Interpret:
Glitterbug
Titel:
Eine Auseinandersetzung mit der Essenz des Lebens
Autor:
Christopher Szwabczynski
Steinfeld, 21.12.2011
Tanzen und Nachdenken sind auf den ersten Blick zwei grundverschiedene Dinge. Ekstatisches Feiern, Drogenrausch und lange Nächte auf der einen Seite, Produktivität und Zwischenmenschlichkeit auf der anderen Seite. Und doch muss in einigen Fällen von Technokultur die Rede sein, auch wenn Techno nur all zu gerne ohne Kultur dasteht. Till Rohmann alias Glitterbug ist nicht nur „Germanys best kept Techno-Secret“ (so die holländische Musikpresse), zusammen mit der Videokünstlerin Ronni Shendar sind sie das deutsch-israelische Festival C.Sides. Eine Brücke zwischen den Kulturen und Konflikten. Tanzen und Nachdenken zusammen in einem Satz.
Die beiden sind ein bodenständiges Duo. Seit den frühen 00er Jahren kennen sich der Kölner und die Israelin. Was als Freundschaft begann, wurde zu einer festen Kollaboration. Zuerst mit dem Festival C.Sides, dann mit den gemeinsamen audio-visuellen Kollaborationen. „So wie C.Sides für uns eine Plattform der Auseinandersetzung mit den wichtigen Dingen im Leben ist, war es irgendwann der logische nächste Stritt, dass wir eben auch künstlerisch zusammenarbeiten.“ Die wichtigen Dinge im Leben werden erkannt, thematisiert und zu verarbeiten versucht. Dass darin alles andere und noch viel mehr als therapeutischer Selbstversuch steckt, zeigt ihr Engagement im kosmopolitischen Dialog. Gäste des C.Sides-Festival werden nicht nur in den nächsten Club geschickt, sondern auch auf die politischen Brennpunkte aufmerksam gemacht. Das Dahinter ist hier weitaus wichtiger als das Davor. Die beiden wissen, dass Kunst ein Privileg ist und hoffen mit ihrer, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen.
Die Musik Glitterbugs ist schwer zu katalogisieren, aber vielleicht würde ihm die Kategorie experimenteller Techno-Ambient gerecht. Gerne wird auch immer wieder von Klangkunst gesprochen. Dass er mit seiner Klangkunst gleichzeitig großartig, aber auch bestgehütet ist, ist dem seit 1990 in Köln lebenden Rohmann ganz recht. „Ich fühle mich eigentlich ganz wohl in diesem Zustand, musikalisch zwischen den Stühlen zu stehen, keiner Szene fest zugehörig zu sein oder für irgendeinen spezifischen Musikstil zu stehen.“ Niemand verlangt von Glitterbug den nächsten Club-Hit oder sonstige Genre-Festlegungen. Glitterbug hält sich die Türen offen, seine Produktionen zwängen sich nicht ein. Eine Freiheit mit zweischneidiger Klinge. „Es gibt da ein ziemliches Ungleichgewicht. 90 Prozent meiner Shows spiele ich international, und vielleicht fünf bis zehn Prozent in Deutschland. Meine Musik wird in anderen europäischen oder internationalen Ländern anders wahrgenommen als in Deutschland.“ Eher marginale Plattenverkäufe in Deutschland auf der einen Seite, internationale Erfolge auf der anderen. Die zwei Seiten Glitterbugs: Der Status quo passt zum Gestus.
Was Till musikalisch zu dem gemacht hat, was er heute ist, das ist seine besondere Liebe zur Musik. Eine Liebe, „heiß und innig“. Die Siouxsie And The Banshees-Platten stehen heute noch im großen Plattensortiment. Die Auseinandersetzung mit experimenteller Musik, wie die von Meredith Monk – einer seiner großen Heldinnen – wie Rohmann mit einem strahlen in den Augen betont. „Es ist jetzt nicht so, als würde ich den ganzen Tag straighte Bassdrums hören“, bemerkt Till. Sein Weg ging über viele Stationen. Dazu gehörte auch früher experimenteller, elektronischer Industrial oder Noise. Viele Jahre im Plattenladen vor und hinter der Theke, mit A-Musik in der Kölner Südstadt und immerhin fast 25 Jahre als Musiker und Produzent von experimentellem Radio in den frühen 90ern bis zur heutigen musikalischen Inkarnation. All diese Stationen lassen Till heute über den Tellerrand hinaus schauen. „Beim Produzieren wie beim Auflegen versuche ich, ein bisschen weiter nach links und nach rechts zu gucken. Ich spiele auch Sachen und versuche, sie in meine Sets einzubauen, die jetzt nicht unbedingt zu einem klassischen Techno-Set passen. Ich glaube, das hört man meiner Musik auch an.“
Sein im Frühjahr 2012 erscheinendes drittes Album trägt den Titel „Cacerboy“ und arbeitet mit noch deeperen, noch dichterem Techno als bisher. „Ich hatte das Gefühl, dass das ein Thema ist, das ich musikalisch nochmal bearbeiten möchte. Weiterhin sehr abstrakt, weiterhin ohne Texte, aber dennoch unmittelbar und emotional erfahrbar“, sagt der Enddreißiger mit ernstem Blick und übereinandergeschlagenen Beinen. Für ihn war Krebs erfahrbares Leid. Als Kind erkrankte er an Leukämie. Als eines der wenigen überlebenden Krebskinder der 70er hatte er einen großen Teil seiner Kindheit damit zu kämpfen. Heute ist die Krankheit bei vielen in seinem Freundeskreis schmerzlicher Teil des Alltags. Aus intensiven Gesprächen und noch intensiveren Erfahrungen schöpfen Till und Ronni ihren Output. „Privilege“ war ein Album, das in und aus der Ferne gemacht war. Es war ein distanziertes, weitschweifendes Album. „Für mich fühlt sich „Privilege“ an, als wäre es irgendwo alleine auf einem Berg produziert worden und das war auch die Stimmung, in der ich es geschrieben und produziert habe. Nun wollte ich was machen, was ganz nah ist, sich näher anhört, was unmittelbarer und sehr ‚in your face’ ist.“
Seine Erlebnisse und Erfahrungen verarbeitet Till im Studio in Köln Ehrenfeld. Hier verbringt er gerne seine Zeit. An der Seite seiner langjährigen Weggefährtin Ronni Shendar. Neben alten Synthesizern, einer breiten Plattensammlung an der Wand und den zahlreichen verkabelten Geräten auf dem großen weißen Schreibtisch. „Ich finde es sehr angenehm, am Wochenende im Studio zu sein, wie im Moment, in dem ich viele Sachen erledigen muss und erledigen will. Dann bin ich glücklich, wenn ich 16 Stunden im Studio sitzen kann, schlafen gehe und wieder zurück ins Studio komme.“ In den heißen Produktionsphasen treibt Till dieser Tage wenig vor die Tür, ob in Köln oder Berlin, seiner zweiten Heimat. Die Essenz ist es, die der Produzent und DJ sucht.
Ronni und Till arbeiten als ein Kollektiv verschiedener Kunstformen zusammen, die auf der Bühne und im Studio zusammenkommen. „Ronnis Visuals sind ein untrennbarer Teil der Live-Show geworden. Ich lasse mich auch kaum noch auf ein Gig alleine einladen“, stellt Till unmissverständlich dar. „Es ist eben etwas anderes. Wir haben die Show zusammen konzipiert, und sie hat sich über zwei Jahre mit uns entwickelt. Sie ist so konstruiert, dass wir uns gegenseitig zuspielen. Die Visuals, die ich kreiere sind auf bestimmten Teilen der Musik aufgebaut. Es gibt bestimmte Parts, in denen die Musik die Visuals trägt und bestimmte Parts, in denen die Visuals die Musik tragen. Ich glaube, unsere Arbeit hat sich zwischen uns so sehr zusammengefügt, dass sie nicht mehr trennbar ist, wirklich, wie eine Band, die ohne Drummer auch nicht funktioniert“, erwidert Ronni. „Wenn wir zusammen auf der Bühne stehen, ist das immer eine komplett gemeinsam erarbeitete und geprobte Geschichte, in der wir beide unsere Parts haben.“ Man möchte meinen, die künstlerische Zusammenarbeit soll als Metapher für die interkulturelle Arbeit der beiden dienen.
Denn was Till und Ronni erarbeiten, ist mehr als nur elektronische Musik mit Visuals. Glitterbug und Ronni Shendar führen und leben den Dialog zwischen Kulturen und Kunstformen. Ronni als kosmopolitische Videokünstlerin und Fotografin, die in gleichen Teilen in Israel und den USA groß geworden ist. Till als Künstler, DJ, Produzent und Musiker, der unter anderem in Tel Aviv unter Beweis stellt, dass es auch mit dem Pitch auf - 6 funktioniert. Und beide Zusammen als Kuratoren des C.Sides-Festivals und dem Projekt Glitterbug & Ronni Shendar.
Video: „Calcutta“