DETAILS

Interpret:
Los Campesinos!

Titel:
Demokratie mit vierzehn Ohren

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Autor:
Michael Weber
Köln, 28.04.2008

INTERVIEWS

Los Campesinos! - Demokratie mit vierzehn Ohren

Los Campesinos! - Demokratie mit vierzehn Ohren

Ich muss zugeben, ein bisschen nervös war ich kurz vor dem Interview mit dem siebenköpfigen walisischen Indie-Power-Pop-Team Los Campesinos! schon. Meine Bedenken kamen ja auch nicht von ungefähr. Was wäre wohl gewesen, wenn die Damen und Herren während des Interviews genauso impulsiv, hektisch, energiegeladen und spontan wie ihre eigene Musik gewesen wären? Wenn sie mir das Mikrofon aus den Händen gerissen und eine wilde Party um mich herum gefeiert hätten? Zum Glück kam dann doch wieder alles anders als man denkt. Harriet und Tom Campesinos! sitzen leger gekleidet vor mir, machen keinerlei Anstalten im nächsten Moment etwas Unberechenbares zu tun und ihre Manieren sind mehr als vorbildlich. Es scheint, als ob sie den Rockstar nach all den Jahren auf dem Campus und der kurzen Zeit im Musikgeschäft für sich noch nicht entdeckt haben.

Crazewire: Ich glaube es waren Drowned In Sound, die euch als erste erwähnt und einem breiterem Publikum eure Musik präsentiert haben. Jedenfalls waren die Reaktionen sehr gut und jeder war sehr aufgeregt, wenn man etwas von euch hörte. Wie habt ihr euch an diesem Punkt eurer Karriere gefühlt?

Tom Campesinos!: Zu diesem Zeitpunkt war es noch nicht wirklich eine Karriere. Wir haben die Songs in einem lokalen Gemeindezentrum aufgenommen und sie Drowned In Sound zur Verfügung gestellt. An dem Abend gingen wir in ein Pub und als wir dann wieder zurück kamen und auf die Seite gingen und die Kommentare zu den Songs lasen, waren wir wirklich sehr aufgeregt. Es war irgendwie komisch für uns und wir wussten nicht, wohin uns das führen wird. Es ist noch immer aufregend zu hören, dass die Leute unsere Musik mögen. Und wir hätten nie gedacht, dass wir es soweit schaffen.

Crazewire: Und was würdet ihr sagen hat sich seit den Aufnahmen zu eurer EP „Sticking Fingers Into Sockets“ und eures Albums „Hold On Now, Youngster…“ verändert?

Tom Campesinos!: Alles. Wir leben jetzt ein ganz anderes Leben. Als wir die EP und das Album aufnahmen waren wir noch Studenten. Jetzt haben wir fertig studiert und unsere Leistung mit der Band ist überwältigend, so dass es schon ein bisschen komisch klingt, wenn man sagen würde, wir haben jetzt einen Job. Jetzt sind wir saisonbedingte Rockstars (lacht, Anm. d. Red.).

Crazewire: Seid ihr mit der Situation des Tourens, Konzertegebens, jeden Morgen in anderen Städten aufzuwachen und den vielen PR- und Interview-Terminen zufrieden?

Harriet Campesinos!: Es ist noch immer alles sehr komisch, denn wir haben noch viel zu lernen. Auf dieser Ebene genießen wir es und das könnte auch der Grund sein, weshalb wir zu frieden damit sind. Wir werden unseren Platz noch finden.

Tom Campesinos!: Ja. Aber ich denke, dass es ein wenig mehr ist als zufrieden zu sein. Es ist noch immer alles sehr aufregend, spannend und ungewöhnlich für uns. Aber es hat sich schon eine Art der Routine bei uns allen in etwa zur selben Zeit eingestellt. Jedesmal wachst du woanders auf, nichts ist immer gleich, was sich komisch und befriedigend zugleich anfühlt. Es ist eine Zufriedenheit, aber eine aufregende, denn es könnte schlimmer sein.

Crazewire: Es hat ja gerade erst alles für euch begonnen, trotzdem werdet ihr als eine der heißesten Bands für 2008 und für die Zukunft gehandelt. Seid ihr bis jetzt schon mal an dem Punkt angelangt, wo euch möglicherweise deswegen der Unmut packt? Ihr gelangweilt seid von der täglichen Routine?

Harriet Campesinos!: Wir sind glücklich, dass wir an diesem Punkt bis jetzt noch nicht angelangt sind. Es ist wirklich anstrengend, wenn du all das machen musst. Aber wir haben einen Plattenvertrag unterschrieben und wir wollen, dass die Leute unsere Musik hören. Wir genießen es sehr, denn wir sind überzeugt davon, was wir machen. Wir sind erfreut darüber, dass die Leute interessiert sind. Und wir fühlen uns privilegiert, dass Menschen in unserem Alter auf uns zukommen und uns Fragen stellen.

Tom Campesinos!: Ja, absolut. Dazu kommt noch, dass es sieben von uns gibt, so dass wir das alles aufteilen können. Deshalb hat es sich bis jetzt noch nicht so schlecht angefühlt. Wir hatten lange Promo-Tage in Japan, die strapaziös waren. Das war bis jetzt das einzige Mal, dass es sich wie Arbeit angefühlt hat. Du bist bis auf einen Tag die ganze Woche unterwegs und willst einfach nur mal etwas Zeit für dich haben. Aber wir wussten auch, dass wir wieder zurück kommen werden. Ich denke, dass wir aber noch nicht so viel Aufmerksamkeit auf das professionelle Arbeiten und den Kommerz gelegt haben. Wir genießen es, live zu spielen und den Kontakt zu haben. Gleichzeitig musst du dir aber auch immer darüber im klaren sein, dass das Professionelle mit dazu gehört, denn wir haben einen Vertrag unterschrieben. Bis jetzt läuft aber alles super und unser Hauptfokus ist es, so lange es geht in einer Band zu spielen.

Crazewire: Euer Management hat euch viel Freiraum bei der Auswahl des Produzenten gegeben. Wie wichtig ist euch Selbstbestimmtheit für euch selber und eure Musik in Situationen wie dieser?

Tom Campesinos!: Das ist schon ziemlich wichtig. Gerade in dem Fall der Auswahl unseres Managements und dem Gang zu Wichita war es so, dass die Menschen mit denen wir zusammen arbeiten unsere Interessen und unsere Idee vertreten können. Das hat Priorität. Alle großen Entscheidungen wurden bis jetzt von uns getroffen. Wir suchen uns die Leute aus, bei denen wir die meiste Kontrolle aufrecht erhalten können. Als wir uns den Produzenten aussuchten war das auch gar nicht so schwer, denn wir haben alle einfach jemanden erwähnt, den wir mögen.

Crazewire: Ja, die Wahl fiel auf David Newsfeld. Wie war es?

Tom Campesinos!: Es war großartig!

Harriet Campesinos!: Ja, es war genauso positiv wie man es sich vorgestellt hat.

Tom Campesinos!: (Ringt um die Worte, Anm. d. Red.) Es war eine wirklich positive Erfahrung. Er hat sehr eng mit uns an den visuellen Stellen gearbeitet und uns angetrieben. Er ist wirklich gut darin uns anzutreiben noch einen Song dazu beizusteuern und gab uns Ideen. Wir mussten sie aber nicht annehmen. Manchmal mussten wir widerstehen, nicht die Richtung einzuschlagen, die er gehen wollte und im selben Moment hat er so viel zu den Songs beigesteuert, was wir niemals in Betracht gezogen hätten.

Harriet Campesinos!: Er brachte unsere einzigartigen Gemüter zum Vorschein, was für uns als junge Band gut war, denn wir wussten nicht wirklich was wir taten. Wir waren einfach sehr aufgeregt, denn die besten Musiker sind wir nicht. Aber er umarmte das irgendwie komplett. Er machte die Fehler weg.

Tom Campesinos!: Er mag es auch überhaupt nicht, Dinge so zu machen, wie sie im Buche stehen, was wiederrum uns sehr gepasst hat. Er ist kein Stereotyp und hat nicht die Idee etwas „richtig“ zu machen oder davon zu sprechen „was gut klingt“.

Es folgt eine längere sehr angeregte Unterhaltung über die Broken Social Scene, in der ich auch erfahre, dass es David Newsfeld war, der Los Campesinos! dazu brachte, drei unterschiedliche Varianten von „You Me Dancing“ zu produzieren. Weiterhin erfahre ich, dass man auch schon mit Kevin Drew gemeinsam auf der Bühne stand und alles äußerst aufregend war. Ein Teil des Camps ist man aber dennoch nicht geworden.

Crazewire: Eure Band besteht aus sieben Mitgliedern und einem großen Spektrum an unterschiedlichen Instrumenten, wie stellt ihr da sicher, dass jeder von euch gleichwertig am Entstehungsprozess eines Song beteiligt ist?

Harriet Campesinos!: Ich denke, dass jeder so viel daran beteiligt ist, wie er möchte. Tom brachte uns mit ein paar Demos in Kontakt und Gareth begann, die Texte dafür zu schreiben. Andere Mitglieder stießen dazu und haben ihre Stellen eventuell geändert oder neue Sachen selber geschrieben. Es änderte sich bei den Proben ständig etwas, aber der Kerngedanke war immer Toms.

Tom Campesinos!: Es war etwas schwierig, denn wir hatten wegen der Uni nicht wirklich viel Zeit, als wir mit den Albumaufnahmen begannen. Aber auch schon davor, als ich begann unsere Songs zu schreiben. Und erst mit dem Album fingen wir an uns mit unseren Teilen wohl zu fühlen und haben einen gemeinsamen Grund der Kommunikation für das Songwriting gefunden.

Harriet Campesinos!: Toms Demokratie! (lacht, Anm. D. Red.)

Tom Campesinos!: Das variiert aber schon. Manchmal, wenn man mit unterschiedlichen Ideen ankommt, dann kann es sein, dass man das Arrangement besser kennt und man eine Veränderung nicht zulassen will. Aber im selben Moment weiß man auch, dass man den Zweifel an dem Arrangement nicht ohne weiteres ablehnen kann. Schließlich soll das bessere Argument entscheiden und der Teil wird dann ausgetauscht. Wir sind alle daran interessiert, das Beste aus einem Song und uns selber herauszuholen.

Crazewire: Der Titel eures Album lautet ja „Hold On Now, Youngster…“. Ist das etwas, dass euch euer ganzes Laben lang von Erwachsenen gesagt wurde und ihr damit zum Ausdruck bringen wollt, dass ihr nicht für eine Sekunde ruhig sein wollt. Oder sagt ihr es zu Gleichaltrigen, die ihre ganze Zeit damit verbringen so zu tun, als seien sie Erwachsen?

Tom Campesinos!: Der Titel ist aus einem Comic übernommen, den Gareth zu diesem Zeitpunkt las. Er hatte es dann während der Demo-Aufnahmen als einen möglichen Titel erwähnt und wir fanden ihn irgendwie alle cool. Es ist ein Satz, den man auf verschiedene Weisen deuten kann. Wie zum Beispiel: „Sei mal ruhig für einen Moment“ oder in einer positiven Art „Halte aus, etwas Gutes wird kommen“ und in einer arroganten Art kann es auch heißen: „Ruhig jetzt, die Los Campesinos! sind da und alles wird gut“. Ich weiß es aber nicht so genau, denn auf eine bestimmte Art ist diese Äußerung hoffnungsvoll und das ist es, was wir daran mögen. Anfangs haben wir noch gar nicht darüber nachgedacht, dass dieser Satz so viele Bedeutungen haben könnte. Wir sind aber alle zufrieden mit diesem Titel, auch wenn ich dieses Phantom nicht wirklich beschreiben kann.

Harriet Campesinos!: Als Gareth mit dem Vorschlag ankam, kann ich mich noch daran erinnern, dass wir zu ihm sagten, dass er den Satz nicht als Album-Titel nutzen könne.

Crazewire: Eure Musik ist voller Freude und Entzückung, alles gemischt mit dieser Art des Herzschmerzes. Man kann förmlich hören, wie ausgelassen ihr gewesen sein müsst, solche Musik zu spielen. Habt ihr Angst vor dem Moment, wo ihr nicht mehr in der Lage seid solche Musik weiterhin zu schreiben? Ich meine, wenn alle diese Elemente eurer Musik weg und erloschen sind.

Tom Campesinos!: Ja, vielleicht. Es fühlt sich irgendwie natürlich für uns an, Musik mit einem Up-Beat zu schreiben, denn dass ist es wie wir uns als Band fühlen und wie wir in einer Band spielen wollen.

Harriet Campesinos!: Vieles davon kommt auch von Tom. Wenn ich ihn so analysiere, dann hat er diese großen Melodien schon in sich und ist auch auf diese ausgerichtet. (lacht, Anm. d. Red.)

Tom Campesinos!: Ich denke, dass vieles davon von etwas kommt, das vernachlässigt wurde. Bei einer Band wie Pavement sind gerade die Melodien sehr zentral und bestehen aus Dissonanzen und Krach zugleich. Aber hinter diesen polymeren Produktionen von ihnen kommen immer diese großartigen Melodien hervor. Als wir mit unseren Aufnahmen begannen gab es da einige privilegierte Bands für uns, die eine gute Figur dabei machten eine absteigende Melodie zu spielen und trotzdem cool dabei zu sein. Und genau das wollten wir mit unserer Musik erzielen. Es macht einen riesigen Spaß in einer Band zu spielen, die in der Lage ist unterschiedlichste Melodien zu spielen. Wir haben schon immer mit „Krach“ experimentiert, jetzt stützen wir uns mehr auf die „dunklen“ Elemente. Das Intro zu „You Me Dancing!“ ist zum Beispiel sehr dissonant aber auch positiv. Mit diesen zwei Kontrasten zu spielen ist unser Anliegen. Besonders Gareth`s Texte tragen mit ihrer dunklen und munteren Seite dazu bei. Aber im Prinzip haben wir es da dann doch alles sehr offen gelassen. Wir wollen uns ja auch nicht limitieren und immer nur diese glückliche Band sein.

Harriet Campesinos!: Deshalb ist es auch so schön von Leuten mal etwas anderes über uns zu hören als immer „Ihr seid eine wirkliche Spaß-Band“.

Crazewire: Hier kommt meine letzte Frage. Irgendwelche letzten Worte?

Tom Campesinos!: Ich glaube, ich muss mich bei dem belgischen Publikum entschuldigen. Letzte Nacht spielten wir in Belgien und ich dachte, dass das Publikum zur einen Hälfte aus dem französisch sprechenden Teil kommt und zur anderen aus dem flämischen. Wir spielten aber in einem rein flämisch sprechenden Teil von Belgien und ich fing an auf französisch mit ihnen zu reden. Entschuldigung!

Crazewire: Dann wollen wir hoffen, dass auch ein paar Leute aus Belgien dieses Interview lesen. Vielen Dank für das nette Gespräch.


 

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