Interpret:
Frittenbude
Titel:
Electro ist der neue Punk
Autor:
Kai Töpel
Dresden, 02.03.2009
Am 13. und 14. Februar ist in Dresden so einiges los. Zum Jahrestag der Luftangriffe in Dresden treffen sich einige Tausend, welche die Geschichte immer noch nicht ganz verstanden haben, um diesen Tag als Trauertag zu ehren. Währenddessen finden sich Family und Co. mit Konsorten wie Müntefering, Roth, Smudo und Curse ein, die medienwirksam vor der Kamera demonstrieren. Da das noch lange nicht genügt, veranstaltet auch die Antifa eine Gegendemo, die den Namen verdient hat und bietet dank der Unterstützung von Audiolith, die Egotronic und Frittenbude im Schlepptau haben, das richtige Rahmenprogramm um gegen Deutschland zu raven.
So wurde am Freitag den 13. vor der Dresdner Altmarkt Galerie ein Laster aufgebaut, der als Bühne für die Antifaveranstaltung dienen sollte. Zur Deeskalation mit den „gedenkenden“ Gruppierungen waren Hundertschaften der Polizei vor Ort, die bald einen festen Ring um die Veranstaltung zogen und weder neue Besucher auf den Platz ließen noch Teilnehmer hinaus. Als Gründe wurden die erhöhte Lautstärke und der eigentlich verbotene Alkoholkonsum genannt. So forderte Polizei während des Konzertes von Frittenbude das sofortige Abbrechen der Veranstaltung, was vom Publikum mit Scooters „Maria I Like It Loud“ erwidert wurde, um dann erst recht noch lauter abzufeiern.
Am nächsten Abend trafen wir uns mit Frittenbude und der restlichen Audiolith Crew, sichtlich noch etwas angeschlagen von der Antifa-Demo am gleichen Tag, um uns mit ihnen über das Wochenende, aber auch den Erfolg der letzten Monate zu unterhalten.
Crazewire: Reden wir erstmal über den gestrigen Abend. Wie lief das für euch ab?
Johannes: Es hat auf jeden Fall Spaß gemacht, obwohl es anders lief als erwartet. Die Stimmung war recht ernst und trotzdem waren die Leute gut drauf.
Jacob: Vor allem dafür, dass die Leute eigentlich noch recht nüchtern waren, haben alle gut gegrooved. War insgesamt auf jedenfalls eine gute Demo.
Martin: Es war schon lustig, weil wir zwischendurch ja unterbrechen mussten, dann die Durchsagen kamen und wir wieder angefangen haben. Dann war die Power noch mehr da. Die Leute motviert es jetzt erst recht richtig abzufeiern.
Crazewire: Im Vergleich zu Egotronic zum Beispiel gebt ihr euch ja nicht so klar antideutsch. Wie steht ihr denn selbst dazu, auf solchen Antifaveranstaltungen zu spielen?
Johannes: Wir sind auch nicht so extrem antideutsch eingestellt, wie man es Egotronic zum Beispiel zuschreibt. Wenn man aber die antifaschistische Seite sieht, sind wir genauso Antifaschisten. Das setzt ja der gesunde Menschenverstand schon voraus.
Jacob: Ich finde das schon einfach deshalb interessant, weil ich mir denken kann, dass wir ein paar Leute angezogen haben, die sonst nicht zu so einer Veranstaltung gekommen wären.
Martin: Schon allein damit die sich dann auch alle mit der ganzen Thematik auseinander setzen, deswegen denke ich, ist es nur positiv.
Crazewire: Ihr werdet ja neben diesen Veranstaltungen auch oft zu Punkkonzerten eingeladen, wie steht ihr da zu diesem Publikum und wie kommt ihr dabei an?
Jacob: Es geht dabei ja nicht darum, wie man die Leute kategorisieren soll. Für uns ist es einfach ein Publikum und dabei ist es egal vor wem man spielt. Wenn die Leute Bock auf die Musik haben, ist das egal was für ein Mensch das ist. Natürlich haben wir keinen Bock vor irgendwelchen Nazis zu spielen. Auch wenn die Leute eher aus der Punkrichtung kommen, ist die Resonanz gut. Das haben wir uns am Anfang auch nicht so erwartet, dass es so positiv ist.
Johannes: Es ist ja oft so, obwohl ich die Resonanz von gestern nicht beurteilen kann, dass sich die ganze Szene etwas verändert. Bei uns um die Ecke zum Beispiel gibt es das Dorfen JZ Open Air, bei dem seit Jahren immer nur Punk lief. Seit ein paar Jahren aber läuft weniger Punk, dafür immer mehr Electro. Da haben wir dann ja auch Egotronic kennen gelernt. Meiner Meinung nach ist Electro auch der neue Punk. Es ist sehr einfache Musik, einfach gestrickt, manchmal nur mit drei Akkorden. Außerdem ist es sehr harte Musik, die im Endeffekt jeder zuhause selbst produzieren kann. Das ist bei Punk recht ähnlich, weil jeder sich eine Gitarre kaufen und einfach reinhauen kann. Das sind die gleichen Ansätze.
Crazewire: Trotzdem spielt ihr ja auch Clubkonzerte und sprecht mit euren Texten auch die Electro- und Raveszene an. Wo seht ihr euch da?
Jacob: Das ist genau das Interessante daran, dass wir uns dabei nicht festlegen. Das macht jeden Auftritt für uns anders, weil das Publikum so verschieden ist und ganz unterschiedlich auf unsere Musik reagiert.
Martin: Es ist ja auch bei uns ein Electrobeat dabei, es wird auf Deutsch gerappt und es gibt eine Gitarre, damit spricht man einfach viele Leute an.
Jacob: Dieses Schubladendenken, wie Punkrock oder Electro, interessiert uns dabei auch gar nicht, sondern unsere Musik ist einfach das worauf wir Bock haben. Das kann heute Hip Hop sein, morgen Electro und dann kann es auch wieder in die Punkrockrichtung gehen.
Crazewire: Zu eurem Album „Nachtigall“ gab es ja auch recht wechselhafte Reaktionen von der Presse. Gerade wenn ich da an die Vergleiche mit Mediengruppe Telekommander oder Deichkind denke, deren Abklatsch ihr sein sollt.
Jacob: In erster Linie brauchen die Leute einfach Vergleiche. Außerdem ist es klar, dass man bei so einem Musikstil, nennt man ihn Technorap oder wie auch immer, schnell verglichen wird, weil es nicht so viele Bands gibt in der Richtung. Den Vergleich finde ich auch in Ordnung, aber dass man uns Diebstahl unterstellt definitiv nicht. Denn es ist dabei nie der Plan gewesen, so zu klingen wie Deichkind. Es war einfach was ganz Natürliches, das sich daraus ergeben hat, dass ich meine Beats hatte, Johannes seine Raps und Martin seine Gitarre. Wir haben uns so gefunden, haben uns gesagt wir machen Musik und das ist daraus entstanden. Wenn ich stattdessen Reggae Beats gemacht hätte, wäre es halt Reggae gewesen. Das war einfach eine natürliche Entwicklung.
Torsun (Rapper von Egotronic, Anm. d. Verf.): Wenn ich mich da ganz kurz mal einschalten darf, denn das ist ja auch totaler Dummfug. Die klingen doch überhaupt nicht wie Deichkind. Ich denke, dass das zum Teil einfach so Besprecher sind, die denken: „Okay Electro, Rapgesang drüber, dass muss wie Deichkind klingen.“ Abgesehen davon klingt es noch nicht mal ähnlich. Es gibt keinen einzigen Song, den du wirklich vergleichen könntest. Das ist doch wie Äpfel mit Birnen. Mehr sage ich dazu gar nicht, aber ich habe diese Besprechungen gelesen und dachte, die haben doch einen an der Waffel. Das sind Leute, die kennen sich mit der Musik nicht aus.
Johannes: Es wird dabei immer gesagt, dass die Leute auf den Deichkindzug aufspringen, aber eigentlich sind Deichkind auf den Technorapzug aufgesprungen.
Jacob: Ich habe vor kurzem gelesen, dass „Pandabär“ 1:1 kopiert wäre von Deichkinds „Arbeit Nervt.“ Wenn man aber jetzt mal genauer recherchiert, hätte man herausgefunden, dass „Pandabär“ schon gute vier bis fünf Jahre alt ist und nichts mit Deichkind zu tun haben kann.
Crazewire: In euren Texten nehmen Drogen einen recht großen Teil ein. Wie steht ihr eigentlich zum Thema?
Jacob: Es ist eine Reflexion, wir spiegeln einfach unser Umfeld wieder, was um uns herum passiert und was Leute in unserem Alter machen.
Johannes: Außerdem geht’s eher um die Vorstellung, dass eine tanzende Menge abgeht und es dann Acid regnet (Das Lied Hildegard hat den Text: „Für mich solls heute Acid regnen, mir sollen sämtliche Wunder begegnen“, Anm. d. Verf.). Das ist eigentlich der Ansatz.
Martin: Mal davon abgesehen versteht sowieso fast jeder, dass es Essen regnet.
Jacob: Ich weiß noch einer unserer ersten Auftritte in München war auf einer Party mit dem Thema „Genmanipuliertes Essen aus dem Weltall greift die Erde an!“. Jedenfalls war die Süddeutsche Zeitung da, um von dieser Party zu berichten. Die haben dann über uns geschrieben: Frittenbude hatte dann passend zum Motto den Song „Für mich soll's heute Essen regnen.“
Johannes: Irgendwie haben die dann noch Gemüse im Publikum verteilt und jemand hat eine Rübe zu uns auf die Bühne geworfen. Dann haben die alles so dargestellt, als sei es inszeniert gewesen, dass es Gemüse regnet.
Crazewire: Hat sich denn jemals die Familie von Hildegard Knef bei euch gemeldet, wegen eurer Version des Songs?
Johannes: Noch nicht und hoffentlich kommt auch nichts. Aber der Song enthält ja keine Samples von „Für mich soll es rote Rosen regnen.“ Deswegen glaube ich nicht, dass es noch ein Problem geben wird.
Jacob: Wie bist du eigentlich darauf gekommen, warum singst du das?
Johannes: Warum ich den geschrieben habe? Das schwebte mir schon lange vor, den mal irgendwie umzuschreiben. Da war ich noch extrem jung, da wollte ich den umschreiben.
Crazewire: Wie kam es denn zu den ganzen animalischen Anspielungen in euren Texten, sei es „Pandabär“, „Affentanz“ oder euem Albumtitel „Nachtigall“?
Johannes: Das „Affentanz“-Ding ist halt wie ein Pogo gemeint, dass sich die Menge wie eine Affenbande auf der Tanzfläche halb kloppt.
Jacob: „Pandabär“ ist wieder eine Reflexion über diese ganze Raveszene, weil der Pandabär genauso dicke schwarze Ringe um die Augen hat wie ein Raver nach einer langen Nacht.
Crazewire: Reden wir mal über euer Label Audiolith, erfüllen die die Forderungen, die ihr in eurem Song „Mindestens In 1000 Jahren“ an euer Label stellt?
Jacob: „Wir wollen einen...“ wie war noch mal unser Text?
Johannes: „Ein Label mit Knebelvertrag, dass uns komplett in Verruf bringt.“ Also in Verruf bringen sie uns schon mal und Knebelvertrag, wann haben wir den noch mal unterschrieben (fragt in die Runde, großes Gelächter, Anm. d. Verf.)?
Jacob: Also ein Labelvertrag wurde eigentlich noch nicht unterschrieben, es gibt nur einen mündlichen. Wir haben Lars (Lewerenz, Audiolith Labelchef, Anm. d. Verf.) die Hand gegeben, das reicht. Wir sind super zufrieden mit unserem Label, denn es ist genau das, was wir uns vorgestellt haben, weil es sehr familiär ist.
Johannes: Das reicht, nicht das der alte Mann (Lars, ebenfalls am Tisch, Anm. d. Verf.) uns mit seinem Ballon drischt.
Crazewire: Wie wichtig war für euch denn die musikalische Ausrichtung des Labels? Neben Bands wie Bratze, Egotronic und Tante Renate passt ihr ja sehr gut dazu.
Jacob: Als wir angefangen haben, wussten wir lange gar nichts vom Label. Johannes hat mich damals darauf angesprochen, dass da diese Plattenfirma ist, die in die gleiche Richtung geht wie wir. Da haben wir das erst richtig kennengelernt. Im Endeffekt orientieren wir uns dabei nicht an den anderen, sondern machen weiterhin, worauf wir Lust haben.
Johannes: Wir haben ja auch nicht gesagt, wir funktionieren auf Audiolith, sondern der alte Mann hat gesagt, dass wir auf Audiolith funktionieren, oder der Onkel (Tursun, Anm. d. Verf.) hat das gesagt.
Jacob: Als das dann klar war, dass das Ganze funktioniert, war auch Audiolith das einzige Label, auf dem ich mir unsere Musik vorstellen könnte. Mir würde jetzt kein anderes Label einfallen, auf dem wir unsere Musik so veröffentlichen könnten. Wenn das nicht zu Stande gekommen wäre, weiß ich nicht, ob es uns heute noch geben würde.
Crazewire: Ein weiterer Vorteil bei euch war ja, dass ihr euch bereits vor dem Album mit Remixen für andere Audiolith-Künstler einen Namen machen konntet. Wie kam es dazu?
Jacob: Das meiste lief schon über den Audiolith-Pool. Aber im Vergleich zu unseren Songs auf den Alben sind die Remixe ja sehr neu. Unsere Songs standen soweit ja auch schon. Ich denke, das hört man den Liedern auch an, ob sie neu oder schon vor zwei Jahren entstanden sind. Lars hatte uns einfach angerufen und gefragt, ob wir nicht ein paar Remixe machen wollen, dann haben wir uns das angehört und entschieden, ob wir es machen wollen oder nicht.
Lars: Da musste ich auch nicht viel machen, ich habe euch die Spuren geschickt und dann war ganz schnell das Ding da. Da brauchte ich nicht viel Überredungskunst.
Johannes: Ähnlich wie der Kettcar Remix (Raveland, Remix zu Kettcars Graceland, Anm. d. Verf.): Jacob hat den Beat gemacht in einer Nacht, ich habe den Text geschrieben über den Tag, dann haben wir uns am nächsten Tag getroffen und ihn aufgenommen. Das waren 48 Stunden, in denen wir den Remix gemacht haben.
Crazewire: Daraufhin hat Kettcar euren Song „Mindestens In 1000 Jahren“ gecovert. Wie kam es dazu und was war die Resonanz auf euren Song?
Johannes: Unsere Version hat denen sehr gut gefallen. Wir haben dann Eric (Langer, Gitarrist bei Kettcar, Anm. d. Verf.) bei einem Konzert von uns getroffen und haben uns super verstanden. Ich habe mit Lars dann drüber geredet, ob die nicht mal einen Remix für uns machen könnten und ihnen daraufhin mal meinen Text geschickt.
Lars: Das hat alles ein wenig länger gedauert, weil sie auf Tour waren und es währenddessen aufgenommen haben. Da gab es auch keinen Druck oder so, die haben es aus eigenen Stücken gemacht, sonst hätten sie es eh nicht gemacht. Die machen auch wirklich nur Sachen, auf die sie Bock haben.
Crazewire: Das ist aber schon der Song, der bei eurem Album heraussticht, allein weil ihr euch da an ein paar anderen Sachen versucht, wie z.B. poppigen Synthesizern und Cowbells.
Jacob: Der sticht so heraus, dass wir ihn zuerst gar nicht auf's Album packen wollten, was bestimmt ein Fehler gewesen wäre. Darum haben wir auch ein Video gemacht, dass diesen Erwartungen widerspricht. Ich denke, die Leute haben von uns ein buntes Video erwartet, wie es zu unserem Auftreten passt. Deswegen ist das Video auch schwarzweiß und deswegen haben wir es mit Michael Maier gemacht, der sehr viele künstlerische Sachen macht.
Johannes: Der Ansatz ist ja auch, dass nicht alles was du dann als Kunst wahrnehmen willst, dann auch Kunst ist. Der Michael macht auch seine Videos und viele sehen es nicht als Kunst an. Wer sich das Boys Noize Video zu „Shine Shine“ zum Beispiel anschaut. Das Video ist noch mal zwei Minuten länger als der Song. Der Song hört auf, aber das Video geht weiter. Das ist nichts anderes als Kunst.
Jacob: Es geht uns aber nicht darum, dass wir jetzt unbedingt Kunst sind. Darum geht’s ja auch bei dem Widerspruch im Refrain.
Johannes: Wir machen einfach was wir wollen, ob es jetzt jemand als Kunst ansieht oder nicht, ist uns dabei egal.
Crazewire: Wie ihr schon angedeutet habt, ist euer Material auf dem Debütalbum schon etwas älter. Arbeitet ihr also schon an Songs fürs neue Album?
Johannes: Noch nicht so richtig. Jacob hat natürlich an 1000 neuen Beats gebastelt und ich habe auch schon an neuen Texten geschrieben, aber wir haben es noch nicht geschafft, die zusammenzusetzen. Im Moment schicken wir die Musik nur über das Internet hin und her und arbeiten daran, aber hatten noch keine Zeit mal wieder zusammen in einen Proberaum zu gehen und was auszuprobieren. Im Moment arbeiten wir noch an Remixen, aber von wem wird nicht verraten.
Jacob: Wir haben schon Lust, neues Zeug zu machen, vor allem weil die Lieder teilweise schon echt alt sind und wir drauf brennen, an neuem Zeug zu arbeiten. Aber nach der Albumproduktion hatten wir erstmal einen kleinen Burnout und dazu die vielen Konzerte. Wir versuchen, erstmal bis zum Sommer richtig viel zu spielen, dann an neuen Songs zu arbeiten und hoffentlich im nächsten Jahr unser zweites Album herauszubringen.
Johannes: Wenn der alte Mann es erlaubt.