Interpret:
Malajube
Titel:
Kränkelnde Frösche
Autor:
Richard Morgan
, 28.07.2009
Deutsch-französische Freundschaft wird in der Politik gerne mit großem Tamtam begleitet. Historisch sind wir dazu mit absoluter Richtigkeit verpflichtet, Aufrichtigkeit wird dabei hoffentlich nicht nur mit Pauken und Trompeten zelebriert und abgestempelt. Wenn man sich allerdings nur innerhalb der Pauken und Trompeten bewegt, da wo Crazewire seine Expertise sieht, ist Aufrichtigkeit nun wirklich kein Problem. Gerade wenn man jemandem wie Julien Mineau, dem Sänger der Band Malajube aus dem kanadischen Quebec, gegenübersitzt, an einem Berliner Mittwoch im Magnet Club, Prenzlauer Berg. Die ersten sprachlichen Fragen werden geklärt, man spricht Englisch, ein Bier ist bereit gestellt. Während im Hintergrund der Bassist Mathieu und Drummer Francis sich am Nintendo 64 austoben, überrumpelt uns Julien und beginnt das Interview von sich aus.
Julien Mineau: Hallo, wie geht’s euch?
Crazewire: Gut, danke! Wie geht es dir denn, und wo ist eigentlich der Rest der Band?
Julien: Bei mir ist alles okay. Nun, wir teilen uns die Interviews. Die anderen hatten schon zwei Radiointerviews heute, und später noch eins, jetzt bin also ich an der Reihe (lacht, Anm. d. Verf.).
Crazewire: Liegt dir diese Art von Promotion?
Julien: Wenn es so ist wie jetzt, dass wir einfach miteinander reden, das finde ich gut. Live im Radio oder Fernsehen mag ich nicht, ich bin eher schüchtern, ich komme mir dann so abwesend vor, dann sag ich blödes, lachhaftes zeug.
Crazewire: Aber du verdienst deinen Lebensunterhalt damit, deine Lieder auf einer Bühne vor einem Haufen Leute zu spielen. Wie funktioniert das, wenn du so schüchtern bist?
Julien: Ich bin nicht schüchtern, wenn ich spiele. Das ist anders beim Reden, ich bin eigentlich nicht so kommunikativ (lacht, Anm. d. Verf.).
Crazewire: Wie ist denn die Tour bisher?
Julien: Sehr gut. Österreich war spitze, Holland war sehr schön – wir rauchen ganz gerne. Wir waren schon öfters in Europa, wegen dem letzten Album, aber wir haben eine sechsmonatige Pause eingelegt, um Musik zu schreiben und mal ein wenig zu leben. Es ist schon ein großes Unterfangen hier zu spielen. Organisatorisch ist es schwierig, weil wir nicht gerade viel Geld damit verdienen, in Europa zu spielen. Zuhause bekommen wir mehr Geld, aber hier drüben ist es jedes Mal wie ein Neuanfang.
Crazewire: Viele Bands verdienen ihr Geld durch die Auftritte, weil sie dort ihr Merchandise verkaufen können, und sonst nicht wirklich Platten verkaufen können. Ist das bei euch anders?
Julien: Ja, schon. In Kanada verdienen wir an beidem, Konzerten und Plattenverkäufen. Bisher konnten wir so 30.000 Alben verkaufen, da wir auch noch bei einem kleinen Label sind, erhalten wir mehr von den Erlösen.
Crazewire: Wie fing es mit Malajube an?
Julien: Wir begannen 2001 oder 2002, wir versuchten mehr oder weniger aus der Welt, die wir hassen, auszusteigen, aus der Welt der Jobs und des Kapitalismus. Die Motivation dahinter war: entweder schaffen wir uns das beste Leben überhaupt, oder wir enden in der Normalität. Anfangs wollten wir Pop-Punk spielen, aber eigentlich haben wir schnell kompliziertere Musik gespielt.
Crazewire: Was soll euer Bandname eigentlich bedeuten?
Julien: Wissen wir nicht! Wir haben ihn erfunden, also ist er unter unserer Kontrolle, dennoch wissen wir nicht, was er bedeuten soll. Manchmal sagen wir, es wäre eine Froschkrankheit, so sehen uns Quebecer nämlich die anderen Kanadier.
Crazewire: Habt ihr euch von Anfang an dazu entschieden, in Französisch zu singen?
Julien: Als wir mit der Band anfingen, war das ein großes Thema für uns. Mit Malajube haben wir auf Französisch gesungen, weil wir Englisch gesungen haben als wir klein waren, und alle diese Punk- und Rockbands taten das auch. Das war schon ein großer Schritt, aber danach ging es richtig los für uns.
Crazewire: Denkst du das Bands, die nicht auf Englisch singen, eher eingeschränkt sind?
Julien: Jepp (lacht, Anm. d. Verf.), ich denke wir haben auch irgendwie unsere Grenze erreicht. Vielleicht liege ich auch daneben, aber wenn’s um Labels, Konzerte und Radio geht, denke ich, dass es nicht weiter gehen kann. Wir haben Konzerte in den Staaten, Europa und Japan gespielt. Vielleicht ist das neue Album nicht so einfach wie die letzten, in Japan spielen wir nämlich nicht auf dieser Tour.
Crazewire: „Labyrinthes“ ist sehr unterschiedlich im Vergleich zu eurem alten Material. Es ist sehr ruhig, es gibt keine eindeutige Single wie zuletzt „Montreal -40C“...
Julien: Genau, darum ging es auch irgendwie. Mit den alten Hits sind wir drei Jahr unterwegs gewesen, ich liebe diese Songs, aber irgendwann ist es dann auch mal genug. Wir haben es darauf angelegt, kompliziertere Sachen zu schreiben, damit es jedes Mal eine Herausforderung bleibt.
Crazewire: Also ist „Labyrinthes“ eine natürliche Weiterentwicklung für euch?
Julien: Ja. Wir sind von kompliziert zu poppig zu kompliziert gekommen. Ich glaube, je trauriger man ist, desto fröhlicher ist deine Musik. Und wir sind so gut drauf wie noch nie, also machen wir düsteres Zeug (lacht, Anm. d. Verf.)! Abwechslung ist wichtig. Vielleicht machen wir demnächst ein Reggae-Album (lacht, Anm. d. Verf.).
Crazewire: Ich habe heute mal bei Amazon Canada nachgeforscht, „Labyrinthes“ steht auf Platz 2931, in den französisch-sprachigen Charts auf Platz 7. Ist das wichtig?
Julien: Es ist wichtig, um die Rechnungen zu bezahlen! Aber solche Sachen beachte ich eigentlich nicht.
Crazewire: Einige deutsche Bands versuchen gerade, mehr Geld zu verdienen, indem sie ihre Songs neu aufnehmen auf Englisch. Wäre das etwas für euch?
Julien: Darüber haben wir schon mal geredet, aber nein, ich glaube das wäre schlechtes Karma! Selbst wenn wir mehr Alben verkaufen würden, wir könnten am nächsten Tag sterben (lacht, Anm. d. Verf.)! Wir haben mit französisch angefangen, und dabei bleiben wir – wir wollen keine frankophone Band sein, die in einer anderen Sprache singen. Wenn sich Bands so verändern, gibt es für mich immer etwas an ihnen, das mir missfällt. Es ist als wären sie nicht mehr sie selbst.
Crazewire: Gibt es eigentlich einen Bruch zwischen der englischen und der französischen Musikszene in Kanada?
Julien: Es gibt keinen richtigen Wettbewerb, in Quebec gibt es natürlich mehr französisch-sprachige Musik, das ist der Mainstream, das singen die Leute am Lagerfeuer. Die englische Szene ist sehr Indie und ballt sich in Montreal.
Crazewire: Welche frankophonen Bands mögt ihr?
Julien: Hm. Avec Pas D’Casque ist sehr gut. Das bedeutet „ohne Helm“ (lacht, Anm. d. Verf.). So viel mehr gibt es nicht.
Crazewire: Seid ihr in Frankreich eigentlich erfolgreicher als in anderen Ländern?
Julien: Nicht wirklich. Wir hatten nur ein Konzert in Frankreich auf dieser Tour. Es gibt etwas, dass sie nicht an uns mögen – vielleicht wegen der Beziehung zwischen Frankreich und Quebec.
Crazewire: Wenn ihr in England oder anderen Ländern spielt, singen die Fans dann quasi mit, obwohl sie kaum etwas verstehen?
Julien: Ja, ein Bisschen. Die einfachen Stellen. Es gibt in London eigentlich jede Menge Frankophone.
Crazewire: Zurück zum neuen Album. Warum hattet ihr eine dreijährige Pause zwischen diesem Album und dem letzten? War „Labyrinthes“ schwieriger in der Entstehung?
Julien: Es war auf jeden Fall anders. Bei „Le Compte Complet“ (erstes Album, Anm. d. Verf.) hatten wir alle noch unsere stinknormalen Jobs, wir konnten nicht so viel touren. Es war schwierig für uns Liveauftritte zu organisieren, also hatten wir mehr Zeit zum schreiben. Wir haben uns damals zwei Jahre Zeit genommen, dieses Mal musste ich alles in sechs Monaten schreiben. Allerdings haben wir dieses Mal mehr auf Improvisation gesetzt. Jeder Track hat zwei, drei und manchmal sogar vier Gitarren.
Crazewire: Sind mit vier Gitarren pro Song die Liveauftritte schwieriger zu gestalten?
Julien: Ist es. Ich muss die Akkorde abstimmen und mischen. Wir haben nach dem letzten Album einen Gitarristen verloren, und unser Wille war es, zu viert dieses neue Album aufzunehmen.
Crazewire: Habt ihr schon Pläne für ein neues Album?
Julien: Ja, aber sicher. Wir sind gerade erst mit „Labyrinthes“ fertig geworden und sind sehr stolz darauf, aber wir bekommen seltsame Reaktionen: entweder lieben es die Leute, es rettet ihr Leben, oder sie hassen es und wollen die CD vergraben. Also denken wir darüber nach, was wir tun können. Ich schreibe momentan sehr viel, das werden wir auch direkt aufnehmen, vielleicht schon im November. Es wird auf keinen Fall wieder drei Jahre dauern.
Crazewire: Der größte Hit auf diesem Album ist „Porté Disparu“. Das Video ist ein wenig seltsam...
Julien: (lacht, Anm. d. Verf.) Der Inhalt des Songs hat nichts mit dem Video zu tun. Ich komme aus einem kleinen Dorf, Saint Ursule, da gab es einen alten Mann, der immer aus dem Krankenhaus ausbrach und sich in den Gärten der Leute versteckte. Er glaubte, dass ihn jemand verfolgte. Er wurde drei Dörfer weiter gefunden, tot, in einem See. Es gab Helikopter, die ihn verfolgten, er versteckte sich, er war schizophren. Eine verrückte Geschichte (denkt nach, Anm. d. Verf.). Du bist alt und hast schon viel gesehen, aber du weißt, dass das was kommt schlimm ist. Das Video ist allerdings anders, der Text passt auch, allerdings mit Morden, davon gibt es viele in unseren Videos (lacht, Anm. d. Verf.). Dieses Mal stammt das Konzept und die Produktion von Vincent Morisset, er hat auch Arcade Fire’s „Neon Bible“-Video produziert. Wir sagten ihm „Mach was du willst!“ Dann waren wir als Clowns verkleidet.
Crazewire: Du hast mal erwähnt, dass du Songs geschrieben hast, die nicht auf dem Album gelandet sind. Können wir uns auf ein Soloalbum freuen, vielleicht ein Country-Album?
Julien: (lacht, Anm. d. Verf.) Irgendwann, auf jeden Fall! Vielleicht kein Country, aber schon etwas Ruhigeres, um unsere Ohren zu schonen, sonst bekomme ich noch Tinnitus.
Crazewire: Was würdest du machen, wenn Malajube nicht laufen würde?
Julien: Ich wäre noch in meinem alten Job. Ich habe Flyer für Kinos gemacht. Es war ein guter Job, aber ich musste jeden Tag um acht Uhr raus, es war ein sehr enger Zeitplan, das mochte mein Körper nicht. Jetzt wache ich mit der Sonne auf. In der Band zu leben ist auch hart, aber sehr viel besser.
Crazewire: Was ist schwierig daran in einer Band zu sein?
Julien: Man ist oft und lange nicht zu hause. Das ist in Ordnung, wenn es zehn Tage sind, aber diese Tour dauert drei Monate, ich vermisse meinen Hund, meine Freundin und mein Haus. Ich habe ein wenig Heimweh, aber es gibt bessere Tage und schlechte Tage, an denen du dich weit weg fühlst. Das hängt natürlich auch von der Phase deines Lebens ab, in der du dich befindest. Oh, und das beschissene Essen! Wir vermissen unser traditionelles Fast Food! Das sind Pommes und Bratensoße mit Barbeque Soße und Käsestreifen, es heißt Poutine. In Deutschland ist das Essen allerdings gut. Wir bekommen jeden Tag so an die 5 Dollar für Essen, normalerweise heißt das: ab zu Burger King, aber nicht in Deutschland. Die letzten Tage habe ich Spargel mit Sauce Hollandaise und Schnitzel gegessen.
Crazewire: Woran sollen sich die Leute in 50 Jahren erinnern, wenn sie an Malajube denken?
Julien: Eher die Alben, die Konzerte halten nicht lange, nur für den Moment. Live spielen ist super, aber das ist mehr wie Sport.
Crazewire: Hast du noch ein paar weise Worte zum Abschied?
Julien: Ich habe eine gute Geschichte von gestern. Wir waren in Münchhausen, da hatte ich einen üblen Unfall beim Rodeln. Ich habe alle getroffen und bin auf meinen Handgelenken und Genick gelandet. Ich hab ziemlich viel Verband an mir, also spiele ich heute so (zeigt seine bandagierten Hände und spielt weinerlich, Anm. d. Verf.) Ich habe sehr viel Schmerzmittel drin. Ich kann keine Türen mehr öffnen, es schmerzt zu sehr! Und ich muss auch noch Gitarre spielen heute (lacht verzweifelt, Anm. d. Verf.)!
Crazewire: War das die größte Rock’n’Roll-Aktion deines Lebens?
Julien: Auf jeden Fall der fetteste Unfall. Es passierte in Münchhausen, also brachten Sie mich in ein Krankenhaus in Hameln, du weißt schon, die Stadt mit dem Rattenfänger? Das ist also eine schöne Stadt für einen Kranken (lacht, Anm. d. Verf.)!
Crazewire: Ein Glück, dass du nicht mitgenommen wurdest…
Julien: „Come with me!“ (alle lachen, Anm. d. Verf.) Verrückt. Es gab mal eine Fernsehshow als ich klein war, total verrückt. Der Kerl, dem die Ratten und Kinder folgen. Eine super Story! „Doo Doo Doo!“