Interpret:
From Monument To Masses
Titel:
Mehr als „nur“ Post Rock
Autor:
Bastian Küllenberg
Wuppertal / Düsseldorf, 04.05.2009
Komplexe Melodien, Klangteppiche, Instrumente, die Stimmen ersetzen und vergessen machen. Post Rock nennt der Fachmann das für gewöhnlich und muss dabei die notwendige Verknappung des Begriffsgefängnis im selben Atemzug mitdenken. Nähern wir uns also dem Phänomen aus seiner Mitte und erteilen From Monument To Masses das Wort. Deren neues Album „On Little Known Frequencies“ erschien vor wenigen Wochen und darf mit Fug und Recht als repräsentativer Vertreter des eingangs skizzierten Genres gelten. Das Trio nahm sich vertreten durch Sergio Robledo-Moderazo ausführlich Zeit zum Gedankenaustausch. Der Bassist ist außerdem für einen Großteil der eingesetzten Samples verantwortlich, so dass neben Post Rock auch und besonders Hip Hop ein Thema für From Monument To Masses ist.
Crazewire: Gefällt euch die Bezeichnung Post Rock?
Sergio Robledo-Moderazo : Es macht mir nichts aus. Es ist hilfreich, einen „sound“ oder musikalischen Stil durch so etwas von anderen zu unterscheiden. Die Bands, die normalerweise Post Rock genannt werden, sind Sachen wie Tortoise, Mogwai, Sigur Ros, Trans Am oder Don Caballero. Wenn Leute diese großartigen Bands mit From Monument To Masses in Verbindung bringen, bin ich sehr dankbar für dieses Kompliment. Mit solchen Bands, befinden wir uns in sehr guter Gesellschaft.
Crazewire: Was macht eine Post Rock Band deiner Meinung nach aus?
Sergio: Ich persönlich finde es ist einfacher, Bands zu beschreiben, indem man über Referenzen von ihnen spricht. So etwas wie „Sie haben Elemente die nach Fugazi klingen und mixen sie mit experimentellen Klang-Landschaften von DJ Shadow.“ Das scheint mir genauer zu sein. Generell denke ich aber, wenn die Leute das Post Rock Label benutzen, beziehen sie sich auf Bands, die den Fokus mehr auf interessante Instrumentierung und die Kompositionen legen, als auf pop appeal. Es geht um Bands, die nicht dem tradititonellen Radio Single Format von sing-a-long Vocals, Strophe-Refrain-Strophe Strukturen und drei bis vier Minuten Spielzeit anhängen, sondern die musikalischen Themen variieren, verschiedene Instrumente und unterschiedliche Klangquellen benutzen. Es macht mir daher wie gesagt nichts aus, wenn gesagt wird, FMTM sind Post Rock. Es stört mich allerdings sehr, wenn es heißt, dass wir nur Post Rock sind. Ich denke schon, dass unsere Musik einige klassische Post Rock Elemente abdeckt, doch sie ist nicht darauf festgelegt. Passt nur auf, eines Tages schreiben wir einen Pop Song, nur um die Leute zu verwirren!
Crazewire: Viele der Bands, die du eben als Post Rock bezeichnet hast, ähneln sich zunächst im Klang und doch scheint jede von ihnen, ihre besonderen Eigenheiten zu haben. Worin siehst du dieses spezielle Etwas bei From Monument To Masses?
Sergio: Ich denke, was FMTM „besonders“ oder „einzigartig“ macht, ist dass wir dazu neigen, einen sehr breit gefächerten musikalischen Hintergrund einzubeziehen. Es gibt keine Limits, doch der Trick ist, es zu schaffen, dass es am Ende nach FMTM klingt. Mit „On Little Known Frequencies“ haben wir am Ende Referenzen aus Latin, Orchester-Aufnahmen, Disco, Break Beats und einigen anderen Sachen mit einbezogen, doch insgesamt klingt das Album eindeutig nach uns. Das hört sich jetzt vielleicht etwas kitschig an, so als ob wir World Music machen würden. Irgendwie landen einfach alle diese unterschiedlichen Sachen in einer Art sonderbarem FMTM-Filter, der die Musik größer macht, als die Summe ihrer einzelnen Teile. Wir benutzen recht häufig Samples, ich denke, auch das ist eine relativ besondere Sache im Post Rock Genre. Allerdings haben wir es nicht angefangen, um etwas einzigartiges zu haben. Ich dachte einfach immer, es sei irgendwie eine ganz natürliche Sache, denn ich stehe sehr auf Sample-basierte instrumentale Musik, die nicht unbedingt Post Rock ist wie DJ Shadow oder die Chemical Brothers.
Crazewire: Ihr benutzt diese Geräusch- oder Sprachsamples häufig wie Instrumente. Woher stammen die Ideen dazu?
Sergio: Manchmal basiert es auf dem timing, andererseits auch auf einem speziellen Klang oder einer Stimmung. Es unterscheidet sich kaum von anderen Instrumenten. Manchmal richtest du deine Lieder nur nach musik-theoretischen Gesichtspunkten, wie Rhythmus oder Melodie, doch in anderen Momenten, zielst du auf ein Gefühl und möchtest einfach den lautesten, verzerrtesten power chord aller Zeiten spielen. Wir betrachten auch Samples mittlerweile auf diese Weise. Natürlich benutzen wir auch ab und zu die Sprachsamples, um die Erzählstruktur der Musik zu unterstützen.
Crazewire: Ist es schwer, die Rechte für die Benutzung der Samples zu klären?
Sergio: Ja! Der Kapitalismus und intellektuelle Urheberrechte hindern definitiv die kreativen Möglichkeiten von Künstlern und Musikern. Es ist wirklich erstickend. Natürlich ist die konservative Reaktion darauf, zu erwähnen, das Urheberrecht sei dazu da, die Künstler davor zu schützen, übers Ohr gehauen zu werden und dafür zu sorgen, dass sie bezahlt würden. Als Musiker, der wie etwa 95 % aller Musiker weltweit, seinen Lebensunterhalt nicht allein durch seine Musik finanzieren kann, muss ich sagen, diese angebliche Verantwortung für die Rechte des Künstlers sind fehlinterpretierter bullshit. Es ist ein Ablenkungsmanöver, dass uns in jede Menge falscher Richtungen schauen lässt, um zu erklären, warum die Künstler überhaupt beschützt werden müssen. Soweit ich informiert bin, nehmen die Plattenlabels ihren Künstlern oft einen deutlich höheren Prozentsatz der Existenzgrundlage, als Leute, die sie samplen. Nimm zum Beispiel diese ganzen alten Jazz und Soul Musiker, von denen behauptet wird, man müsse ihre Rechte gegen die ach so bösen Hip Hop Produzenten schützen, die „illegal“ ihre Stücke gesampelt hatten, um daraus Beats zu machen und so ein internationales Musikphänomen während der 80er Jahre erschaffen haben. Ich kaufe es der Industrie immer noch nicht ab, dass Marley Marl, Prince Paul oder DJ Premiere diesen Künstlern mehr Geld „gestohlen“ haben sollen, als die Labels, die ihnen damals beschissene Plattenverträge gegeben haben. Das ganze ist echt ein Witz, die typisch kapitalistische „Teilen und Herrschen“-Taktik.
Crazewire: Gibt es spezielle Botschaften und Aussagen, die ihr durch eure Songs vermitteln möchtet? Wie viel davon, denkst du, kommt bei den Hörern an?
Sergio: Lass mich dazu folgende Vorbemerkung machen: Wenn du und ich einen beliebigen Beatles-Song anhören würden, wette ich um 1000 Euro, dass wir beide zwei vollkommen unterschiedliche Interpretationen dessen haben, was die Botschaft der Band sein mag. Wenn man sich das vergegenwärtigt, muss ich sagen, ich denke, die Leute erkennen viele sehr verschiedenen Botschaften in unserer Musik. Nur wenn sie gar keine erkennen, haben wir versagt. Ich bezweifle allerdings, dass man als Hörer komplett versteht, was wir versuchen, zu vermitteln, da ich denke, selbst wir drei haben teilweise unterschiedliche Aussagen, die uns an Liedern wichtig sind. Daran ist allerdings auch nichts schlechtes. That's actually the beauty of music and art. Aus meiner Sicht, gibt es in unserer Musik konkrete Botschaften, die jedoch einigermaßen komplex und weniger als simple Antworten gedacht sind, sondern zum Dialog und Hinterfragen anregen sollen.
Crazewire: Geht es euch darum, mit euren Liedern eine Art post-modernen Sound zu erschaffen und so die Moderne zu reflektieren?
Sergio: Ich denke es ist weniger so, dass wir unbedingt einen bestimmten Sound produzieren wollen, der post-modern ist, sondern wir einfach reflektieren, was es heißt, ein Musik-Fan im heute zu sein. Ich höre seit einigen Jahrzehnten die unterschiedlichsten Arten von Musik und wenn ich dann selbst Musik mache, ziehe ich natürlich aus all dem meine Inspiration. Besonders heutzutage, wo es so leicht ist, durch das Internet einen Zugang zu einer breiten Masse an interessanter Musik zu bekommen, und die Leute eine solche Bandbreite an Klängen aufnehmen, fühlt es sich für mich einfach falsch und gezwungen an zu sagen, ich schreibe jetzt nur noch Lieder, die nach Classic Rock klingen oder kopiere die Bad Brains. Das erscheint mir langweilig. Wenn ich zum Beispiel ein richtig gutes Hip Hop Stück höre, frage ich mich oft, wie ich das in meine eigene Musik einbeziehen könnte. Es wäre wirklich ätzend, wenn ich denken würde, nur weil ich in einer Rockband spiele, dürfte ich das nicht anerkennen oder mich davon inspirieren lassen. Diese Einstellung hört sich für mich irgendwie altmodisch und überkommen an. Versteh mich nicht falsch, ich liebe den Gedanken, musikalische Traditionen zu ehren, doch ich hasse es, dadurch gefesselt und eingeengt zu werden.
Crazewire: Auf der neuen Platte bedient ihr euch auch einiger Produktions-Mittel des Hip Hop, teilweise kann man sogar scratches hören. Welche Rolle spielt Hip Hop für eure Musik?
Sergio: „Black music“ insgesamt ist der Grund, warum wir existieren. Ohne sie gäbe es keinen Blues, keinen Jazz, keinen Rock'n'Roll. Das wiederum hieße, keinen Punk Rock, keinen Post-Punk, Alternative Rock, Emo und so weiter. Viele Menschen erkenne das nicht an, und ich freue mich, dass ich hier die Chance bekomme, das klar zustellen. Hip Hop hat wie jede „black music“ ihre Wurzeln in Unterdrückung und der Bewältigung dieser Herausforderung. Mit FMTM erkennen wir diese Geschichte auf viele Weisen an und versuchen sie dadurch zu ehren, dass wir weiterhin Musik machen, die soziale Probleme nicht ignoriert und ein gewisses Bewusstseinslevel in Bezug auf die Popkultur aufrecht erhält. Auf musikalischer Ebene ist es einfach unmöglich, nicht von Hip Hop beeinflusst zu sein. Für mich persönlich ist es neben Punk eine der wenigen „echten“ Musikrichtungen. Vor der „bling culture“ war es ehrlich und hat sich mit Themen auseinandergesetzt, die mich angingen. Aber ich bin als Bassist natürlich auch voreingenommen. Hör dir mal den Bass im Soul, R&B und Hip Hop an und dann vergleiche es mit einem Punk oder Screamo oder Metal Bassisten. It's hilarious.
Crazewire: Welche Hip Hop -Produzenten magst du besonders?
Sergio: Prince Paul und DJ Premiere habe ich bereits angesprochen. Sie waren während der 80er und 90er für einige meiner absoluten Lieblingsalben verantwortlich. Außerdem liebe ich einfach DJ Shadow. Dieser Kerl ist einfach wahnsinnig kreativ. Ich denke er inspiriert FMTM in vielen Bereichen, denn wir respektieren seine scheinbar absolut furchtlose Lust am Experimentieren sehr. Die Instrumentals zu Dr. Dres „The Chronic“ und „2001“ verlassen ebenfalls nie meinen i-Pod. Die Neptunes haben sicher auch einige Dinge verändert. Ich liebe ihre minimalistischen Songs, die sich nur auf Schlagzeug und Bass konzentrieren. Und auch wenn er bestimmt meine credits nicht nötig hat, halte ich Kanye West für einen wirklich beeindruckenden Produzenten. Viele meiner „intellektuellen“ Hip Hop Freunde, trauen sich nicht, seine Arbeit anzuerkennen, aber mich haut er einfach regelmäßig musikalisch um. Ich könnte auf das dicke Ego verzichten, aber das ist Geschmackssache.
Crazewire: Warum mussten wir eigentlich so lange auf das neue Album warten?
Sergio: Dafür gibt es haufenweise Gründe. Wie ich eben schon sagte, sind wir wie 95 % aller Musiker und können nicht von der Band leben. Wie alle anderen, müssen wir also auch reguläre Jobs oder Karrieren verfolgen. Das hat FMTM viel Zeit geraubt. Zusätzlich sind wir sehr aktiv in der Gemeindearbeit. Ich persönlich würde sagen, dass FMTM eine geringere Priorität besitzt als meine politische Arbeit und die Organisationsarbeit für die Gemeinde, daher wird die Entwicklung der Band ab und zu etwas gebremst. Letztlich sind es aber unsere „Nicht-Musiker“-Leben, die durch die Musik von FMTM reflektiert werden. Es sind unsere Erfahrungen als Lohnarbeiter, Menschen in Beziehungen, Mitglieder von Familien, Aktivisten und Organisatoren, die uns inspirieren, überhaupt Musik zu machen. Ich bitte also um Entschuldigung für die lange Wartezeit, doch jetzt Zeit leben wir ganz in der Gegenwart und haben eine neue Platte und werden eine Menge touren. Lasst uns also das Beste daraus machen!