Interpret:
Matt & Kim
Titel:
Von einem anderen Stern
Autor:
Kai Töpel
Dresden, 11.01.2010
Ein Konzert von Matt & Kim ist eigentlich nichts weniger als ein kleines Wunder. Da steht ein Paar aus Brooklyn auf der Bühne, durchgehend grinsend und mit einer tollen Ausstrahlung. Ihre Musik ist, ganz objektiv gesehen, nicht besonders abwechslungsreich, sie verspielen sich des Öfteren und jeder Song nimmt nach einer Zeit so viel an Geschwindigkeit zu, dass Matt mit seiner Stimme kaum hinterherkommt. Wenn man jedoch vor ihnen steht und die beiden durch ihr kurzes Set spielen hört, kann man sich kaum halten. In Windeseile spielten sie sich in die Herzen der The-Sound-Fans in ganz Europa, von denen wohl nur ein Bruchteil überhaupt von dieser Band gehört hatte. Da wird kurz „Good Ol’ Fashion Nightmare“ mit „Apache“ von The Sugarhill Gang gemischt oder Alice Deejays 90er-Dancefloor-Hit „Better Off Alone“ gecovert. Gleichzeitig feuert Kim frenetisch hinter ihrer Bassdrum das Publikum an und schon hat man 1000 Leute auf seiner Seite. Matt & Kim sind nichts anderes als ein Phänomen, die ihre gute Laune auch in unserem Interview nicht verbergen konnten.
Crazewire: Wie geht’s euch, wie ist die Tour bis jetzt mit The Sounds?
Matt: Sehr gut. Wir verstehen uns. Es sind 15 Leute hier im Bus, also waren wir erst unsicher, ob das alles so funktioniert. Es wirkte sehr wie in so einer Reality Show: „15 Fremde gestrandet zusammen in einem Bus. Schau zu wer wen zuerst tötet!“ Aber die waren alle so nett zu uns. Sie haben uns selbst gefragt, ob wir auf die Tour mitkommen wollen und wir dürfen ihren Soundmann und ihren Roadie mitbenutzen.
Crazewire: Der Grund warum ich frage ist auch: Im ersten Moment musste ich stutzen, als ich gelesen habe, dass ihr mit The Sounds zusammenspielt. Wie passt das zusammen?
Matt: Wir sind echt positiv überrascht. Im ersten Moment könnte man schon sagen, dass wir und The Sounds nicht allzu viele gemeinsamen Hörer haben, was aber auch daran liegen kann, dass wir noch nicht so viele Hörer hier haben. Insgesamt ist der Schritt gar nicht so weit von uns zu The Sounds.
Kim: Als wir uns überlegt haben mit auf Tour zu gehen, haben wir uns viele Videos angesehen und gesehen das The Sounds Live ein Partypublikum haben. Leute die raus gehen und tanzen wollen. Das tun wir auch.
Matt: Wir haben schon einige Male als Supportband gespielt und auch die Erfahrungen gemacht, dass die Leute eigentlich nur für die Hauptband kommen. Aber wir haben das Glück, mit unserer Musik auch viele auf der Stelle zu erreichen, auch wenn sie uns nicht kennen. Je mehr wir uns verspielen, desto mehr mögen sie uns sogar. Ich versteh das selbst nicht (lacht, Anm. d. Verf.). Wir sind halt auch nur Menschen und die Leute verstehen das.
Crazewire: Ihr seid ein Duo, aber in einer etwas ungewöhnlichen Kombination mit Keyboard und Schlagzeug. Wie kam es dazu?
Kim: Als wir anfingen war es Schlagzeug und was auch immer Matt gespielt hat.
Matt: Ja genau, es war nicht unbedingt Keyboard. Aber ich wollte versuchen Keyboard zu lernen. Als wir also diese Band gegründet haben, war mein Ziel nur, Keyboard zu lernen und Kim wollte lernen, Schlagzeug zu spielen.
Kim: Wir wurden sogar fast dazu gezwungen zu spielen. Ein Freund von uns erfuhr, dass wir versuchen zusammen Musik zu machen und hat uns einfach eine Show organisiert. Sogar währenddessen haben wir uns gedacht: „Das können wir gar nicht. Wir sind keine Band!“ Wir haben drei Songs gespielt. Kennst du das, wenn man so nervös ist, dass man sich an nichts mehr erinnern kann? Ich weiß wirklich gar nichts mehr. Aber scheinbar lief es ganz gut und wir wurden gefragt, mehr Konzerte zu spielen.
Matt: Um also die Frage zu beantworten: Ein Unfall!
Kim: Matt & Kim waren ein Unfall!
Matt: Nein, Nein. Die Frage, wenn du dich noch dran erinnerst, war, wie wir gerade zu Schlagzeug und Keyboard gekommen sind.
Kim: Ohja stimmt, im Endeffekt waren wir auch ein Unfall.
Crazewire: Bei mehrköpfigen Bands kann man notfalls Leuten aus dem Weg gehen, die man gerade nicht mag und hat Abwechslung. Wie stressig ist es dabei für euch, auf Tour fast nur miteinander umzugehen?
Matt: Ja, das stimmt, bei größeren Bands kann man sich aussuchen mit wem man redet und man kann immer andere Gesprächpartner aussuchen.
Kim: Aber mal ehrlich. Sagen wir mal es gäbe 20 von uns, du würdest trotzdem noch mit mir rumhängen (lacht, Anm. d. Verf.).
Matt: Es gibt doch 20 von uns, allein hier im Bus sind 15 Leute. Wir haben irgendeine unbeschreibliche Verbindung. Das ist irgendeine Art von Alienphänomen, das keiner erklären kann. Das heißt wir verbringen jede wache Sekunde zusammen und wir wollen uns trotzdem nicht umbringen. Das ist einfach unglaublich. Einer von uns ist aus dem Weltall (Kim zeigt auf Matt, Anm. d. Verf.). In Ordnung, für das Protokoll: Ich bin aus dem Weltall.
Kim: Wir kommen einfach sehr gut miteinander aus. Sogar wenn wir von der Tour nach Hause kommen. Wir leben ja auch zusammen. Sogar wenn ich weggehen will und Matt nicht, ändere ich ganz schnell meine Meinung und bleib auch zuhause.
Crazewire: Aber nach zwei Wochen auf Tour solltet ihr in irgendeiner Art genervt sein. Ihr wirkt trotzdem noch so unglaublich glücklich. Erzählt uns von eurem Geheimnis?
Kim: Diese Tour ist bis jetzt gar nicht stressig für uns. Wir haben den einfachen Job, weil wir als Support nur ankommen, spielen und hoffen, Leute für uns zu begeistern. Wir müssen uns nicht Sorgen machen, ob wir genug Karten verkaufen oder sonst so etwas.
Matt: Ich denke es ist einfach die Chance das Konzert zu spielen, was uns bei der Stange hält und uns belohnt für die ganzen Nachteile, wie nicht gut zu schlafen oder am nächsten Morgen einen Kater zu haben. Wir sind nur auf der Bühne für 35 Minuten, aber das ist einfach die Medizin für jede Art von schlechter Laune. Wenn ich keine Energie mehr habe, kann ich mir da einfach die Energie von 1000 Leuten klauen.
Kim: Hab ich’s nicht gesagt, er ist ein Alien (lacht, Anm. d. Verf.).
Crazewire: Auf dem neuen Album zieht ihr etwas die Handbremse und arbeitet mehr mit ruhigen Stellen.
Kim: Ha, ich habs dir doch gesagt (klopft Matt auf die Schulter, Anm. d. Verf.).
Matt: Lass ihn ausreden, lass ihn ausreden (lacht, Anm. d. Verf.).
Crazewire: In Ordnung, lass uns sagen, ist es vielleicht ein wichtiger Schritt für euch auch viel mit ruhigen Stellen in euren Songs zu arbeiten?
Matt: Erst einmal, wenn es nach Kim gehen würde, würden wir alles viel, viel schneller spielen. Sie liebt es einfach alles mindestens doppelt so schnell zu spielen, wie wir es uns vorgenommen haben.
Kim: Hell Yeah.
Matt: Sie mag es, sich zu bewegen und dabei aus sich herauszugehen. Ich denke es ist sehr wichtig, dass dabei nicht jeder Song genau gleich klingt. Wir hatten ganz genau den gleichen Beat auf jedem Song des ersten Albums.
Kim: Ja, stimmt, aber es ist so viel Spaß, so schnell und hart wie man kann zu spielen. Ich würde es aber nicht schaffen, eine Stunde lang zu spielen, wenn ich das wirklich so durchziehen würde.
Matt: Für mich geht’s mehr um das Songwriting und worum es bei dem Song geht. Mal ganz ehrlich, Keyboard spielen ist nicht die spaßigste Aufgabe, die man haben kann. Ich spiele seit Jahren Gitarre und das macht viel mehr Spaß, weil es physischer ist und man kann coole Moves machen. Oder am Schlagzeug kann man seinen ganzen Körper bewegen. Ich darf nur meine Finger bewegen.
Kim: Wir haben diesen Proberaum und es ist immer unglaublich kalt dort drin. Aber in dem Moment in dem ich Anfange zu spielen, wird mir immer wärmer und ich zieh mich Stück für Stück aus. Matt sitzt dann am Keyboard mit seiner Winterjacke an und friert.
Matt: Aus irgendeinem Grund fang ich trotzdem immer total an zu schwitzen, wenn ich mich hinsetze.
Kim: Die meisten Diskussionen die wir haben, gehen aber darum, dass ich jeden Song viel schneller und Matt jeden etwas langsamer haben will. Da finden wir meist einen Kompromiss.
Crazewire: Auf der Bühne ist das ohnehin in deiner Hand, oder Kim?
Kim: Ich darf jetzt nur noch ein Red Bull vor jedem Konzert trinken.
Matt: Sie wurde viel zu schnell. Ich konnte gar nicht mehr mitkommen.
Kim: Später fragen wir uns immer: „Wie haben wir ein anderthalb-Stunden-Set in zwölf Minuten gespielt? Was ist gerade passiert?“
Crazewire: Das erste Album habt ihr im Studio aufgenommen. Wie lief es bei „Grand“ ab?
Matt: Das lief so anders ab, wie es sein konnte. Es war im Niemandsland in Vermont in einem alten Farmhaus. Wir hatten so viel Zeit, wie wir haben wollten und haben sie uns auch genommen. Irgendwie war das fast stressiger, weil wir zu viel Zeit hatten und schwer planen konnten. Am Ende haben wir aber etwas geschaffen, mit dem wir sehr zufrieden sind und wir haben viel darüber raus gefunden, wie wir klingen möchten.
Kim: Außerdem war Matt unglaublich, er hat sich um die ganze Technik gekümmert.
Matt: Ich hatte keine Ahnung was ich da mache. Wir haben uns da nicht viele Gedanken gemacht, sondern einfach drauf los gespielt und aufgenommen. Man findet es heraus, wenn man es ausprobiert. Ich kann mich dran erinnern, dass Leute uns angeboten haben, schlechter zu klingen, wenn wir ihnen Geld zahlen. Ich dachte nur: „Wenn ich schlechter klingen will, dann mach ich es lieber selbst.“ Nicht dass ich wollte, dass wir unbedingt schlecht klingen, ich wollte es nur persönlich und nicht synthetisch erzeugen.
Kim: Aber besonders stressig war, dass es fast anderthalb Jahre gedauert hat, bis es endlich veröffentlicht wurde. Besonders wenn ein Album fertig ist, ist es einfach nervig. Dazu hat man die Sorgen, dass es vielleicht noch vorher geleaked wird und die ganze Geheimniskrämerei umsonst war.
Matt: Ja, das war echt ein Problem. Ich habe so viele Freunde und Verwandte enttäuscht, die mich gefragt haben, ob ich ihnen das Album mal leihen kann, bevor es raus ist. Ich konnte immer nur sagen: „Komm vorbei, ich spiel es dir vor. Aber ich kann es dir nicht geben.“
Crazewire: Ihr hattet einen mehr als erfolgreichen Sommer. Wie lief das für euch?
Matt: Es war unglaublich, ich kann gar nicht glauben, dass es fast schon ein Jahr her ist, das unser Album erschienen ist. Bis dahin war Musik nichts anderes als ein besonders teures Hobby. So etwas wie Rauchen, also etwas, was du aufgeben willst, weil es viel kostet und dir nicht wirklich etwas gibt. Jetzt ist Musik für uns plötzlich finanziell stabil und wir können davon Leben. In Amerika erreicht „Daylight“ bald Goldstatus.
Kim: Das Lustige dabei ist aber, dass man es umsonst bei uns runterladen kann.
Matt: Das andere Lustige dabei ist, dass es in meinem verdammten Schlafzimmer aufgenommen wurde (lacht, Anm. d. Verf.). Normalerweise nimmt man Platten mit Goldstatus in diesen großen, edlen Studios mit einem besonderen Produzenten auf. Nein, es war mein Zimmer. mein Hund hat gleichzeitig im Garten gebellt.
Kim: Du kannst leise Matts Mutter zu uns rufen hören.
Matt: „Ich bin wieder zuhause!“ – „Mama du versaust meine Aufnahme!“
Crazewire: Ihr habt euer Album nach eurer Straße in Brooklyn benannt und auch ein Song auf dem ersten Album heißt „Grand“. Was ist euch so wichtig daran?
Matt: Uns ist auch aufgefallen, kurz bevor wir das Album veröffentlicht haben, dass wir sehr oft über Grand Street singen. Für uns ist es einfach eine andere Art über zuhause zu reden.
Kim: Als wir uns dazu entschieden haben, wollten wir aber auch nicht das die Leute denken, wir wollten damit sagen: „Oh, this album is grand“.
Matt: Da hab ich nicht mal dran gedacht. Ich hätte es viel lieber „Matt & Kim's Super Cool Awesome Album“ genannt. Ich glaub ich nenn es noch um, denn es ist „Matt & Kim's Super Cool Awesome Album“.
Crazewire: Was passiert, wenn ihr dann mal umzieht?
Kim: Wir versuchen umzuziehen, unser Appartement ist nicht so toll. Es ist kalt, wir haben Schimmel und es ist verdammt klein. Dafür ist es ziemlich billig.
Matt: Es ist wirklich schwer etwas zu finden in Brooklyn. Gerade wenn man nie da ist, so wie wir.
Kim: Aber der Vorteil ist, wenn wir umziehen, haben wir schon einen Namen für unser nächstes Album. Wenn wir also immer weiter umziehen nach jedem Album, ist das Problem schon mal erledigt.
Matt: Dann suchen wir unsere Wohnungen aber nur noch nach den Straßennamen aus.
Crazewire: Eure Videos haben auch besonders viel Aufsehen erregt. Wie seid ihr selbst noch in die Videodrehs involviert?
Kim: Wir sind beide auf Kunsthochschulen gegangen und Matt hat sogar in Film abgeschlossen. Deswegen wollen wir so viel wie möglich selbst machen.
Matt: Das ist die einzige Möglichkeit für mich, noch einmal was in diese Richtung zu machen. Ich liebe es Ideen zu entwickeln für unsere Videos, wie für „Yeah Yeah“ oder „Lessons Learned“. Das ist uns sehr wichtig, wir wollen so viel wie möglich selbst machen.
Kim: Manchmal sind wir da auch zu wählerisch. Wir lehnen auch viele Ideen ab.
Crazewire: Wie ist es also, nackt über den Time Square zu laufen?
Matt: Vorallem kalt. Es war im Februar. Ich kam auf diese Idee, weil es im Song für mich darum geht, sich selbst zu befreien. Seine Kleider am öffentlichsten Ort in ganz Amerika auszuziehen, ist für mich eine richtige Befreiung. Ich habe mich zumindest richtig befreit gefühlt danach und mir erstmal eine Speedo Badehose gekauft. Ich dachte danach, ich könnte alles machen.
Kim: Er trägt sie aber niemals!
Matt: Weil ich nie schwimmen gegangen bin. Ich hasse es zu schwimmen.
Crazewire: Aber warum dieses schockende Ende im Video?
Kim: Das war meine Idee. Das war mein einziger Einfluss auf das Video. Ich wollte das nur machen, wenn ich von einem Bus überfahren werde. Das Beste war, dass Matts Bruder das Video gesehen hat, als es das erste Mal in Amerika im Fernsehen lief. Danach wurde er sehr traurig und als er mich später traf erzählte er mir, dass er sehr traurig sei, weil ich von einem Bus überfahren wurde.
Matt: Er dachte, Kim wäre wirklich etwas Schlimmes passiert. Alles mit ein wenig Magie.
Crazewire: Wie würde euer Traumvideo aussehen, wenn ihr nicht auf euer Budget achten müsstet?
Kim: Ich denke, wenn Leute ein so großes Budget haben, dann versuchen sie zwanghaft, jeden Cent auszugeben. Die besten Videos sind doch meist die Low Budget Videos, wo man sich halt anders helfen muss als mit viel Geld. Es geht doch besonders um die Idee hinter dem Konzept.
Matt: Ich denke aber, wir verstehen es, eine gute Idee zu haben und trotzdem mit einem großen Budget umzugehen. Ich will noch keine großen Geheimnisse verraten, was man in Zukunft erwarten kann.
Kim: Aber Matt hat mir versprochen, dass ich das nächste Video drehen darf. Meine Idee wäre also auf irgendeine exotische Insel zu fahren. Das Video wird mindestens eine Woche dauern und es wird nichts anderes zeigen, als wir beide am Strand mit Margaritas in der Hand.
Matt: Ja stimmt, man muss auch das richtige Licht abwarten und so. Ich habe Kim versprochen, dass sie die nächste Idee entwerfen darf, wenn wir das „Lessons Learned“ Video machen. Sie war nämlich nicht meiner Meinung, dass wir dieses Video machen müssen.
Kim: Und du hattest recht.
Matt: Yes! Sie hat es endlich zugegeben.
Kim: Können wir das bitte löschen?
Crazewire: Nein. Danke, dass ihr euch für uns Zeit genommen habt.
matt and kim "5k" from matt and kim on Vimeo.