Inpterpret:
James Yuill
Titel:
Spielt Gitarre über Justice
Autor:
Kai Töpel
Dresden, 24.08.2009
Obwohl „Turning Down Water For Air“ bereits James Yuills zweites Album ist, blieb er bis zur Veröffentlichung für die meisten ein unbeschriebenes Blatt. Zumeist tourte er nachts nur mit seiner Gitarre durch Londoner Pubs und suchte tagsüber für eine Werbefirma Lieder raus, die sie in ihren Werbeclips benutzten. Nichts wies daraufhin, dass James Yuill jemals aus diesem Kreislauf herausbrechen sollte, bis dann die Plattenfirma MoshiMoshi sein Potenzial erkannte und er mit seinem Laptop, gefüllt mit Beats und Sounds, eben dieses „Turning Down Water For Air“ veröffentlichte.
Crazewire: Wie geht es dir? Was hast du die letzten Tage gemacht?
James Yuill: Ich bin grad aus London gekommen. Da ich am Anfang des Jahres auf Tour war, hab ich jetzt ein wenig Ruhe, außer ein paar einzelne Festivals, die ich spielen werde.
Crazewire: Hast du vor, dich hier beim Melt! auch ein wenig umzusehen?
James Yuill: Ja, klar. Ich bleibe extra bis morgen und werde ein wenig von der Atmosphäre hier mitnehmen. Außerdem möchte ich unbedingt Simian Mobile Disco, MSTRKRFT und Deadmau5 sehen. Deadmau5 hab ich vor kurzem beim Sasquatch Festival gesehen, dass war wirklich unglaublich. Morgen möchte ich vor allem Phoenix und Boys Noize sehen.
Crazewire: Lass uns ein wenig über dein Album reden: Der erste Song beginnt mit einer akustischen Gitarre und dann setzt mehr und mehr der Beat und Synthesizer ein. Ist die Gitarre bei dir auch meist der Anfangspunkt jedes Songs?
James Yuill: Ja, so ist der Ablauf meistens. Ich schreibe den Song auf der Gitarre und nehme ihn mit meinem Computer auf. Von da beginne ich dann, rumzuexperimentieren mit Beats und verschiedenen Sounds, bis der fertige Song dabei entsteht. In letzter Zeit versuche ich aber auch öfters am Computer anzufangen, von dort einen Loop zu nehmen und dann erst die Gitarre mit einzusetzen.
Crazewire: Wann hast du entschieden, nicht einfach nur Folk zu spielen, sondern mit elektronischen Beats die Songs zu versetzen?
James Yuill: Als ich mein erstes Album gemacht habe, hab ich nur mit meiner Gitarre durch die Clubs in London getourt. Es wurde mir auf Dauer aber zu langweilig und ich wollte wirklich das umsetzen, was auf dem Album zu hören ist. Deshalb fing ich an, auf der Bühne mehr und mehr mit meinem Laptop zu arbeiten. Zwar waren die meistens Beats und Synthesizer-Sounds einfach nur im Playback, aber durch Keyboards und Controller konnte ich bald viel besser auf das Publikum eingehen. Das hat mich immer mehr in die elektronische Richtung gebracht, obwohl mir der Song an sich weiterhin wichtig ist. In diese Richtung möchte ich noch weiter experimentieren.
Crazewire: Fast jeder Künstler der Folk mit elektronischen Beats mischt, muss sich schnell mit Vergleichen wie mit Tunng oder Postal Service rumschlagen, die unter das Genre Electronica gezählt werden. Stört dich das persönlich oder ist das vielleicht sogar ein Vorteil?
James Yuill: Es stört mich nicht wirklich, weil ich diese Bands liebe. Trotzdem bin ich nicht der Meinung, dass meine Musik so ähnlich ist, wie viele meinen. Wenn mich Leute live sehen bemerken sie schnell, dass meine Musik um einiges härter ist. Sie geht weitaus mehr in Richtung House. Aber es stimmt natürlich, dass der akustische Teil sehr in Richtung Postal Service oder Nick Drake geht.
Crazewire: Ist es dabei schwierig für dich alleine auf der Bühne deine Songs umzusetzen?
James Yuill: Ich versuche auf der Bühne so viel wie möglich selbst zu machen, aber natürlich hat das seine Grenzen. Gerade alles was in Richtung Synthesizer geht, ist schwierig, weil ich meist ja gleichzeitig Gitarre spiele. Das ist aber ein Ziel für die Zukunft, daran noch weiter zuarbeiten.
Crazewire: Wäre es dann nicht eine Möglichkeit, weitere Musiker auf eine Tour mitzunehmen?
James Yuill: Ja, da denke ich in letzter Zeit öfter drüber nach. Zu Anfang war das für mich gar keine Option, weil ich alles unter Kontrolle haben wollte. Ich wollte eine Live Show, die so aussieht, als ob ein Typ gerade Gitarre über Justice spielen würde. Ich denke aber für die Zukunft wäre in meiner Musik Potenzial für einen Drummer und einen Keyboarder.
Crazewire: Anders als viele aktuelle Künstler nennst du vor allem auch viele temporäre Bands und DJs als deinen Einfluss.
James Yuill: Meine Einflüsse kommen aus ganz unterschiedlichen Richtungen. Ich habe früher die Musikauswahl für eine Werbefirma geleitet und dadurch unglaublich viel Musik aus ganz unterschiedlichen Zeiten in die Finger bekommen. Deswegen denke ich, in meiner Musik kann man viel 60er und 70er Einflüsse hören, unterlegt mit Einflüssen aus aktuellen Produktionen wie halt Justice, Boys Noize und Simian Mobile Disco. Die 80er stecken bestimmt auch noch drin, ich liebe meine Platten aus dern 80ern.
Crazewire: Was genau meinst du mit deinem Albumtitel „Turning Down Water For Air“?
James Yuill: Dabei geht es darum, etwas Lebenswichtiges aufzugeben für etwas anderes Lebenswichtiges. Also eine schwere Entscheidung zu fällen, obwohl du bereits weißt, dass es ein harter Verlust sein wird.
Crazewire: Hat das einen persönlichen Bezug für dich, wie zum Beispiel, dass du dein altes Leben mit deinem festen Job aufgeben musstest, um der Musik professionell nachzugehen?
James Yuill: Das könnte man schon so sehen. Zu der Zeit war ich in einer Beziehung, ich wollte der Musik nachgehen und hatte einen festen Job. Ich hatte dann einfach das Gefühl, die einzige richtige Entscheidung ist, alles aufzugeben, damit ich mich der Musik verschreiben konnte.
Crazewire: Wie du bereits erzählt hast, hast du früher für eine Werbefirma gearbeitet und für die Musik ausgewählt. Wie stehst du persönlich dazu, Musik für Werbung zu schreiben?
James Yuill: Ich glaube selbst Musik zu schreiben wäre nicht mein Ding, aber Musik für Werbung zu lizenzieren ist so ungefähr die letzter Art als Musiker ohne Auftritte noch Geld zu verdienen. Mich würde es deswegen nicht stören, wenn Lieder von mir für eine Werbekampagne genutzt werden, solang es nicht irgendetwas ganz schreckliches ist. Ich halte aber nichts davon, bekannte Songs abzuändern und sie zu Werbejingles zu machen. Außerdem bin ich auch kein Freund davon, die Vocal Versionen der Lieder in der Werbung zu benutzen und würde eher instrumentale Lieder bevorzugen. Ganz einfach, weil die Texte für mich sehr persönlich sind und bestimmt für die Leute, die meine CD mögen. Wenn dieser persönliche Text dann für etwas anderes benutzt wird, wäre das nicht richtig.
Crazewire: Was ist denn als Experte dein persönliches Lieblingswerbelied?
James Yuill: Ganz klar das Lied zur Gillette Werbung. Die ist einfach unglaublich eingängig: „The best, the best a man can get" (singt, Anm. d. Verf.).
Crazewire: Deine Texte sind meist recht einfach und direkt. Ist das für dich wichtig?
James Yuill: Ich muss zugeben, ich verbringe nicht viel Zeit damit, Texte zu schreiben. Deswegen bedeuten sie mir teilweise etwas, teilweise passen sie aber einfach nur gut zur Musik und fügen sich in das Metrum ein. Ich bin ein größerer Fan von guten Gesangsmelodien als von tiefgehenden Texten. Aber vielleicht bin ich auch einfach noch nicht gut genug im Schreiben der Texte, um durchgehend beides hinzukriegen.
Crazewire: Also gibt es gar kein „Left Handed Girl“?
James Yuill: Das wiederum ist wahr, denn ich kenne viele Frauen, die mir wichtig waren, die Linkshänder sind. Alles andere bedeutet nichts, aber die Strophe schon.
Crazewire: Wie beurteilst du die Rolle der zahlreichen Musik-Blogs, durch die du auch bekannt wurdest und deine Remixe veröffentlichen?
James Yuill: Ich bin ein großer Freund von Blogs und würde auch gerne mehr Musik darüber veröffentlichen. Ich denke, es ist eine gute Art neue Musik und vor allem tolle Remixe kennenzulernen. Ich denke aber, die Idee könnte noch verbessert werden. So könnte man mit einem kleinen Button für Spenden auf den Seiten die Künstler direkt unterstützen, wenn man es denn möchte.
Crazewire: Hast du den Kontakt zu deinem Label auch durch das Internet gehabt oder wie lief das bei dir ab?
James Yuill: Das ist eine ganz lustige Geschichte. Ich habe in England ein paar CDs rumgeschickt und kurz danach hat mich der Chef von Moshi Moshi dann Live gesehen hat, um herauszufinden, ob sie mich unter Vertrag nehmen wollen oder nicht. Ich habe aber ein fürchterliches Konzert gespielt, sodass sie kurz nach der Show gar nicht angetan waren. Ein paar Wochen später war ich dann beim SXSW in Austin und habe wild zu Boys Noize getanzt in einem kleinen Garten. Als ich links zu mir rüber sah, bemerkte ich den Typen von Moshi, der genau das selbe tat wie ich. Genau am Tag nachdem wir wieder in London waren, meinte er dann zu mir: „Lass uns das Album machen“. Er hat wahrscheinlich gemerkt, wie groß meine Liebe für House ist, oder wie gut meine Tanzmoves (lacht, Anm. d. Verf.).
Crazewire: Und morgen spielt wieder Boys Noize.
James Yuill: Ja genau, da werde ich wieder genau das selbe machen. Mal sehen was diesmal passiert.