DETAILS

Interpret:
Health

Titel:
Braucht Musik eine Übersetzung?

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Autor:
Kai Töpel
Dresden, 07.09.2009

INTERVIEWS

Health - Braucht Musik eine Übersetzung?

Health - Braucht Musik eine Übersetzung?

Health haben es nicht leicht. In vielen Situationen, besonders auf Festivals, spielen sie manchmal vor kopfschüttelnden Gesichtern. Zwar beeindruckt ihre Live Show zumeist, doch so richtig ihre Musik verstehen können nur die wenigsten. Unbeirrt schauen sie kaum ins Publikum, spielen fast in Trance ihr Konzert in einem Stück und blicken höchstens am Ende nochmal schnell in die Menge, um zu sagen, dass sie auch T-Shirts verkaufen. Vor unserem Mikrophon waren sie dann doch etwas gesprächiger.

Crazewire: Wie geht es euch, was macht ihr gerade so?

John Famiglietti: Wir hatten ein wenig Zeit hier in Berlin, um ein paar Dinge zu erledigen.

Benjamin Jared Miller: Sachen für die Zeitungen, Fototermine. Einfach solche Dinge.

John: Wir lieben es in Berlin zu sein, gerade für Amerikaner ist es sehr angenehm hier. Es ist einfach weniger europäisch als die meisten Städte in Europa.

Crazewire: Habt ihr euch auch schon im Berliner Nachtleben umgesehen?

John: Ja, ich bin letztens ins Berghain gegangen. Das war ziemlich verrückt. Ich bin da einfach ohne zu schlafen hingegangen, weil wir am nächsten Tag direkt weiter gefahren sind. Uns haben einfach so viele Leute gesagt, dass wir unbedingt dort hin müssen. Der Laden öffnet echt verdammt früh morgens. Hoffentlich können wir in nächster Zeit mal mehr so lustige Dinge machen, aber ich denke dafür haben wir immer weniger Zeit.

Crazewire: Ihr spielt jetzt schon seit einer Weile Lieder von eurem noch nicht veröffentlichten Album. Wie ist die Reaktion des Publikums?

John: Also eigentlich machen wir kaum Pausen zwischen den Liedern, also schwer zu sagen. Ich denke es ist eine gute Reaktion. Wir wissen aber, dass es bestimmte Songs gibt, die immer gut einschlagen. Jetzt wo das Album fast raus ist, wird aber denke ich die Reaktion noch einmal anders ausfallen.

Crazewire: Ihr habt euch entschieden das Album in einer speziellen Weise zu veröffentlichen. Könnt ihr uns davon erzählen?

John: In einer bestimmten Weise ist es schon veröffentlicht. Wer es vorbestellt hat, durfte es zu einem bestimmten Datum runterladen und bekam dann später die CD und ein T-Shirt. Der einfache Grund dafür ist, jedes Album wird irgendwann im Internet zum Download bereit stehen. Es ist nicht die Frage wie es dort hinkommt, sondern wann. Auf diese Weise haben wir das Datum selbst gesetzt. Unser Plan hat funktioniert, denn es war wirklich genau an dem Tag im Internet zu finden, an dem wir es rumgeschickt haben. So hatten wir die Kontrolle und haben dabei noch ein wenig Geld verdient mit den T-Shirts.

Crazewire: Ihr habt euer erstes Album im „The Smell“, eurem Stammclub in Los Angeles, aufgenommen. Beim zweiten Album „Get Color“ habt ihr euch aber nun für ein Studio entschieden. Wie hat sich die Arbeit für euch unterschieden?

John: Es war schon um einiges einfacher, da wir uns nicht um das Einladen des Equipment und so kümmern mussten. Dafür hatten wir Leute. Ich würde aber sagen, wir haben es in einem „Studio“ aufgenommen, also in Anführungszeichen. Es war eher sparsam. Der größte Unterschied für uns war da eher, dass wir das Album auf Kassetten aufgenommen haben und wir Soundequipment hatten.

Crazewire: Ihr habt euch aber trotzdem entschieden, ohne Produzent zu arbeiten.

John: Wir hatten einen Tontechniker dabei, aber keinen kreativen Einfluss. Außer beim Mixen, aber dort war die Hilfe meist nicht erwünscht. Manchmal hat es uns geholfen, meistens aber nicht. Wir würden gerne mal mit einem Produzenten arbeiten, aber es müsste die richtige Person sein. Jemand, der die Aufnahmen wirklich verbessern will, statt nur sein Ego zu befriedigen. Besonders weil unsere Musik sehr speziell ist, ist es schwer, jemanden zu finden. Mit den Leuten, mit denen wir hätten arbeiten können, hätten wir jedenfalls nicht „Get Color“ so aufgenommen, wie wir es wollten.

Crazewire: Gerade weil eure Musik so besonders ist, könnt ihr uns erklären, wie euer kreativer Prozess abläuft?

John: Für uns ist es schwer, einen Song zu schreiben. Wir werden aber immer besser dabei, aber das ist keine wirklich interessante Sache.

BJ: Es gibt da keinen festen Ablauf. Es gibt für uns verschiedene Wege, den Song fertigzustellen.

Crazewire: Das Schlagzeug scheint mir aber sogar in diesem Anfangsprozess sehr wichtig.

John: Das stimmt, ich glaube wir beginnen eigentlich immer mit dem Schlagzeug.

BJ: Sie sind definitiv sehr wichtig für uns. Wir sind nicht zufrieden und können weiter an einem Song arbeiten, bis nicht bestimmte Teile der Drums richtig gut klingen.

John: Was natürlich einen riesigen Druck auf diesen Typen hier ausübt (klopft BJ auf die Schulter, Anm. d. Verf.).

Crazewire: Zu welchem Zeitpunkt kommt dann der Gesang ins Spiel?

John: Für diese Platte haben wir versucht diese gleichzeitig mitzuschreiben. Vorher hatten wir oft einen fertigen Song und haben unserem Sänger gesagt, er soll schauen wie er es hinkriegt. Nun haben wir meist ein komplettes Bild vom Song im Kopf, bevor wir an die Feinheiten gehen. Trotzdem bleibt der Gesang eine wichtige Sache, an der wir weiter arbeiten wollen.

Crazewire: Gab es dabei für das neue Album einen neuen Einfluss auf die Texte?

John: Es kann eh keiner richtig verstehen, also macht es wohl keinen Unterschied. Wir werden aber die Texte demnächst mal drucken.

BJ: Das liegt meist einfach in Jakes Hand. Er ist da etwas literarisch.

Crazewire: Als ich das erste Mal „Die Slow“, eure Vorabsingle, gehört habe, dachte ich ihr würdet euch in poppigere Gefilde wagen. Nachdem ich mir jetzt aber das Album angehört habe, kann ich das kaum noch sagen.

John: Nein, ich denke das kann man definitiv nicht. Wir haben uns nur weiter verbessert in unserem Stil, wir haben ein paar Songs geschrieben, die einen etwas einfacheren Einsteig haben. Aber mal ehrlich, wir würden es hassen unsere Fans zu enttäuschen. Ich war immer die Person, die bei der zweiten Platte einer Band, die ich mochte, sagte: „Man, this sucks!”. Wie gesagt, wir haben jetzt eine richtige Single, aber sonst ist noch vieles beim Alten.

Crazewire: Ihr habt ein paar Nine-Inch-Nails-Konzerte als Vorband gespielt, wir lief das für euch ab?

John: Wir spielen jetzt noch die letzten beiden Nine-Inch-Nails-Shows, bevor Trent aufhört, in Los Angeles. Insgesamt war es unglaublich. Wir durften im einem Stadion spielen, das machen nicht mal richtig bekannte Indie-Bands. Außerdem hatten wir unglaublich teures Equipment, einen Mischer, der mit zwei Bands im Jahr arbeitet und die modensten PA der Welt.

BJ: Und unglaubliches Essen.

Crazewire: Wie kam es dazu? Hat Trent euch eingeladen?

John: Trent hat unseren Manager angerufen. Obwohl, er hat es eigentlich nicht, sein Manager hat es. Eigentlich weiß ich gar nicht, wie es genau lief. Wir haben in London ein Konzert gespielt, als unser Manager uns anrief und meinte: „I guess you guys are doing the Nine Inch Nails tour“. Wir meinten nur: „Yeah, what?“.

BJ: Nach dieser Erfahrung kann ich nur sagen, ich sehe auf zu Trent und all die Jungs die dahinter stehen. Wir haben jetzt ein ganz andere Bild von Nine Inch Nails und worum es dabei geht. Jetzt habe ich nichts anderes mehr als puren Respekt für sie.

Crazewire: Hatten die Erfahrungen denn auch Einfluss auf euer Album?

John: Die meisten Songs, vor allem „Die Slow“ waren bereits geschrieben, als wir mit Nine Inch Nails auf Tour gingen. Nur einige der abgedrehten Lieder haben wir danach geschrieben, aber dabei glaube ich kaum, dass du einen Einfuss hören kannst. Viele Leute haben das einfach nur im Hinterkopf, weil wir mit ihnen auf Tour sind. Sie hatten aber einen riesigen Einfluss auf die Art, wie wir jetzt arbeiten und wie man professionell als Musiker handelt.

Crazewire: Könnt ihr mir dieses Zoothorn erklären, dass ihr benutzt?

John: Es ist nichts besonderes, klingt einfach nur gut wenn man es aufschreibt.

BJ: Glückwunsch, dass du das nicht wie Zoo Thorn, sondern wie Zoot Horn ausgesprochen hast. Wir hören das andauernd falsch.

John: Es ist ein Mikrophon, welches wir in all unser Equipment stecken. Wenn du ein Mikrophon siehst, aber ziemlich schrecklichen Krach hörst: That’s the Zoothorn.

Crazewire: Warum ist das so wichtig für euch?

John: So kriegen wir viele von unseren Sounds hin. Viele von den abgedrehten Krach haben wir nur so hingekriegt. Gerade wenn es sich anhört wie ein Synthesizer, ist es meist das Zoothorn.

Crazewire: Gerade weil ihr zuerst als Band viel live gespielt habt und erst später ein Album unter Liveverhältnissen aufgenommen habt, wie schwer ist es, euren Stil auf Platte zu bannen?

John: Es ist sehr schwierig und vor allem stressig. Trotzdem ist es uns sehr wichtig. Es ist einfach schwer, den Übergang zwischen Live und Aufnahme hinzukriegen. Wenn man dies unverändert machen würde, würde es unhörbar sein. Ich mag es nicht, Platten aufzunehmen, aber wir müssen es einfach und es ist uns wichtig.

BJ: Ich habe früher in einer anderen Band gespielt und noch nie haben mir Aufnahmen so wenig Spaß gemacht wie mit dieser. Es liegt einfach sehr viel Druck auf uns, obwohl wir alles einfach wiederholen könnten. Für mich ist es besonders anstregend, weil ich genauso hart spielen will wie auf der Bühne und ich dadurch schnell erschöpft bin.

Crazewire: In letzter Zeit haben auch viele Bands, die komplexe Musik spielen, viel Erfolg. Ich denke da an Animal Collective oder Grizzly Bear. Stimmt ihr da zu?

John: Ich denke das stimmt. Sogar ganz normale Indie-Bands, die eigentlich ganz normale Indie-Musik spielen, sind weitaus komplizierter angelegt und schwerer zu verstehen. Es ist definitiv eine coole Sache, dass komplexe Musik immer mehr und mehr beliebt wird. Wir würden uns nur wünschen, dass es dazwischen nicht so eine Art Übersetzung geben müsste. Wenn wir einfach das machen können, was wir gerade machen, und die Leute es verstehen würden. Das wäre wirklich großartig. Wir werden sehen, wir machen jedenfalls so weiter wie bisher.

BJ: Ein paar Leute verstehen uns auch. Dafür sind wir dankbar.


 

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