Holmes - Das uneheliche Kind von Johnny Cash und Wu-Tang Clan
Auf der Suche nach Musik von der schwedischen Band Holmes stößt man unweigerlich auf die Romanfigur Sherlock Holmes von Arthur Conan Doyle. Dessen investigative Dienste waren bisher von Nöten, um in den Genuss des Albums ”So Far, So So und der EP “I Thought Of The Law” zu kommen. Mit der aktuellen Europa-Tour, die euch Crazewire präsentiert, soll sich das schleunigst ändern. Die Beweislast ist ohnehin erdrückend. Watson, ich kombiniere: Wunderschön verträumter Alt. Country, der sich genau zur richtigen Jahreszeit ankündigt.
Crazewire: Holmes, ihr seid aus Schweden – ein Land, das in der Vergangenheit viel Aufmerksamkeit genossen hat. Haben es zeitgenössische Künstler wie Jens Lekman, Pelle Carlberg und Moneybrother oder ihr selbst leichter, beim Publikum Gefallen zu finden, als vor der Popularisierung schwedischer Pop-Musik durch The Hives und Shout Out Louds?Johan Björklund: Ja, wahrscheinlich. Ob zum Guten oder zum Schlechten, es scheint, als wäre es einfacher geworden für schwedische Bands auf Tour zu gehen und Aufmerksamkeit im Ausland zu bekommen. Die Qualität der Musik unterscheidet sich natürlich sehr, aber im Allgemeinen würde ich schon sagen, dass der Standard ziemlich hoch ist.
Crazewire: Wenn man sich euren Werdegang ansieht, könnte man eher das Gegenteil denken. Empfindet ihr es als ungerecht, dass euch erst jetzt ein steigendes Interesse an eurer Musik entgegengebracht wird?Johan Björklund: Nicht im geringsten. Wie hatten nie die Absicht, daraus eine große Sache zu machen, deshalb bin ich froh darüber, dass sich die Dinge so langsam entwickelt haben. Die wirtschaftliche Seite der Musikbranche mochte ich nie so wirklich, sie ist irgendwie angsteinflößend. Es wäre schön, wenn wir uns auf demselben Weg weiter entwickeln und Stück für Stück mehr Zuspruch bekommen könnten.
Crazewire: Eure Musik wird durchweg als warm und zart beschrieben. Sind das die Art von Eindrücken, die ihr hervorrufen wollt?Johan Björklund: Nicht absichtlich. Ich denke, das ist einfach die Art, wie unsere Musik klingt, wenn wir als Band zusammen spielen. Die Menschen sollen sich wohl fühlen, wenn sie uns zuhören – das wäre einer der Eindrücke, die ich gerne hervorrufen würde.
Crazewire: Woher kommen die zahlreichen Country-Einflüsse auf euren Platten? Ist das eine bewußte Entscheidung gewesen oder hat sich das aus eurer musikalischen Sozialisation ergeben?Johan Björklund: Das könnte man denken. Selbstverständlich ist das ein Resultat daraus, das manche von uns Country-Musik gehört haben. Aber all unsere musikalischen Hintergründe haben Einfluß darauf genommen und manchmal fühlt es sich einfach natürlicher an, Musik in einer bestimmten Art und Weise innerhalb einer bestimmten Gruppe von Menschen zu machen. Wenn es nur um unsere musikalische Sozialisation gehen würde, dann klängen wir wie das uneheliche Kind von Dark Funeral, Wu-Tang Clan, Johnny Cash und Unbroken. (lacht,
Anm. d. Verf.)
Crazewire: Im Oktober erscheint euer neues Album “Wolfes” im Handel. Werdet ihr wieder auf dem kleinen schwedischen Label “Hälerie” innerhalb der Landesgrenzen veröffentlichen oder versucht ihr, euch ein breiteres Publikum zu erschließen?
Johan Björklund: Das neue Album wird auf dem schwedischem Label namens Black Star Foundation veröffentlicht, das etwas größer ist und einen besseren Vertrieb in Europa hat. Sie haben schon mit Bands wie Tiger Lou, The Book Of Daniel und Pg. Lost zusammengearbeitet. Hoffentlich können wir dadurch mehr Menschen als bisher erreichen.
Crazewire: Erzählt uns doch ein wenig über die Produktionsphase des neuen Albums. Eine Handvoll Songs stehen auf eurer MySpace-Präsenz bereit und sie klingen sehr vielversprechend.Johan Björklund: Wir haben das Album im Element Studio in Göteborg (Schweden) mit Olis Eriksson, der z.B. mit Björn Kleinhenz, Boy Omega und The Book Of Daniel zusammengearbeitet hat, und Martin Lundmark, der das Label Tender Version leitet und mit dem ich auch bei September Malevolence gespielt habe, aufgenommen. Das war unsere Chance, in einem wirklich fantastischen Studio Songs zu produzieren und zum ersten Mal hatten wir die Möglichkeit, alle wesentlichen Tracks live mitzuschneiden, um einen organischen Sound zu schaffen. Nachdem die grundlegenden Tracks fertig waren, haben wir über die folgenden Monate die weitere Instrumentierung und den Gesang hinzugefügt, so dass wir zwischendurch Zeit hatten, es auf uns wirken und sich selbst entwickeln zu lassen. Wir sind zufrieden mit dem Ergebnis und sobald du die Songs aufgenommen hast, ist es immer lustig herauszufinden, dass das Stück, das es zu Beginn fast nicht bis ins Studio geschafft hätte, zum Schluss eines der besten ist.
Crazewire: Was für eine Rolle spielt MySpace oder das Internet im Allgemeinen für euch als Band?Johan Björklund: Es spielt so eine große Rolle, dass ich mich nicht mehr erinnern kann, wie die Dinge vorher funktionert haben. Ich denke, dass die Möglichkeit, Musik und Videos zu streamen und alle anderen Formen von Medien einfacher zur Verfügung zu stellen, größenteils gut ist. Wenn das nicht möglich wäre, gäbe es bestimmt andere Wege und Möglichkeiten, aber so wie die Dinge jetzt stehen, ist es sehr wichtig für uns als Band.
Crazewire: In ein paar Tagen beginnt eure Tour durch Europa. Was sind eure Erwartungen?Johan Björklund: Bei jeder Tour erhoffe ich mir, dass sie zum Schluss ein bisschen besser wird als die vergangenen Touren. Es wird Höhe- und Tiefpunkte geben, aber im Großen und Ganzen werden wir eine unwahrscheinlich schöne Zeit haben.
Crazewire: Ihr werdet auch ein paar Konzerte in Deutschland spielen. Wart ihr vorher schon einmal hier und hat es euch gefallen?Johan Björklund: Auf unserer letzten Tour waren es nur zwei von ungefähr fünfundzwanzig Konzerten, aber davor waren wir zweimal in Deutschland und ich selbst war bereits mehrmals mit anderen Bands dort. Die Konzerte in Deutschland sind insgesamt großartig, ich verbinde damit etwas wie Sicherheit. Im Süden von Europa zu spielen ist in manchen Punkten risikoreicher, du weisst nie, was dich erwartet, aber in Deutschland ist es eigentlich auch genauso und das bedeutet im Klartext, dass es bestimmt toll wird. Das Schöne an diesem Land sind außerdem die großartigen Reformhäuser mit einer Vielzahl von veganischen Produkten, die wir in Schweden nicht bekommen. Hoffen wir, dass es eine schöne Woche in Deutschland wird, die mit zahlreichen Besuchen in Reformhäusern verbunden ist. (lacht,
Anm. d. Verf.)
Crazewire: Was ist das Beste am touren?Johan Björklund: Ich denke, wenn es darum geht in einer Band zu spielen, ist touren der beste Teil davon. Es ist die ganze Arbeit und Energie, die du investierst, wert. Und natürlich Freunde in anderen Städten zu treffen! Neue Menschen kennenlernen und Freundschaften schließen. Ich persönlich mag dieses andere Zeitgefühl, an das du dich schon nach ein paar Tagen auf Tour gewöhnst. Es ist schwer zu erklären und ich hasse es, wenn ich mich wie ein Hippie anhöre, aber es die Art und Weise, wie der Fluß der Zeit sich ändert, das hat einen beruhigenden Effekt auf mich. Außerdem mag ich, dass man Tausende von Kilometern fahren kann, ohne dass es sich weiter schlimm anfühlt - bei Distanzen, die man zu Hause normalerweise als viel zu lang empfindet.
Crazewire: Bitte nenne uns drei Alben, die ihr euch auf der Fahrt in eurem Tourbus anhören werdet.Johan Björklund: Neulich habe ich das aktuelle Album von Calexico bekommen und es ist unglaublich. Das ist auf jeden Fall ein Album, das ich mitnehmen werde. Es heißt “Carried To Dust”. Außerdem werde ich das aktuelle Album von Clipse namens “Hell Hath No Fury” mitbringen, von dem ich denke, dass es eines der besten HipHop-Alben ist, das in den vergangenen Jahren produziert wurde. Es ist wahrscheinlich das Album, das ich im letzten Jahr am häufigsten gehört habe. Es ist sehr düster und roh, aber aus irgendwelchen Gründen heitert es mich immer auf. Ein Album, das auch jedes Mal in den Holmes-Tourbus wandert, ist Wu-Tang Clans “Enter The Wu-Tang (36 Chambers)”. Ein Meisterwerk.
Crazewire. Vielen Dank für das Interview. Interview von:
Bastian Küllenberg & Tristan Klocke