Interpret:
Lis Er Stille
Titel:
Das hier ist der nächste Schritt
Autor:
Maximilian Burk
Köln, 15.11.2010
Lis Er Stille kommen aus Dänemark und klingen unkonventionell wie eh und je. Wir trafen die sympathischen Musiker vor ihrem Konzert in der Kölner Lichtung und wurden sehr herzlich begrüßt. Die Band hatte sich mit Hilfe des Google-Übersetzters die Crazewire-Rezension ihres letzten Albums „The Collibro“ durchgelesen und sprach großen Dank dafür aus, dass sich zum Hören der Musik die nötige Zeit genommen wurde: „Uns gefällt die realistische Einschätzung, dass das Album sicherlich nicht bei jedem auf Zuspruch stoßen wird. Es ist einfach keine Musik, die man zwischen Tür und Angel hören sollte“, befand Gitarrist Tue und schon waren wir mitten im Gespräch mit den aufgeschlossenen Jungs von Lis Er Stille Martin, Tue, Jon und Asbjørn über die dänische Musikszene.
Martin: Lange Zeit haben wir uns sehr fremd in der dänischen Musikszene gefühlt. Alles ist sehr am Mainstream orientiert, was vielleicht daran liegen mag, dass es nur vier Radiostationen gibt, die nicht nur lokal senden. Und die haben eine Begrenzung was die Länge der Songs angeht, die sie spielen. Es ist fast unmöglich, einen Song On Air zu kriegen, der länger als vier Minuten dauert. Für die ist das völlig uninteressant, dass wir ein zusammenhängendes Konzeptalbum rausbringen.
Tue: Andererseits haben wir eben auch die Underground-Szene in Dänemark und in Århus, wo wir her kommen. Das sind zwei Paar Schuhe.
Crazewire: Würdet ihr denn ein langen Song auf Radiolänge runterkürzen, damit er gespielt wird?
Alle: Niemals.
Martin: Wir haben uns nie für etwas anderes entschieden, als einfach Musik zu machen. Und das funktioniert nicht, wenn wir beginnen, Kompromisse zu machen. Es war niemals ein Kampf auf Biegen und Brechen, um uns Zutritt in die Musikindustrie zu verschaffen. Es hat mit der Musik angefangen und alles andere kommt danach.
Crazewire: Im Waschzettel werdet ihr gerne mit Bands wie Pink Floyd und Sigur Rós verglichen. Wie geht ihr damit um? Gefällt euch der Vergleich?
Tue: Es fällt uns ziemlich schwer, einen Vergleich für uns zu finden, da wir alle unterschiedliche Musik hören. Das macht es nicht unbedingt einfach. Wir haben nie beschlossen, wie Pink Floyd zu klingen, weil wir alle Pink Floyd mögen. Obwohl die meisten Bands, mit denen wir verglichen werden, Bands sind, die wir tatsächlich sehr mögen.
Martin: Und andere, von denen wir nie gehört haben.
Tue: Das stimmt. Aber natürlich braucht man Schubladen, um Musik kategorisieren zu können. Um so ärgerlicher, wenn man plötzlich in einer Schublade landet, in der man nichts verloren hat. In Dänemark behauptet jemand, wir würden verzweifelt versuchen, wie eine dunkle Version von Muse zu klingen. Wollen wir das?
Martin: Au ja, Jungs. Lasst uns bitte unbedingt eine dunklere Version von Muse sein. (lacht, Anm. d. Verf.)
Crazewire: Die Klassifizierungswut geht sogar so weit, dass neue Genres für eure Musik erfunden worden. Würdet ihr eure Musik als„Heaven Rock“ bezeichnen?
Tue: Auf dänisch klingt der Name noch ein bisschen komisch, ähnlich wie im Deutschen, „Himmel-Rock“. „Es klingt ein bisschen mehr großartig!“ (lacht, Anm. d. Verf). Ein Musikjournalist hat geschrieben: „So klingt Progressive Rock.“
Martin: „Prock“.
Crazewire: Für was würdet ihr euch entscheiden?
Tue: Warum sollten wir uns für irgendwas entscheiden?
Martin: Die Idee ist, dass wir die Interpretation dem Publikum und Journalisten überlassen. Wir glauben, unsere Musik ist gewissermaßen Progressive Rock. Alles andere führt bloß zu Missverständnissen, daher ist es dem Hörer überlassen, welches Attribut er unserer Musik zuschreibt.
Crazewire: Ihr sagt, dass ihr alle unterschiedliche Musik hört. Ich nehme an, dass euer Schlagzeuger viel Heavy Metal gehört hat, ist das richtig?
Jon: Ja, das stimmt. Ich habe damals in einer Hardcore-Band gespielt und versucht zu singen. (lacht, Anm. d. Verf.) Ich habe da mehr geschrieen als gesungen.
Crazewire: Dann würde ich eurem Bassisten für die Funk-Referenz verantwortlich machen, wieder richtig?
(Gelächter, Anm. d. Verf.)
Asbjørn: Ja, das ist wieder richtig. Ich versuche ein wenig Jazz- und Funkeinflüsse mit einfließen zu lassen.
Crazewire: Gibt es eigentlich noch andere Inspirationsquellen, zum Beispiel Literatur, Philosophie oder Kunst, die eure Musik beeinflusst?
Martin: Auf diese Frage habe ich eigentlich schon immer gewartet. Ich habe manchmal das Gefühl, dass viele Menschen glauben, Musik kann nur von anderer Musik inspiriert sein. Die Inspiration liegt aber überall, nur nicht in der Musik, bei mir sogar sehr extrem - Ich höre nämlich ausschließlich klassische Musik und David Bowie.
Tue: Als wir das Album aufgenommen haben, schauten wir gerade die Serie „Twin Peaks“ von David Lynch. Die fanden wir alle total abgefahren und ich finde, dass sie einen erheblichen Einfluss auf unser Album hatte.
Martin: Filme und Soundtracks sind wahnsinnig inspirierend. Und gerade der „Twin Peaks“-Soundtrack. Jon ist ein großer Fan davon.
Jon: Jawohl. Und der „Twin Peaks“-Film, welcher noch verwirrender als die Serie ist.
Crazewire: Was ist euer nächster Schritt?
Tue: Hier zu sein ist der nächste Schritt. Wir waren sehr erfreut über die positive Resonanz, die wir bekommen haben. Und unser Album jetzt auf die Bühnen in Deutschland bringen zu können, ist eine tolle Sache und ein großer Schritt für uns.
Martin: Hier zu sein, ist definitiv ein großer Schritt für uns. Und wenn wir zurück nach Dänemark kommen, wird sicherlich ein neues Album auf dem Plan stehen.
Tue: Für das letzte Album haben wir drei Jahre gebraucht.
Crazewire: Wir haben gelesen, dass ihr euch für die Aufnahmen in eine einsame Hütte zurückgezogen habt. Drei Jahre lang?
Martin: Das Album hat uns viel Zeit gekostet, aber die Aufnahmen haben wir innerhalb eines Monats gemacht. Und für diese Zeit waren wir ziemlich von der Außenwelt abgeschottet. Das lag aber nur daran, dass der Raum für unser Studio noch belegt war, als wir einziehen wollten. Eine gute Freundin hat uns dann erzählt, dass ihre Oma ein Häuschen irgendwo hat, also sind wir dahin gefahren um unser Album aufzunehmen. (lacht, Anm. d. Verf) Unser Produzent hatte uns für den Zeitraum fest eingeplant, also mussten wir irgendwo hin.
Crazewire: In eurem Video und auf Fotos spielt der Galgen eine zentrale Rolle. Was hat es damit eigentlich auf sich?
Martin: Der Galgen ist ja ein Symbol für Verurteilung. Und ohne zu viel von unserer eigenen Geschichte preisgeben zu wollen, kann man sagen, dass die Verurteilung dabei eine große Rolle spielt. Daher kommt das Motiv des Galgens auch in meinen Texten vor. In dem Video haben wir nicht unbedingt das Rad neu erfunden. Wir dachten, dass der Galgen ganz gut reinpassen würde. Für die anderen brauchten wir allerdings auch noch irgendwelche Gegenstände, da haben wir dann einfach irgendwas gefunden, zum Beispiel ein Bügeleisen. (lacht, Anm. d. Verf.) Jetzt liegt es wieder am Rezipienten, das zu deuten.