DETAILS

Interpret:
Mike Doughty

Titel:
Aquaman als Folk-Singer

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Autor:
Richard Morgan
, 13.04.2009

INTERVIEWS

Mike Doughty - Aquaman als Folk-Singer

Mike Doughty - Aquaman als Folk-Singer

Mike Doughty konnte sich als Sänger und Gitarrist der einigermaßen erfolgreichen amerikanischen Funkrock-Band Soul Coughing schon ordentlich in den 80ern und 90ern ausleben. Seit ihrer Auflösung im Jahr 2000 reist er nun in Solomanier durch die Welt mit seinem lässigen, durchdachten Singer-Songwriter-Rock und konnte schon einige seiner Tracks wie „I Hear The Bells“ in amerikanischen Fernsehshows wie Grey’s Anatomy unterbringen. In Deutschland ist dieser Tage eine Art Best-Of-Compilation seiner letzten 4 Alben über das Label NoisOlution herausgebracht worden.

Doch nicht nur das. Mike hat seine Fertigkeiten auf Lyrik und Blogs ausgedehnt, ein Musical und ein Comic-Buch geschrieben und auch einiges im Bereich des Musikjournalismus geleistet. Deutsch lernt er auch noch, sei es nur um Interviews führen zu können oder mit den Besuchern seiner Konzerte reden zu können. Crazewire durfte den 38jährigen aus Kentucky eine Stunde vor seinem Auftritt im BangBangClub am Hackeschen Markt treffen.

Crazewire: Hallo Mike. Wie läuft die Tour soweit?

Mike Doughty: Läuft super! Jetzt gerade sind wir bei Tag vier angelangt, da läufts immer gut.

Crazewire: Bist du allein auf der Bühne?

Mike: Da werdet ihr mich an der Gitarre und Scrap (Andrew „Scrap“ Livingston, Anm. d. Verf.) am Cello sehen.

Crazewire: Gestern hast du in Köln gespielt, wie war es?

Mike: Es war in Ordnung. Nicht gerade viele Leute da, aber fast alle von denen haben dann eine CD gekauft! Das war irgendwie freaky...

Crazewire: Was ist für dich der Unterschied zwischen den deutschen und den amerikanischen Konzertgängern?

Mike: Mir kommt es so vor als ob sie aufmerksamer sind – allerdings kann ich auch nur meine Erfahrungen aus 4 Konzerten auswerten, von daher... Mit Soul Coughing habe ich vor 10, 12 Jahren mal hier gespielt, ich kann mich an überhaupt nichts davon erinnern.

Crazewire: Wo habt ihr damals gespielt?

Mike: Wir haben die übliche Tour gemacht – Berlin, Hamburg, München.

Crazewire: Wie sind denn die Soloauftritte für dich im Vergleich mit deinen Bandtagen?

Mike: Naja, mein Soloauftritt hat ja erstmal einen völlig anderen Sound, sehr singer-songwriter lastig, eher bodenständig, fast organisch. Der Hauptunterschied dürfte sein dass Soul Coughing als Band ja demokratisch organisiert war, als alleiniger Interpret fallen einem die Entscheidungen leichter.

Crazewire: Wie gehst du an Konzerte heran, fühlst du da nicht mehr Druck auf dir lasten?

Mike: Nein, eigentlich habe ich sehr viel Spaß bei meinen Auftritten, das kann man kaum als Arbeit auffassen. Außerdem ist mir schon so ziemlich alles widerfahren, da mache ich mir keinen großen Kopf drum.

Crazewire: Wo gefällt es dir denn lieber, hier oder in den USA?

Mike: Das kann ich echt noch nicht nach 4 Gigs sagen. Momentan bin ich einfach nur froh darüber hier zu sein weil ich mein Deutsch nutzen kann und die ganzen Unterschiede wirklich wahrnehme, daran finde ich großen Gefallen!

Crazewire: Warum hast du dich entschieden gerade jetzt in Deutschland zu touren?

Mike: Arne von NoisOlution ist irgendwie auf mich aufmerksam geworden und wollte eine CD rausbringen. Das hat die Tour mehr oder weniger verursacht. Die CD ist jetzt gerade veröffentlicht worden, sie heißt „Introduction“ und ist mehr oder weniger ein Querschnitt durch meine 4 US-Releases „Golden Delicious“, „Haughty Melodic“, „Rockity Roll“ und „Skittish“.

Crazewire: Rechnest du dir denn Chancen auf dem deutschen Markt aus?

Mike: Ahhh, weißt du, da habe ich keine hohen Erwartungen. Ich tauche einfach auf, spiele meine Konzerte, bin freundlich zu den Leuten, esse was ich mag und suche einfach generell nach der erfüllenden Seite meines Berufs. Ich habe großes Glück, dass was ich tue meinen Beruf nennen zu können.

Crazewire: Was hältst du vom deutschen Essen?

Mike: Love it! Oh man...

Crazewire: Ernsthaft?

Mike: Ohja. The schnitzel, the currywurst, the weißwurst. Ich glaube ja nicht dass Pommes mit Mayonnaise als deutsches Ding durchgeht, eher belgisch, aber da stecke ich knietief drin wenn ich hier bin.

Crazewire: Wohin treibt es dich nach dem Berliner Konzert?

Mike: (überlegt, Anm. d. Verf.) Potsdam. Dann Aachen, Ulm, Nürnberg und da verlässt es mich. Wir sind noch zwei Wochen in Deutschland und danach geht es für drei Konzerte nach Portugal und dann zurück in die Staaten.

Crazewire: Weitere Konzerte?

Mike: Yeah, wir werden an der Westküste touren, Los Angeles, San Francisco und Seattle im Mai. In den Staaten spielen wir vor so circa 500, 1000 Leuten am Abend.

Crazewire: Spielst du mit einer vollständigen Band bei dieser Tour?

Mike: In letzter Zeit genieße ich diese Duo-Sache mit Scrap, von daher wird die nächste Tour eher chilled out, sit-down Gigs. Ich mache so was das nenne ich die Question Jar show. Ich habe einen Krug auf der Bühne damit die Leute ihre Fragen herein schmeißen können. Die sind meistens sehr abgefahren, wir beantworten sie dann während den Songs.

Crazewire: Spielst du Musikwünsche?

Mike: Erm, no. Naja weißt du in den Staaten kennt mich jeder, also brüllen die mir die ganze Zeit Songtitel zu. Manchmal erwischt einer den richtigen Titel, dann antworte ich: “Alright, we’ll do it! You want that one, we’ll do it!”

Crazewire: Nochmal zurück zu dem Übersee-Europa-Vergleich. In New York spielst du im Madison Square Garden vor tausenden von Leuten, heute in einem kleinen 150-Mann-Laden. Was liegt dir denn eher?

Mike: Da kann ich nichts Spezifisches zu sagen. Das ist wie den einen Tag Indisch, den anderen Tag Schnitzel zu essen. Beides kann man auf seine Art und Weise genießen.

Crazewire: Wie kam es zu dem Albumtitel „Golden Delicious”, deinem aktuellen US-Release?

Mike: (lacht, Anm. d. Verf.) Um ehrlich zu sein, ich war einfach im Supermarkt und auf der Suche nach einem Titel, da ist mir der goldene Sticker auf dem Apfel aufgefallen...

Crazewire: Ist das dein Lieblingsapfel?

Mike: It is indeed!

Crazewire: Ich hätte ja den „Pink Lady“ bevorzugt.

Mike: Stimmt, der ist auch gut...

Crazewire: Deine Texte sind sehr ungewöhnlich, besonders in der Performance. Du scheinst sie rhythmisch verschoben hervorzustoßen. Wie hast du dir diesen Stil angeeignet?

Mike: Als ich angefangen habe zu studieren in New York war ich ziemlich avant-garde drauf, habe mit Dichtern und so herumgehangen. Ich bin ziemlich auf die Idee abgegangen Sprache als Sound zu begreifen. Da habe ich dann angefangen als Songwriter. Ich denke einfach immer darüber nach wie Worte klingen und rhythmisch funktionieren könnten.

Crazewire: Wer inspiriert dich als Lyriker und als Songwriter?

Mike: Als Lyriker mag ich andere Dichter, zum Beispiel Jack Dilbert, Alan Dugan, Joanne Keiger. Die Songwriter die ich mag sind meistens ganz anders als mein Stil, Steven Merritt ist mein Idol, darüber hinaus auch noch Elliott Smith oder Paul Westerberg. Auch Rapper find ich sehr interessant, KRS-One, Q-Tip, Redman und Jay-Z sind einfach super. Also habe ich eher kleine Stücke aus vielen Richtungen von vielen Interpreten geborgt und meinen eigenen Vibe hinzugefügt.

Crazewire: Wie siehst du deinen Song „Fort Hood“? Der Text ist hoch politisch...

Mike: Ja, es geht um Fort Hood, einen Armeestützpunkt in Texas der fast alle seiner Soldaten im Irak und Afghanistan verloren hat. Musikalisch basiert der Song auf dem Refrain von „Let The Sun Shine In“ (aus dem Musical „Hair“, Anm. d. Verf.). Ich bin irgendwie über die japanische Version des Musicals gestolpert und fand das wahnsinnig komisch, wie diese Jungs diese schmierige Broadwaynummer auf Japanisch singen um dann im Refrain auf Englisch wechseln, es war dennoch ausdrucksstark und bewegend.

Crazewire: Welche Abschnitte deiner Karriere bereust du im Nachhinein?

Mike: Mit Soul Coughing hätte ich nach 3 Jahren aufhören sollen. Die letzten 5 Jahre dieser Bandgeschichte waren einfach unnötig. Alle vom Label haben mir damals gesagt: „Du willst doch nicht wirklich aufhören, es läuft doch ganz gut!“ Als ich wusste dass niemand mich unterstützen würde bei der Entscheidung aufzuhören tat ich es trotzdem, bisher läuft es gut!

Crazewire: Du machst einiges abgesehen von Musik, du blogst, schreibst Gedichte und ein Musical...

Mike: (lacht schallend, Anm. d. Verf.) Anscheinend, ja!

Crazewire: Das läuft also, dann arbeitest du im journalistischen Bereich. Woher stammt die Motivation?

Mike: Keine Ahnung Mann, ich versuche nur die Zeit rumzukriegen. (lacht, Anm. d. Verf.)

Crazewire: Achja, du hast auch noch ein Comicbuch geschrieben!

Mike: Yeah! Das war spitze, DC Comics bringt jedes Jahr ein Buch mit dem Titel „Bizarro World“ auf den Markt, dafür besorgen sie sich ganz unterschiedliche Leute außerhalb des Comicmarkts um die Stories zu schreiben. Meine Story dreht sich um Aquaman als folk-singer der sich bei open-mic-nights rumtreibt. Ihm geht es echt beschissen und keiner mag seine Musik. Außerdem fragen in alle nach Batman und das nervt ihn einfach tierisch.

Crazewire: Kann man das irgendwie allegorisch auffassen?

Mike: Naja, ich bin kein Verbrechensbekämpfer und kann nicht mit Fischen sprechen, aber abgesehen davon...

Crazewire: Welchen Song hättest du gerne geschrieben?

Mike: Ahhh, da gibt’s zu viele. „Down The Line“ von José Gonzales höre ich die ganze Zeit. Neben José gibt es noch diesen einen Typen, Sean Hayes, der hat diesen Wahnsinnstrack „Smokings Signals“ geschrieben. Das ist so ein Hippie aus San Francisco, total unbekannt. Leider hat er denselben Namen wie ein Schauspieler aus dieser grottigen Sitcom „Will&Grace“, vielleicht will deswegen niemand sein Album veröffentlichen.

Crazewire: Apropos, geschauspielert hast du noch nicht! Wie wärs?

Mike: Nee, nicht meine Szene. Außer ihr kennt Regisseure die nach blonden Männern aus Brooklyn in den besten Jahren suchen...

Crazewire: Nicht wirklich, sorry. An was sollen die Leute sich wegen dir erinnern?

Mike: Je älter ich werde desto weniger wichtig wird diese Frage. Natürlich will ich Songs schreiben und dass sich die Leute an sie erinnern. Aber eigentlich möchte ich einfach das machen können was ich momentan mache. Ein Nobelpreis wäre natürlich einwandfrei, aber deswegen bin ich ja nicht gerade dabei...

Crazewire: Was für ein hypothetischer Nobelpreis wäre das denn?

Mike: For rock and roll!

Als Mike dann gegen 22:00 Uhr die Bühne betritt sind an die 150 Leute im vergleichsweise kleinen BangBangClub zusammen gekommen. Für 12€ Eintritt an einem Dienstagabend bei einem fast gänzlich unbekannten Performer ist das mehr als beeindruckend.

Mit seiner Akustikgitarre und den subtilen Cellotönen von Scrap verleiht Mikes Stimme seinen Songs eine deutliche emotionale Tiefe. Mit der Menge spricht er eindrucksvolles Deutsch zwischen den Liedern, dann und wann wird er grammatikalisch korrigiert wenn die unvermeidbaren Fehler auftauchen. Man fühlt sich schnell geborgen und wohl dank seinem charmanten Auftreten und den durchweg guten Songs, obwohl nach 90 Minuten alles doch ein wenig einheitlich klingt.

Dennoch, nach einer kurzen Zugabe stehen die Leute Schlange um eine von Mikes CDs zu ergattern. Es scheint als wäre der sympathische Amerikaner jederzeit wieder willkommen in Berlin.


 

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