Interpret:
Hanne Hukkelberg
Titel:
Die Kraft der Einsamkeit
Autor:
Dominik Knauf
Köln, 29.06.2009
„Eine Sekunde noch“, bittet Hanne Hukkelberg, bevor wir mit dem Interview beginnen. Zuvor trommelt sie die Band zusammen und kramt aus ihrer Tasche ein kleines, eingepacktes Geschenk hervor, das sie mit feierlicher Geste einem Bandmitglied überreicht. „So, jetzt können wir anfangen“, lächelt Hanne Hukkelberg uns an. Auf die Frage, ob derjenige heute Geburtstag habe schüttelt sie ihren Kopf und erklärt, dass dies ein festes Ritual innerhalb der Band ist. „Jeder sollte seinen Tag haben und heute war er einfach mal an der Reihe.“ Was in dem Päckchen gewesen sei? „Zahnpasta“. Ohne Hintergedanken, wie sie hastig hinterherschiebt
So fröhlich geht es bei Hanne Hukkelberg auf Tour zu. Ernster wird sie jedoch, wenn es um ihre Musik geht. Ihre Antworten kommen mit Bedacht. Während im Hintergrund der Hamburger Fabrik die Instrumente auf die Bühne geschleppt werden, flüstert sie ihre Antworten ins Aufnahmegerät, das bis zum Anschlag aufgedreht werden muss, damit man ihre Stimme über all dem Lärm einfangen kann. Gehen wir noch einmal die Fakten durch: norwegische Sängerin, hat Jazz studiert und in Berlin gelebt, in verschiedenen Formationen gesungen. Achja, ihr neues Album „Blood From A Stone“ ist großartig, doch das sagen wir ihr besser nicht. Obwohl sie sich auch gerne mal ihre Songs zwischendurch anhört, wie wir später erfahren.
Crazewire: Du hast Jazz studiert. Gab es irgendwelche Vorbehalte oder Vorurteile deiner Kommilitonen oder deiner Lehrer, als du dich später in eine doch etwas andere musikalische Richtung entwickelt hast?
Hanne Hukkelberg: Es war eine sehr aufgeschlossene Klasse. Ich habe zwar an der norwegischen Musikakademie Jazz studiert, es war nun aber nicht so, dass wir nur Jazz gespielt hätten. Wir lernten viel über generelles Musizieren und Gesang. Selbstverständlich hatten wir, wenn es um theoretische Grundlagen ging, immer unseren Schwerpunkt im Fach Jazz, aber im Großen und Ganzen ging es hauptsächlich darum, sich selbst verwirklichen zu können. Da lernte ich sehr viel von meinen Lehrern, welche Möglichkeiten ich hatte, mich musikalisch auszudrücken. Dabei geht es nicht so sehr um Genres und Schubladen, diese bedeuten mir nicht sehr viel.
Crazewire: Deine Musik ist sehr persönlich, sehr melancholisch. Man scheint eine gewisse Einsamkeit heraushören zu können. Musst du alleine sein, wenn du Songs schreibst?
Hanne Hukkelberg: Ja, ich brauche sehr viel Kraft um komponieren zu können. Es ist schwer einen Song zu schreiben. Noch schwieriger ist es dann, sich zu konzentrieren, diszipliniert und strukturiert zu arbeiten. Um das zu tun, benötige ich wirklich Zeit und Raum für mich selbst. Ich ziehe es daher vor, an fremde, ungewohnte Orte zu reisen, wenn ich neue Songs schreibe. Einfach wegziehen für eine Weile um zu komponieren, damit ich nicht diese störende Umgebung um mich habe. Eine Umgebung ohne Telefone, Fernseher und tausend anderen Möglichkeiten, die einen ablenken, das brauche ich.
Crazewire: Wie erklärt sich dann dein Umzuzg nach Berlin vor ein paar Jahren?
Hanne Hukkelberg: Als ich nach Berlin zog war das eine sehr bewusste Entscheidung von mir. Ich wollte in einem anderen Land wohnen, weil ich das noch nie zuvor getan hatte. Dazu hatte ich diese romantische Vorstellung einer Großstadt: Einfach für sich zu sein um zu komponieren. Es war wirklich schön, aber es war auch sehr schwer, sich zu konzentrieren, da es in der Stadt so viele Ablenkungen gab, Sachen, die man lieber machen würde, als Songs zu schreiben. Also beschloss ich für mein nächstes Album an einen Ort zu ziehen, an dem ich mich definitiv konzentrieren konnte. Diese Ruhe fand ich in Skaland (einer Region im Norden Norwegens, Anm. d. Verf.), in diesem kleinen Örtchen mit nichts weiter als der Natur, mir und 200 Leuten, die unbeeindruckt ihrer Arbeit nachgingen. Es war eine wirklich anregende Atmosphäre, in der ich konzentriert arbeiten konnte. Für mich war es nie einfach, einen Song zu schreiben, doch dort fühlte ich, dass ich alle Zeit der Welt hatte. Das tat mir gut.
Crazewire: Wie sah dann dort dein Alltag aus? Bist du die Sache angegangen wie Nick Cave, der für eine Zeit lang von neun Uhr morgens bis fünf Uhr abends an seinen Songs schrieb, um dann nach Hause zu kehren wie von einer gewöhnlichen Arbeit?
Hanne Hukkelberg: Ich arbeite schon sehr strukturiert. Unter der Woche schreibe ich die Songs und am Wochenende nehme ich mir dann auch den Luxus eines freien Tages, wenn ich nicht gerade Konzerte habe. Ich arbeite zwar nicht von neun bis fünf, von zwölf bis sieben, aber die Musik ist immer bei mir. Wenn ich etwas im Radio höre oder etwas lese, dann schreibe ich es auf und sammle es. Für gewöhnlich ist es aber so, dass ich mir eine Auszeit gönne, wenn ich eine Zeit lang gearbeitet habe. Dann versuche ich mich schon mit anderen Dingen zu beschäftigen. Ich vermische mein Privatleben eher selten mit der Musik und der Arbeit.
Crazewire: Könntest du dir vorstellen, mit einem Songwritingpartner zusammen zu arbeiten?
Hanne Hukkelberg: Ja, an sich schon. Im Studio habe ich ja auch meinen Produzenten (Kåre Christian Vestrheim, Anm. d. Verf.), mit dem ich zusammenarbeite. Gemeinsam mit ihm entwickle ich den Song weiter. Mit einer anderen Person aber an der Grundidee eines Songs zu arbeiten, das könnte ich hingegen nicht. Als ich noch zur Musikakademie ging hatte ich eine Rockband, die ich mit einem Mitschüler gegründet hatte und mit dem ich zusammen an Songs arbeitete. Aber das war sehr merkwürdig und schwer, da zu Beginn des Prozesses die Idee des Songs noch sehr verschwommen ist. Man weiß noch nicht so recht, in welche Richtung der Song gehen soll. Ich möchte die Songs so formen, wie ich sie in meinem Kopf höre, also sitze ich lieber alleine und schreibe.
Crazewire: Hast du Angst davor, dass andere Leute deine Songs in eine Richtung verändern könnten, die du nicht willst?
Hanne Hukkelberg: Manchmal sind die Meinungen von anderen Menschen bezüglich meiner Musik sehr interessant. Doch dann gibt der Song auf der anderen Seite auch nicht mehr das wieder, was ich ausdrücken wollte. Es ist nicht mehr meine Musik. Statt schärfer, wird die Vision des Songs noch verschwommener, wenn andere Menschen mitarbeiten. Für mich ist es einfacher, die Persönlichkeit einzufangen, wenn ich alleine schreibe.
Crazewire: Das erstaunt mich, da du ja auch gerne Songs coverst. Was braucht demnach ein Song, damit du mit ihm arbeiten kannst?
Hanne Hukkelberg: Es ist wichtig einen Song mit einer starken Persönlichkeit zu finden. Meistens ist es am einfachsten, wenn ein Song entweder richtig langsam oder richtig schnell ist, dann kann man das Gegenteil dessen machen. Ich sehe keinen Sinn darin, einen Song nur einfach originalgetreu nachzuspielen. Da frage ich mich immer: „Warum sollte man das tun?“ Man muss seine eigenen Werkzeuge mit einbringen und versuchen, die Geschichte auf seine eigene Art und Weise zu erzählen. Das macht eine gute Coverversion aus.
Crazewire: Ich möchte mit dir über die Texte des neuen Albums „Blood From A Stone“ sprechen. Dort fielen mir zwei Stellen besonders auf. In „Bandy Riddles“ singst du: „If I were a song then I‘d be yours and I‘d cure your woe“. Glaubst du also an die heilende Kraft der Musik?
Hanne Hukkelberg: Ja, definitiv, sowohl für den Künstler wie auch für den Hörer. Wenn der Song fertig ist, schneide ich die Verbindungsschnur über, so dass ich den Song dann auch mit ganz anderen Ohren höre, wenn ich ihn singe. Manchmal sitze ich auch zu Hause und höre mir meine alten Songs an.
Crazewire: Gibt es dann Songs, die du gerne im Nachhinein hättest ändern wollen?
Hanne Hukkelberg: Nein, ich mag meine Musik. Das ist die erste Grundvoraussetzung für mich als Songschreiberin. Ich höre sie mir aber nicht sehr oft selbst an, da ich auch gar nicht die Zeit dafür habe. Wenn die Aufnahmen zu einem Album abgeschlossen sind, höre ich mir die Songs sehr oft an. Das ist ein Teil des Arbeitsprozesses. Was kann man noch verbessern, bin ich selbst mit dem Ergebnis zufrieden? Doch an einem gewissen Punkt muss man das Album dann loslassen können. Wenn ich hingegen live spiele, ändern sich die Songs doch noch sehr. Ich spiele mit vielen verschiedenen Musikern zusammen, die alle ihre Musikalität mit einfließen lassen können.
Crazewire: Im Song „Seventeen“ singst du von einem Jungen, der der „King of cash“ und „like a machine“ ist, obwohl er doch erst 17 ist. Was genau ist denn sein Verbrechen?
Hanne Hukkelberg: Es geht hier um keinen bestimmten Jungen. Es geht um die Gesellschaft und die Art und Weise, wie Teenager herangezogen werden, mit all diesen Reklamen und Marktkräften, die Jugendliche so beeinflussen, bis sie verlernen, das Geschehen zu reflektieren. Es geht um ein Beispiel eines Teenagers, der ein Opfer der großen und mächtigen Kräfte der Gesellschaft geworden ist.
Crazewire: Kritisierst du damit auch unsere heutige Konsum- und Wegwerfgesellschaft?
Hanne Hukkelberg: Es geht eher um Betrachtungen statt um Kritik. Ich bin sehr vorsichtig, über Dinge und Menschen zu urteilen. Das ist nicht meine Aufgabe. Der Song ist eher eine Beschreibung und im Nachhinein ist es die Aufgabe des Publikums, den Song zu analysieren und für sich die Schlüsse daraus zu ziehen.
Crazewire: Du warst in vielen verschiedenen Bands in deiner Jugend. Hier ein Auszug deiner früheren Bandnamen: Funeral, Ignore oder Unspoken Names. Klingt nicht gerade nach einer wundervollen Jugendzeit?
Hanne Hukkelberg: Ja, ich war damals ein komplett anderer Mensch, aber es fühlt sich trotzdem ganz natürlich an, Teil von all diesen verschiedenen Bands mit den unterschiedlichsten Stilrichtungen gewesen zu sein. Meine Eltern waren beide klassisch ausgebildete Musiker, also hatte ich früh in meiner Jugend diesen klassischen Hintergrund, in der ich so typische Sachen machte, wie in einem Mädchenchor zu singen. Als Teenager war ich dann in einer Popband und bald wurde ich Sängerin der Unspoken Names, einer Industrial-Prog-Rock-Band. Die Band bestand aus damaligen Klassenkameraden, die allesamt große Metalfans waren, im Gegensatz zu mir. Durch meine Zeit im Mädchenchor hatte ich eine ziemlich hohe, klassisch trainierte Stimme, also war ich eine gefragte Sängerin. Ich wuchs in Drammen, in der Nähe von Oslo, auf und in der Umgebung waren Unspoken Names eine recht populäre Band zu der Zeit. Dadurch wurden Funeral, eine Doom-Metal-Band, auf mich aufmerksam.Ich war einige Jahre Sängerin der Band und war auf ihrem Album „In Grief Of Pestilent Grief“. Ich werde noch heute auf meine Zeit als Sängerin bei Funeral angesprochen. Gleichzeitig war ich auch noch die Sängerin in einer Jazz-, einer Rock und einer Noise-Band. Ich war immer gerne Teil vieler verschiedener Musikstile, da ich die verschiedensten Arten von Musik liebe.
Wandlungsfähigkeit zeichnet Hanne Hukkelberg wahrlich aus. Auf ihrem aktuellen Albumcover posiert sie wie ein fremdes Wesen aus einer anderen Welt vor einer massiven Berglandschaft. „Das Bergphoto habe ich selbst geschossen“ erzählt Hukkelberg stolz, „es zeigt die tatsächliche Umgebung, in der ich die Songs für mein neues Album geschrieben habe“. Genau so macht es Hanne Hukkelberg auch mit ihrer Musik. Sie nimmt Versatzstücke aus Bekanntem und setzt es dann so zusammen, dass es etwas Neues, Fremdartiges, dabei immer wieder Faszinierendes ergibt. Leider kennt Hukkelberg nicht die Filme des expressionistischen Filmemachers Fritz Lang („Metropolis“). Denn ihre Musik wäre der perfekte Soundtrack hierfür.