DETAILS

Interpret:
Múm & Seabear

Titel:
Chaotisches Schweigen auf isländisch

Weiterführende Links:

Autor:
Michael Weber
Köln, 30.01.2008

INTERVIEWS

Múm & Seabear - Chaotisches Schweigen auf isländisch

Múm & Seabear - Chaotisches Schweigen auf isländisch

Am Gebäude 9 angekommen werde ich von Siggi, dem isländischen Tourmanager der Bands Múm, Seabear und Mr. Silla & Mongoose herzlich empfangen. Er bittet mich, noch einen Moment bei einem gut schmeckenden Kaffee auf meine Interviewpartner von Múm und Seabear zu warten, während er sich bei all den vielen Menschen um ihn herum wacker durch das Chaos schlägt. Den Überblick dabei zu behalten ist reine Glückssache, dabei aber noch so aufgeschlossen und munter zu sein, wie er es war verwunderte mich dann aber doch schon ein wenig. Schließlich geht ja immer das Gerücht und das böse Klischee der nicht gerade vorhandenen Zugänglichkeit der Isländer herum. Nun stehe ich dort alleine und ganz still inmitten all der vielen entweder mit sich selber oder mit ihren Laptops beschäftigten Künstler. Sie werden am Abend zwar in ihren eigenen Bands spielen, eine genaue Grenze der einzelnen Acts lässt sich aber nicht aufzeigen, da viele der dort Anwesenden in beiden oder in allen drei Bands gleichermaßen beteiligt sind. Der Kaffee ist längst getrunken, zwei Zigaretten verqualmt und noch immer stehe ich dort alleine und eher unbeachtet. Das Klischee scheint sich tatsächlich zu bestätigen. Ich scheine die Musiker bei ihrem Treiben zwar nicht zu stören, Interesse wecke ich aber genauso wenig. Das Schöne daran ist, dass ich mir wie das so oft beschriebene Mäusschen vorkomme, dem ein kurzer Einblick in eine sonst eher verschlossene Welt geboten wird und ich mich trotzdem dabei sehr wohl fühle. Siggi kommt wieder zurück und sagt mir, dass Örvar von Múm sowie Sindri und Guggý (Gudbjorg Hlin Gudmundsdòttir) von Seabear jetzt Zeit für mich hätten. Jetzt sitze ich den drei äußerst reservierten aber dennoch sehr freundlichen und nachdenklichen Freunden gegenüber und führe das wohl bis dahin am schwersten zugängliche Interview meines Lebens.

Crazewire: Eure aktuelle Tour hat in den USA begonnen und jetzt seid ihr nach Europa gekommen. Würdet ihr sagen, dass es innerhalb des Publikums Unterschiede gibt oder ist für Múm die Welt mittlerweile zu einem so kleinen Platz geworden, dass alles irgendwie gleich ist?

Örvar Þóreyjarson Smárason: Nein. Amerika ist sehr nett aber da gibt es zwei große Unterschiede: In Amerika schreien sie mehr und sie wollen von dir ein Baby. Sonst ist es sehr ähnlich.

Sindri Mar Sigufsson: Sie kaufen vor allem mehr Merchandise.

Örvar Smárason: Ja, das stimmt. Sie kaufen mehr CDs, Poster oder T-Shirts.

Crazewire: Seit dem Beginn eurer Karriere steht ihr bei dem britischen Label FatCat unter Vertrag, welches meiner Meinung nach eines der familiärsten Labels ist, das ich kenne. Ist dieses familiäre Gefühl etwas, auf das ihr großen Wert legt?

Örvar Smárason: Ja, eine Gemeinschaft ist sehr wichtig. Freunde, Familie und so weiter sind bedeutsam für uns. FatCat ist ein wenig wie eben diese Gemeinschaften. Und manchmal denkt man, dass die isländische Musik eben danach klingt.

Crazewire: Die meisten eurer Fans aber eben auch die Fans der isländischen Musik denken oft, dass Island ein ganz besonderer Platz ist. Alles ist familiär, die Künstler leben Tür an Tür und helfen sich gegenseitig. Stimmt das oder ist das nur Einbildung?

Sindri Sigufsson: Das stimmt schon irgendwie. Wir helfen uns tatsächlich gegenseitig und arbeiten zusammen, wenn es nötig ist. In Island ist aber alles mehr in kleineren Gruppierungen unterteilt.

Örvar Smárason: Wir leben sogar in der gleichen Straße.

Crazewire: Reykjavík ist also so etwas wie das kreative Zentrum vom Island. Oder gibt es doch noch irgendwo Städte, wo etwas geht?

Örvar Smárason: Reykjavík ist das einzige, was es in Island gibt, das irgendwie größer ist. Aber auch wenn es eher wie ein größeres Dorf erscheint, haben wir es auch dort mit Überfällen und der gleichen zu tun.

Crazewire: Wirklich? Das kann ich mir jetzt aber gar nicht vorstellen.

Örvar Smárason: So etwas gibt es überall. Ich habe es selber schon erlebt.

Crazewire: Es gibt auch noch die Leute, die behaupten, dass Musik aus Island wie das Land selber klingen würde. Gibt es in eurer Musik etwas, von dem ihr sagen würdet, dass es typisch isländisch ist?

Örvar Smárason: Das glaube ich nicht. Für Isländer klingt isländische Musik meistens eher schlecht. Aber wenn du mich fragst, dann würde ich sagen, dass die Musik der isländischen Tanztruppen wie Country-Dance klingt. Seabear ist da ein gutes Beispiel.

Sindri Sigufsson: Wir spielen Musik, wozu die trinkenden Menschen tanzen können. Vielleicht ist das der isländische Klang? Aber darauf hört ja eh niemand.

Crazewire: Hilft euch eigentlich das familiäre Umfeld bei eurem Label und in Reykjavík, das euch umgibt, ein Album zu produzieren oder seid ihr dadurch sogar eingeschränkt?

Örvar Smárason: Nein, und so sollte es auch nicht sein. Wir sind alle sehr gut darin mit und in anderen Bands zu spielen und ihnen gegebenenfalls zu helfen. Viele von uns haben noch andere Bands und Projekte mit anderen Leuten, in denen sie tätig sind. Das ist sehr hilfreich, überaus gut und inspirierend.

Sindri Sigufsson: Es ist sehr gesund für den eigenen Klang. Du bist nicht nur auf das beschränkt, was du sonst immer machst. Man macht andere Sachen mit anderen Bands.

Crazewire: Andere Projekte? Was genau macht ihr sonst noch, wenn ihr gerade keine Musik macht?

Örvar Smárason: Ich schreibe und male zusätzlich ein wenig und positioniere mich so als Künstler.

Sindri Sigufsson: Ich bin noch Mitglied der Kunstschule in Island. Zusätzlich arbeite ich mit Örvar zusammen an einem Buch über Tattoos.

Crazewire: Eine Illustration?

Sindri Sigufsson: Ja.

Crazewire: Über die heißesten Tattoos Islands?

Örvar Smárason: Nein, es ist ein Buch über isländische Gefängnis-Tattoos.

Crazewire: Das ist ja mal interessant. Steht ihr in persönlichem Kontakt mit irgendwelchen Inhaftierten?

Sindri Sigufsson: (lacht, Anm. d. Red.) Nein, nicht wirklich. Irgendwie kommen wir da schon an unsere Informationen.

Crazewire: Ihr wart in eurer Kindheit und Jugend viel in der Welt unterwegs. Auch jetzt reist ihr natürlich noch sehr viel umher. Habt ihr bei all euren Reisen irgendwo einen Ort gefunden, an dem ihr euch vorstellen könntet zu leben oder ist Island nach wie vor der Ort, wo ihr stets zu Hause sein werdet?

Gudbjorg Hlin Gudmundsdòttir: Ich glaube, dass Island immer wie ein Magnet sein wird, der die Menschen zurück nach Hause holt. Ich kehre jedenfalls sehr häufig dorthin zurück. Schließlich ist es ja meine Heimat.

Sindri Sigufsson: Ja, so ist es. Wir haben alle schon in anderen Ländern gelebt, aber nach Island kommt man immer wieder zurück. Ein sehr schöner Fleck zum Leben. So einfach ist das.

Crazewire: Örvar, ich habe gelesen, dass du bis vor ein paar Jahren noch in Berlin gelebt hast, jetzt aber wieder in Reykjavík bist. Hast du eine besondere Verbindung zu Berlin?

Örvar Smárason: Wir haben eine Menge Freunde dort und wir haben schon viele Shows dort gespielt. Es ist immer wieder sehr schön dorthin zurück zu kehren. Das Publikum ist immer sehr nett in Berlin und es ist eine der besten Städte der Welt.

Crazewire: Fließt das ganze Reisen und Touren irgendwie mit in eure Musik ein?

Örvar Smárason: Reisen ist sehr inspirierend für die eigene Musik. Aber Touren ist eher ermüdend. Man ist dann mit der Arbeit beschäftigt und hat keine Zeit für irgendetwas anderes.

Crazewire: Die Tatsache, dass ihr viel unterwegs seid und euch an vielen weiteren Projekten beteiligt vereinnahmt euch doch bestimmt sehr. Wie schafft ihr es dann überhaupt noch euch die Zeit für ein neues Album zu nehmen?

Örvar Smárason: Die Entstehung eines neuen Albums ist ein sehr offener Prozess. Wir schreiben und produzieren zugleich. Normalerweise haben wir alle nicht gerade viel Zeit, deshalb fahren wir zu den unterschiedlichen Plätzen mit den unterschiedlichsten Leuten und sehen dann erst, was passieren wird.

Crazewire: Hat sich etwas bei den Aufnahmen zu „Go Go Smear The Poison Ivy“ im Gegensatz zu älteren Alben gändert, jetzt wo Kristín (Anna Valtýsdóttir, Anm. d. Verf.) nicht mehr dabei ist?

Örvar Smárason: Hmmm.... Im Grunde genommen war es schon das Gleiche. Aber dennoch hat sich etwas geändert. Dieses Mal haben wir mehr als Band gemeinsam gespielt.

Crazewire: Würdest du sagen, dass sich deshalb eure Musik verändert hat?

Örvar Smárason: Ja, das denke ich schon. Aber unsere Musik hat sich mit jedem Album und jeder Minute irgendwie geändert. Wir hatten jetzt die Möglichkeit das zu tun, was wir tun wollten.

Crazewire: Und was würdest du machen, wenn es Múm niemals gegeben hätte?

Örvar Smárason: Dann würde ich in einer Bäckerei arbeiten.

Crazewire: Vielen Dank für das nette Gespräch.


 

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