Interpret:
Ghostpoet
Titel:
Nur keine Absichten
Autor:
Michael Weber
Köln, 13.07.2011
Obaro Ejimiwe alias Ghostpoet ist müde. Erst vor ein paar Stunden ist er in Köln angekommen, um im Vorprogramm von TV On The Radio in der Live Music Hall sein erstes Deutschland-Konzert zu spielen. Gerade ist er auch noch von einem geplanten Akustik-Set im Groove Attack-Store in Köln zurückgekommen. Zu seiner Enttäuschung fand dieser vorzeitige Auftritt aber nicht statt, da es wohl technische Probleme gab. Entsprechend leicht zerknirscht und schläfrig, aber sehr freundlich sitzt er für ein Interview über seinen Werdegang, die Zufriedenheit seiner Eltern sowie seiner eigenen und natürlich sein Debüt-Album „Peanut Butter Blues & Melancholy Jam“ bereit. Was er und ebenso wenig ich weiß: Sein späterer erster Auftritt wird ein kleiner Erfolg. Hoffentlich kommt er bald wieder.
Crazewire: Dein erstes Album ist jetzt seit vier Monaten draußen. Davor hast du aber schon eine EP veröffentlicht. Kannst du kurz erzählen, was du musikalisch vor Ghostpoet gemacht hast?
Ghostpoet: Vor Ghostpoet habe ich meine Musik auf MySpace veröffentlicht. Das war zu dem Zeitpunkt alles noch mehr ein Hobby ohne Substanz. Später wollte ich es dann schon ernst nehmen, aber ich wusste nicht so recht, wie ich es machen sollte. Schließlich war ich ja noch mit meinem Leben beschäftigt. Rechnungen mussten bezahlt werden, ich musste zur Arbeit und all das andere „Alltägliche“.
Crazewire: Und daraus entwickelte sich dann langsam Ghostpoet?
Ghostpoet: Hmmm, in einer gewissen Weise schon. Die Dinge waren irgendwann dafür da.
Crazewire: Du hast in Coventry studiert und deine Eltern sind aus Nigeria und Dominica. Waren sie immer glücklich mit deinem Entschluss, Musiker zu werden? Damit meine ich, dass deine Eltern möglicherweise auf vieles verzichtet haben, um dir immer das Beste zu bieten, was sie nur können. Und wir kennen ja Eltern mit ihren Sprüchen: „Junge, geh raus und mach etwas Wichtiges, etwas Bedeutendes mit deinem Leben“.
Ghostpoet: Ja, ja! Definitiv. Zumindest denke ich das. Im Prinzip ist es ja doch immer so, dass Eltern nur das Beste für ihre Kinder wollen. Wir sollen unserer Leidenschaft folgen und die Dinge machen, die uns glücklich machen. Das ist das Wichtigste. Zumindest ist es das, was ich machen wollte. Von daher würde ich wirklich sagen, dass sie zufrieden und glücklich mit mir sind.
Crazewire: Das gesamte Album „Peanut Butter Blues & Melancholy Jam“ wurde von dir selber produziert. Wie fühlt es sich an, sich Tag ein Tag aus auf diese eine Sache zu konzentrieren?
Ghostpoet: Das fühlt sich gut an. Aber zur Zeit arbeite ich aber immer noch halbtags. In meiner Freizeit konzentriere ich mich dann aber immer auf meine Musik. Und das fühlt sich schon richtig gut an. Wenn ich mich auf meine Musik konzentriere oder auf die Produktion, dann ist das wie eine Therapie. Es befreit meinen Geist, Beats zu machen, ein paar Strophen zu schreiben. Das ist dann alles Teil eines kreativen Prozesses, den ich aus irgendwelchen Gründen (lacht, Anm. d. Verf.) durchlaufe. Aber ja, aber es ist gut, beschäftigt und in einem Entwicklungsprozess zu sein.
Crazewire: War es dir wichtig, während des gesamten Entstehungsprozesses die Kontrolle zu haben?
Ghostpoet: Auf einer kreativen Ebene ist es das. Ich würde aber nicht sagen, dass es ein typisches Kontrolle-Ding ist. Ich bin ja schließlich der Einzige, der genau weiß, was in meinem Kopf vorgeht. Musikalisch und lyrisch. Für mich ist es schwierig, jemandem zu sagen, wie ich die Sachen haben will, weil es ist dasselbe ist, als wenn ich es machen würde. Es sind ja meine Gedanken und Vorstellungen. Deshalb finde ich es in diesem Zusammenhang schon wichtig, die Kontrolle zu haben. Es ist das realistischste Ich, das ich hervorbringen kann. Ich könnte mit jemand anderem zusammenarbeiten und es wäre bestimmt gut, aber das ist dann am Ende nicht eine wahre Wiedergabe von mir.
Crazewire: Hast du dir nicht manchmal eine Band gewünscht, die dich umgibt und dir bei schwierigen Entscheidungen mit Rat und Tat zur Seite steht?
Ghostpoet: Nicht wirklich. Das Leben ist eine Herausforderung (lacht, Anm. d. Verf.). Und ich mag es, herausgefordert zu werden. Besonders dann, wenn es um das Produzieren meiner eigenen Musik geht. Ich bin daran gewöhnt, alleine zu arbeiten. Live habe ich aber schon eine Band, die dann für diesen Teil ihren Input liefern kann. Während der Produktion sieht es aber anders aus. Dann bin ich glücklich damit, für mich alleine arbeiten zu können.
Crazewire: Das ist nicht länger ein neues Phänomen, aber das Internet hat viele Dinge verändert. Ganz besonders die Art und Weise, wie wir Musik hören und entdecken. Ghostpoet ist da auch ein Teil von. Du bist bei MySpace, Facebook, Twitter und YouTube und machst von da aus viel deiner PR selber. Gab es denn bisher einen Punkt, an dem du dir gewünscht hast, dass du wegen dieser Möglichkeiten nicht immer omnipräsent bist?
Ghostpoet: Ja und nein. Manchmal ist es schon sehr schwer, auf jede Person mit ihren Fragen und so weiter angemessen reagieren zu können. Wenn ich mal meinen Twitter-Account für ein paar Tage vernachlässige, habe ich gleich ein paar Seiten an unterschiedlichsten Tweets mit Fragen und Meinungen zu meiner Musik. Ich würde dann sehr gerne jedem einzelnen antworten. Aber es ist dann doch schon schwieriger, als ich es mir gedacht habe, die Leute auf dem neuesten Stand zu halten. Dennoch versuche ich es. Für die Leute ist es wichtig, was ich mache, und das versuche ich ihnen wiederzugeben. Ich verstecke mich nicht hinter einem Label, einem Manager oder irgendetwas anderem. Das bin nur ich, und das als auch der Kontakt mit den Hörern ist mir wichtig. So ist die Musikwelt nun mal heutzutage. Soziales Netzwerken ist mindestens genauso wichtig wie dein musikalischer Output. Ignorieren kann man diese Entwicklung nicht, denn du bekommst ja auch viel zurück.
Crazewire: Du hast schon für verschiedene Interpreten Remixe gemacht. Metronomy gehören auch dazu. Gibt es - wie beispielsweise TV On The Radio - weitere Interpreten, die du gerne mal remixen würdest und wenn ja, warum?
Ghostpoet: TV On The Radio würde ich liebend gerne mal remixen. Das wäre eine weitere Herausforderung, meinen kreativen Muskel zu trainieren. Ich mag es bei Remixen, dass ich das Original nicht mehr wirklich hören kann. Es soll etwas Neues geschaffen werden. Das ist wie Kochen. Nimm etwas von dieser Zutat und von jener und schau, was dabei rauskommt. Ich mag es zu remixen, aber in letzter Zeit nimmt meine Arbeit immer Zeit in Anspruch, so dass ich es momentan nicht wirklich machen kann. Sobald sich bei mir aber alles eingependelt hat, kann ich mir vorstellen, wieder ein paar Remixe zu machen.
Crazewire: In letzter Zeit kommen immer mehr neue Post-Rap-, Dub-, Grime- und Left-Field-Interpreten auf den Markt, die den HipHop in eine komplett neue Richtung drängen. Zum Beispiel Tyler, The Creator, Odd Future Wolf Gang Kill Them All, Das Racist, Shabazz Palaces und SBTRKT. Ist Ghostpoet auch ein Teil dieser neuen Ära nach RJD2, Def Jux und Stones Throw?
Ghostpoet: (schmunzelt, Anm. d. Verf.) Ich bin mir nicht sicher. Viele Menschen würden bestimmt dasselbe sagen oder meine Musik als Teil dessen einordnen. Ich weiß das sehr zu schätzen, aber ich selber sehe mich nicht als Teil von irgendetwas. Ich mag zwar die Sachen von vielen unterschiedlichen Interpreten und Bands, aber meine Mission lautet einfach nur Sound. Ich denke nicht über Stile, Genres, Clubs, Kollektive oder Labels nach. Wenn Leute mich in bestimmte Ecken stellen wollen, ist das cool (lacht, Anm. d. Verf.). Für mich geht es aber nur darum, meine Musik zu machen und so viele Menschen wie möglich dazu zu bewegen, sie zu hören.
Crazewire: Unterm Strich bist du also damit zufrieden, wie es gerade ist.
Ghostpoet: Ja, das bin ich auf jeden Fall. Da ist etwas eher zufällig entstanden. Also, in dem Sinn, dass ich Musik mache, die sich von vielen Elementen speist. Gerade weil sie eben nicht einfach nur HipHop oder Indie ist, bietet sie somit vielen Menschen einen Zugang. Es ist wichtig, dass die Musik auf diese Weise vielen Menschen einen Zugang bietet. Damit bin ich zufrieden.
Crazewire: Du nennst dich selber Ghostpoet. Ich weiß, dass du als Kind wohl an Geistern interessiert warst, mit Poesie aber nicht so viel anfangen kannst. Darum siehst du dich als Ghostpoet auch nicht unbedingt als ein poetischer Geist. Dennoch klingt dein Name ein bisschen wie ein Alter Ego.
Ghostpoet: (lacht, Anm. d. Verf.) Der Geisterteil kommt auf jeden Fall daher. Es ist aber ein bisschen albern, dass ich mich zum Teil Poet nenne, denn Poesie mag ich nicht unbedingt. Dass ich aber Ghostpoet heiße, kommt daher, dass ich von der Idee angetan war, mich mit Poesie von der Vorstellung zu lösen, dass ich nur ein Rapper bin. Mir ging es darum, einen Namen zu haben, den du zum einen lesen kannst und zum anderen keine Idee hast, wie die Musik klingen wird. Mit einem Alter Ego hat es auch nicht wirklich etwas zu tu.
Crazewire: Bevor ich dir sage, wie ich „Peanut Butter Blues & Melancholy Jam“ sehe, würde ich gerne von dir wissen, was du mit dem Titel des Albums beabsichtigt hast. Wofür steht er?
Ghostpoet: Ich wollte damit ausdrücken, wie das Album klingt, wie es sich anfühlt. Melancholisch, traurig und das Gefühl von Blues. Dazu kommt aber auch, dass ich anfange zu essen, wenn es mir schlecht geht (lacht, Anm. d. Verf.). So kam das Essens-Element in den Titel. Die Freude daran, zu essen, um glücklich zu sein.
Crazewire: Die Mischung aus Süßem und Saurem im Leben.
Ghostpoet: Ja, darum geht es. Das Leben kann hart sein. Es gibt Aufs und Abs. Es geht nicht darum, wie viel Geld du hast oder wie arm du bist. Es gibt gute und schlechte Momente im Leben. Für mich ging es darum, über das Alltägliche zu schreiben, das, was ich oder die Menschen um mich herum durchmachen. Das verbindet uns und hat nichts damit zu tun, woher du kommst, wie du aussiehst oder welchen Lebensstil du pflegst.
Crazewire: Das gesamte Album klingt wie ein Konzeptalbum über eben diese Melancholie und den Blues, Liebe und Schmerz. Dabei klingst du so, als wärst du die ganze Zeit auf einem alkoholischen Trip unterwegs, um eine missliche Situation, in der du dich befindest, runterzuspülen. Du trinkst viel, lallst über Dinge, die du bedauerst und stolperst, taumelst umher. Ist das ein persönliches Ding?
Ghostpoet: (lacht und freut sich, Anm. d. Verf.) Es ist nicht wirklich ein persönliches Ding. Es geht zu Teilen um Eingeständnisse, wobei ich nicht sagen kann, was davon mich betrifft. Zu Teilen geht es um mich und zu anderen Teilen um Menschen, die ich kenne und welche, die ich nicht kenne. Normale Menschen, wie du und ich, Bekannte und Fremde. Dinge, die ich im Fernsehen gesehen oder im Radio gehört habe. Diese Sachen wollte ich verbinden und dann darin eintauchen. Das Betrunkene gibt es da natürlich auch. Die Art, wie ich die Texte singe oder rappe, ist aber nicht beabsichtigt betrunken. Vielmehr ist es eher wie ein Experiment. Ich höre aber häufiger, dass ich wie ein Betrunkener lalle. Mit diesem Element kann ich meine Inhalte anders darstellen. Aber von Track zu Track versuche ich mich anders.
Crazewire: Trotzdem klingt dein Album aber gerade in den letzten drei Songs so, als wärst du in einer Nacht heftig viel in Bars unterwegs gewesen („Cash And Driving Me Home“), wachst dann verkatert in einem Vorgarten auf („Gardens Path“) und schlenderst zum Abschluss voller Erlösung („Liiines“) nach Hause.
Ghostpoet: (lacht, Anm. d. Verf.) Es ist wirklich nicht beabsichtigt gewesen. Das hatte ich nicht so geplant. Am Ende stand dann aber doch die Frage im Raum, wie die Songs aneinandergereiht werden sollten, da ließ ich mich dann beraten. Für mich ging es aber nur darum, dass das Album wie ein Körper funktioniert. Etwas, dem du im Ganzen zuhörst.
Crazewire: Dass ich den Vergleich aufgestellt habe, liegt wohl daran, dass ganz besonders „Liiines“ als letzter Song vom bisherigen Album hervorsticht. Plötzlich klingst du recht rockig. Strahlende Gitarren und ein richtiges Schlagzeug werden eingesetzt. Es klingt wie ein Perspektivenwechsel, so als ob die Sonne gerade wieder aufgeht.
Ghostpoet: Danke! „Liiines“ hat tatsächlich dieses Gefühl. Darum wollte ich diesen Song auch auf jeden Fall am Ende des Albums haben. Egal, wie schlecht die Dinge aussehen und wie schlecht sie auch sein mögen, es gibt Hoffnung. Besonders für die Zukunft. So hatte ich es mir vorgestellt. „Liiines“ wird auch die nächste Single sein, die ich veröffentlichen werde. Erst gestern habe ich das Video dazu abgedreht. Mit gekreuzten Fingern hoffe ich, dass es in den nächsten Wochen rauskommt. Dieser Song und das Video sind für mich eine Herzensangelegenheit.
Crazewire: Wenn du die Wahl zwischen einem guten Gespräch oder einem Besäufnis hast, sobald es dir schlecht geht, was würdest du wählen?
Ghostpoet: (lacht, Anm. d. Verf.) Ein gutes Gespräch mit Alkohol. Das ist immer gut, wenn es dir schlecht geht. Aber ein gutes Gespräch alleine kann dich schon aufbauen, dir neue Facetten zeigen, wenn du gerade an einem absoluten Tiefpunkt bist.
Video: „Survive It“