Interpret:
Faust
Titel:
Die Kunst der Klischeeverachtung
Autor:
Bastian Küllenberg
Wuppertal / Düsseldorf, 26.01.2011
In den ausgehenden 60ern geriet in Proberäumen und Kommunen einiges in Bewegung. Was sich in den Jahren um den Wechsel in die 70er auf den Bühnen der Bundesrepublik und gepresst in schwarze Rillen auch auf dem heimischen Plattenteller im Jugendzimmer manifestierte, war nicht weniger als eine erdrutschartige Erschütterung des musikalischen Establishments. Alternative Lebensformen wirkten sich auf den kreativen Prozess aus. Befreit von Sachzwängen oder Erwartungshaltungen erschuf eine Generation Musiker ein facettenreiches Klangspektrum, wurden Grenzen ausgelotet und überschritten. Besonders in Großbritannien und den USA stieß es auf großes Interesse in der Künstlerszene, was sich in good old Germany tat und so wundert es wenig, dass heutzutage viele Ideen und Schöpfungen dieser Jahre durch den Filter der globalen Gegenwartsmusik zurück in heimische Gehörgänge finden.
Eine der wichtigeren Bands der Szene sind die Hamburger Experimentalrocker Faust, deren Debütalbum 1971 nicht wenige Hörer völlig verwirrt zurückließ. Schlagzeuger Werner „Zappi“ Diermaier gehörte schon zur Erstbesetzung und bildet auch 40 Jahre später zusammen mit dem anderen Gründungsmitglied Jean Herve Peron den Kern der Band. Crazewire nähert sich einer Kraut Rock-Legende.
Zahlreiche internationale Musiker, vor allem aus dem Independent-Umfeld, aktuell etwa Animal Collective oder The Mars Volta berufen sich auf die Inspiration, die ihnen Bands aus dem weiten Krautrock-Kosmos gaben. Konnten die Protagonisten, als sie mit Faust anfingen, ahnen, dass ihre Musik Jahrzehnte später ein wichtiger Einfluss für junge Bands sein würde? „Während der ersten kreativen Phase hat wohl keiner von uns an einen derartigen Einfluss gedacht. Es war eher so, dass viele Kollegen sagten, was wir machen sei keine Musik, da wir uns oft auf Experimente mit Effekten und Sounds beschränkten. Auch im rein akustischen Bereich. Ich habe mir in Bezug auf unseren Einfluss noch nie wirklich Gedanken gemacht, bei der Benutzung von Baumaschinen als Musikinstrument ist es mir allerdings schon aufgefallen“ berichtet Diermaier.
„Ich denke, es beruht auf einer Art Klischeeverachtung. Die Musik ist stark von der Umgebungsstimmung geprägt, sie ist ehrlich im Sinne von Aufnahme und Wiedergabe dieser Stimmung. dies ist auch heute noch ein großes Bedürfnis der Konsumenten“, erklärt sich der Schlagzeuger die Tatsache, dass zahlreich Faust-Aufnahmen auch über die Jahrzehnte wenig von ihrer Faszination eingebüßt haben. Erst 2010 wurden die beiden ersten Alben wiederveröffentlicht und brachten die Band zurück in die Fachblätter und ins Feuilleton.
Worin besteht nun aber diese Besonderheit musikalisch? Wie entstehen derartige Arrangements und Kompositionen, die seit jeher weniger Song denn Track sind. Zappi, übernehmen Sie bitte: „Ein heruntergefallenes Glas kann der Anlass zu einem komplexen Arrangement werden. Umgebungsgeräusche und Stimmungen beeinflussen die nächsten Sekunden. Zum Beispiel habe ich mal das Schlagzeug durch Pappkartons oder Plastikeimer ersetzt, was bei unserem Toningenieur oft auf Zweifel und Verzweiflung stieß. Er war aber dann doch zu überzeugen." Neugier braucht Zeit und Faust bedeutet Konventionen zu kennen, um sie bewusst aushebeln und ignorieren zu können.
Sieht man sich Videos von Aufnahmesessions der Band an, so fällt auf, dass so gut wie immer alle Musiker zusammen spielen und aufgenommen werden. Es scheint eine besondere, gespannte Magie in der Luft zu liegen. „Es gibt sehr wenige Ausnahmen, in denen wir nicht in einem gemeinsamen Raum gespielt haben. Die Magie erklärt sich wahrscheinlich dadurch, dass wir meistens improvisieren, was eine hohe Konzentration erfordert. Vielleicht überlegt auch mancher, was es gleich zu essen gibt." sinniert Diermaier und gibt einen kleinen Einblick in die Produktionsweise und Entstehung der Songs zum aktuellen Album „Something Dirty": „Wir spielen gerne mit Loops und Wiederholungen, weil es viel Freiraum für verschiedene Ideen während des Stücks bietet. Möglich, dass der eine oder andere Klangideen im Voraus hatte. sie wurden aber nicht besprochen, sondern nach Bedarf während der Aufnahme eingesetzt. Spontanität ist sowohl im Studio als auch live ein wichtiger Faktor in unserer Musik."
Die einzige Regel der Band zielt auf absolute kreative Freiheit: „Keiner soll dem anderen sagen, was und wie er zu spielen hat. Die unterschiedlichen Charaktere sollen zur Entfaltung kommen, schließlich ergeben sie den ungeschliffenen Faust-Kosmos.“
Video: Making Of „Something Dirty"