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Jónsi - Grow Till Tall

Jónsi - Grow Till Tall

Sigur Rós machen Baby-Pause - bis auf Sänger Jónsi. Als der Rest der Band damit beschäftigt war, Windeln zu wechseln und Fläschchen zu geben, nahm Jónsi Birgisson zwei Alben auf und tourt nun mit seinem Freund Alex Somers und einer neuen Band durch die Welt. Crazewire traf den Paradiesvogel vor seinem Konzert in Köln und sprach mit ihm über sein aktuelles Album „Go“, Politik, Island, Kaffee und Sigur Rós.

Interviews mit der Band Sigur Rós gelten als selten und berüchtigt. Viele Journalisten haben sich schon die Zähne daran ausgebissen, mehr als einsilbige Antworten aus den vier Isländern herauszubekommen. Dabei kann man die keinesfalls bösartige Verweigerung der Band verstehen, die nicht Teil des großen Werbeapparats sein wollte. Offensichtlich sieht das Sänger Jónsi mittlerweile etwas gelassener. Mit seinem Solodebüt steht er erstmalig alleine im Rampenlicht. Als er zum Interview erscheint, wirkt er ausserordentlich aufgeschlossen und interessiert. Wir fragen uns, wie es zu diesem Wandel kam. „Wir alle hatten anfangs mit Sigur Rós viele Prinzipien, nach denen wir uns richteten“, erklärt uns Jónsi mit heiterer Miene. „Mittlerweile bin ich alt und faul, meine Prinzipien habe ich vor langer Zeit über Bord geworfen.“ Dann schaut er zunächst ernst zu Boden, wartet einen kleinen Moment ab und fängt plötzlich an zu lachen: „Das war natürlich ein Scherz. Prinzipien zu haben, ist ziemlich cool. Aber es stimmt auch, dass ich die Dinge nicht mehr ganz so ernst nehme, wie früher. Wir haben uns in der Tat anfangs mit Sigur Rós sehr ernst genommen. Dann hieß es immer: Das machen wir nicht und das machen wir erst recht nicht! Heute ist das alles etwas gelassener.“

2002 sorgte die Band für Verwirrung, als sie ein Album ohne Titel veröffentlichte. Auf dem Cover ist eine offene und eine geschlossene Klammer zu erkennen, dazwischen Leere. Auch die Songs blieben ohne Namen und ohne Inhalt: Jónsi sang in einer Fantasiesprache - Hopeländisch. „Das Wort Hopeländisch ist bloß eine Erfindung irgend eines Journalisten. In Wirklichkeit ist es Bullshit, den Sänger manchmal tun, wenn sie eine Melodie suchen, aber noch keinen Text geschrieben haben. Es sind Klänge die aus deinem Mund kommen, keine Wörter. Das ist alles.“

Im Jahr 2008 veröffentlichten Sigur Rós ihr letztes Album, „Með Suð Í Eyrum Við Spilum Endalaust“, was auf isländisch soviel bedeutet wie: „Mit einem Summen in unseren Ohren spielen wir endlos weiter“. Auf dem Album wagte sich Jónsi zum ersten Mal an die englische Sprache und sang den letzten Song ausnahmsweise nicht auf Isländisch. Sein aktuelles Solo-Album hat sogar einen englischen Titel: „Go“. „Auf diesem Album singe ich ungefähr zu siebzig Prozent auf Englisch, der Rest der Songs ist isländisch. Kein Hopeländisch mehr. Es ist eine große Herausforderung für mich, auf Englisch zu schreiben. Vorher habe ich das nie gemacht. Mit meinem Freund spreche ich nur Englisch, da er Amerikaner ist und auch auf Tour spreche ich sowieso mehr Englisch als Isländisch. Es ist schön, Texte und Bilder in die Musik einzubinden, die jeder versteht. Es gefällt mir andererseits auch sehr, in einer Sprache zu singen, die 99,9 Prozent der Weltbevölkerung nicht versteht, sei es Isländisch oder Hopeländisch, weil die Leute dem Lied ihre eigene Bedeutung geben müssen.“

Sigur Rós gelten heute als Islands größte Künstler, neben Björk. Jónsi weist stets bescheiden darauf hin, dass lediglich 300.000 Menschen auf Island leben und es daher nicht schwer ist, dort berühmt zu werden. „Es ist so ein kleines Land, eine kleine Insel. Ich wohne in Reykjavík, der größten Stadt Islands, wo aber nur 200.000 Menschen leben. Die Hauptstadt ist ein Dorfnest, nicht zu vergleichen mit Berlin oder Köln. Dennoch ist die kreative Szene dort sehr groß. Vielleicht weil es im Winter sehr lange dunkel wird, dann schreiben alle Songs und malen, um nicht depressiv zu werden.“

Reykjavík hat ausserdem seit Juni einen neuen Bürgermeister, der keinen Anlass zur Depression gibt. Der Komiker Jón Gnarr hielt mit seiner Spaßpartei Besti Flokkurinn, der „besten Partei“ Einzug ins Raðhus und regiert nunmehr zwei Drittel der isländischen Bevölkerung. Der Wahlsieg der Spaßpartei galt als Protest gegen die Verantwortlichen der Finanzkrise, welche für Island katastrophale Folgen hatte. Im Wahlkampf machte Gnarr dem isländischen Volk absurde Versprechen, beispielsweise einen Eisbären für den Zoo von Reykjavík. „Ich denke nicht, dass die Partei ihre Versprechen halten wird", klärt uns Jónsi auf, „immerhin haben sie das schon im Vorfeld eingeräumt, was ziemlich cool ist.“ In einem stillen Memento Mori fügte er hinzu: „Das Leben ist zu kurz für Politik. Du lebst, machst ein paar Sachen und schon bist du tot. Deswegen sollte man die Zeit, die man hat, damit verbringen was einem Spaß macht und einen interessiert. Für die Politik braucht man viel Zeit und Energie. Die möchte ich anders nutzen.“

Als Dankeschön an ihre Heimat gaben Sigur Rós 2006 eine Reihe unangekündigter, kostenloser Konzerte im isländischen Umland. Die schönsten Szenen der Tour wurden zu einem Heimatfilm zusammengeschnitten - „Heima“. Spätestens seit dem galten die sphärischen Klänge von Sigur Rós als Aushängeschild der isländischen Musikszene. Moskau hat seine Matrjoschkas und in Reykjavík findet man die Diskographie von Sigur Rós in den Souvenirläden. Die internationale Presse rezipiert die Band fast ausschließlich in Verbindung mit den klassischen Islandklischees. „Natürlich hat es uns eine Zeit lang sehr gestört, dass wir immer die selben Fragen beantworten mussten: Welchen Einfluss hat die Landschaft Islands auf eure Musik und was ist mit den Elfen? Das kann sehr ermüdend sein. In letzter Zeit habe ich nichtmehr so viele Fragen zur Landschaft bekommen. Ich hoffe, dass es langsam vorbei ist.“

Wenn man sich ernsthaft mit der Musik des Ausnahmekünstlers beschäftigt hat, kommen auch keine Fragen mehr zu Elfen und Kobolden auf. „Go“ ist Jónsis erstes Soloalbum, obwohl er unter dem Pseudonym „Frakkur“ schon seit langem eigene Wege geht und zuvor das Ambientalbum „Riceboy Sleeps“ mit seinem Lebensgefährten, dem amerikanischen Künstler Alex Somers veröffentlichte. Ein Leitmotiv auf „Go“ ist die Natur und so wird es erlaubt sein, eine Parallele von den unvereinbar antagonistischen Emotionen des Albums zur Natur Islands zu ziehen: Musik wie Feuer und Eis. „Das neue Album ist etwas schizophren. Ich habe die Lieder über zehn bis fünfzehn Jahre hinweg auf akustischen Instrumenten wie Gitarre, Harmonium und Ukulele geschrieben. Es sollte erst ein Low-Fi Album werden, aber dann kam Nico Muhly mit den Arrangements und alles ist explodiert. Nichts, was auf dem Album zu hören ist, war so geplant. Es war ein Unfall mit viel Spontanität und Zufällen. Mir gefällt, was dabei entstanden ist.“ Dass man zwischen den Liedern kaum Zeit hat, sich von den intensiven Gefühlen zu erholen, kommentierte Jónsi wie folgt: „Ich bin ein emotionaler Mann, eine Drama Queen.“

Wenn man Jónsi dazu nötigen würde, ein politisches Statement zu machen, dann wäre das wahrscheinlich: „Esst bewusster!“ Seit nunmehr einem Jahr macht er mit seinem Freund Alex Somers eine Rohkostdiät. Während unseres Gespräches nippt er immer mal wieder an seinem kakaoartigen Drink, den er mit der Professionalität eines indischen Yogis in der Hand schwenkt. Wie er uns später erklärt, handelt es sich um rohe Kakaobohnen, die seinem Körper besondere Energiereserven entlocken. Rezepte für Interessenten der rohen Küche sind auf der Homepage seines zweiten Projektes „Riceboy Sleeps“ zu finden. „Es geht darum, in der Welt so wenig Schaden wie möglich anzurichten, zum Beispiel dass man keine Tiere tötet. Die Diät ist sehr naturfreundlich und ein guter Treibstoff für meinen Körper.“ Dass wir ausgerechnet einem „Berufs-Rohkostler“ (H. Hesse, Anm. d. Verf.) eine Freude mit einer Kölner Kaffeespezialität bereiten wollten, birgt eine gewisse tragische Komik. Veranlasst durch ein veraltetes Statement, im Studio werde den ganzen Tag Hardcore-Kaffee getrunken, brachten wir ein Päckchen vollendet veredelten Röstkaffee mit. Jónsi nahm das Geschenk dennoch höflich an und erklärte, dass der Geruch ja sowieso das Beste am Kaffee sei.

Video: Jónsi und der verbotene Kaffee

Crazewire meets Jónsi from Crazewire on Vimeo.


 

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