Interpret:
Elyjah
Titel:
Do It Yourself mit Klimbim
Autor:
Lasse Paulus
Düsseldorf, 30.11.2009
Kennt noch jemand die TV-Sendung „Klimbim"? Von 1973 bis 1979 strahlte der WDR Deutschlands erste echte Fernseh-Comedy-Sendung aus und bereitete damit den Weg für all das Grauen, das uns heute auf Sat1 und RTL Tag für Tag begegnet.
Das Berliner Quartett von Elyjah hat damit nur wenig am Hut. Warum sie ihr eigenes Label dennoch Klimbim Records getauft haben, erklärt uns Bassist Martin Helms im Interview mit Crazewire-Redakteur Lasse Paulus.
Crazewire: Ihr habt Euch 2003 gegründet und die ersten drei Jahre Songs ohne Gesang geschrieben. Erst seit 2006 singt ihr auch. War Euch vorher nicht bewusst, welch Potential in Robert steckt, oder habt Ihr bewusst auf den Gesang verzichtet?
Martin: Als wir begonnen haben miteinander Musik zu machen, waren da erstmal diese instrumentalen Ideen und Lieder. Die kamen einfach so durch unser Zusammenspiel. Der Wunsch nach Gesang war bei uns Dreien unterschiedlich ausgeprägt und so wurde anfangs die Suche nach Gesang nicht sonderlich forciert. Später wollten wir dem Ganzen durch Gesang etwas mehr Drive geben. Robert hat sich aber nicht zu Wort gemeldet und alle Sänger und Sängerinnen, die mit uns gejammt haben, hatten Probleme in unser System reinzufinden. Als wir mit der Suche nach einem geeigneten Sänger am Ende waren, kam Robert eines Tages in den Proberaum und meinte er hätte einen Song mit Gesang geschrieben. Als er anfing zu singen dachten Bernd und ich nur: „Das kann jetzt unmöglich sein Ernst sein!“
Crazewire: Auf eurem Debütalbum „Planet, Planet“ sind trotzdem noch Instrumentals enthalten. Wolltet ihr damit Eure „Wurzel“ mit auf die Platte bringen, oder schreibt ihr auch heute noch Songs ohne Gesang?
Martin: Wir schreiben keinen Song, um irgendetwas zu verdeutlichen. Songs kommen und gehen und wenn uns allen drei ein Thema länger gefällt, dann nehmen wir es später mit auf Platte. Ein Großteil der aktuellen Ideen sind auch noch instrumental. Ein Stück Musik verlangt ja auch von sich aus nach Gesang. Das muss man dann gar nicht planen.
Crazewire: Wo seht Ihr eure musikalischen Einflüsse?
Martin: Diese Frage zielt ja meistens darauf ab, was wir für Musik hören und welche Musik wir großartig finden. Das geht bei uns leider ziemlich drunter und drüber, weswegen man daraus keine endgültigen Schlüsse ziehen kann. Was der eine gerade abfeiert kann der andere für den letzten Mist halten. Ich höre zum Beispiel gerade beim beantworten der Fragen „Destiny Fulfilled“ von Destiny's Child und - wow - die Platte ist so gut! Aber das darf ich den anderen natürlich nicht sagen. Was uns beim Musikmachen beeinflusst ist nur schwer zu beantworten. Die Frage, was am Tag dazu führt, dass man Abends im Proberaum einen guten Moment erwischt und eine tierische Idee entwickelt, ist eigentlich nicht zu beantworten. Schade eigentlich.
Crazewire: Hat der Albumname „Planet, Planet“ eine tiefere Bedeutung? Wenn ja, was steckt dahinter?
Martin: In den Vorschlägen für die Betitelung der Platte hatte Bernd die Idee das Wort Planet einzubauen. Jeder Planet hat sein eigenes System in dem er funktioniert; Anteile von Elementen, die seine Oberfläche und Atmosphäre bestimmen. Allerdings haben wir uns über den inhaltlichen Hintergrund nicht unterhalten. Ich weiß gar nicht was die andern beiden in dem Titel sehen. Er war da, wie ein Riff, das einen flasht. Die Doppelung fanden wir dann ziemlich gut, weil sie etwas von einem Warnruf oder Entsetzensschrei hat.
Crazewire: Ihr habt für das Coverartwork der Platte einen riesigen Aufwand betrieben und jedes Booklet mit einer Schrotflinte beschossen. Erzählt uns doch mal, wie ihr auf diese Idee gekommen seid und wie das mit der Umsetzung geklappt hat.
Martin: Nachdem das Mastering abgeschlossen war, habe ich mich einen Abend lang mit Stefan Guzy von der Agentur Zwölf Medien volllaufen lassen, die Platte auf Dauerrotation gehört und darüber geschwafelt, wie man das wohl umsetzen könnte. Es wurde ziemlich krude und irgendwann sagte Stefan: „Ich geht jetzt mal pissen und dann sage ich dir was wir machen.“ Er verschwand, ich trank meinen Wein aus und dann stand er da im Flur und sagte: „Wir ballern auf eure Cover!“ Word! Zu einem Schießstand zu fahren und ohne Waffenschein alle Kaliber zu schießen ist ziemlich einfach. Wenn man aber sein Ziel selbst mitbringt wird’s interessant. An der ganzen Organisation waren viele Leute beteiligt, die in Brandenburg Jäger davon überzeugen mussten, dass wir keinen Scheiß mit dieser Aktion machen wollten. Als wir dann alles klar hatten, sind wir nach Klein Wasserburg gefahren, haben unsere Konstruktion aufgebaut und losgelegt. Macht ziemlich Laune, kann man nicht anders sagen.
Crazewire: Ihr macht von der Produktion der Songs bis zum Kleben der Cover alles in Eigenregie und habt für die Veröffentlichung des Albums sogar ein eigenes Label (Klimbim Records) gegründet. Wie wichtig ist euch der DIY-Gedanke?
Martin: Es ist uns wichtig, Ideen, Lieder, Gedanken uneingeschränkt so umzusetzen wie wir das wollen und für richtig halten. Wir legen keinen zwingenden Wert darauf, dass dann auch selbst zu machen. Der Arbeitsaufwand für die Scheibe war schon krass und wir hätten kein Problem damit gehabt, diese Arbeit mit Leuten zu teilen oder sie ganz abzugeben. Aber man muss sich auch eingestehen, dass so ein Prozess aus wirtschaftlicher Sicht völlig schwachsinnig ist. Von daher wird’s wohl eher schwierig, Leute zu finden, die den Pfad mit einem gemeinsam begehen wollen. Ausserdem macht's ziemlich viel Spass, trotz all der Arbeit. Den DIY-Gedanken als ideologisches Konzept haben wir aber noch nicht durchleuchtet.
Crazewire: Ist es heute für junge und kreative Bands die bessere Alternative, alles selbst zu machen?
Martin: Nein. Man muss diesem ganzen Drumrum schon mit ziemlich viel Hingabe begegnen, sonst erreicht man nicht die Qualität, die man haben möchte. Immerhin gründet man eine Firma und muss wahnsinnig viel bürokratischen Scheiß erledigen. Das darf einen schon nicht zu sehr angehen. Es gibt Leute in unserem Umfeld, für die gibt es nichts Besseres als alles an Andere abzugeben, um sich darauf konzentrieren zu können, krasse Musik und Texte zu schreiben. Für so jemanden ist unsere Herangehensweise der völlige Downer.
Crazewire: Habt ihr im Vorfeld mit Plattenfirmen gesprochen, ob so ein Album überhaupt realisierbar gewesen wäre?
Martin: Wir wollten das eigentlich alles gar nicht so machen. Wir waren auf Labelsuche und niemand wollte uns veröffentlichen. Da gab es auch fast immer nachvollziehbare Erklärungen. Wir wollten einfach nur, dass diese Platte veröffentlicht wird. Als am Ende unserer Suche klar wurde, dass in unserem Kontext ein Label in erster Linie als Geldgeber fungieren würde, dachten wir uns: „Kohle schnorren können wir auch selber.“ Die Umsetzung hätte auch niemand finanziert, der eine Firma führt. Eigentlich auch zu Recht. Wir konnten uns überlegen: Platte ad acta legen oder einfach Konsequenzen ziehen und den Wahnsinn durchziehen.
Crazewire: Wie wichtig ist euch im allgemeinen die visuelle Seite der Band. Auch die Bandfotos gehen ja über die typisch gestellten Bilder hinaus.
Martin: Das ist organisch in der Zusammenarbeit mit Zwölf Medien entstanden. Da sitzen einfach Leute, die sich die Musik ungefiltert anhören und dann Ideen entwickeln, die einfach passen. Das sind im Prinzip auf visueller Ebene unsere Brüder im Geiste. Diese Zusammenarbeit wurde von uns deswegen nicht hinterfragt und wir könnten uns wahrscheinlich auf klassischeren Ebenen nicht einigen. Bandintern führen Diskussionen über visuelle Konzepte nur zu Konflikten.
Crazewire: Klimbim wie die TV-Sendung?
Martin: Nee, eigentlich hat das nix mit der Sendung zu tun. Wir wollten einen Namen der den Leuten im Ohr kleben bleibt. Robert hatte ne Liste gemacht und Klimbim war der kleinste gemeinsame Nenner. Wir hatten zwar auch noch nen Haufen anderer Namensideen, aber so wichtig ist der Labelname am Ende auch nicht, deswegen haben wir uns da ausnahmsweise relativ schnell entschieden und das Thema damit abgehakt.