DETAILS

Interpret:
Jape

Titel:
Irish Irony

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Autor:
Michael Weber
Köln, 26.08.2008

INTERVIEWS

Jape - Irish Irony

Jape - Irish Irony

Kennt noch jemand „One Punch Mickey“ aus Guy Ritchies „Snatch“? Der von Brad Pitt dargestellte Gypsy, der unentwegt irgendwelches Kauderwelsch verzapft, weil er in einem ganz eigenen Singsang zwischen britischem und irischem Englisch pendelt, sorgte schon im Film für gespitzte Ohren. Jetzt sitze ich vor Japes Alter Ego Richie Egan und habe meine Mühe, ihm in seinem angeregten Sprachfluss zu folgen. Jape mag kein Gypsy sein, noch spricht er Pikey, aber er scheint alles, was ihm in den Sinn kommt, mit Höchstgeschwindigkeit auf eine ganz charmante Art und Weise zu erzählen. Von Erschöpfung einer anstrengenden Autofahrt mit längeren Staus kann bei ihm nicht die Rede sein. Hektik, Trubel und Stress scheinen bei ihm wie ein Akzelerator zu wirken.

Crazewire: Was sagst du zum Melt!-Festival? Was magst du an diesem Festival?

Richie Egan: Es ist mein erstes Mal hier und von daher bin ich doch von den großen Metall-Skulpturen beeindruckt, die hier rumstehen. Es sieht nach einem guten Festival aus, das nicht so matschig ist. Das Line-Up ist super. Hier gibt es eine Menge gute elektronische Musik und Künstler, also muss man sich darum schon mal keine Sorgen machen. Die Tatsache, dass die Bands hier bis sieben Uhr morgens oder sogar noch länger spielen, macht es noch besser. Wir spielen um elf Uhr heute Abend und danach haben wir noch acht Stunden Zeit, um die Musik hier zu genießen. Das wird bestimmt gut.

Crazewire: Ein normales Festival ist das Melt! irgendwie nicht. Neben dem außergewöhnlichen Austragungsort haben die Bands hier, wie du schon sagtest, ihren Auftritt spät in der Nacht oder früh am Morgen. Was sagst du zu solch späten Konzerten?

Richie Egan: Das kommt immer ganz darauf an, wie die Leute drauf sind. Manchmal ist es gut, früh zu beginnen, weil du dann mehr Energie hast. Aber bei einem Festival wie diesem, wo es elektronische Musik gibt, finden die Leute Energie an den unterschiedlichsten Orten und sie werden für diese Art von Musik bis spät in die Nacht wach bleiben. Das ist schon gut so. Wir spielten im Tape (ein Club in Berlin, Anm. d. Red.) und haben dort früher angefangen zu spielen, aber es war ein cooler Gig.

Crazewire: Das Melt! gehört wohl mit zu den besten Festivals in Deutschland, das durch sowohl durch das Line-Up als auch durch die besondere Kulisse hervorsticht. Wie würde dein persönliches Festival aussehen? Welche Bands würdest du einladen?

Richie Egan: Wir spielten vor ein paar Wochen auf dem Glastonbury-Festival und das würde ich zu meinen liebsten Festivals zählen. Der Ort ist gut und du hast viele Krawall machende Bands. Vielleicht sollte mein Festival ein wenig aus Pop-Beats und Entertainment bestehen. Ich würde die Chromatics einladen, denn die möchte ich mal gerne live sehen. MGMT würde ich auch einladen. Die habe ich beim Glastonbury live gesehen und sie waren wirklich wahnsinnig gut. Ellen Allien als DJ wäre noch super. Oder… Das sind einfach zu viele, die ich dabei haben möchte.

Crazewire: Ellen Allien hat gestern hier gespielt.

Richie Egan: Und hast du sie gesehen?

Crazewire: Nein, zu der Zeit war ich bei Modeselektor. Die haben mit ihrem Live-Set für mich bis jetzt das beste auf dem Melt! dargeboten. Auch wenn es nur eine Stunde war. Wen wirst du dir denn nach deinem Konzert anschauen?

Richie Egan: Wir sind ja eben erst angekommen, aber wir werden wohl bis morgen bleiben. Von daher bleibt uns nicht allzu viel Zeit, um andere Künstler zu sehen. Aber ich will Efdemin, The Whitest Boy Alive und zum Tanzen Boys Noize sehen.

Crazewire: Lass uns über dein neues Album reden, das „Riutal“ betitelt ist. Brauchst du eine Art Ritual, um überhaupt Musik machen zu können?

Richie Egan: Ja, so etwas brauche ich. Bei mir sind es fantastische Prozessoren, die ich gleich zu Beginn brauche, um den Song zu schreiben und später auszuarbeiten und zu mixen. Da gibt es aber noch viele Rituale, die ich benötige, um einen Song zu machen. Für mich als Musiker sind es auch Menschen, die dich in einem Zyklus halten und dich anspornen, weiter zu machen. Dadurch behält man sein Ziel im Auge.

Crazewire: Ich habe gelesen, dass du dich für ein paar Wochen mit einem großen Beutel Gras in ein Haus zurückgezogen hast, um dein erstes Album aufzunehmen.

Richie Egan: (lacht, Anm. d. Red.) Ja, das war für mein erstes Album, das ich geschrieben habe. Ich wollte damals einfach von der Stadt weg und auf´s Land. Mit meinem Beutel Gras. Das war ein wenig beängstigend, denn ich dachte, es wären Geister im Haus oder Ähnliches (lacht und macht gespenstische Geräusche, Anm. d. Red.). Ich dachte ich werde verrückt.

Crazewire: Dann lass mal besser die Finger von den Drogen (beide lachen, Anm. d. Verf.). Was inspiriert dich, um überhaupt ein Album wie „Ritual“ aufzunehmen?

Richie Egan: Oh, das weiß ich nicht so genau. Es gibt viele Inspirationsquellen um mich herum, die mir in meinem Leben sinnvoll erscheinen. Mein Umfeld, Menschen, die ich kenne und noch so viel mehr. Ich komme ja eigentlich aus einer solideren Songwriter-Ecke und habe damals zusätzlich ein paar elektronische Einflüsse erfahren.

Crazewire: Eines deiner Alben heißt „The Monkeys In The Zoo Have More Fun Than Me“, was wirklich ironisch klingt. Auf deinem neuen Album bewahrst du dir diese Art der Ironie mit Textzeilen wie „A better dancer yo never gonna find / My dick is long I hope that you don´t mind.“ Ist dir das wichtig?

Richie Egan: Ja, die Leute denken tatsächlich, dass diese Textzeile ernst gemeint ist, was aber totaler Unsinn ist, denn du hast natürlich recht, es ist einfach nur Ironie. Ich habe meinen Spaß daran, ein wenig Humor oder Ironie in meine Texte zu bringen. Vielen Leuten gefällt das wiederum nicht. Aber wenn man neben den ganzen seriösen Texten auch ein paar humorvolle Zeilen dabei hat, wirkt das ganz etwas ausbalancierter. So bin ich nun mal, das ist für mich nur eine Art, mich selber darzustellen und auszudrücken.

Crazewire: Man kann sagen, dass „Ritual“ nicht wirklich ein „typisch irisches“ Album geworden ist. Wie haben die Leute in Irland damals und heute auf deine Songs reagiert?

Richie Egan: Mein erstes Album hat wirklich fürchterlich beschissene Rezensionen abbekommen, so nach dem Motto: „Lies an einem anderen Artikel weiter.“ Beim zweiten lief es schon etwas besser. Mein neues Album ist dann richtig gut gestartet und hat überwiegend gute Kritiken bekommen. 5 von 5 oder 4 von 5, nichts, das wirklich weit darunter lag. Das ist schon ziemlich cool, da es ja noch immer kein „typisches“ Album ist. Irland hat so viele Typen mit akustischen Gitarren, Singer/Songwriter usw. Irgendwie ist das schon ziemlich langweilig. Musik hat ein so weites Spektrum, in dem du so viele Sachen machen kannst, warum also nicht auch so etwas. Es ist ein Weg von vielen und vielleicht werde ich irgendwann etwas machen, das „typisch“ ist. Aber wir werden sehen, was passiert.

Crazewire: Glaubst du, dass sich die irische Musik-Szene mit deiner Art von Musik noch weiter entwickeln oder verändern kann?

Richie Egan: Ja, definitiv. Aber das liegt dann nicht an mir, denn in Dublin gibt es eine Menge Leute, die für sich alleine arbeiten und so etwas machen. Jeder will seiner Musik eine ganz eigene Stimme verleihen. Vielleicht wird man in den nächsten Jahren viel mehr von diesen Leuten aus Irland zu hören bekommen. Das Internet macht es alles viel einfacher.

Crazewire: MySpace und all den anderen Web 2.0 Plattformen sei Dank.

Richie Egan: Als ich klein war, musste ich noch in die richtigen Läden gehen, um die Musik zu kaufen, die ich haben wollte. Heutzutage sieht es etwas anders aus. Wenn man etwas hören möchte, dann sucht man danach, klickt es an, hört es sich an und/oder lädt es sich runter. Was ja auch großartig ist. Als 16-Jähriger in Irland kannst du dir jetzt den ganzen heißen Scheiß aus Dublin anhören. Egal was es ist.

Crazewire: Ja, aber der Tatsache, sich jetzt alles anhören zu können, geht etwas voraus: P2P, Bittorrent oder Upload-Services wie Rapidshare, die dazu beitragen, dass Musik illegal verbreitet wird. Wie stehst du dazu?

Richie Egan: Das ist schon irgendwie beschissen und gut zugleich. Beschissen in der Weise, dass du kaum etwas von deiner Musik verkauft bekommst, weil sie von ca. 75% der Leute illegal runtergeladen wird. Aber das Gute daran ist, dass die Leute deine Musik überhaupt kennen. Ich finde das schon ziemlich cool, obwohl die Medaille zwei Seiten hat. So kommen die Leute wenigstens zu deinen Konzerten. Es hat sich halt geändert, aber was willst du dagegen machen. Jeder lädt runter. Das Thema ist sehr kompliziert, aber am Ende geht es lediglich um Informationen und deren Beschaffung und das sollte immer kostenlos sein.

Crazewire: Anderes Thema: Könntest du dir vorstellen, Remixes für andere Künstler zu machen oder selber geremixt zu werden?

Richie Egan: Ja, auf jeden Fall. Ich wurde schon ein paar Mal geremixt. Prins Thomas hat zum Beispiel „Floating“ geremixt und wird jetzt ein paar meiner Tracks bearbeiten. Momentan werde ich wohl ein paar irische Bands remixen, dazu kommen aber auch die Kanadier Stars. In so etwas bin ich eben auch vertieft und habe es auch schon öfter gemacht. Man kann eine Menge vom Produzieren und Remixen lernen. Wenn man die Dateien hat, sieht man auch, wie die Bands den Song aufgenommen haben. Es ist eine Erfahrung, bei der man sehr viel lernt und auch noch seinen Spaß dabei hat.

Crazewire: Deine musikalische Entwicklung begann in diversen Hardcore-Bands, wie z.B. The Redneck Manifesto. Als Jape arbeitest du alleine. Wie fühlst du dich dabei? Vermisst du nicht deine Band-Mitglieder?

Richie Egan: Ich habe die Band The Redneck Manifesto ja nie verlassen. Wir spielen noch immer gemeinsam und bilden so etwas wie eine Basisdemokratie. Außerdem habe ich live als Jape auch noch meine Band, die aus zwei weiteren Mitgliedern besteht. Du brauchst andere Leute, denn sonst wird es hart, alles alleine zu bedienen. Ich für meinen Teil brauche den menschlichen Kontakt.

Crazewire: Ja, aber dein Album hast du schon alleine aufgenommen.

Richie Egan: Aufgenommen habe ich es alleine, das stimmt. Es hat drei Jahre gedauert, bis ich damit fertig war. Ich habe mir selber beigebracht, die ganze Technologie zu bedienen und zu managen. Und im Nachhinein bin ich sehr froh darüber, denn so habe ich ein breites Wissen von der ganzen Materie angehäuft. Ich kann jetzt zum Beispiel auch Remixes machen.

Crazewire: Vielen Dank für das Interview.


Jape - I Was A Man from Matthew & Emelie on Vimeo.


 

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