DETAILS

Interpret:
Friendly Fires

Titel:
Geboren in der Vorstadt - Geboren für die Großstadt

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Autor:
Dominik Knauf
Kropp, 22.12.2008

INTERVIEWS

Friendly Fires - Geboren in der Vorstadt - Geboren für die Großstadt

Friendly Fires - Geboren in der Vorstadt - Geboren für die Großstadt

Dafür, dass die Friendly Fires ohne Frage zu den Newcomern des Jahres zählen, die ihr selbstbetiteltes Debütalbum so mir nichts, dir nichts in den Top Ten der diesjährigen Crazewire-Jahrescharts platzieren konnten, finden sich recht wenige Informationen zur Band. Neben einem lustigen Youtube-Auftritt in ihrem Video als verkleidete Staffelläufer, Werbekampagnen für Spielekonsolen und einer begeisterten englischen Musikpresse steht vor allem eine Information immer im Vordergrund: Die ihrer Herkunft aus einem Londoner Vorort, der so sehr im Kontrast zu ihrer cluborientierten Musik steht.

Crazewire traf Sänger Ed MacFarlane, Gitarrist Edd Gibson und Schlagzeuger Jack Savidge Backstage bei ihrem Supportauftritt für die Foals in Berlin.

Crazewire: Ihr kommt aus dem kleinen Londoner Vorort St. Albans. Eine Info, die man in nahezu jedem Zusammenhang zu euch hört. Kokettiert ihr bewusst mit dem Image, Vorstadtjungs zu sein?

Ed MacFarlane: Überhaupt nicht, nein. Aber scheinbar ist diese Vorstadtgeschichte etwas besonderes, so dass alle darüber reden wollen. Wenn es nach mir ginge, müssten wir nie wieder über dieses Thema sprechen.

Edd Gibson: Vielleicht sollten wir ab sofort einfach eine erfundene Biographie verbreiten: Wir wurden auf einem fremden Planeten aus Sternenstaub geboren und sind dann auf einem Regenbogen auf die Erde hinabgeglitten.

Jack Savidge: Ich fragte mal eine Interviewerin, warum wir zu diesem Thema immer befragt werden und sie antwortete: Weil es so „adorable“ sei (lacht, Anm. des Verf.) Das wird wohl die Begründung sein.

Ed MacFarlane: Im Ernst, ich denke, dass die Menschen St. Albans nicht direkt mit Rockmusik in Verbindung bringen. Dabei kamen einige großartige Bands aus St. Albans. Die Zombies beispielsweise, die nebenbei noch auf dieselbe Schule gingen wie wir.

Crazewire: Gibt es dann in eurer alten Schule einen Bereich mit alter Zombies-Memorabilia?

Ed MacFarlane: Nein, es gibt überhaupt keine Erwähnung der Zombies in unserer Schule.

Edd Gibson: Obwohl sie selbstverständlich eine große, bronzene Statue auf dem Schulhof verdient hätten (lacht, Anm. des Verf.).

Jack Savidge: Vielleicht bekommen wir ja unsere Statue.

Ed MacFarlane: Ich warte noch darauf, dass wir mal in der Schülerzeitung erwähnt werden, denn ich weiß, dass der Direktor unserer alten Schule ein großer Fan von uns ist.

Edd Gibson: Er ist einfach auf den fahrenden Zug aufgesprungen. Als wir noch an der Schule waren, mochte er uns nicht. Doch seit wir erfolgreich sind, findet er uns plötzlich cool.

Crazewire: Hatte St. Albans für euch einen besonderen Einfluss, besonders in Verbindung mit eurer Musik?

Edd Gibson: St. Albans hatte keinen direkten Einfluss auf unsere Musik, sondern zeichnet sich eher dadurch aus, dass es ein Ort ist, an dem man als Band natürlich wachsen kann, ohne gleich ins Rampenlicht gezerrt zu werden. Als wir 15, 16 Jahre alt waren, spielten wir regelmäßig im Club „The Hole“ in St. Albans. Wir hatten vielleicht einen Auftritt alle drei Monate, aber wir probten unablässig jede Woche für diesen einen Moment.

Jack Savidge: Dadurch können wir uns heute auf der Bühne auch viel besser gegenseitig einschätzen. Wir wissen, wie der andere tickt.

Crazewire: Ihr spielt demnach schon sehr lange zusammen. Eure Ursprünge gehen aber eher auf Post-Hardcore zurück, wie man eurer Biographie entnehmen kann?

Ed MacFarlane: Wir sind durch viele musikalische Phasen gegangen. Ganz zu Beginn spielten wir billige Coverversionen von Pop-Punk-Bands. Danach interessierten wir uns mehr und mehr für Hardcore, vor allem für die gitarrenlastigen Math-Rock-Platten auf dem „Dischord“-Label. Danach kam Postrock und Elektronika. Chris Clark, ein befreundeter Musiker der ebenfalls aus St. Albans kommt und auf dem Warp-Label ist, hatte ebenfalls großen Einfluss auf mein Songwriting, weil er alles nur mit seinem Computer aufnahm. Dann kam House und wir versuchten, all die verschiedenen Stile in unsere Musik einfließen zu lassen. Abgesehen von Pop-Punk, vielleicht (lacht, Anm. des Verf.).

Crazewire: Zu welchem Zeitpunkt in eurer Karriere wurde euch bewusst, dass ihr den Stil, den ihr heute habt, weiterverfolgen wolltet?

Edd Gibson: Auch hierfür gab es keinen genauen Meilenstein, an dem uns aufging: „Oh mein Gott, ich liebe Indie-Dance-Disco-Pop!“ Es war wie so vieles bei uns eine stetige Entwicklung über die Jahre.

Ed MacFarlane: Es gab bei uns nie den Punkt, wo wir bewusst einen Song schreiben wollten, der House und Gitarrenrock verbindet. Wir gingen zu der Zeit einfach gerne in House-Clubs und ließen uns von der Musik inspirieren.

Edd Gibson: Wenn man Musik in einem Club erlebt, ist dies eine ganz andere Erfahrung als beispielsweise auf einem Konzert oder einem Album. In einem Club geht es mehr um die Menschen, den „Vibe“ und die Stimmung. Das ist sehr inspirierend und gehört mit zu dem, was mich an Dance Music so fasziniert.

Ed MacFarlane: Bei unseren Auftritten beobachte ich des öfteren das Publikum, wie sie ausflippen, tanzen und in ihrer eigenen kleinen Welt sind. Dann geht mir immer wieder auf, dass es nicht die Band, sondern die Musik ist, die das wahre Spektakel für diese Menschen ausmacht. Genau wie in einem Club eben.

Crazewire: Eure Songs sind dementsprechend gemacht für die Clubs. Wie eure erste Single, „Paris“.

Ed MacFarlane: Wir haben „Paris“ damals auf dem Indielabel Moshi Moshi in einer Auflage von 500 Stück veröffentlicht. Es half uns, einen Plattenvertrag bei XL zu erhalten, wo der Song dann noch einmal neu veröffentlicht wurde und die Beachtung bekam, die der Song meiner Meinung nach verdient. Er wird jetzt in England im Radio gespielt, eine Menge Leute hören den Song und das ist gut, da er ein wirklich guter Popsong ist.

Crazewire: „Paris“ war dann auch der Startschuss für euch: Song der Woche im NME und im Guardian. Hat dies den Erwartungsdruck für das Album wesentlich erhöht?

Ed MacFarlane: Nach der Veröffentlichung der Single ließen wir uns erst einmal Zeit mit den Aufnahmen für das Album. Wir konnten schon merken, dass die Leute um uns herum frustriert waren, dass wir nicht direkt im Anschluss an den Erfolg der Single ein Album veröffentlichten, doch wir wollten unbedingt zehn Songs, die unseren eigenen Ansprüchen an einen guten Popsong entsprachen. Daher nahmen die Albumaufnahmen auch längere Zeit in Anspruch. Ich bin froh, dass wir erst im Nachhinein einen Plattenvertrag bei XL unterzeichneten, denn dadurch hatten wir die Freiheit, das Album nicht überhastet veröffentlichen zu müssen.

Edd Gibson: Wir machten uns jedoch selber Druck, da wir die Songs teilweise während unserer Tourneen schrieben, wo wir uns auch noch als Liveband profilieren mussten. Und das Ganze ohne ein Album im Rücken zu haben, auf das man live zurückgreifen konnte.

Ed MacFarlane: Das Album war in sich eine schwierige Angelegenheit. Auf der einen Seite wollten wir neue Songs veröffentlichen, auf der anderen Seite aber auch die alten Songs nicht zu kurz kommen lassen. Wir entschieden uns also, jeweils eine Hälfte mit neuen und eine mit alten, bereits veröffentlichten, Songs aufzunehmen. Denn immerhin ist das Medium Album auch das Statement einer Band, wo die besten Momente einer Band eingefangen werden sollten.

Crazewire: In Zeiten, in denen man also auf Downloadplatteformen einzelne Tracks herunterladen kann, bedeutet euch das Album als Kunstform noch eine Menge?

Ed MacFarlane: Unser Debütalbum ist keine musikalische Reise und wurde auch nicht explizit konzipiert, um von vorne bis hinten durchgehört zu werden. Für mich ist das Album eine Sammlung unserer besten Songs der vergangenen zwei Jahre.

Edd Gibson: Dadurch, dass wir das Album auch nicht an einem Stück aufgenommen haben, kann man nicht von einer speziellen Richtung und Konzept sprechen.

Jack Savidge: Über einen Zeitraum von zwei Jahren verändert man unweigerlich auch seinen Blickwinkel und seinen Sound. Vor allem die unterschiedliche Produktion und die daraus folgenden unterschiedlichen Produktionsstandards bereitete mir zu Anfang ein wenig Kopfschmerzen, da ich dachte, dass es unseren Sound negativ beeinflusst. Am Ende waren diese Sorgen jedoch unbegründet.

Ed MacFarlane: Am Beispiel von „Photobooth“ kann man deutlich unsere Entwicklung hören. Wir nahmen den Song vor zwei Jahren auf und seitdem haben wir eine Menge im Studio gelernt, so dass die neueren Songs technisch eindeutig besser produziert sind. Trotz allem besitzen die alten Songs einen unbestreitbaren Charme, der vieles wieder wettmacht.

Crazewire: Euer Video zu „On Board“ ist ja ein farbenfroher Spaß geworden. Stammt die Idee, ein komplett durchgeknalltes Kostümstaffelrennen zu veranstalten, von euch?

Edd Gibson: Die Idee stammt von einer befreundeten Kunststudentin, die zu ihrer Abschlussfeier als Krabbe erschien, wobei das Kostüm nur aus Pappe und Plakatfarbe bestand. Wir sahen die dazugehörigen Photos und fanden die Idee toll. Außerdem hatten wir ein beschränktes Budget, so dass wir dachten: „Hm...Pappe...Plakatfarbe...das können wir uns auch leisten!“ (lacht, Anm. des Verf.) Wir hatten außerdem sehr viel Glück, da wir zum Videodreh den wohl einzig sonnigen Tag im ganzen Jahr erwischten. Es hat eine Menge Spaß gemacht.

Ed MacFarlane: In der Sonne liegen, trinken, mit den Kostümen herumblödeln. Es war eine große Party.

Crazewire: Das komische an „On Board“ ist, dass er in Reklamen für sowohl Playstation wie auch Nintendo verwendet wurde. Seid ihr passionierte Zocker?

Edd Gibson: Ich hab einen Nintendo DS, den ich auf unseren Tourneen mitnehme.

Ed MacFarlane: Ich bin kein begnadeter Spieler. Ab und zu Tony Hawks, das war es dann aber auch schon.

Jack Savidge: Ich spiele auch nur selten. Einige Spiele machen mir zudem angst.

Ed MacFarlane: Wie hieß noch das Spiel, in dem du in einem Tunnel herumlaufen musstest?

Jack Savidge: Half-Life. Oh ja, vor dem Spiel habe ich Respekt, vor allem wenn die Kreaturen direkt vor einem auftauchen. Ich hab das Spiel deshalb auch nie zu Ende spielen können. Es erschreckt mich doch zu sehr.

Crazwire: Ist Musik in Werbekampagnen zu platzieren die neue Möglichkeit für junge Bands, auf sich aufmerksam zu machen und sich einer größeren Gruppe Menschen vorstellen zu können?

Edd Gibson: Man sollte jede Möglichkeit ergreifen, vor allem da es auch eine Wertschätzung für deine Musik ist. Es gibt aber schon Kriterien, die man beachten sollte: Wo wird die Werbung gezeigt, für was für eine Marke wird geworben, wie oft wird sie gezeigt? Die Nintendo Wii- Reklame wurde beispielsweise für Nord- und Südamerika gedreht. Zu dem Zeitpunkt waren wir als Band dort noch nicht präsent und konnten so schon mal auf uns aufmerksam machen.

Crazewire: Gibt es demnach auch Produkte, für die ihr definitiv keinen Song zur Verfügung stellen würdet?

Edd Gibson: Wir hatten ein Angebot von einer amerikanischen Billigschuhmarke, das wir abgelehnt haben. Die Gefahr, dass die Menschen die Schnauze von dir und deinem Song voll haben, besteht bei so einer Kampagne immer. Und ganz im Ernst: Was haben wir mit wirklich schlecht gemachten Schuhen gemeinsam?


 

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