DETAILS

Interpret:
Ghost Of Tom Joad

Titel:
Kein Kalkül, einfach nur Durchgeknalltheit

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Autor:
Renate Bichert
Remscheid, 06.04.2009

INTERVIEWS

Ghost Of Tom Joad - Kein Kalkül, einfach nur Durchgeknalltheit

Ghost Of Tom Joad - Kein Kalkül, einfach nur Durchgeknalltheit

Kurz vor ihrem Auftritt im Kölner Gebäude 9 haben sich die drei Münsteraner von Ghost Of Tom Joad Zeit genommen, um mit Crazewire über ihr neues Album „Matterhorn“ und das allgemeine Bandgeschehen zu reden. Doch dann haben sich Franz Kafka, Helge Schneider und Bruce Springsteen in das Gespräch eingemischt...

Crazewire: Ihr habt drei Termine eurer Tour abgesagt. Was ist passiert?

Henrik Roger: Ich bin krank geworden. In Bremen hat es schon angefangen mit dem Hals – eine ganz klassische Grippe eben. Wir haben noch ein paar Tage weiter gemacht und irgendwann in Dresden ging es dann nicht mehr. Ich bin zum Hals-Nasen-Ohrenarzt gegangen und der hat gesagt: „Jetzt ist Schluss!” Wir sind nach Hause gefahren. Es war eine schwierige Entscheidung, aber auch die beste.

Crazewire: Aber jetzt geht es dir besser?

Henrik Roger: Ja.

Crazewire: Warum habt ihr euer Album nach einem Berg benannt?

Henrik Roger: Das hat eigentlich keinen Grund. Wir wollten einfach nur einen bekloppten Albumtitel haben und am Ende ist daraus ein ganzer Brocken geworden, mit den ganzen Songs mit Naturperspektive und Bergsteiger. Da haben wir gesagt: Jetzt passt das alles zusammen, jetzt müssen wir unser Album auch „Matterhorn” nennen. Aus einer bescheuerten Idee ist quasi so etwas wie ein Konzept geworden.

Crazewire: Ihr habt auf eurem Cover einen kleinen Bären, der gegen eine große Raubkatze ankämpft. Was hat das zu bedeuten?

Christoph Schneider: So wie du es beschreibst, klingt es nach einer David-gegen-Goliath-Assoziation, die hatten wir bisher noch nicht.

Henrik Roger: Es hat einfach nur ästhetische Gründe, warum wir das genommen haben.

Christoph Schneider: Die Graphikerin, mit der wir zusammen gearbeitet haben, die hat Kinderbücher illustriert. Wir haben uns einfach an ihre Ideen angepasst und das sind unsere Lieblingsversionen, die dabei rausgekommen sind.

Henrik Roger: Einfach nur weil es geil aussieht, da steckt nichts hinter. Wir hatten auch die Schnauze voll von diesen ganzen bedeutungsschwangeren Sachen. Es gibt so viele Albumtitel und Ablumcover, die bedeutungsschwanger sind und sowas ist echt furchtbar. Es ist einfach toll und erfrischend Sachen zu machen, die erstmal nichts bedeuten und vielleicht erst auf dem zweiten Blick eine Botschaft haben.

Crazewire: In „The Winds Call Your Name“ singt ihr „My heart is a traveller“. Erzählt da mal was zu.

Henrik Roger: Also eigentlich heißt es in diesem Song: „Your heart is a traveller“. Nur an einer Stelle wird es aus der anderen Perspektive gesungen. Es ist einfach nur ein Bild. Es ist ein Lovesong und manchmal ist es besser über Songs nicht zu viele Worte zu verlieren, weil man da auch einfach zu viel herein interpretiert. Es ist manchmal gut, nichts dazu zu sagen.

Crazewire: Okay, das zerstört jetzt meine ganzes Fragenkonzept, weil ich doch recht viel interpretiert habe.

Henrik Roger: Aber frag doch ruhig, was du denkst. Jeder darf sich natürlich seine eigene Meinung dazu machen.

Christoph Schneider: Ich habe es früher immer doof gefunden, wenn ich in Bandinterviews gelesen habe, dass sie gar nicht sagen wollen, worum ihre Songs gehen, weil sich das jeder für sich selbst heraussuchen solle. Aber mittlerweile habe ich das bei mir selbst beobachtet, dass ich Interpretationen von Songs, die ich mag, selber zusammenreime. Und dann, wenn ich mir aus der Distanz die Texte genauer durchlese, stelle ich fest: das ist ja vollkommener Quatsch, was ich mir da zusammen gereimt habe. Aber in dem Moment, als ich das gehört habe, hat es für mich genau gepasst.

Henrik Roger: Es ist ja auch nicht Aufgabe des Künstlers, seine Sachen zu erklären. Viele Leute machen den Fehler, dass sie ihr eigenes Werk oder ihr eigenes Schaffen erklären und das muss man überhaupt gar nicht.

Christoph Schneider: Da muss ich dich noch einmal mit diesem Kafka-Seminar nerven. Der Dozent ist immer gerade zu wütend geworden, wenn man gefragt hat: „Was hat Kafka damit sagen wollen?“ Das kann man gar nicht fragen, diese Frage existiert nicht. Kafka wollte gar nichts sagen, denn der Text, so wie er ihn geschrieben hat, sagt was über ihn, aber man kann nie sagen, was er damit sagen wollte.

Henrik Roger: Das ist ja nicht nur bei Kafka, das ist bei allen Texten so und gerade Germanisten flippen da total aus.

Christoph Schneider: Was sagt „Your heart is a traveller“ über den Autor Henrik Roger?

Henrik Roger: Aber du kannst gerne weiter loslegen, was du dir dabei gedacht hast. Wir wollten dein Konzept nicht zerstören.

Crazewire: Christoph, bist du Germanist?

Christoph Schneider: So halb, ich habe auf Grundschullehramt studiert.

Henrik Roger: Hobbygermanist. Bis zur Benrather Linie gekommen und nicht weiter.

Christoph Schneider: Diesen Mittelhochdeutsch-Scheiß brauchte ich gar nicht zu machen, Germanistik light sozusagen.

Crazewire: Zurück zum Thema: ich hab das so empfunden, dass „Matterhorn“ sehr nach Fernweh und Freiheit schmeckt. Was bedeutet denn Freiheit für euch?

Jens Mehring: (mit vollem Mund, Anm. d. Verf.) Machen können was man will.

Christoph Schneider: Ja genau. Grade jetzt, da ich nicht mehr Lehrer bin, seit einem Jahr bin ich mit meinem Referendariat fertig, ist das immer so ein Gefühl von Freiheit, wenn ich Kinder auf der Straße sehe, die zur Schule laufen und ich mir denke: „Ja! Die muss ich nicht unterrichten, sondern ich fahre nachher mit meiner Band auf Tour und kann quer durch ganz Deutschland Konzerte spielen.“ Selbst wenn ich noch nebenher einen 400 € Job aufnehmen muss, der anstrengend ist und viel zeit in Anspruch nimmt und schlecht bezahlt ist, fühle ich mich dabei trotzdem freier, als bei einem sicheren Lehrer-Job und 3000 € im Monat.

Jens Mehring: (immer noch kauend, Anm. d. Verf.) So viel hättest du gekriegt?

Henrik Roger: Klar. Wahrscheinlich brutto, netto bleibt da nicht so viel übrig.

Christoph Schneider: Vielleicht auch nicht am Anfang, nur wenn du die volle Stundenzahl hast. Keine Ahnung, es wäre aber zumindest mehr, als ich jetzt verdiene. Mindestens 2000, oder? Keine Ahnung, ist mir auch egal. Ich will das ja gar nicht.

Crazewire: Und deshalb spielst du auch in einer Band.

Christoph Schneider: Ja, genau. Das war schon immer der Haupttraumberuf und das hat ja auch funktioniert und das ist doch super. Auch wenn ich durch Geldmangel vielleicht nicht so frei bin, wie wenn ich immer genug hätte, aber es fühlt sich besser an.

Crazewire: Eure Erste Single auf „Matterhorn heißt „Into The Wild“. Hat das irgendwas mit dem Buch bzw. mit dem Film zu tun?

Henrik Roger: Nein, gar nicht. Es tut mir auch immer leid, wenn ich sagen muss, dass es nichts damit zu tun hat, weil ziemlich viele Leute danach fragen. Wir kannten das Buch früher gar nicht.

Jens Mehring: Doch. Du hast den Text geschrieben, du kanntest es nicht.

Henrik Roger: Genau, also ich kannte es nicht. Aber im Prinzip ist das so, wie bei dem Protagonisten in dem Buch, also nach dieser wahren Begebenheit, was in ihm vorgeht, darum geht es auch in diesem Song, oder so ähnlich. Einfach raus hier und die Sachen hinter sich lassen. „Ich will hier nicht länger warten und mit dir in die Karpaten“, wie es in dem Song heißt. Das Lied hätte wahrscheinlich genau so geklungen, wenn ich das Buch gekannt hätte.

Jens Mehring: Der Fernweh-Aspekt ist schon bei allen dreien von uns drin. Gerade bei diesen abgesagten Konzerten. Es ist zwar schön entspannend mal nach Hause zur Freundin zu kommen, aber jetzt wieder weiter mit der Band unterwegs zu sein finde ich sogar noch besser.

Crazewire: Freiheit eben.

Jens Mehring: Ja.

Crazewire: Du hast eben zitiert „Ich will nicht länger warten, ich will mit dir in die Karpaten“. Warum habt ihr diese deutschsprachige Strophe eingebaut?

Henrik Roger: Das war wie bei dem Artwork eine rein ästhetische Idee. Man stand im Studio und hat das einfach gemacht, weil man dachte, das klingt cool. Das ist bei ganz vielen Sachen bei uns, dass wir nicht nachdenken. Viele Sachen passieren erst einmal intuitiv und wenn sie dann von uns als geschmackssicher befunden werden, kommen sie aufs Album oder werden live gespielt. Auch da steckt kein Kalkül hinter, sondern einfach nur Durchgeknalltheit.

Christoph Schneider: Erinnere dich mal, wie verlegen du warst, als du uns diese Idee vorgestellt hast und wir waren einfach nur tierisch begeistert.

Henrik Roger: Das meine ich mit der Geschmackssicherheit, dass wir uns bei den großen Knödeln nicht erst sträuben, sondern dass wir alles das richtig gut finden. Wenn das der Fall ist, wird es einfach gemacht, ob das jetzt Holländisch, Griechisch …

Christoph Schneider:...oder auf die spanische Tour: beim Ficken.

Henrik Roger: (lacht, Anm. d. Verf.) Kennst du das von Helge Schneider? Das ist auf dem Hörbuch „Aprikose Banane Erdbeer“ Da gibt es diese eine Szene am Anfang. Er spielt jemanden bei der Agentur Seňora Fuck und dann sagt er: „Ich erledigte ihn auf die spanische Art: beim Ficken.“

Christoph Schneider: (lacht, Anm. d. Verf.) Also nicht, dass das jetzt im Zusammenhang stehen würde.

Crazewire: Ja, der Zusammenhang. Wie schafft man es sich als englischsprachige Band in Deutschland Gehör zu verschaffen?

Jens Mehring: Gegenfrage: wie schaft man es sich als englischsprachige Band aus England oder Amerika Gehör zu verschaffen?

Crazewire: Na ja, gerade die englische Presse ist da etwas unterstützender. In Deutschland ist es meiner Meinung nach eher so, dass deutschsprachige Bands einen größeren Erfolg haben, wenn man von den Beatsteaks oder den Guano Apes absieht. Aber als englischsprachige Indieband ist das schon schwieriger.

Christoph Schneider: Momentan ja. Aber es kommt drauf an, worauf die Musikindustrie gerade Bock hat, wo man gerade die Kuh melken und viel Geld nach Hause bringen kann. Im Moment ist es wirklich so, wenn du keine deutschen Texte hast, ist das nicht so cool. Aber das war vor zehn-fünfzehn Jahren komplett anders. Da sind doch alle ausgeflippt, wenn eine deutsche Band Englisch gesungen hat und so weiter. Deutsche Texte waren da total uncool.

Henrik Roger: Genau. Über sowas darf man sich als Musiker gar keine Gedanken machen. Wir machen englische Musik, weil wir das immer gemacht haben und weil wir damit aufgewachsen sind. Wir drei kennen uns schon relativ lange und haben auch vorher in englischsprachigen Punkbands gespielt. Deswegen wäre alles andere für uns unnatürlich.

Christoph Schneider: Alle Bands, die wir cool finden, singen Englisch.

Crazewire: Wie zum Beispiel Bruce Springsteen?

Christoph Schneider: Ja, den wir auch erst durch unseren Bandnahmen kennen und schätzen gelernt haben, denn vorher kannten wir ihn nur durch diese zwei drei Riesenhits aus dem Radio, die aber einen nicht so wohlwollend der ganzen Sache gegenüber werden lassen. Wir haben diesen Song „The Ghost Of Tom Joad“ als Coverversion als Intro bei einem Konzert gehört, das wir zu dritt besucht haben. Wir waren so begeistert von diesem Lied, dass wir angefangen haben zu recherchieren und da haben wir festgestellt, dass es eigentlich von Bruce Springsteen ist und das es von einem Buch handelt. Das Buch haben wir auch gelesen und CDs von Bruce Springsteen gehört. Das war einfach so geil, dieser Moment, in dem wir da standen und dieses Lied gehört haben, da haben wir uns gedacht: „Okay, das ist ein hipper Bandname, hipper Typ, hippes Buch, nehmen wir.“

Crazewire: Das Vice Magazin hat über Christoph geschrieben....

Henrik Roger: ...voll geil, was die geschrieben haben!

Crazewire: … ich fand das großartig! „Der Typ hat entweder ernsthafte Probleme, oder ist eine richtig coole Sau.“ An die anderen Bandmitglieder: was trifft eher zu? (Auf der Myspace Seite der band kann man diesen unglaublich absurden Artikel nachlesen, es lohnt sich! Anm. d. Verf.)

Henrik Roger: Alles und gar nichts. Was in erster Linie stimmt ist, dass Christoph eine coole Sau und einer der besten Schlagzeuger in ganz Deutschland ist.

Jens Mehring: In ganz Ostwestfalen (lacht, Anm. d. Verf.)

Henrik Roger: Was allerdings auch stimmt ist, dass beim Vice Magazin nur Vollhonks arbeiten und dass es das letzte Idiotenblatt ist.

Christoph Schneider: Finde ich gar nicht.

Henrik: Es ist mir schon beinahe unangenehm, dass unsere CD dort besprochen wurde, weil es mir für alle Leute leid tut, die bisher gedacht haben, wir seien eine seriöse Band.

Christoph Schneider: Ich weiß gar nicht, was das für eine Zeitschrift ist und wo es die gibt. Ich hab sie bisher noch nie gesehen.

Jens Mehring: Die gibt es in Musikläden.

Christoph Schneider: ich hab sie immer gesucht, weil ich wissen wollte, wie der Artikel in echt aussieht, weil ich ihn immer nur als Text gekannt habe, aber ich habe sie nirgendwo gefunden. Aber ich fand es schön, wie die das geschrieben haben.

Crazewire: Ich fand es vor allem lustig zu lesen und kenne den Text auch nur von eurer Myspace Seite. Wie kann man euch anderen beiden denn beschreiben?

Jens Mehring: Neurosen zerfurchte ähm, wie soll man sagen, menschliche Gruppe.

Henrik Roger: Das weiß ich auch nicht. Wenn die anderen nicht da wären, dann könnte man jetzt lästern.

Crazewire: Vielen Dank für das Interview.


 

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