Inpterpret:
Junior Boys
Titel:
Spaß am Kreieren
Autor:
Kai Töpel
Dresden, 05.10.2009
Bei den Junior Boys wird nichts dem Zufall überlassen. Vom ersten Songwriting bis zum finalen Abmischen der Platte haben nur Jeremy Greenspan und Matt Didemus die Finger im Spiel. Anders sieht es dann aus, wenn sie Junior Boys auf die Bühne bringen wollen, denn dort können sie nicht flexibel zwischen den Instrumenten wechseln und immer wieder im Loop neue Instrumente hinzufügen. Wer die beiden jedoch bereits live sehen konnte, weiß, dass bei ihnen unterstützt mit einem Schlagzeuger eine traumhaft tanzbare Mischung entsteht. Warum gerade ein bekannter Animator ein wichtiger Einfluss auf ihre neue Platte war und warum ihnen die Studioarbeit weiterhin am meisten am Herzen liegt, erzählte uns Jeremy im Interview.
Crazewire: Jeremy, schön das du für uns Zeit gefunden hast. Lass uns direkt einmal über euer neues Album sprechen. Mir scheint, ihr habt besonders an euren Aufnahmen gearbeitet und so etwas wie den typischen, „cleanen“ Junior Boys Sound gefunden. War das eine Entwicklung, die sich Stück für Stück bei euch ergeben hat?
Jeremy Greenspan: Ich müsste erstmal ein wenig das Wort „clean“ anfechten. Ich bin keiner von diesen Menschen, die einen Sound bevorzugen, der keinen Krach beinhaltet. Wir verbringen aber viel Zeit mit unserer Produktion und sind von Album zu Album bessere Produzenten geworden. Ein Grund dafür war natürlich unsere Erfahrung, wie Junior Boys in unseren Augen klingen sollte, und wir wussten nach einer Zeit, wie wir dies erreichen können. Wir sind mehr oder weniger eine Studioband, wir lieben technische Spielereien bei den Aufnahmen. Das ist einfach die Sache, die uns am meisten Spaß macht und was wir, so denken wir, am besten können. Das macht uns aus und wir halten es weiterhin für sehr wichtig.
Crazewire: Gerade wenn ihr euch selbst als Studioband bezeichnet, wie schwer ist es dann, auf der Bühne zu stehen und zu versuchen, auch als Liveband eure Lieder umzusetzen?
Jeremy: Es ist wirklich seltsam, weil unsere Liveshows eigentlich nichts zu tun haben mit unserer Arbeit im Studio. Wenn wir Lieder aufnehmen, stehen wir da nicht und spielen Instrumente, wie es die meisten Bands machen. Wir machen alles Stück für Stück, Schicht für Schicht und spielen kleinste Sequenzen. Das kann man natürlich nicht auf der Bühne machen, weil es langweilig wäre und keinen Sinn machen würde. Als wir uns entschieden live zu spielen, mussten wir Ideen sammeln, wie wir das hinkriegen. Am Anfang war das nicht gut, weil wir uns das kaum vorstellen konnten, aber wir haben daran gearbeitet. Jetzt ist es fast so, als ob es zwei komplett unterschiedliche Bands gibt: eine, die Alben macht und eine, die auf der Bühne steht und diese Songs live umsetzt. Beides hat ihren eigenen Prozess und es gibt verschiedene Dinge daran, die uns Spaß machen. Aber sie bleiben für uns immer noch grundverschieden.
Crazewire: Wie du grad angesprochen hast, ist das Aufnehmen eine Arbeit mit kleinen Teilen, die ihr Stück für Stück aneinander setzt. An welchem Punkt fangt ihr dann an? Gibt es bereits ein Song-Gerüst, auf dem ihr aufbaut oder überlasst ihr vieles eurem Gefühl?
Jeremy: Wir fangen meist mit einem bestimmten Sound von einem Synthesizer, Klavierakkorden oder Schlagzeugbeats an und erzeugen daraus einen Loop. Darauf bauen wir dann auf, Schicht für Schicht, bis etwas Riesiges und Kompliziertes daraus wird. Von da fangen wir dann an Stück für Stück Teile wieder wegzunehmen und es zu einem Pop-Song zu machen. Das haben wir vor allem mit unserem zweiten Album gemacht. Mit unserem aktuellen Album aber haben wir uns vorgenommen, die Lieder etwas roher zu lassen und sie nicht unbedingt in eine Pop Struktur zu pressen. Deswegen sind die Songs in dieser Entwicklungsphase geblieben, wo sie lang und kompliziert sind. Das erklärt auch die Länge der meisten Songs. Das war unser Versuch etwas Neues für uns zu probieren und neue Wege zu gehen. Manche Leute mochten es, manche fanden es eher sperrig. Das war aber unser Ziel und wir wollten es ausprobieren.
Crazewire: Trotzdem schafft ihr es aber in euren Songs, diese Hörbarkeit beizubehalten. Gerade mit der Einstellung, die Songs eher in einem unfertigeren Status zu lassen und ihnen den Platz zu geben, kompliziert zu sein, hätte auch dazu führen können, dass sich euer Sound darin völlig verliert.
Jeremy: Wenn man als Band sowohl aufnimmt, die Lieder auf der Bühne spielt und dazu produziert, gibt es meiner Meinung nach viele Fallen, in die man tappen kann. Man kann zu viel Zeit damit verbringen, über die Produktion nachzudenken, aber dafür das Songwriting unbeachtet lassen. Wiederum wenn man ein Songwriter ist, denkt man oft nicht über den Sound nach, wie die Arrangements aussehen sollten oder was die beste Produktion wäre. Wenn man beides macht, ist es wirklich kompliziert, weil man sich zurückhalten muss, um sich nicht in Details zu verlieren. Es gab da zum Beispiel diesen Song, an dem wir Wochen lang gearbeitet haben, aber wir zu keinem hörbaren Ergebnis gekommen sind. Da mussten wir ganze Teile verwerfen, weil sie einfach den Song nicht weitergebracht haben. Wir mussten erst lernen, nicht zu zimperlich mit Songs zu sein, nur weil man zwei Wochen Arbeit in die falsche Richtung investiert hat.
Crazewire: Um dieses Problem zu umgehen, teilt ihr euch dabei auch manchmal auf in Sounddesigner und Songwriter, damit die Vermischung nicht zu stark ist?
Jeremy: Nicht wirklich, aber es kommt drauf an. Auf diesem Album war es manchmal der Fall. Das lag aber vor allem daran, dass Matt nach Deutschland ziehen musste. Wir haben beide verschiedene Felder, in denen wir besser sind, aber wir ergänzen uns dabei ganz gut, denn wir kennen diese Stärken und Schwächen mittlerweile instinktiv.
Crazewire: Ein interessanter Song auf dem neuen Album ist „Dull To Pause“. Der hat mich im ersten Moment eher an Countrymusik erinnert.
Jeremy: Damit triffst du genau ins Schwarze. Es wurde auf der Gitarre geschrieben als Countrysong. Ich bin ein großer Neil-Young-Fan, also hab ich mal diesen etwas anderen Ansatz probiert. Als ich es aufnahm, kam mir dann der Gedanke, es mit einem typischen Junior-Boys-Sound zu versetzen. Ich finde, es hat eigentlich ganz gut funktioniert. Wir waren kurz davor, den Song nicht mit auf das Album zu nehmen. Ich war persönlich zum Beispiel erst dagegen. Unser Manager und das Label waren jedoch dafür, weshalb es am Ende auf dem Album landete. Jetzt bin ich sehr froh drüber, denn die Leute scheinen es wirklich zu mögen.
Crazewire: Sowohl den Titel eures neuen Album „Begone Dull Care“ und das Cover lehnt ihr an Animator Norman McLaren an. Musikalisch hat er aber eher mit Jazz experimentiert, da ist die Parallele für mich schwer zu ziehen.
Jeremy: Ich habe nicht versucht Musik zu schreiben, die an die Musik in Norman McLarens Filmen erinnert. Obwohl er auch mit elektronischer Musik gearbeitet hat, die aber ebenfalls von uns weit entfernt ist. Seine Musik war eher experimentell. Mein Interesse an Norman McLaren hat viel mehr mit seiner Einstellung zu tun und seine Methode, Kunst auszudrücken. Da ist eine spezielle Art, wie er in seinen Filmen kommuniziert, die ich in unsere Musik mit einfließen lassen wollte. Das Thema seiner Filme ist der Spaß am kreieren. Man sieht eine Verspieltheit in allen Dingen, die er gemacht hat. Einfach ein kreativer Impuls in seinen Filmen, die nur darum gingen, Filme zu machen. Deswegen sieht man den Prozess des Entwickelns des Films im Film selbst. Du kannst seine Hand sehen, wie er Linien zeichnet, du kannst nachempfinden, wie sein Gedankenprozess aussieht. Wie zum Beispiel in „Begone Dull Care“. Man sieht die verschiedenen Figuren auftauchen und man kann sich vorstellen, wie er sich denkt „Daraus entsteht diese Figur und daraus diese“. Das hat mir immer imponiert und das wollte ich auch in unserer Musik rüberbringen. Deswegen sind die Songs so lang, damit die Leute erkennen, aus welchem Gedankengang der jeweilige Song entstanden ist. Man kann mit uns im Studio sitzen und hören wie ein Song entsteht.
Crazewire: Ihr habt in letzter Zeit auch viel in die elektronische Richtung gemacht, wie zum Beispiel Remixe und DJ-Sets. Überraschend finde ich aber, dass auf euren Sound dieser Technoeinfluss eher weniger wird als mehr.
Jeremy: Wir wussten von Anfang an, dass wir vor allem eins nicht machen wollen, nämlich Techno mit Gesang. Es gibt Bands, die das machen und Musik, die ich gehört hab, aber das gefällt mir nicht. Das war nie, worum es ging bei uns. Wir haben uns selbst eigentlich immer als Pop-Band definiert, im Sinne wie wir arbeiten und was dabei am Ende entsteht. Dabei sind wir aufgewachsen mit Dance-Musik und es ist der größte musikalische Einfluss auf unsere Arbeit. Wir können uns aber nicht als Dance-Band definieren und wir halten uns auch selbst für keine, wir nehmen sie nur als Einfluss.
Crazewire: Es gab ja auch ein paar wirklich großartige Remixe von eurem letzten Album. Vor allem die Remixe von Hot Chip und Carl Craig haben es mir sehr angetan. Wie kam es zu dieser Konstellation?
Jeremy: Ich hab Carl angerufen und meinte „Hey Carl...“ (lacht. Anm. d. Verf.). Nein, Spaß beiseite. Ich weiß gar nicht mehr genau wie das zustande gekommen ist. Ich glaube, damals hat unser Label uns nach einer Liste mit unseren persönlichen Helden gefragt und von wem wir uns einen Remix vorstellen könnten. Carl Craig war auf dieser Liste weit oben und wir haben uns sehr darüber gefreut, dass es funktioniert hat. Aber das war sicherlich nicht immer der gleiche Ablauf, denn Hot Chip haben einen Remix angefertigt, weil wir mit ihnen auf Tour waren.
Crazewire: Gerade weil ihr herausragende Produzenten seid: Planst du schon als Produzent für andere tätig zu sein?
Jeremy: Das ist gerade meine Hauptaufgabe, an der ich arbeite und die ich weiterverfolgen möchte. Das liegt daran, dass ich es nun schon paar Mal gemacht habe und ich es sehr genossen habe. Es sieht danach aus, dass ich das neue Caribou-Album teilweise produzieren werde. Außerdem arbeite ich mit einem Kanadischen Rapper zusammen und es gibt noch ein paar vage Angebote, über die ich noch nicht reden sollte. Ich mag es wirklich gern, mit anderen Menschen zusammen an deren Musik zu arbeiten.
Crazewire: Caribou hat ja eine ähnliche Konstellation wie ihr bei Junior Boys. Auch er nimmt eigentlich ein reines Studio-Album auf und bringt es erst im zweiten Schritt auf die Bühne.
Jeremy: Ja, das stimmt. Darauf freu ich mich besonders, um Dinge von Leuten zu lernen, die ähnliche oder andere Ansatze haben wie wir. Jedes Mal wenn ich mit jemand anders arbeite, lern ich etwas dazu, dass ich dann für unsere späteren Lieder benutzen kann. Zum Beispiel hab ich vor kurzem mit Morgan Geist an seinem neuen Album gearbeitet, kurz bevor wir mit den Aufnahmen zu „Begone Dull Care“ begonnen haben. Ich habe viele Erfahrungen mitgenommen von dieser Arbeit und sie dann eingesetzt bei unserem neuen Album. Das hat mir sehr viel Spaß gemacht. Ich kann in fast jeder Musik etwas finden was ich mag, speichere es ab und dann finde ich einen Weg, es unauffällig zu klauen (lacht, Anm. d. Verf.).
Crazewire: Danke für das Gespräch, Jeremy.