Interpret:
Modeselektor
Titel:
Superstars? Das ist doch Quatsch!
Autor:
Christopher Szwabczynski
Steinfeld, 09.11.2011
Dem Berliner Produzenten-Duo Modeselektor ist etwas gelungen, dass in der hiesigen wie internationalen Techno-Szene längst überfällig war. Sebastian Szary und Gernot Bronsert brauchen keine Worte mehr. Sie haben ihre eigene Sprache entwickelt. Diese Sprache ist im Studio wie auf internationaler Bühne common sense. Von Techno braucht hier niemand mehr zu sprechen. Tanzen als interkultureller Dialog. Vielleicht.
Viel ist passiert seit der Veröffentlichung ihres ersten Albums „Hello Mom!“. Szary und Bronsert sind Familienväter geworden, sind aus einem Geheimtipp bei Ellen Allien‘s Label BPitch Control groß geworden, haben ihr „Monkeytown Records“ gegründet und die deutsche Elektro-Szene auf ein neues Level gebracht. Zwischenzeitlich sind die beiden beim Produktionsprozess ihrer Nachfolge-Alben „Happy Birthday!“ und ihrem aktuellen Bombast-Longplayer „Monkeytown“ zwei weitere Male wahnsinnig geworden. Ihren Platz haben Modeseletor trotzdem gefunden.
„Wir hatten regelrecht Angst davor, ins Studio zu gehen“, erinnert sich Bronsert. Der Anfang des Entstehungsprozesses war der mühsamste. „Irgendwann platzte der Knoten, der uns blockierte und wir haben innerhalb von 10 Wochen unser drittes Album „Monkeytown“ im Kasten gehabt.“ Doch wie nach jeder Latenzperiode der Vergangenheit, war auch diesmal der Ausbruch immens. Kritiker schwärmen, Produzent-Kollegen dürften vor Neid erblasst sein und Thom Yorke bemüht Kraftwerk-Vergleiche. Modeselektor zeigen sich gelassen.
„Es ist gut zu wissen, dass es noch wichtigeres gibt als solche Vergleiche. Zum Beispiel unsere Familien. Das ist so etwas wie unser Anker, der uns am Boden hält. Die Monkeytown-Crew ist auch nichts anderes als eine große Familie“, erzählt Bronsert mit Nachdruck. „Sagen wir mal so, wir fühlen uns mit dem, was wir machen pudelwohl. Da wird man automatisch gelassener, oder?“ Auf dem Boden geblieben, wie kaum ein anderer Künstler von solchem Stellenwert. Nicht nur ihren Platz, sondern auch ihre Mitte scheinen Modeselektor gefunden zu haben.
BPitch haben Szary und Bronsert zwischenzeitlich den Rücken gekehrt. „Wir hatten bei BPitch nicht die Freiheit, die wir brauchten, um uns weiter zu entwickeln.“ Aus Jungendtraum, Notwendigkeit und auch tatsächlich wegen Siriusmo – Modeselektors größtem Steckenpferd – wurde Monkeytown Records ins Leben gerufen. Mittlerweile haben die beiden auch schon ein zweites Label. Mit 50 Weapons spezialisiere man sich auf Single-Releases. Unter anderem sind hier Cosmin TRG, Phon.o oder Marcel Dettmann zuhause. Wohin diese Erfolgsgeschichte noch geht, ist nicht absehbar.
Bei allen Entwicklungsstationen sind Modeselektor immer das geblieben, was sie schon zu Anbeginn waren. Das zeigt die „notwendige Rückkehr“ zum Duo nach der Moderat-Phase – ihrem gemeinsamen Projekt mit Sascha Ring aka Apparat –, das wiederum ihre Berlin-Verwurzelung. „Wir lieben elektronische Musik so sehr, dass wir uns oft bei Tracks, die wir hören, wie kleine Jungs freuen und meistens auch benehmen.“ Modeselektor, das ist vor allem eine Liebe zum Knöpfedrücken und Musizieren. Eine Herzensangelegenheit mit Erfolg.
Modeselektor sind über die Jahre hinweg erwachsen geworden, ohne jedoch ihre Euphorie zu verlieren. Aus zwei knöpfedrehenden Jungs sind zwei Kunstfiguren geworden, die ihre Sache mit einem Augenzwickern ernst nehmen. „Modeselektor ist in jedem Fall ein Kunstprojekt. Es ist mehr als nur Musik! Denn Techno ist ja nicht gleich Techno.“ Spürbar ist, dass es Bronsert nicht gefällt, wenn Techno pauschalisiert wird und von Klischees nicht loskommt. Für Modeselektor ist Techno mehr als nur „Techno“.
In der ganzen Geschichte sind Gernot und Szary über den Status einer Freundschaft hinausgewachsen. „Wir reden im Studio ohne Worte“, sagt der eher extrovertierte der beiden. Modeselektor haben ihre eigene Sprache entwickelt und den Begriff Techno trotz „Hyper Hyper“ vom Klischee befreit. „Ob nun Indien, USA, Japan oder Polen, es ist völlig egal, wo wir auftreten.“ Von interkulturellem Dialog würden Modeselektor aber nicht reden, „sondern eher von körperlicher Betätigung auf dem Dancefloor. Vielleicht ist das ja schon Dialog genug? Keine Ahnung.“
Video: „Art & Cash“