Inpterpret:
Midlake
Titel:
Auf den Spuren von Jimmie Spheeris, Goethe und MySpace
Autor:
Christopher Szwabczynski
Steinfeld, 15.02.2010
Von Midlake scheint kaum einer gehört zu haben und doch sind sie in aller Munde. Ihr drittes Album „The Courage Of Others“ ist nun schon seit fast einem Monat im Umlauf und scheint doch schon wieder vergessen. Ob es am Karneval liegt oder doch bloße Einbildung ist, warum Midlake scheinbar die beste Band der Welt und Geheimtipp zu gleich sind, weiß wohl niemand so recht. Fest steht, dass ihre neue Platte als großer Erfolg zu verbuchen ist und 2010 sicherlich in einigen Plattenregalen des hiesigen Landes einen Ehrenplatz bekommen wird. Ich traf Sänger Tim Smith am 3. Februar bei ihrem Halt in Köln und schwelgte mit ihm in Erinnerungen, ließ mir einen Einblick in seine Arbeitsweise geben und bekam eine Nachhilfestunde in Folk-Musik der späten Sechziger-Jahre.
Crazewire: Wie läuft die Europa-Tour? Alles gut bei euch?
Tim Smith: So weit, so gut. Die Leute besuchen unsere Konzerte, die Clubs sind ausverkauft und wir haben eine gute Zeit, wenn wir auf der Bühne stehen. Ich denke wir klingen besser, als je zuvor.
Crazewire: Die neue Platte „The Courage Of Others“ ist in Deutschland gerade eine Woche auf dem Markt. Habt ihr einen Unterschied bemerkt zu eurer letzten Tour mit „The Trials Of Van Occupanther“ und der jetzigen?
Tim: Bei der „Van Occupanther-Tour“ hatten wir sechs oder sieben Keyboards auf der Bühne. Von diesen ist nur noch eines übrig geblieben. Wir hatten einen fetten Keyboard-Sound mit „Van Occupanther“. Heute setzten wir stattdessen mehr Gitarren ein. Zwei neue, sehr sehr gute Musiker sind mit dabei, die auch auf dem neuen Album zu hören sind. Dadurch können wir mehr improvisieren. Das macht natürlich Spaß, besonders weil wir vorher deutlich weniger improvisiert haben. Ein echter Flötist, der auch Keyboard spielt, bringt viele Feinheiten auf die Bühne. Jeder Abend hört sich anders an und das macht die Sache für uns deutlich interessanter.
Crazewire: Hast du etwas Zeit gehabt um dir die Stadt an zu sehen? Was hältst du von Köln?
Tim: Wir waren schon einmal in Köln. Ich hätte es fast vergessen, aber wir haben für 1LIVE gespielt und man konnte die Skyline sehen. Ich hab nicht viel gesehen, aber es schien alles recht nett in diesem Teil der Stadt. Heute war ich in einem Imbiss und hab zu Mittag gegessen, danach ein Interview mit einem Radio, zurück hier musste ich duschen und jetzt sitzt ich hier mit dir. Wirklich viel hab ich also nicht gesehen. Und heute nach dem Konzert geht's auch schon Richtung Hamburg, glaube ich.
Crazewire: Mit „The Trials Of Van Occupanther“ habt ihr einen hohen Maßstab für kommende Midlake-Alben gesetzt. Würdest du sagen, dass „The Courage Of Others“ dieses Level hält oder es sogar übersteigt?
Tim: Ich mag unsere neue Platte mehr. Ich denke, es ist es ein reif klingendes Album. Du kannst es nicht auflegen und sofort begeistert sein. Es braucht einige Hördurchgänge, um wirklich Gefallen daran zu finden. Wir haben viel Resonanz bekommen. Die einen denken, es ist um weiten besser und die anderen meinen, dass es ein Rückschritt wäre. Ich weiß nur, dass wir ein Album veröffentlichen wollten, an was wir wirklich glauben und eines, das wir lieben. Wir sind alle Stolz auf unser Album. Weißt du, ich sitze nicht herum und höre unsere Musik, aber wenn es ein Album wäre, dann eher „Courage“. Ich weiß nicht, ich fühle mich näher zu diesem Album, es ist bedeutsamer für mich.
Crazewire: Als ich euer neues Album gehört habe schien es mir so, als wäre es düsterer als „The Trials Of Van Occupanther“, weil es eben ein wenig reifer ist. Denkst du, dass Reife generell von Dunkelheit geprägt ist?
Tim: Es ist einfach, reif zu klingen, wenn man dunkel ist. Man muss im Grunde nur Moll-Akkorde spielen, aber ich denke, wahre Reife ist wesentlich schwieriger zu spielen. Ich weiß nicht wie ich das sagen soll.
Crazewire: Auf „The Trials Of Van Occupanther“ hört man den Radiohead-Einfluss noch deutlicher als auf „The Courage Of Others“, besonders in Songs wie „Branches“ und „Morning Will Be Kind“. Welche Band würdest du als Einfluss für das neue Album nennen?
Tim: Ehm, das Radiohead-Ding wird uns immer begleiten. Meine Stimme wird immer mit Thoms vergleichbar sein. Es ist einfach für uns, wie Radiohead zu klingen, da wir ein Stück wie sie sind. Sagst du uns, wir sollen einen Song schreiben, der wie Radiohead kling, passiert das recht schnell. Es liegt irgendwo in unserer Natur. Auch, wenn wir nicht planen, einen solchen Song zu schreiben kann es passieren, dass er sich wie Radiohead anhört. Wesentlich schwieriger ist es, wie Jethro Tull zu klingen. Mit Radiohead ist das irgendwie so eine Sache. Wir haben schon oft wirklich versucht, nicht wie Radiohead zu klingen, doch das ging irgendwie gegen unsere Natur. Doch wir haben nun gelernt uns von diesem Einfluss weg zu bewegen. Aber ich finde auch, dass wir nicht genau wie Radiohead klingen. Ich weiß, dass es einige Momente gibt in denen du für fünfzehn Sekunden glaubst Radiohead zu hören, aber wenn du genau hörst wirst du niemals sagen, dass sich das anhört wie Radiohead. Es gibt große Unterschiede zwischen uns und Radiohead. Ich glaube, es ist die beste Band der Welt. Und wenn Leute sagen, dass wir wie Radiohead sind ist das schmeichelhaft, aber schlichtweg falsch. Auf dem neuen Album gibt es da diesen Song namens „Bring Down“. Als ich ihn schrieb, saß ich am Klavier und bemerkte eine Sequenz, die sich wie aus einem Film anhörte. Das ist die bittere Tatsache, dass man viele Ideen verwerfen muss, die einem bekannt vorkommen. Ein Einfluss für das neue Album? Ich höre viel ältere Musik aber von modernen Sachen würde ich die Band Espers nennen. Wir haben vor einigen Jahren ein Konzert mit ihnen gespielt und die haben mich wirklich umgehauen. Espers waren auch ein Grund dafür, dass ich einen Zugang zu dem britischen Folk-Kram erlangt habe. Ich würde also Espers als großen Einfluss für mich nennen.
Crazewire: Also waren Espers auch ein großer Einfluss für die neue Platte?
Tim: Ja. Ich will sie definitiv nicht kopieren, aber ich mag ihr Genre wirklich sehr gerne. Und dort entdeckt man viele andere Bands. Wenn man deren MySpace-Seite besucht und sieht, dass sie Bands hören von denen niemand was weiß. Ich mag viel von diesem Zeug. So bin ich zu älteren Bands wie Bread Love & Dreams gekommen, eine Band aus den späten Sechzigern, die ich jetzt sehr schätze. Gefunden, indem ich die Espers-MySpace durchforstet habe. Man muss immer interessiert an anderer Musik bleiben.
Crazewire: Midlake begann ursprünglich als eine Jazzband namens The Cornbread All-Stars. Seid ihr immer noch von Jazzmusik beeinflusst, oder wirkt sich das nicht mehr auf euch aus?
Tim: Wir werden immer eine Jazzband gewesen sein, aber wir wollen dieses Element nicht in unserem Sound haben. Wenn man Improvisiert und somit Melodien kreiert, ist es von Vorteil, Jazz spielen zu können. Aber Jazzsound gehört einfach nicht mehr zu Midlake. Ich höre immer wieder ein wenig Jazz, wir alle tun das, aber sicherlich nicht mehr so viel wie damals. Es wird dennoch immer da sein.
Crazewire: Die Texte von Midlake befassen sich häufig mit Themen der Natur. Viele Pressefotos zeigen euch zwischen Bäumen und in Wäldern. Würdest du sagen, dass die Natur als Verbindung zwischen euch und eurer Musik wichtig für euer Songwriting ist?
Tim: Ja, das ist sie. Ich bin kein Umweltaktivist, ich versuche nicht, die Welt zu retten oder so. Ich nehme die Welt und die Natur als etwas wunderschönes wahr und versuche diese schönen Dinge in Songs zu verpacken. Ich mag alte Gedichte, Kunst, Musik, Filme und Architektur. Und wenn du Gedichte von Goethe oder William Blake, eben älteren Poeten liest, findest du auch da Elemente der Natur. Die sprechen vom Frühling, Jahreszeiten und Blumen. Ich meine, Natur findet man überall. Nun, ich komm jetzt eher aus der MTV-Generation, aber natürlich wirken solche Faktoren auch auf meine Musik ein.
Crazewire: Wenn ich „Rulers, Ruling All Things“ höre, fühlt es sich so an, als würde ein Aussteiger zu mir singen: „I only want to be left to my own ways / The rulers have won leaving all things undone.“ Denkst du manchmal darüber nach, alles hinzuschmeißen und aus der Zivilisation auszubrechen, so wie es Christopher McCandless aka Alexander Supertramp getan hat, oder zu leben wie Henry David Thoureau?
Tim: Nicht so oft. Ich hab einen Computer, iPod, ich mag eine Menge moderner Sachen, ich gucke Fernsehn usw.. Ich versuche nicht wirklich zu fliehen, ich meine, man kann nicht einfach so aussteigen. Hier geht es eher darum, dass du jahrelang zu dieser scheinbar tollen Firma fährst, siehst wie sie sich entwickelt und wächst, nur um später feststellen zu müssen, dass sie dich ausnutzt, Kunden schadet und korrupt wird. Ich habe das bei mehreren Firmen gesehen, für die ich gearbeitet habe und ich spreche eher diese „Rulers“ an. Nicht die politischen Weltmächte. Dieses hilflose Gefühl, wenn sich dein Vorgesetzter als korrupter Arsch entpuppt. Auch wenn du etwas dagegen tust und sich nichts ändert.
Crazewire: In eurem Song „Head Home“ spielst du auf Thomas Hobbes' Leviathan an, ein einflussreiches politisches und philosophisches Buch. Wie kam es denn dazu?
Tim: Ich kannte dieses Buch zu dieser Zeit, als ich diese Zeile geschrieben habe, gar nicht. Die Zeile kommt von einem Gedicht, das ich zu der Zeit gelesen habe. ich kann mich nicht an den Namen des Autors erinnern. Doch der Titel des Gedichts lautet „Leviathan“. Die Leute haben mich darauf aufmerksam gemacht, jetzt weiß ich es natürlich, aber es hat nichts mit Hobbes zu tun.
Crazewire: Ich war ziemlich überrascht, dass euer Konzert in einem der kleinsten Clubs in Köln stattfinden soll, dem Luxor. Ich hatte gehofft, dass euch das deutsche Publikum mehr Aufmerksamkeit schenken würde. Mögt ihr vielleicht eher kleine Clubs mit weniger Publikum oder bevorzugt ihr größere? Und ich spreche nicht von Konzertarenen für tausende von Besuchern.
Tim: Ich bevorzuge kleinere Clubs. Wir haben bis jetzt auch nur in kleineren Läden gespielt, was bedeutet, dass wir die Tickets fasst immer los wurden. Besonders in Deutschland. Auch irgendwie gruselig. Doch ich bin mir nicht sicher, ob wir einen etwas größeren Club füllen würden. Es ist besser, einen kleinen Raum zu füllen, anstatt in einem großen nicht alle Tickets verkaufen zu können. Aber ich mag die kleinen, intimen Clubs. Es gibt aber sicher auch Anlässe, wo ein größerer Raum besser ist. Uns stört es jedoch nicht. Es ist okay.
Crazewire: Denkst du, dass die Hörer von Midlake Zeit brauchen, um einen Zugang zu eurer Musik zu erlangen? Würdest du sagen, dass eure Musik komplex ist?
Tim: Ja, Midlake gefällt nicht sofort. Leute können das nicht beim ersten Mal lieben. Wir waren auf einer Reise nach „Van Occupanther“, und die Leute waren nicht mit dabei. Wir haben zwei Jahre, acht Stunden pro Tag an „The Courage“ gearbeitet und niemand war da. Wir fünf und die beiden neuen Musiker. Natürlich hat sich in dieser Zeit etwas getan. Die Zeit ist nicht stehen geblieben. Das Publikum will ein neues „Roscoe“ und „Head Home“, da sie es in ihren Köpfen haben. Sie haben ihre eigenen Vorstellungen, wie das neue Album werden soll. Wären sie da gewesen, würden sie sagen: „Oh ja, das ist ein großer Song!“ Aber die Leute müssen sich Zeit lassen, mit einem unvoreingenommenen Sinn annehmen, was wir jetzt sind.
Crazewire: Vor drei Jahren hat mir mein bester Freund die Geschichte erzählt, die hinter „Chasing After Deer“ steckt. Dieser Song ist bis heute mein Lieblingslied, obwohl es aus nur ein paar Akkorden und einer einfachen Melodie besteht. Kannst du dich erinnern, was du gelesen und/oder gehört hast in dieser Zeit?
Tim: Okay, ich erinnere mich an die erste Zeile „Yes, I'm sorry that I missed you / I'm sorry that I missed you.“. Diese stammt aus meinem absoluten Lieblingsalbum. Ein Album von Jimmie Spheeris. Sein erstes Album „Isle Of View“ von 1971. Man kann es jetzt auf iTunes kaufen, es ist nicht als CD erhältlich. Ein magisches Album für mich, nichts überragt dieses Album. Ich liebe „OK Computer“, all diese großen Alben, aber nichts ist so wundervoll wie dieses Album. Wunderschön. Er starb 1984, ein betrunkener Autofahrer hat ihn angefahren. Er lebte in San Francisco. Er war mit seinem fünften Album beschäftigt, als er überfahren wurde. Doch sein erstes Album ist mein liebstes. „Isle Of View“, wie „I S L E“, „Isle Of View“, ja. Einer der Songs ... ich glaube, ich hab die Zeile eins zu eins übernommen. Der erste oder zweite Song vom Album. Auf jeden Fall sein Text. Also eine Hommage an Jimmie Spheeris. So hab ich auch mit dem Singen begonnen. Ich habe die Texte von Spheeris verwendet. Oft weiß ich nicht, was ich in meiner Geschichte erzählen will, dann murmele ich etwas vor mich hin oder schau in ein Gedichtband oder so was. So ist das auch mit „Leviathan“ gekommen. Ich schreibe die Texte zuletzt und muss mir was zur Untermalung der Akkorde einfallen lassen, was dann später zur Melodie werden soll. Irgend ein gemurmeltes Wort, das eine gute Melodie bringt. Danach kannst du deine eigenen Wörter dazu bringen. Ich weiß nicht, wie es bei „Chasing After Deer“ zur Story kam. Es bagann mit „Yes I'm sorry ...“ und dann hat sich langsam diese hinter dem Reh her laufende Person in meinem Kopf abgebildet. Und die andere Person versucht die nie auftauchende Person zu finden, und das Reh fällt von der Klippe (lacht, Anm. d. Verf.). Ein sehr lyrisches Bild.
Crazewire: So kam es dann wohl auch zu der Zeile „The sea is not mine, the sea is not mine“?
Tim: Ja, genau.
Crazewire: Ein tieferer Sinn?
Tim: Ich weiß es nicht. Ich denke es ist eine schöne Zeile. Und da ist auch irgendwo eine Verbindung, es funktioniert in irgendeiner Weise, aber ich bin nicht sicher. Es ist auch schon so lange her, dass ich die Zeilen geschrieben hab.
Crazewire: Ich bin durch und bedanke mich für das Interview. Ich wünsche dir viel Spaß für heute Abend.
Video: „Head Home“