinlich immer wichtig bleiben wird. Es kommt aber sicher auch mehr dazu. Je mehr man erlebt hat, desto breiter wird das thematische Spektrum über das man schreiben kann. Das sieht man ja besonders deutlich an Schriftstellern, von denen viele erst im fortgeschrittenen Erwachsenenalter angefangen haben zu schreiben. Abgesehen davon interessiere ich mich viel mehr für den Stil und die Sprache, als für das Thema eines Songtextes. Wenn es mir nur um Themen ginge wäre ich Journalist geworden, nicht Songschreiber.


Crazewire: Ja, Journalisten neigen dazu, die Musik von der sie schreiben zu intellektualisieren und sie dadurch für sich zu vereinnahmen. Dennoch sind sie als Bindeglied zwischen Band und Hörer ein notwendiges Übel. Was stört dich denn sonst noch am Musikbusiness?


Thorsten Nagelschmidt: Das es so langweilig ist.


Crazewire: Mark Twain ist eine literarische Größe, die ganze Generationen von Jugendlichen in ihrem Lebensverständnis beeinflusst hat. Denkst du, dass Figuren wie Huckleberry Finn oder Holden Caulfield eine Art frühzeitliche Blauphase für das Leben auf Tour war?


Thorsten Nagelschmidt: Interessante Frage, und echt nicht abwegig. Zumindest was das romantische Gefühl von Ungebundenheit, Freiheit und einem grob gesagt antibürgerlichen Lebensentwurf angeht, der auch auf mich immer eine große Anziehungskraft ausgeübt hat. Dieses "I love Fahrtwind"-Gefühl, der Drang mit Kopf und Körper in Bewegung zu bleiben.


Crazewire: Eure Nähe zum „Geschriebenem Wort“ ist auch sonst kaum zu bestreiten, da wäre zum einen der vielzitierte Bandname, dann deine Buchveröffentlichung und nicht zuletzt der Einfluss des amerikanischen Haudegens Charles Bukowski, dessen Ungeschliffenheit sich scheinbar in euren Songs widerspiegelt. Wie würdest du euer Verhältnis zur Literatur beschreiben?


Thorsten Nagelschmidt: Ich kann da nur für mich sprechen. Mein Verhältnis zu Literatur ist ein ähnliches wie das zu Punk Rock, weil ich mir beides selbst erschlossen habe. Ich habe erst sehr spät und sehr zögerlich angefangen, Bücher zu lesen. Während der Schulzeit habe ich höchstens Fanzines gelesen. Ich fühle mich alles andere als gebildet. Für mich ist das Forschen nach interessanten Autoren also ähnlich aufregend wie das Forschen nach interessanten Bands abseits des Mainstreams.


Crazewire: Stichwort Nachttisch-Lektüre: Welche Bücher hast du zuletzt gelesen?


Thorsten Nagelschmidt: Im Moment lese ich drei: "Der Strand der Städte", das sind die Essays und Kolumnen von Jörg Fauser – wenn ich das durch habe, habe ich alles gelesen, was dieser Mann je geschrieben hat. Er ist allerdings auch viel zu früh gestorben. Dann "Things The Grandchildren Should Know" von Mark Oliver Everett alias EELS, das mit all seiner Komik und Tragik zu Recht mit dem Stil von Kurt Vonnegut verglichen wurde. Und gerade angefangen, "Corpus Delicti" von Juli Zeh, weil ich ein TV-Interview mit ihr gesehen habe und dachte, das sie vielleicht der schlaueste und lustigste Mensch ist, der es in den letzten 10 Jahren in Deutschland ins Fernsehen geschafft hat.


Crazewire: In jüngst vergangen Interviews betont ihr, die neue Platte Live eingespielt zu haben. Schwingt da angesichts der unendlichen Möglichkeiten Songs zu produzieren, nicht außerdem die latente Angst mit, sich durch den Einsatz von Technik zu sehr von sich zu entfremden?


Thorsten Nagelschmidt: Nein, auf gar keinen Fall. Eins sind wir ganz gewiss nicht: technikfeindlich. Wir glauben auch nicht, dass die einzig gute oder gar "authentische" Möglichkeit, eine Rockplatte zu produzieren die der Liveaufnahme ist. Es hat sich diesmal einfach angeboten, weil es zu den Songs passte. Und wir sind in der Tat sehr stolz drauf, dass wir die Idee sehr konsequent umgesetzt haben und dadurch erreicht haben, was wir wollten. Es war eine Herausforderung, und es hat Spaß gemacht nach den letzten zwei Alben, die ganz anders entstanden sind – die wir aber dennoch immer noch sehr mögen.


Crazewire: Punk ist tot. Punk ist nicht tot. Punk war nie tot. Punk oder Pop - wo ist da eigentlich der Unterschied? Welcher Aussage kannst du dich am ehesten anschließen?


Thorsten Nagelschmidt: Puh, ich habe weder Lust noch Zeit, mich mit so was zu beschäftigen. Aber es gibt bestimmt gute Aufsätze von Greil Marcus, John Robb oder Martin Büsser zu dem Thema.


Crazewire: Wer kennt sie nicht: Die blumige Coverversion der Britpop-Hymne „Wonderwall“ von „The Mike Flowers Pops“, die Mitte der neunziger Jahre noch mal ganz oben mitgespielt hat. Mit Chuck Ragan habt ihr vor circa zwei Jahren einen ganz ähnlichen Versuch der Reinterpretation gewagt - wenn auch um einiges seriöser. Welcher Song von euch würdet ihr gerne in ein artfremdes Genre konvertieren sehen?


Thorsten Nagelschmidt: Oh, ich glaube nicht, dass es da einen Bestimmten gibt, aber generell ist so was für eine Band glaube ich immer mindestens interessant. Ich habe vor einen paar Wochen im Rahmen der Berlin Revue "Blitzkredit Bop" mit einem 17-köpfigen Orchester gespielt – professionelle Musiker, Streicher, Bläser, Sängerinnen, Klavier – das war schon cool, den Song mal in diesem Gewand zu hören.


Crazewire: Immer wieder beliebt: Welche Bands haben dich zuletzt in den Bann gezogen?


Thorsten Nagelschmidt: The Impressions, Curtis Mayfiled, Nina Simone, Eddie Bo, The Afghan Whigs, The Twilight Singers, Otis Redding, The Hold Steady, Isaac Hayes, Emily Haines and Soft Skeleton, The Night Marchers, Monochrome, The National und Hot Snakes.


Crazewire: Vielen Dank für das Interview.


 

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