Inpterpret:
Helgi Hrafn Jónsson
Titel:
Mandarinen und Klassik
Autor:
Dominik Knauf
Kropp, 02.11.2009
Helgi Jónsson ist hungrig. Hungrig in Flensburg. Noch eine Stunde bis zu seinem Auftritt als Support und Bandbegleitung der großartigen dänischen Sängerin Tina Dico und noch eine gute halbe Stunde, bis sich der örtliche Cateringservice angekündigt hat. Also noch genug Zeit, um flugs ein Interview mit Crazewire zu führen. Schwere Fragen auf leeren Magen. Keine gute Kombination - an sich. Doch Helgi Jónsson erweist sich als sympathischer Gesprächspartner. Mit derselben ansteckenden Natürlichkeit, mit der er später das Publikum im Sturm erobern und zum heimlichen Star des Abends werden wird, beantwortet er Fragen zu seiner Jugend auf Island, seinem neuen Album „For The Rest Of My Childhood“ und seinem Leben als Student der klassischen Musik in Österreich. Jonsson beantwortet die Fragen dabei in astreinem, perfektem Österreichisch. Das hätte man so nicht erwartet. Nicht die einzige Überraschung, mit der Jónsson aufwartet. Eine wichtige Rolle spielt hierbei eine Mandarine.
Crazewire: Du hast bereits mit sieben Jahren angefangen, Posaune zu spielen. Doch was ist deine erste Erinnerung in Verbindung mit Musik?
Helgi Jónsson: Das muss irgendwann einmal im Kindergarten gewesen sein, mit drei Jahren. Ich kann mich daran erinnern, dass ich damals immer Kopfhörer aufhatte. Im Kindergarten hatten sie einen Kassettenrekorder, über den man Kinderlieder hören konnte. Jeden Tag bin ich zu dem Kassettenrekorder gegangen und habe mir etwas angehört. Angeblich habe ich dabei auch mitgesungen.
Crazewire: Was waren das denn für Songs? Isländische Kinderlieder?
Helgi Jónsson: Das weiß ich nicht mehr, keine Ahnung. Eine weitere Kindheitserinnerung ist, dass auch zu Hause bei uns immer viel Musik gespielt wurde, auch wenn es nicht professionell betrieben wurde. Es sind zwar schon einige Musiker in der Familie, meine Onkel beispielsweise, doch ich bin da nie in diese Richtung gedrängt worden.
Crazewire: Wessen Idee war es denn, dass du Posaune lernen solltest? Kam das von deinen Eltern?
Helgi Jónsson: Bevor ich zur Posaune kam, hatte ich bereits zwei Jahre Blockflötenunterricht und vormusikalische Erziehung. Mit sieben Jahren durfte ich dann ein Instrument wählen. Meinen Bruder, der zwei Jahre älter ist, begleitete ich einmal zu seinen Proben. Dort haben mir dann vor allem die Posaunen gefallen. Aber keine Ahnung warum.
Crazewire: Es war also deine Wahl?
Helgi Jónsson: Ja, definitiv. Ich wollte Posaune spielen. Ich weiß, ist nicht gerade das offensichtlichste Instrument.
Crazewire: Das stimmt. Normalerweise tendiert man in diesem Alter ja zu den „normalen“ Instrumenten, wie der Gitarre.
Helgi Jónsson: Ja, genau. Aber nicht in meinem Fall.
Crazewire: Irgendwann hast du dann doch eine Gitarre in die Hand genommen. Wann hast du damit angefangen?
Helgi Jónsson: So mit zwölf, vielleicht dreizehn, aber auch nur so ein bisschen für mich selbst daheim. So richtig angefangen Gitarre zu spielen habe ich dann mit 21, 22 Jahren. Aber eigentlich spiele ich ja immer noch nicht so richtig Gitarre (lacht, Anm. d. Verf.).
Crazewire: Das ist ja schon relativ spät. Hast du dann auch erst so spät angefangen, selber Songs zu schreiben?
Helgi Jónsson:Ja, meinen ersten Song schrieb ich im Dezember 2002. Ein Weihnachtslied.
Crazewire: Ein Weihnachtslied für die Familie also?
Helgi Jónsson: Damals lebte ich in Österreich, wo ich zu der Zeit studierte. Ich war einkaufen und habe mir Mandarinen gekauft. Als ich noch ein Kind war, konnte man in Island Mandarinen nur im Dezember kaufen. Dadurch kam ich in eine Weihnachtsstimmung, ich musste einfach einen Song darüber schreiben.
Crazewire: Über Mandarinen?
Helgi Jónsson: Nein nein, nicht über Mandarinen, nur über Weihnachtsfeeling in Island allgemein, mit ein wenig Heimweh vermischt.
Crazewire: Spielst du den Song noch ab und zu?
Helgi Jónsson: Ja, zu Weihnachten. Das Lied habe ich dann ein paar Tage später mit anderen Musikern aufgenommen. Das war auch der eigentliche Grund, warum ich ein Lied geschrieben habe: Ich hatte nämlich bereits ein Studio für Aufnahmen gebucht. Der Song lief dann sogar im isländischen Radio und läuft da immer noch. Immer zur Weihnachtszeit.
Crazewire: Sozusagen das isländische „Last Christmas“?
Helgi Jónsson: Noch nicht ganz, aber sie spielen das Lied schon sehr gerne.
Crazewire: Du kommst ja aus der klassischen Richtung, warst auch Mitglied des Icelandic Symphony Orchestra. Du hattest dann also auch diesen klassischen Einschlag?
Helgi Jónsson: Voll klassischer Background, ja. Ich war zwar in einer Jugendgruppe, da hatte ich eine Band - so ein bisschen Jazz, ein wenig Pop, halt instrumentale Musik spielten wir. Wir waren zu acht, so kleine Typen mit 15-16 Jahren. Aber sonst gab es nur klassische Musik in meinem Leben.
Crazewire: Schlägt sich dieser klassische Hintergrund noch in deinem heutigen Songwriting nieder?
Helgi Jónsson: Auf jeden Fall, dies hat sehr viel Einfluss auf meine Musik. Auch direkt die Sachen, die ich studiert habe, wie zum Beispiel der Einsatz von Kontrapunkten, sind einfach wahnsinnig hilfreich beim Arrangieren. Es kann sehr inspirierend sein, sich im Grunde genommen auf gewisse Sachen zu reduzieren oder gewisse Regeln und Prinzipien zu befolgen. Das ist schon eine interessante Sache mit der Freiheit in der Musik: Man braucht eigentlich nur Regeln, um Freiheit zu haben.
Crazewire: Wie kamst du zu der Entscheidung nach Österreich zu gehen um dort zu studieren?
Helgi Jónsson: Ich wollte eigentlich immer schon nach Amerika. Als Jugendlicher war ich oft in amerikanischen Sommerschulen und hatte dort privaten Musikunterricht. Im Januar 1999 hatte ich dann eine Reihe Aufnahmeprüfungen an Musikhochschulen. Doch zu dem Professor, zu dem ich am meisten wollte, bin ich nicht reingekommen. Das war an der Juilliard School in Manhattan und dort wurden nur zwei aufgenommen. Der Professor, bei dem ich in den Jahren zuvor bereits Privatunterricht hatte, sagte mir dann: „Helgi, jetzt gehst du erst einmal nach Europa und probierst es nach einem Jahr wieder bei mir und dann wird es klappen.“ Er hat mich zu einem Freund von ihm geschickt, Carsten Svanberg, ein dänischer Professor, der jedoch in Österreich lebt und dort unterrichtet. Und so bin ich dann nach Österreich gekommen und dort für acht Jahre geblieben.
Crazewire: Fiel dir die Umstellung von der isländischen auf die österreichische Mentalität schwer?
Helgi Jónsson: Ja, Island liegt nicht nur geographisch irgendwo zwischen Europa, Skandinavien und den USA, sondern auch kulturell. Da ist Österreich schon sehr verschieden. Das war am Anfang nicht so leicht für mich. Die ersten zwei Jahre waren hart, da wollte ich eigentlich schon wieder zurück nach New York. Doch als ich eigentlich schon wegziehen wollte, gründete ich eine Band, die dann so super war, dass ich einfach dort in Österreich bleiben musste. Die Musik tendierte zwischen World Music und Klassik und bis letztes Jahr waren wir recht erfolgreich unterwegs.
Crazewire: Die Band und die Musik haben dich also umstimmen können.
Helgi Jónsson:Genau. Ich habe fertig studiert, das war 2004, und bin dann noch weitere drei Jahre in Wien geblieben, als komplett ausgebildeter Posaunist in Klassik und Jazz. Aber jetzt hat sich irgendwie alles geändert, in der Art und Weise, wie ich Musik mache. Ich meine, jetzt bin ich ein Sänger. Auch wenn ich nicht weiß, wann genau dieser Sinneswandel passiert ist. Ich habe lange gezögert zu sagen: „Ich bin ein Sänger“. Das wäre mir nie eingefallen. Aber jetzt fühle ich, dass ich das sagen kann, weil ich dies nun zu meinem Alltag gehört, bei 120 Konzerten im Jahr.
Crazewire: Du sprichst fließend deutsch. Hast du schon einmal darüber nachgedacht, auch einen Song auf Deutsch zu schreiben?
Helgi Jónsson: Nicht wirklich. Meistens schreibe ich meine Songs ohne Lyrics oder wenn dann nur mit ganz groben isländischen Textideen. Wenn die Lyrics dazukommen, sind sie dann eher auf isländisch oder englisch. Interessant wäre es auf jeden Fall, einen Song auf deutsch zu singen. Auf der anderen Seite ist mein Publikum natürlich sehr international, ich bestreite gerade meine fünfte Tour durch die USA, war in England, den Benelux-Ländern. Doch das kann sich mit dem Release des neuen Albums ändern, denn damit werde ich auch verstärkt im deutschsprachigen Raum touren. Ich liebe es hier zu spielen. Aber ob ich auf deutsch singen werde? Mal schauen.
Crazewire: Wie reagiert das Publikum auf dich und deine Musik? Wirst du als „typisch isländischer Künstler“ wahrgenommen?
Helgi Jónsson: Ja, in gewisser Weise schon. Viele hören schon einen gewissen Sound bei mir heraus. Selbstverständlich singe ich auch auf isländisch, was den Effekt verstärkt, aber es hängt auch irgendwie damit zusammen, wie die isländische Sprache gesungen klingt. Selbst wenn ich dann im Nachhinein ins Englische übersetze und singe, dann hat der Klang der Musik trotzdem viel mit meiner Muttersprache zu tun. Ich denke, das ist der wichtigste Punkt, was diesen speziellen isländischen Klang betrifft: Es ist die Sprache.
Crazewire: Mit der Sprache spielst du ja auch viel. Du benutzt auch teilweise eine eigene Sprache.
Helgi Jónsson: Ja, das passiert in dieser Phase, in der ich an den Songs arbeite. Dann habe ich teilweise schon fertige Songs ohne Lyrics. Dass ich dann in meiner eigenen Sprache singe, entsteht eigentlich nur aus Faulheit. Es ist noch nichts da. Ich bin viel mehr Musiker als Texter, und manchmal muss ich mir echt in den Arsch treten, dass ich mit dem Texten weitermache. Und teilweise ist es auch so, dass die Songs schon so weit sind, dass ich nicht länger warten kann, sie vor einem Publikum zu spielen. Dann singe ich hierzu mein erfundenes Irgendwas. Im Grunde ist es ein lautmalerisches Isländisch, ohne Bedeutung.
Crazewire: Vor vier Jahren hast du dein erstes Album „Gloandi“ veröffentlicht. Eine lange Zeitspanne in der heutigen Musikwelt. Was hast du in der Zwischenzeit gemacht?
Helgi Jónsson: Im Grunde genommen ist das Album bereits im Februar diesen Jahres in Skandinavien herausgekommen, war aber schon im Juli des letzten Jahres fertiggestellt, also seit knapp anderthalb Jahren. Es sind also nicht ganz vier Jahre zwischen den beiden Alben vergangen und trotzdem ist dies eine lange Zeit. Ich habe während dieser Zeit wahnsinnig viele Konzerte gespielt, seit 2005 mit Sigur Rós, dann mit Teitur und nun seit einem Jahr mit Tina Dico und nebenbei habe ich ja noch mit dieser österreichischen Band zusammengearbeitet. Dann hatte ich noch ein Projekt, für das ich Musik für ein Ballett geschrieben habe, genauer gesagt für eine Modern Dance-Aufführung am Royal Theatre in Kopenhagen.
Crazewire: Gehst du an solche Projekte anders heran? Was inspiriert dich, wenn du zum Beispiel Musik für ein Ballett schreibst?
Helgi Jónsson: Ja, ich gehe da ganz anders ran. Da hat man musikalisch viel mehr Freiheit. Der Choreograph liefert zwar sein Konzept, seine Ideen, doch die Musik haben wir dann gemeinsam erarbeitet. Sehr interessant, in dieser Richtung, auch fürs Theater, möchte ich unbedingt noch einmal etwas machen. Aber Zeit gibt es halt nicht unbegrenzt, man kann nicht alles machen.
Crazewire: Damit kommen wir auch schon auf deinen Albumtitel zu sprechen: „For The Rest Of My Childhood“. Klingt wie das Ende eines Abschnittes.
Helgi Jónsson: Es gibt diese Zeile in „Digging Up A Tree“: Shovelling out the rest of my childhood“. Man merkt doch langsam an sich selbst, dass man kein Kind, kein Teenager mehr ist und dass man auch große Lust verspürt, Verantwortung zu tragen. Zu spüren, dass man einfach alles selber entscheiden kann, so wie man es selbst haben will. Früher war es bei mir oft anders, da wollte ich eher, dass andere für mich entscheiden und die Verantwortung dafür übernehmen. Ein weiterer Song des Albums, „This Solicitude“, behandelt genau diesen Wandel und wie man sich oft selbst fertig macht. Das war so eine Phase, die ich 2006 durchlebte, da hab ich so viel getourt und war so fertig, dass da nichts mehr ging. Ich hatte Panikattacken und ich hatte das Gefühl, alles sei „im Oarsch“. In dieser Phase fing ich an darüber nachzudenken, dass dies vielleicht der richtige Zeitpunkt wäre, um Verantwortung für mich selbst zu übernehmen. Aber gleichzeitig ist es wichtig, dass man seine Kindheit nicht links liegen lässt, dass man nicht einfach sagt: „OK, das war‘s jetzt mit diesem Abschnitt“. Man wird stets und immer von seiner Kindheit begleitet, eine unglaublich wichtige Phase im Leben. So ist es auch wichtig, dass man den kleinen Helgi mitnimmt, ihn gern hat und nicht vergisst.