Interpret:
Erland & The Carnival
Titel:
„Wir sind keine Musiknerds!"
Autor:
Bastian Küllenberg
Wuppertal / Düsseldorf, 22.11.2010
„Sehe ich so englisch aus?" fragt mich die Tourmanagerin, als ich ihr zur Begrüßung offenbare, dass ich sie direkt erkannt hätte. Irgendwie schon, doch darum geht es hier ja nicht. Schließlich habe ich die Reise ins Ruhrgebiet aus einem bestimmten Grund angetreten. Erland & The Carnival geben ausgerechnet in Duisburg ihr einziges NRW-Konzert und daher findet der Interviewtermin im Café Steinbruch statt.
Die Band hat gerade die arg Knoblauch-haltigen Backstage-Nudeln verspeist, ein kühles Pils steht auf dem Tisch, es kann losgehen. Die Interview-Situation ist schnell vergessen, stattdessen entwickelt sich mit den drei Musikern ein interessantes, angeregtes Gespräch über Folk, Psychedelic und die Zusammenhänge zwischen seelischen Abgründen und künstlerischem Schaffen.
Zum Einstieg einige lobende Worte über die wirklich sehr sympatische Location, den Duisburger Steinbruch. Was folgt ist ein lebhafter Austausch, den in seiner vollen Breite wiederzugeben, mehr erforden würde, als Stift und Papier hergeben. Ist meinen drei Gesprächspartnern zu Anfang noch anzumerken, dass sie am Auftakttag der Tour eine lange Fahrt hinter sich haben und gerade erst mit dem Essen fertig geworden sind, so sitzt man schon nach wenigen Minuten beim Bier zusammen und diskutiert darüber, ob man Brian Wilson für seine frühen Surf-Pop-Nummern lieben sollte oder doch eher „Pet Sounds" als Maß aller Dinge sieht. Simon Tong, ehemals Gitarrist von The Verve und The Good The Bad & The Queen und mit Abstand der Älteste in der Band, plädiert eindeutig für die unbeschwerte Frühphase der Beach Boys. Man merkt schnell, dass man es hier mit wahren Musikliebhabern, gar Nerds, zu tun hat. „Wir mögen den Begriff Nerds eigentlich nicht so gerne. Ich würde mich nie als Musiknerd beschreiben", widerspricht Tong der Kategorisierung.
Allerdings lässt sich nicht leugnen, dass in der gemeinsamen Musikbesessenheit ein Schlüssel zum Erfolg und zur schieren Existenz von Erland & The Carnival liegt. „Ich habe Simon bei einem Folk-Konzert kennengelernt", gibt Schlagzeuger David Noch zu Protokoll. „Wir drei kamen über die Feststellung zusammen, dass wir alle den Song „My Name Is Carnival" von Jackson C. Frank unglaublich lieben", ergänzt Erland Cooper und Simon Tong komplettiert die Geschichte: „Da lag es nah, den Song neu aufzunehmen und uns The Carnival zu nennen." Es sind Namen wie Jackson C. Frank, kaum mehr als eine in Vergessenheit geratene Fußnote der Popgeschichte, die der Band als Kosmos und Inspiration dienen. „Jackson C. Frank war ein unglaublich talentierter Songwriter, der leider nie die Anerkennung bekommen hat, die er verdient hätte", kommentiert Cooper.
Es sind tragische Heldenfiguren wie eben Jackson C. Frank, die die Welt von Erland & The Carnival bevölkern. Der Songwriter inspirierte in den frühen 60ern Künstler wie Fairport Convention, Nick Drake oder Sandy Denny, konnte sich jedoch nie vom komerziellen Mißerfolg seines Debütalbums 1965 erholen und verstarb 1999 mit gerade 56 an Lungenentzündung, nachdem er jahrelang an Depressionen und Schizophrenie gelitten und in Armut gelebt hatte. Eine weitere Referenz, die einem beim Hören des Debütalbums der Briten direkt einfällt, sind The 13th Floor Elevators. Auch bei jener legendären Band war mit Roky Erikson ein Mann zentral, dessen geistige Gesundheit ihm im weiteren Verlauf schwer zu schaffen machen sollte. Gibt es am Ende gar einen Zusammenhang zwischen einer fragilen, mentalen Beschaffenheit und dem kreativen Output?
„Ich denke, was Roky Erikson und andere Leute seiner Generation angeht, so haben sie durch psychedelische Mittel versucht, sich an ein Limit der Wahrnehmung zu pushen." Drummer Noch redet schnell und hat den stärksten Dialekt der drei, dennoch bleibt man ihm aufmerksam akustisch auf den Versen. „Es ging darum Dinge zu sehen, die man sonst nie gesehen hätte und am Ende wurde Erikson von diesen Dingen geschluckt." „Bei Jackson C. Frank war es meiner Meinung nach so, dass seine depressive Stimmung eine Reaktion auf die fehlende Anerkennung seiner Kunst war. Erst danach, ist er abgedriftet" steuert Erland Cooper bei. Doch was wäre, wenn sowohl Erikson als auch Frank bereits vor dem Beginn der musikalischen Laufbahn an Depressionen gelitten und ihre Gefühle in die Musik kanalisiert hätten? Könnte ihre Kunst gerade deshalb so einzigartig sein, weil ihre Wahrnehmung eine andere war?
Simon Tong hat eine klare Ansicht dazu: „Ich denke es geht dabei vor allem um Feinfühligkeit, eine gewisse Sensibilität." „Manche Menschen spüren intensiver und können sich besser in Situationen einfühlen. Ich denke schon, dass es möglich ist, dass eine instabile mentale Verfassung, Dinge tiefer oder internsiver wahrnehmen lässt", gerät sein jüngerer Bandkollege David Noch ins Nachdenken. Die Frage nach der eigenen mentalen und seelischen Verfassung können die drei dann aber mit einem Grinsen beantworten. „Mir geht es sehr, sehr gut", feixt Erland Cooper.
„Es geht uns vor allem darum, Dinge zu nehmen und sie in einen neuen, einen anderen Kontext zu setzen", erklärt Gitarrist Tong. „So wie wie „My Name Is Carnival" gecovert haben, machen wir es oft. Wir nehmen einen Song oder ein Gedicht, eignen es uns an und machen es zu etwas neuem. Das ist die Carnivalization." „Es ist spannend zu sehen, wie man Widersprüche erzeugen kann oder einen Song total umdeuten und zum Beispiel von einem traurigen, zu einem fröhlichen Lied machen kann" ergänzt sein Drummer, der in dieser Band weitaus mehr, als nur ein Rhythmusgeber im Hintergrund ist. In Paul McCartneys Band habe er übrigens nie gespielt, verrät er später am Rande des Auftritts. Bei dieser weitverbreiteten Information müsse sich um eine Ente handeln. Bescheidenheit ist eine Zier und es spricht für den Schlagzeuger, dass er sich im persönlichen Gespräch nicht mit fremden Federn schmückt.
Überhaupt wirken Erland & The Carnival wie eine Band, die es nicht nötig hat, großes Theater zu veranstalten. „Paul Simon hat einmal gesagt, dass er nur deshalb viele Frauen date, um nachher einen Song über die Trennung schreiben zu können. So etwas liegt uns fern", kommentiert Simon Tong. Dennoch bekräftigt das Trio, dass es bei ihnen um mehr ginge, als eine einmalige Zusammenkunft für ein Konzept-Album. „Wir sind kein Projekt, sondern eine Band", unterstreicht es Simon Tong. „Die neuen Aufnahmen sind bereits in der Mache", verrät sein Sänger Cooper, „Anfang 2011 soll es eine zweite Platte geben." Man darf also gespannt sein, wie es weitergeht mit einer der erfreulichsten Entdeckungen des Jahres.