DETAILS

Inpterpret:
Element Of Crime

Titel:
Grönemeyer und das interpretative Nein

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Autor:
Dominik Knauf
Kropp, 28.09.2009

INTERVIEWS

Element Of Crime - Grönemeyer und das interpretative Nein

Element Of Crime - Grönemeyer und das interpretative Nein

Diese Frage musste endlich einmal gestellt werden: „Wie viele Erdbeereise muss der Mensch noch essen, bevor er endlich einmal sagt: ‚Ich bin dafür’?“ Es verwundert einen kaum, dass diese Zeilen von Sven Regener stammen, der auch auf dem neuen, dem nunmehr zwölften Album Element Of Crimes wie auf einem Drahtseil die lyrischen Möglichkeiten der deutschen Sprache austariert und uns mit diesen lebhaften Bildern immer wieder aufs Neue fasziniert. 

Und das bereits seit 1985, als sich Element Of Crime nach einem Film von Lars von Trier benannten. Zunächst wurde auf Englisch, seit 1991 und „Damals Hinterm Mond“ auf Albumlänge auf Deutsch gesungen. Seitdem hat sich einiges getan, gab es Bandumbesetzungen, Auftritte auf immer größeren Bühnen, Soundtrackbeiträge für Leander Haußmann und natürlich auch „Herr Lehmann“, Sven Regeners erfolgreicher Roman, dem in den vergangenen Jahren mit „Neue Vahr Süd“ und „Der kleine Bruder“ weitere Teile folgten.

Veränderung also an allen Ecken und Enden bei Element Of Crime oder wie Grönemeyer in seinem Song „Bleibt Alles Anders“ schon sagte: „Stillstand ist der Tod, geh voran bleibt alles anders“. Doch zu Grönemeyer, dessen Support Element Of Crime 1992 waren, werden wir später noch einmal kommen. Bis dahin kann man feststellen: Obwohl die Band eigens zum Mischen des Albums nach Nashville flogen, sind sich Element Of Crime musikalisch wieder einmal treu geblieben und dank Sven Regeners lakonischem Gesang fühlt man sich auch bei „Immer Da Wo Du Bist Bin Ich Nie“ auf vertrautem Terrain. Gar nicht einmal im negativen Sinne. Über die Jahre haben sich Element Of Crime ihre eigene Nische geschaffen, aus der sie sich ab und an mit einem neuen Album melden. Eine Nische, die über die Jahre immer größer geworden ist.

Ganz modern und doch auf der anderen Seite wiederum recht altmodisch beantwortet Sven Regener unsere Fragen: in einer E-Mail. Ein E-Mail-Interview ist das Äquivalent zum guten alten Liebesbrief: Der Interviewer stellt seine Fragen in der Hoffnung, dass der Interviewte diese genau so versteht, wie man es beabsichtigt hat. So werden aus an sich nichtigen, unachtsam hingeworfenen Adjektiven in der Fragestellung plötzlich gefährliche Eisberge, an denen man vorbeimanövrieren muss und die im schlimmsten Fall das Schiff zum Sinken bringen. Ein E-Mail-Interview ist das Transkript einer Konversation, die so nie stattgefunden hat und macht dementsprechend die Auswertung der Antworten um einiges schwerer. So wird aus einem gewöhnlichen „Nein“ ohne die dazugehörige Gestik ein interpretatives „Nein“, das so viel und wiederum gar nichts bedeuten könnte. Ganz wie im Liebesbrief, also. Und keine Möglichkeit, die Reaktion des Gegenübers in dem Augenblick des ersten Lesens zu erhaschen.

Was man jedoch sehen kann, sind die Unterschiede des neuen Covers im Vergleich zu denen der Vorgängeralben. Waren auf diesen noch Ponys als Haustiere, ausgestopfte Vögel oder Bushaltestellenschilder im Nirgendwo abgebildet, wirken Element Of Crime nun gesetzter: Eine Couch, irgendwo im Backstagebereich, auf der die Band sich scheinbar von den Strapazen ausruht. „David Young (Bassist, Anm. d. Verf.) meint, er sehe aus, als warte er auf die nächste Mahlzeit“ merkt Regener hierzu an. Genauso muss man sich auch den Entstehungsprozess des Albums vorstellen: harmonisch, ruhig, wie das Albumcover es auch suggeriert. Dabei fühlt man sich beim Cover auch an Neil Youngs „Ragged Glory“ erinnnert. Zufall? „Ja. Nein. Beides. Es ist bloß das Fischauge, wie bei einem Blick durch den Türspion. Gibt es öfter mal. Ist toll für Cover.“ Also keine zwinkernde Verbeugung vor dem Werk, das heutzutage als Youngs „Grunge-Werk“ gilt und sich somit grundlegend von der Musik Element Of Crimes unterscheidet.

Vielleicht ist das die Krux: Dass man bei allen Aussagen, allen Entscheidungen, die Element Of Crime treffen, immer auch einen doppelten Boden vermutet, Spitzfindigkeiten, die so aber gar nicht von der Band wahrgenommen werden. Zum ersten Mal seit „Tumbling Tumbleweed“ vor dreizehn Jahren covert die Band wieder einen englischen Song für eines ihrer Alben. Ob es dafür einen besonderen Anlass gäbe? „Er passte so gut auf die Platte, fanden wir“ ist die so einfache, wie nachvollziehbare Antwort Regeners. Das spricht für sich. Genauso wie das kurze und knappe „Nein“ auf die Frage, ob sie nach all den Jahren, den vielen Platten, nicht manchmal Angst davor hätten, ihrem eigenen künstlerischen Anspruch nicht mehr gerecht werden zu können, sich gar zu wiederholen. Da haben wir es wieder, das interpretative „Nein“.

Genauso Auslegungssache sind die Texte von Regener auf „Da Wo Du Bist Bin Ich Nie“, die laut eigener Aussage zu 99% fiktiv sind. Erstaunlich, wenn man bedenkt, wie Regener sich trotz aller lyrischer Raffinesse mit Alltäglichkeiten beschäftigt, so dass der Hörer in das Geschehen hineingezogen wird. In „Kaffee & Karin“ benutzt er wieder die Biermetapher, um von dort zu einem kleinen existenzphilosophischen Exkurs auszuholen oder erweist sich in „Am Ende Denke Ich Immer Nur An Dich“ als genau beobachtender Außenseiter. Doch konfrontiert man Regener hiermit, erntet man nur ein Schulterzucken: „Ich finde die Position des Singenden in diesen Texten eigentlich sehr engagiert und mittendrin – hm, wahrscheinlich macht einen das erst zum richtigen Außenseiter: Wenn man’s gar nicht mehr merkt!“

Im letzten Jahr nahmen Element Of Crime vier neue Songs für Leander Haußmanns Kinofilm „Robert Zimmermann Wundert Sich Über Die Liebe“ auf, die der Band neue Inspiration verlieh, um an neuen Songs für ihr Album zu arbeiten. „Wir haben uns in den vier Songs textlich ganz konkret auf den Film bezogen, das war wirklich mal was Anderes und ziemlich lustig“, skizziert Regener die Arbeitsweise für den Soundtrack. Für Haußmanns Theaterinszenierung von Peter Pan schrieben Element Of Crime dieses Jahr noch zwei weitere Songs, doch Ambitionen, ihre Songs für ein Musical oder ein eigenes Theaterstück freizugeben, wie es derzeit bei Bands in Mode zu sein scheint, haben sie nicht, „gerade weil die Songs ja auch so schon lebhaft genug und voller Bilder sind“. 

Da bei Element Of Crime selbst nach 24 Jahren noch keine Ermüdungserscheinungen erkennbar sind (auch wenn das Cover des neuen Albums Anderes vermuten lässt), braucht man auch noch nicht über kreativitätserweiternde Maßnahmen nachdenken. Nachdem die Band ihr Album ja in Nashville gemischt hat: Könnte Sven Regener sich vorstellen, mit seiner Band an einen bestimmten Ort zu fahren, um sich von der dortigen Atmosphäre musikalisch beeinflussen zu lassen? „Wir haben Platten in New York, in London, in Berlin, im Can-Studio bei Köln aufgenommen,“ zählt Regener verschiedene Stationen auf, „aber das hat auf die Musik nur wenig Einfluss. Wäre auch komisch, wenn es anders wär, wenn man so beeinflussbar durch etwas so Banales wie einen Ortswechsel wäre. Irgendwie albern, denke ich.“ 

Was kann man also dann noch in Zukunft von Element Of Crime erwarten? Längere Pausen zwischen den Alben, um aus der Platte-Tour-Platte-Tretmühle auszubrechen, so wie es nun zwischen „Da Wo Du Bist Bin Ich Nie“ und „Mittelpunkt der Welt“ der Fall war? Brauchen Element Of Crime letztendlich diese Auszeiten als Ruhekissen? „Nein, wir lassen uns einfach mehr Zeit. Es gibt da ja auch keine gültige Referenz. Oder, um es mal so zu sagen: die Kunst ist auch das Reich der Freiheit,“ beschwichtigt Regener. Ein schönes Bild, das zusammenfasst, worauf Element Of Crime wert legen. Es ist egal, was andere denken, solange die Band mit dem Ergebnis leben kann und im Moment können sie das sehr gut. Auch wenn Regener in seiner Karriere öfter das Gefühl hatte, unterschätzt zu werden. „Ich denke aber, jeder gescheite Künstler denkt das. Schlauer wäre wohl, das gar nicht zuzugeben, sondern einen auf bescheiden zu machen.“ 

Doch Bescheidenheit muss nicht aufkommen, wenn man gerade eines der besten Alben des Jahres herausgegeben hat und man mit gutem Gewissen auf eine lange und erfolgreiche Karriere blicken kann. Kommen wir also noch einmal zum Anfang: Wie war das, mit Grönemeyer auf Tour zu sein, damals 1992? „Ich kann mich noch an alles erinnern. An jedes einzelne Konzert. Naja, es waren ja auch nur acht. Beim neunten konnten wir wegen eines Sturmes nicht spielen“, zählt Regener die Fakten auf, um zum Schluss ein imaginäres Lächeln durch seine Zeilen schimmern zu lassen: „Hier also schon mal eine Lehre: Bau an der Ostseeküste keine Festivalbühne auf, wenn ein Sturm kommt. Die Vorgruppe fällt dann aus“.

 

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