Interpret:
Los Campesinos!
Titel:
Zynischer Indie-Goth-Rock im Partybus. Oder: Wir werden wohl niemals The Cure sein
Autor:
Michael Weber
Köln, 26.04.2010
Gute zwei Jahre sind vergangen, seitdem ich Los Campesinos! das letzte Mal zum Interview getroffen hatte. Viele Touren sind gespielt worden, zwei weitere Alben wurden veröffentlicht, Aleksandra hat die Band verlassen und neue Mitglieder wurden rekrutiert. Die schüttelnde Energie ihrer Musik scheint sie auch in ihrem alltäglichen Leben nach wie vor zu begleiten, denn nach Ruhephasen und Entspannung klingt das alles wirklich nicht. Und als ich mich im verwüsteten Tourbus der Band umgucke, in dem ich gemeinsam mit Tom Campesinos! sitze, wird mir klar, dass trotz jeglichen Wandels der Band eines bei ihnen wohl niemals verschwinden wird: Die bittere Süße einer konservierten Jugend.
Crazewire: Das letzte Mal als wir uns trafen, hattet ihr gerade euer erstes Album „Hold On Now, Youngster...“ veröffentlicht. Seitdem habt ihr noch „We Are Beautiful, We Are Doomed“ veröffentlicht, und im letzten Jahr habt ihr euer drittes Album „Romance Is Boring“ innerhalb von nur zwei einhalb Jahren rausgebracht. Das klingt für mich, als wären Los Campsinos! noch immer eine junge und energetische Band, die viel zu erzählen hat. Sind eure Inspirationsquellen noch nicht versiegt?
Tom Campesinos!: Noch nicht. Ich genieße es sehr zu schreiben und wir genießen es eine Band zu sein. Von daher ist es einfach, Songs zu schreiben. Es ist aber auch eine Form der Schuldigkeit, die uns weiterhin Songs schreiben lässt. Wir sind glücklich in einer Band und in unserer Position zu sein. Und würden wir daran nicht immer wieder aufs Neue hart arbeiten, dann wäre das irgendwie respektlos oder undankbar. Es gibt so viele Menschen, die gerne das machen würden, was wir machen. Es ist aber auch unser Job und den wollen wir einfach gut machen. Wir wollen ja auch seriös und professionell als Band sein (lacht, Anm. d. Verf.).
Crazewire: Wir sprachen vor zwei Jahren auch über die Dinge, die sich in euren Leben geändert haben, seitdem ihr „Rock-Stars“ seid. Du sagtest, dass sich vieles geändert hätte, aber richtig erklären konntest du es noch nicht, weil alles noch so neu für euch war. Wie würdest du die Veränderungen jetzt beschreiben?
Tom: Ich weiß es noch immer nicht so genau. Es ist noch immer sehr aufregend, Konzerte zu geben. Wobei vieles vom Publikum abhängig ist. Wenn Menschen da sind, die aufgeregt sind, dich zu sehen, dann ist das auch aufregend für dich. So etwas wird niemals langweilig. Und da wir immer weitermachen und uns nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen, ist das auch etwas, das weiterhin spannend ist. Es gibt immer neue Sachen, vor denen wir nervös sind. Gleichzeitig gibt es aber auch Momente, die für uns zur Routine geworden sind. Aber gerade über diese Momente sind wir auch sehr froh, denn sie machen dich während einer Tour nur besser. So langweilig das klingen mag, aber wir achten mehr auf uns, hören mehr auf unseren Körper und schlafen, wenn wir es müssen. Ich denke aber nicht, dass sich so viel geändert hat. Schließlich sind wir ja keine „Super-Stars“, um die permanent Menschen hängen, die einem erzählen, wie toll man doch ist. Unterm Strich ist es Arbeit für uns, obwohl wir schon froh sind, dass es kein Full-Time-Job ist. Es bleibt immer noch genügend Zeit, andere Dinge zu machen.
Crazewire: Wie sieht es denn in Cardiff aus? Hat sich für euch dort etwas geändert, wenn ihr wieder dort seid? Reagieren die Menschen jetzt anders?
Tom: Da ist es ganz genauso. Zumindest für mich. Bei Gareth (Sänger der Band, Anm. d. Verf.) ist es schon etwas anderes. Er wird schon häufiger erkannt und angesprochen. Aber so groß und bekannt sind wir als Band auch dort nicht, dass wir überall erkannt und angesprochen werden. Besonders bei mir, als Gitarrist ist es nicht der Fall. Die einzigen Menschen, die uns in Cardiff erkennen, sind unsere Freunde (lacht, Anm. d. Verf.).
Crazewire: Was würdest du sagen, inwiefern sich eure Art des Song-Schreibens in den letzten drei Jahren verändert hat? Ihr sagtet im letzten Interview, dass ihr eure Songs demokratisch schreibt. In einer Form, in der jedes Bandmitglied gleichberechtigt beteiligt ist. Ist das noch immer so?
Tom: Daran hat sich nicht viel geändert. So haben wir es schon immer gemacht. Wenn ich eine Idee habe, gehe ich damit zu Gareth, zeig sie ihm und er beginnt seine Texte dazu zu schreiben. Anschließend stellen wir es den anderen vor und proben mit ihnen. Und während dieser Anfangsphase besteht dann für jeden innerhalb der Band die Möglichkeit, sich mit seinen Ideen weiter einzubringen. Ich würde nicht sagen, dass jeder gleichberechtigt ist, aber in gewisser Weise ist es schon demokratisch (lacht, Anm. d. Verf.).
Crazewire: Ich habe es erwähnt, weil Harriet beim letzten Mal von „Toms Demokratie“ sprach.
Tom: Ja, ich weiß. Es ist so eine Ein-Mann-Demokratie. Das klingt schon ein Bisschen tyrannisch, aber letztlich hat jeder die Chance sich einzubringen (lacht, Anm. d. Verf.). Und wer weiß, vielleicht hassen die Anderen insgeheim meine Songs (lacht, Anm. d. Verf.).
Crazewire: Aleksandra hat die Band jetzt verlassen, um ihren Uni-Abschluss zu machen und anderen Dingen in ihrem Leben nachzugehen. Sie wird aber wieder in die Band zurückkommen. Ist das richtig?
Tom: Ich weiß nicht. Ich glaube nicht, dass sie zur Zeit darüber nachdenkt. Die Band zu verlassen war für sie schon eine schwere Entscheidung. Es ist für mich auch schwer darüber zu sprechen, da es ja meine Sichtweise ist und nicht ihre. Soweit ich das sagen kann, wollte sie jetzt erst einmal ihr eigenes Ding machen und eigene Erfahrungen sammeln. Sie hat sich irgendwie unvollständig gefühlt, da sie die Wissenschaft doch sehr liebt. Jetzt hat sie die Chance damit abzuschließen. Und obwohl vieles oftmals stressig für sie war, hat sie es immer geliebt zu lernen und sich weiterzubilden. Sie ist da sehr ambitioniert gewesen. Wobei sie das Touren auch sehr mochte. Es war für uns alle hart, aber sie wird ihren Weg gehen. Die Entscheidung war für sie wohl das Beste.
Crazewire: Hat denn ihr Weggang eure Auffassung einer Band in irgendeiner Weise beeinflusst?
Tom: Ja, definitiv. Es gab immer wieder Aufs und Abs als sie uns das erste Mal sagte, dass sie mit dem Gedanken spielt, die Band zu verlassen. Wir wussten von da ab nicht, was dann passieren wird. Zwar wussten wir schon lange, dass sie die Band verlassen wird, aber wir haben es nie diskutiert. Als sie es uns dann sagte, wussten wir, dass es ein gemachter Beschluss von ihr ist. Vorher hatten wir nur darüber nachgedacht und nicht gesprochen, und plötzlich mussten wir darüber reden. Wir hatten dann ein Treffen vereinbart, zu dem wir uns alle einfanden, um über die Zukunft zu sprechen. Es war sehr positiv. Da haben wir auch entschieden, dass wir Kim und Rob in die Band holen wollen. Weiter haben wir auch besprochen, wie es mit uns als Band weitergehen wird. Ein wirklich positives Treffen.
Crazewire: Lass uns über eure neues Album, „Romance Is Boring“ sprechen. Ich würde gerne zunächst wissen, warum Romantik langweilig ist? Wie kann ein romantischer Akt langweilig sein? Würdest du mich fragen, dann würde ich es eindeutig verneinen.
Tom: Diesen Titel hat Gareth schon eine ganze Weile mit sich rumgeschleppt. Er hat viele Bedeutungen für ihn. Ich für meinen Teil kann nur sagen, dass dieser Titel das Album sehr gut beschreibt. Er passt einfach. Aber ich glaube, je dunkler und zynischer Gareths Texte werden, desto mehr hält er an der Romantik fest. Tief in sich wird er wohl immer ein Romantiker bleiben. Für mich klingt der Titel aber wie ein eigener Protest des Überzeugens, denn irgendwer wird zurückgewiesen und ist nicht mehr Teil des Ganzen. Gleichzeitig kommen aber auch die ganzen Klischees von Romantik damit auf, die selbstverständlich langweilig sind. Wir wollten einfach unsere eigene Interpretation von Romantik verfolgen.
Crazewire: Die Titel eurer Alben beinhalten immer eine Mischung aus charmanten und wahrhaften Worten, womit ihr eure Hörerschaft auf eine Art provoziert. Würdest du sagen, dass die Titel eurer Alben schon einen ersten Eindruck darüber bieten, wie eure Musik schlussendlich klingt? Für mich klingen eure Alben stets so, wie ihr sie betitelt habt.
Tom: Ja, ja, das würde ich schon so sagen, auch wenn ich bisher noch nicht so darüber nachgedacht habe. Gareth ist sehr wortreich und wenn der Titel des Songs dann auch noch so klingt, worüber der Song handelt, ist das schon sehr gut. Ich glaube, dass Gareth es einfach mag Betitelungen auszuwählen, die so nah wie möglich am Thema sind. Da gibt es auf jeden Fall Elemente, die provokant sind. Für Journalisten ist das manchmal sehr irritierend. Ich spreche da jetzt von Songs mit langen Titeln und Journalisten, die davon einfach genervt sind (lacht, Anm. d. Verf.).
Crazewire: Auf „Romance Is Boring“ habt ihr ein paar neue Instrumente wie Bläser eingesetzt. Trotzdem schreibt ihr noch immer treibenden Indie-Rock, der einen bewegt und niemals langweilig wird. Könntet ihr euch vorstellen, für euer nächstes Album etwas komplett anderes zu machen? So wie es These New Puritans immer machen?
Tom: Ähm, ich weiß es nicht. Ich habe das neue Album von These New Puritans auch noch nicht gehört, ich weiß nur, dass es eine 180°-Wende sein soll. Momentan bin ich aber sehr zufrieden mit der Art, in der wir uns Entwickeln. Wir haben zwar viel veröffentlicht, aber ich mag die Tatsache, dass sich unsere Entwicklung langsam und organisch vollführt. Dinge verändern sich bei uns konstant, aber immer ohne Gewalt. Manchmal ist es ein Risiko, wenn Bands versuchen, ein Album für eine Genre zu machen, das gerade sehr angesagt ist, um populärer zu werden. Wir werden viel ausprobieren und werden uns langsam und nach unseren Bedürfnissen verändern. Klar, wir werden irgendwann einmal ganz anders klingen, aber es bleibt ein Risiko des Dilettantismus, wenn man zu viel auf einmal will. Unser Prozess der Veränderung soll einfach natürlich sein.
Crazewire: Auf „We Are Beautiful, We Are Doomed“ singt ihr „You feel terrified at the thought of being left behind / Of losing everybody, the necessity of dying / Oh, we kid ourselves, there's future in the fucking / But there is no fucking future“. Das klingt so, als wäre jegliche Hoffnung weg. Auf „Romance Is Boring“ singt ihr im Song „Straight At 101“ „I think we need more post-coital and less post-rock“, was schon nach dem genauen Gegenteil klingt. Was hat sich verändert, dass ihr jetzt eine Zukunft im Sex seht?
Tom: (lacht, Anm. d. Verf.) Gareth kann sehr zynisch mit seinen Texten sein. Er ist sich dessen auch sehr bewusst, er weiß aber auch, dass es nicht gerade viel Hoffnung in der Zukunft gibt. Gleichzeitig sieht er aber im Sex einen Weg für die Zukunft. Vielleicht ist es von ihm nur eine Flucht oder ein Ablegen einer Mentalität. Viele Songs auf „Romance Is Boring“ handeln von solchen Themen oder vom Tod und Verfall. Ich schätze, dass er es einfach aus seinem Kopf haben wollte, um endlich damit abzuschließen.
Crazewire: Auf „Romance Is Boring“ schreibt ihr noch immer diese nach Lebenslust klirrenden Songs. Zusätzlich schreibt ihr jetzt aber auch Songs wie „A Heat Rash In The Shape Of The Show Me State; or, Letters From Me To Charlotte“ oder „The Sea Is A Good Place To Think Of The Future“ und „Coda: A Burn Scar In The Shape Of The Sooner State“, in denen ihr in gewisser Weise nach Romantik, Schmerz und den großen Gefühlen des Lebens dürstet. Sind das die erste Schritte zum Erwachsenenwerden?
Tom: Ich weiß es nicht so genau. Ich denke aber nicht. Oder ich hoffe es nicht. Vieles wie grüblerisch, düster, nihilistisch oder zynisch zu sein, ist immer ein Teil des Erwachsenen. Man wird nach und nach mit solchen Bestandteilen vertraut und irgendwann fühlt man sich vielleicht sogar wohl damit. Es bleibt einem oftmals auch keine Wahl. Ich weiß es nicht. Ich schätze, dass wir noch einen weiten Weg gehen müssen, bis wir erwachsen sind.
Crazewire: Also würdest du sagen, dass Los Campsinos! Eine nihilistische Indie-Goth-Rock-Band ist?
Tom: Wir werden wohl niemals The Cure sein (lacht, Anm. d. Verf.).
Video: „The Sea Is A Good Place To Think Of The Future"
The Sea Is A Good Place To Think Of The Future from Los Campesinos! on Vimeo.