Interpret:
EMF
Titel:
Nach dem Hit ist vor dem Leben
Autor:
Lasse Paulus
Düsseldorf, 16.03.2011
EMF? Den Namen dieser Band kennt heute kaum noch jemand. Ihren größten, eigentlich einzigen Hit „Unbelievable“ kennt hingegen jedes Kind. Denn auch zwanzig Jahre nach dessen Veröffentlichung ist der Song weder aus dem Radio noch von einer guten Party wegzudenken. Mit ihrem weniger poppigen zweiten Album „Stigma“, einem unterbewerteten Meilenstein aus Techno und harten Gitarrenriffs, vergraulten sie zwar die Bravo-Leser, bauten sich aber eine treue Fangemeinschaft auf, die der Band bis heute die Stange hält – auch wenn sich EMF bereits 1995 aufgelöst haben. Zum 20-jährigen Bandjubiläum sprach Crazewire mit Gitarrist Ian Dench, der heute für Beyoncé Songs schreibt (und dafür 2010 für einen Grammy nominiert wurde), und Schlagzeuger Mark DeCloedt.
Crazewire: Ihr habt Euch 1990 gegründet. Nur wenige Monate später hattet ihr mit „Unbelieveable“ einen riesigen Welterfolg. Könnt Ihr euch noch daran erinnern, wie Ihr euch in dieser Zeit gefühlt habt?
Ian: Es war wie in einer Achterbahn. Wir wollten kurz vor der Veröffentlichung von „Unbelievable“ für zwei Wochen auf Tour gehen, woraus dann sechs Monate wurden.
Mark: Für mich persönlich war es die aufregendste und unberechenbarste Zeit meines Lebens. Niemand auf der Welt hätte vorhersehen können, dass unsere erste Single so ein großer Hit werden würde. Ich erinnere mich immer mal wieder an die Zeit, in der wir den Song aufgenommen haben. Ich mochte die Zeit wirklich gerne. Mit den Jungs abhängen, lachen und nebenbei hart im Studio an den Songs arbeiten – das war toll und hat uns allen die Welt bedeutet. Wir gingen auf Tour und alles begann außer Kontrolle zu geraten. Heute bin ich älter, aber hey, ich würde nichts von alledem ändern wollen. Absolut wunderbar und psychisch anstrengend zur gleichen Zeit.
Crazewire: Nach eurem Debütalbum „Schubert Dip“, von dem Ihr immerhin zwei Millionen Exemplare verkaufen konnten, habt ihr eine EP mit dem Namen "Unexplained" sowie euer fantastisches zweites Album „Stigma“ veröffentlicht. An eure frühen Erfolge konntet ihr damit aber nicht mehr anknüpfen. Wie enttäuschend war diese Situation?
Ian: Der Erfolg war so unwirklich, und trotzdem haben wir jede Sekunde davon genossen. Also haben wir die Situation danach einfach so hingenommen, wie sie war.
Mark: Persönlich gesehen war ich ziemlich genervt. Ich wollte mehr Hits, aber die kamen einfach nicht. Außerdem spürte ich zu dieser Zeit eine Veränderung innerhalb der Band, was mich ziemlich irritiert hat.
Crazewire: „Stigma“ war um einiges härter und düsterer. Könnt ihr euch daran erinnern, warum ihr euren Stil geändert habt? Und habt Ihr das im Vorfeld diskutiert oder ist das einfach passiert?
Ian: Ja, Derry (Brownson, Keyboarder; Anm. d. Red.) mochte Jane's Addiction und James (Atkin, Sänger; Anm. d. Red.) liebte die Beastie Boys – also wollten wir auch so cool sein wie diese Bands.
Mark: Wir tourten eine Zeit lang mit unserer Popshow, bis uns einer unserer Agenten auf ein paar alternative Festivals buchte. Das war eine komische Situation. Wir liebten alle harte und laute Gitarrenmusik, die man auf unserem Debütalbum aber nicht findet. Alle außer Ian wollten einen härteren Sound und mehr Feuerwerk bei unseren Shows (lacht; Anm. d. Red.).Wir haben das also eigentlich nie diskutiert. Es ist einfach so passiert.
Crazewire: Nach eurem eher enttäuschenden Album „Cha Cha Cha“ (1995) und den beiden Singles „I´m A Believer“ und „Afro King“ habt ihr euch zum ersten Mal aufgelöst. Könnt Ihr etwas über die Gründe erzählen?
Mark: EMF lief so vor sich hin. Wir waren alle ziemlich fertig. Ich selbst hatte einen totalen Zusammenbruch – zuviel Arbeit, zuviel Alkohol und zuviele Drogen. Das war einfach zu stressig. Ich spürte, wie die Band während der Aufnahmen auseinander driftete. Das war keine schöne Zeit. Ganz nebenbei… ich hasse diese beiden Singles. Sie sind absolut schrecklich. Ich wünschte, wir hätten sie niemals veröffentlicht.
Ian: Wir bekamen diesen Druck von der Plattenfirma, die wollte, dass wir den Pop-Erfolg wiederholen. Das war für die Band einfach zuviel.
Crazewire: Nach einer kurzen Reunion 2008 habt ihr euch wieder aufgelöst. Viele Fans hatten ein paar neue Songs oder mehr Live-Shows erwartet. Wie habt Ihr Euch gefühlt, als Ihr bemerkt habt, dass sich nach so einer langen Zeit immer noch so viele Menschen für Euch interessieren?
Mark: Es ist immer cool zu wissen, dass deine Arbeit nicht in Vergessenheit geraten ist. Es macht mich glücklich, dass sich immer noch so viele Leute mit uns und unserer Musik beschäftigen. Ich schätze mittlerweile auch meine Erinnerungen an die Band. Außerdem ist es lustig, dass mein achtjähriger Sohn mittlerweile versteht, was sein Daddy vor so vielen Jahren gemacht hat. Und es macht mich stolz, dass es ihn interessiert. Das ist eine gute Inspiration für mich.
Ian: Ich schätze, wir haben uns alle weiterentwickelt und sind noch einmal zusammen gekommen, weil wir immer noch Freunde waren, und heute auch immer noch sind. Wer weiß, wann wir noch einmal zusammen kommen. Ach, und auf die Frage zu antworten: es ist fantastisch zu wissen, dass so viele Menschen immer noch an uns denken.
Crazewire: Euer Song „Unbelieveable“ läuft immer noch im Radio oder wird für Fernseh-Trailer benutzt. Könnt ihr den Song überhaupt noch hören?
Ian: Ich bin so dankbar für alles, was ich durch diesen Song erreicht habe. Ich liebe es noch immer, ihn zu hören.
Mark: Yeah, ich habe erst vor einigen Tagen mit meiner kleinen Tochter auf den Song getanzt. Meine Frau zeigt dann immer aufs Radio und sagt, dass Papa da gerade im Radio läuft… sehr süß.
Crazewire: Heute spielt ihr alle in unterschiedlichen Bands (Asbo Kids, Amanda Ghost, Black Heart Dolls) und habt ein „normales“ Familienleben. Wie kann man sich einen Tag im Leben eines ehemaligen Superstars vorstellen?
Mark: Ich arbeite für eine Firma, die Schlagzeuge herstellt. Ich verhandele mit Rockstars, andern Firmen, Orchestermusikern und Schlagzeugern auf der ganzen Welt. So weit ist also alles gut. Ein gewöhnlicher Tag beginnt damit, dass ich die Kinder wecke, mit ihnen frühstücke und sie fertig für den Tag mache. Danach gehe ich zur Arbeit. Manchmal treffe ich dann coole Musiker, oder ich sitze an meinem Schreibtisch und bearbeite Papierkram. Dann gehe ich nach Hause, bringe die Kinder ins Bett und gehe irgendwann schlafen. Ich spiele nebenbei immer noch Schlagzeug, aber wahrscheinlich nicht genug. Außerdem liebe ich das Golfen, Angeln, Fahrradfahren und Wandern. Filme spielen mittlerweile auch eine große Rolle in meinem Leben. Ich trinke nicht mehr so häufig, um ehrlich zu sein bin ich davon ziemlich gelangweilt. Ich habe diesen Rock 'n Roll-Lifestyle vor einigen Jahren drangegeben. Nur kiffen tu ich hin und wieder mal. Das ist meine einzige Sünde… Alles in allem also ziemlich simpel aber hektisch.
Ian: Ich sitze gerade im Tonstudio und schreibe Songs, während Florence Welch von Florence And The Machine ihre Gesangsparts einsingt. Songschreiben ist mein Day-Job. Abends um sechs fahre ich nach Hause, um meine Frau zu sehen und die Kinder ins Bett zu bringen. Ich bin ein ziemlich glücklicher Mann!
Crazewire: Was können wir in diesem Jahr von euch erwarten? Dass jemand von euch nach Deutschland kommt, ist wohl eher nicht zu erwarten, oder?
Ian: Lots of songwriting!
Mark: Musikalisch ist leider nichts geplant. Sorry. Ich werde wahrscheinlich in einer lokalen Band anfangen, Schlagzeug zu spielen. Nur um nicht ganz einzurosten. Ich hoffe aber Mitglied in einer Cricket-Mannschaft zu werden – fookin love it!
Crazewire: Letze Frage, was bedeutet euch EMF 20 Jahre nach eurem größten Erfolg?.
Mark: Ein riesiger Haufen Erinnerungen, auf die ich wirklich stolz bin. Das waren in der Tat glückliche Tage.
Ian: Epson Mad Funkers forever!