Interpret:
Menomena
Titel:
Vom Stolpern und Träumen
Autor:
Ingo Reiff
Köln, 06.12.2010
Brent Knopf kommt entspannt gähnend vom Soundcheck. In seinem hellen Winterpulli und dem schrägen Pony sieht dieser schlaksige Typ mehr aus wie ein Philosophiestudent denn als einer der drei Frontmänner der Indieperle Menomena aus Portland, Oregon. Trotz aller Tourstrapazen der vergangenen Wochen schaut Brent einen aus wachen Augen freundlich an und gemahnt mit ruhiger Stimme zur Gelassenheit - er hat Zeit. Hier auf den ungemütlichen Barstühlen im Vorraum des Konzertsaals wirkt er wie jemand, der seine Mitte gefunden hat und den so schnell nichts aus der Ruhe bringen kann. In ein paar Stunden tritt er mit seinen beiden Kollegen Danny Seim und Justin Harris von Menomena im Gebäude 9 auf, doch Aufregung merkt man ihm nicht an.
Crazewire: Menomenas Stücke sind einerseits komplexe „Kopfhörermusik“, denen ihre lyrischen und interessanten Texte aber in nichts nachstehen. Was kommt zuerst bei euch, Musik oder Text?
Brent Knopf: Normalerweise ist die Musik zuerst da. Nicht immer, aber vermutlich in acht von zehn Fällen.
Crazewire: Über den kreativen Prozess von Menomena möchte ich gerne mit dir ausführlicher sprechen. Die meisten deutschen Hörer nehmen wohl zuerst eure Melodien und die vielschichtige Instrumentierung wahr und verstehen die Texte vielleicht erst später. Spielt das eine Rolle, denkt ihr an die Leute, die eure Musik hören, während ihr sie schreibt?
Brent Knopf: Ja, klar. Interessant. Ich bin auch so… ich höre zunächst nicht wirklich die Lyrics, sondern alles andere. Ich höre den Beat, die Akkorde. Und falls ich die liebe, fange ich an auf die Texte zu hören. Und manchmal klingen diese dann falsch für mich - und dann mag ich die Band nicht mehr. Aber falls die Lyrics mir wahrhaftig erscheinen, wenn sie aufrichtig klingen, dann mag ich die Band normalerweise. Und genauso schreibe ich auch. Ich mache die Musik so gut ich kann und dann versuche ich mich an authentischen Texten und dann geht’s weiter.
Crazewire: Sprache ist offenbar sehr wichtig für euch als Band und auch für eure Rezeption. Es gibt große Debatten über euren Bandnamen. Aber die Frage „Warum heißt ihr Menomena?“ finde ich langweilig, daher stelle ich sie nicht…
Brent Knopf: (lächelt, Anm. d. Verf.) Danke!
Crazewire: … und der Titel eures ersten Albums ist ein Anagramm - das ist zwar interessant, aber letztlich sind das ja nur kleine Belege dafür, dass ihr gerne mit Sprache spielt. Eure Texte zeichnen sich durch eine gewisse lyrische Offenheit aus. Sätze wie „There's so much more / Left to do / Well I'm not young / But I'm not through” drücken ein Szenario aus, mit dem sich viele Hörer unterschiedlichen Alters an verschiedenen Orten identifizieren können. Wäre es in Deinen Augen korrekt, eure Texte als Projektionsfläche anzusehen, auf die viele Menschen ihre Träume, Wünsche und so weiter projizieren können?
Brent Knopf : (lehnt sich ganz nah an das Mikrofon, Anm. d. Verf.) Ja (lacht, Anm. d. Verf.)! Sicher, manchmal denke ich, dass das für uns genauso ist. Wenn ich Texte schreibe zum Beispiel, dann beziehen sich die meistens nicht nur auf ein Thema, sondern auf viele, auf verschiedene Weise. Manchmal schreibe ich einen Refrain oder einige Textfragmente über die Art von Beziehung, die ich mit einem Mädchen habe, und dann stellt sich seltsamerweise heraus, dass es auch um meine professionelle Beziehung mit einer Gruppe von Jungs geht, sagen wir mit meinen Bandkollegen. Und dann geht’s vielleicht auch noch um eine interne Beziehung, die ich irgendwie zu mir selbst habe. Das taucht unvermittelt auf. Es passiert oft, dass ich Texte schreibe und diese nachhallen, sich mit verschiedenen Situationen verbinden. Wenn das der Fall ist, sind sie auch offen für die Interpretation durch andere Leute.
Crazewire: Beim Hören eurer letzten Alben stolperte ich über das Verb „stolpern“ („stumbling“). In dem Stück „Muscle’n Flo“ heißt es „Oh in the morning / I stumble my way towards / The mirror and my makeup” und in „Dirty Cartoons” von eurer neuen Platte „Mines": „Go home / I’d like to stumble to bed / And lay beside you”. Das Bild des Stolperns ist ein wichtiges für das Verständnis eurer Musik, wie ich finde. Der Prozess vom Schlafen zum Wachen und umgekehrt ist eine Art Überschreiten von Grenzen oder der Übergang in einen Zustand der Traumhaftigkeit, den eure Musik vermittelt.
Brent Knopf: Das ist eine interessante Beobachtung. Ich hab das noch nie bemerkt, dass wir das Wort „stolpern“ in beiden Songs verwenden. Ja, es scheint mir, dass beide Lieder von Bewusstlosigkeit handeln, zugleich bewusst und unbewusst. Wie du gesagt hast, ein Grenzbereich, in dem du noch nicht vollkommen wach und auch nicht mehr richtig schlafend bist. Du bist dazwischen, vielleicht handelst Du emotionaler oder es ist als seist du auf Autopilot. Du tust nicht etwas willentlich, sondern eher rein mechanisch, automatisiert. Interessant…
Crazewire: Auf der Bühne arbeitet ihr als Kollektiv, tauscht die Instrumente und wechselt euch mit dem Singen ab. Wie ist das in eurem kreativen Prozess?
Brent Knopf: Alle schreiben Texte.
Crazewire: Teilt ihr euch auch das Schreiben der Musik?
Brent Knopf: Manchmal.
Crazewire: Du hast ein Kompositions-Tool programmiert, mit dessen Hilfe man computergestützt Songs schreiben kann. Wie funktioniert das, bist du der Kopf des Kompositionsprozesses oder läuft das bei euch demokratisch ab?
Brent Knopf: Es ist sicherlich demokratisch. Jeder von uns schreibt Lieder. Manchmal legt jemand einen Song auf den Tisch und jemand anders nimmt ihn auf und arbeitet weiter daran. Also, das ist definitiv eine Demokratie!
Crazewire: Wir sprachen eben über das Bild des Stolperns und die traumartige Dimension eurer Musik. Manche Bands touren durch die Gegend und schreiben im Tourbus oder im Hotel neues Zeug. Braucht ihr zum Komponieren euren Rückzugsraum in Portland oder seid ihr eine solche Band, die das on the road macht?
Brent Knopf: Ich wünschte, wir wären eine solche Band. Wir sind’s nicht. Ich bin so ein Musiker, ich schreibe on the road. Aber das ist keine Menomena-Erfahrung. Ich hab‘ immer gedacht, dass wir unterwegs weiterschreiben sollten, aber wir haben das nie gemacht.
Crazewire: Das Kollektiv geht also so weit, dass du unterwegs nicht für Menomena schreibst, da die anderen es nicht tun, obwohl du es könntest.
Brent Knopf: Richtig.
Crazewire: Schreibst du dann stattdessen Sachen für dich selbst?
Brent Knopf: Den ersten Song des Ramona-Falls-Albums (seinem Solo-Debüt „Intuit“, Anm. d. Verf.) habe ich geschrieben, als ich mit Menomena auf Tour war, mitten in Amerika. Wir waren fertig mit dem Aufbau und ich ging in diesen eigenartigen Treppenraum und begann aufzunehmen. Ich verwendete das Programm, über das du gesprochen hast, und nahm ein paar sonderbare Loops auf und daraus wurde dann der erste Song der Platte.
Crazewire: Schreibst du lieber für Menomena oder für dich selbst?
Brent Knopf: Oh, darüber hab ich noch nie so nachgedacht. Es galt immer: Menomena gets first option. Also schlage ich Songs für Menomena vor und wenn die anderen sie nicht wollen, verwende ich sie selber.
Crazewire: Kritiker versuchen oft, Vergleiche und Referenzen von Bands zu anderen Musikern herzustellen. Beim Hören eurer Musik fällt mir das schwer…
Brent Knopf: Justin Bieber!
Crazewire: Ja, genau. Darauf bin ich noch gar nicht gekommen.
Brent Knopf: (grinst, Anm. d. Verf.) Tja, es ist so naheliegend, wenn man drüber nachdenkt.
Crazewire: Naja. Ich stell lieber mal die nächste Frage… Welche Musik magst Du?
Brent Knopf: Ooooh (lacht laut, Anm. d. Verf.)! Ich mag alle Arten von Musik. In jedem Genre gibt es ein bisschen gutes Zeug, and mostly a bunch of crap. Im Moment mag ich Micachu And The Shapes, eine Band aus England, noch sehr jung. Und ich mag diese 1979er Band, die The Homosexuals heißt, auch aus England. Von neuerer Musik mag ich The National und Bon Iver sehr. Ich mag aber auch klassische und elektronische Musik und Heavy Metal. Also, ich mag Apparat und Tool und Górecki, diesen polnischen Komponisten, der kürzlich gestorben ist. Ich mag sogar Country ein wenig. Aber was mein Lieblingszeug betrifft, das ist in letzter Zeit Micachu And The Shapes.
Crazewire: OK, eine letzte Frage bevor Du gleich wieder auf die Bühne musst. Ihr geht als Band sehr leidenschaftlich mit eurer Musik um und legt Wert auf kleine Details. Ist es für euch nicht hart, zu touren, denn ihr müsst die Komplexität eurer Musik auf der Bühne ja automatisch reduzieren? Bist du in der Regel zufrieden, wenn ihr die Bühne verlasst?
Brent Knopf: Ja, ich denke schon. Danny und Justin sind unglaubliche Musiker. Wir tun einfach unser Bestes, um neue Songs zu performen und sie in diesem Moment fühlbar zu machen. Das deutsche Publikum ist übrigens wirklich großartig.
Crazewire: Worin besteht der Unterschied zu anderen Zuschauern?
Brent Knopf: Das kommt drauf an. Verschiedene Zuschauer in Deutschland sind natürlich auch unterschiedlich. Aber in Heidelberg zum Beispiel, da haben die Leute wie wild applaudiert und waren dann wieder total ruhig. Und als wir dann fertig waren, haben sie uns dazu gebracht, eine Extra-Zugabe zu geben. Das machen wir nie! Sie haben’s gemocht, was nett und ermutigend ist. Und andere Crowds sind eben abgelenkter oder weniger leidenschaftlich. Aber wie auch immer, wir versuchen unser Bestes, die Songs so gut zu performen wie wir können. Ich persönlich habe mehr Spaß am Aufnehmen und daran, etwas aus ein bisschen Gekritzel zu erschaffen. Aber: Auf Tour zu sein kann auch ein großer Spaß sein! Es ist gut, eine Balance zu haben.
Crazewire: Also ist das Touren nicht bloß eine Pflicht, die ihr zu erfüllen habt?
Brent Knopf: Es ist eine Pflicht, aber es ist nicht nur eine Pflicht.
Crazewire: Hab Dank für Deine Zeit, Brent. Alles Gute!
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