DETAILS

Interpret:
Egotronic

Titel:
Deutschland muss sterben, damit wir raven können

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Autor:
Renate Bichert
Remscheid, 19.01.2009

INTERVIEWS

Egotronic - Deutschland muss sterben, damit wir raven können

Egotronic - Deutschland muss sterben, damit wir raven können

Einen Tag vor Heiligabend beschert das Hamburger Label Audiolith seine Fans mit einem Weihnachtskonzert im Kölner Kulturbunker. Herrlich unbesinnt konnte man an diesem Abend mit Juri Gagarin und Egotronic (und eigentlich auch Plemo, der allerdings aus gesundheitlichen Gründen absagen musste) den ganzen Weihnachtsstress vergessen und mit echter, ungezwungener Freude gegen Deutschland raven. Aber wie ravet man eigentlich gegen Deutschland? Und gehört so eine Attitüde nicht eigentlich eher in den Punk? Torsun von Egotronic klärt uns auf.

Crazewire: Wie war eure Tour bisher?

Torsun: Bisher war sie fantastisch. Viele Konzerte waren ausverkauft, und der Rest war auch gut besucht. Heute sieht es eher mau aus, aber das liegt wahrscheinlich daran, dass Köln eine Stadt ist, wo die Leute über Weihnachten eher wegfahren als hier hin zu kommen. Aber ansonsten war es fantastisch.

Crazewire: In deiner Jugend warst du eher im Punk und Hardcore unterwegs. Wie bist du zum Electro gekommen?

Torsun: Ich habe schon '94 sehr viel Techno gehört. Anfang der Neunziger, als es mit dem Techno los ging, war ich in vielen Clubs, wie das Ohmen in Frankfurt oder das Milk in Mannheim, obwohl ich eher Punk gehört habe. Für mich war die Initialzündung '96 auf einem Andreas-Dorau-Konzert. Ich habe auch schon vorher mal Synthesizer in meine Musik eingebaut, aber das war einfach so ein Knackpunkt, weil ich das so geil fand. Dann kam die Überlegung alles nur noch elektronisch zu machen. Seit '97 mach ich eigentlich nur noch elektronische Musik.

Crazewire: Deine Biographie ist sehr interessant. Zuerst dümpelst du jahrelang 'rum und dann bringt ihr plötzlich drei Alben in drei Jahren raus. Was ist passiert?

Torsun: Das hat sich einfach so ergeben. Wir haben eigentlich immer schon relativ viel gespielt. Aber richtig explodiert ist es in dem Moment, als Lars von Audiolith auf uns zukam und meinte: „Wir machen zusammen eine Single.“ Dann haben wir die gemacht, die hat sich furchtbar schlecht verkauft, aber er wollte trotzdem noch ein Album mit uns machen. Es kam das erste Album, dann kam das zweite Album und da es bei „Lustprinzip“ so abging, dachte ich, ich will sofort nachlegen und nicht erst zwei Jahre verstreichen lassen, um einfach auch den Run, der grade passiert, nicht verstreichen zu lassen. Ich wollte das ja unbedingt und außerdem macht mir Musikmachen ja auch Spaß. Ich mach ja auch außerhalb von Egotronic was anderes und da macht man ja auch Stücke.

Crazewire: Was zum Beispiel?

Torsun: Mein neustes Projekt ist 1 Foot In Da Rave zusammen mit Rampue, der auch schon mit Plemo zusammen ein Album veröffentlicht hat und mit Ira in diesem Jahr eins veröffentlichen wird. Und wir machen zusammen totalen Trümmertechno. Der Style ist ein bisschen französisch und zum Teil richtig harter Techno. Das ist ein ganz angenehmer Gegenpol zu dieser Bühnenpräsenz. Bei Egotronic wird die Musik so personifiziert.

Crazewire: Warum heißt eigentlich erst das dritte Album „Egotronic“?

Torsun: Es sollte eigentlich „Berlin Calling“ heißen. Es war schon fest eingeplant, auch mit diesem Cover, was sich an The Clash anlehnt mit „London Calling“ und als der Titel schon stand, kam dieser Technofilm, der „Berlin Calling“ heißt. Daraufhin haben wir erfahren, das ein Technolabel mit Paul Kalkbrenner, der auch der Hauptdarsteller in dem Film ist, eine Platte raus bringt, die auch „Berlin Calling“ heißt. Die haben sich das auch sichern lassen und das wäre einfach im Endeffekt auf einen Rechtsstreit hinaus gelaufen. Der Name fiel dann weg und es ist uns auch nichts eingefallen, dann haben wir es halt „Egotronic“ genannt. Es war aber eigentlich nur eine Notlösung.

Crazewire: Wie ist es zu der Zusammenarbeit mit Walter Schreifels (Youth Of Today, Gorilla Biscuits, Anm. d. Verf.) gekommen?

Torsun: Das war ein absoluter Traum für mich. '89 hab ich die Gorilla-Biscuits-Platte „Start Today“ bekommen. Da war ich sechzehn und ein echt großer Fan. Walter hat unsere Show im Februar 2008 im Festsaal Kreuzberg gesehen. Es hat ihm so gut gefallen, dass er uns angeschrieben hat, wenn wir mal eine englischsprachige Stimme für ein Stück bräuchten, hätte er Bock drauf. Ich hab dann sofort zugesagt und hab ihm dann einen Song geschickt, der ihm auch gefallen hat und so ist es passiert. Das war natürlich ein totaler Traum. Klasse, dass es geklappt hat.

Crazewire: „Kotzen“, der Song mit Walter Schreifels, ist so etwas wie ein Résumé zu „Raven Gegen Deutschland“. Bist du enttäuscht von der öffentlichen Rezeption dieses Songs?

Torsun: Es haben schon sehr viele Männermagazine, wie GQ, oder IQ oder wie das heißt, also so komische Magazine haben uns damals reviewt und haben so was geschrieben, wie: „Die Musik ist ja ganz geil, aber 'Raven Gegen Deutschland' nervt.“ Und dagegen war „Kotzen“ nachtretend gemeint. Im Endeffekt ist mir das aber wurscht, was jemand über meine Musik schreibt. Das hat mich nie sonderlich interessiert. Ich wollte damit aber auch einfach den Standpunkt noch mal klar machen, weil viel, viel mehr Publikum gekommen ist, das teilweise mit „Raven Gegen Deutschland“ nicht unbedingt was anfangen kann. Und da wollte ich noch mal klar machen: Drauf geschissen, ob ihr das immer noch gut findet oder nicht, ich trete da einfach mal nach. Das war auch die Intention des Stückes. Nach dem letzen Album war mir klar, dass ich mit diesem Song noch mal was machen will.

Crazewire: Und wie ravet man nun richtig gegen Deutschland?

Torsun: (lacht, Anm. d. Verf.) So richtig gegen Deutschland raven, das ist ja ein Ding der Unmöglichkeit. Das ist ja Quatsch. Und der Song ist aus einer Situation heraus entstanden. Ich wohne in Friedrichshain und dort gab es eine Zeit lang öfter Naziübergriffe und dagegen gab es Technodemonstrationszüge. Mit ein paar Leuten haben wir dann auch einen Wagen gemacht und uns überlegt, was würde denn geil klingen, um ganz klar zu sagen, dass das Problem nicht nur die Nazis sind. Dann haben Wir Transparente gemacht: „Deutschland muss sterben, damit wir raven können.“ Daraus ist im Endeffekt diese Formel entstanden: „Raven Gegen Deutschland“ und auch dieser Track.

Crazewire: Glaubst du denn, dass Electro bei all diesem desinteressierten Hedonismus ein politisches Genre sein kann?

Torsun: Ich glaube das war es sogar schon relativ früh. Was die Sache politisch gemacht hat, als Techno anfing, war dass die Leute Locations besetzt haben, um dort Partys zu feiern. In dem Moment ist so etwas wie eine temporäre autonome Zone entstanden. Von daher würde ich eigentlich sagen, dass es schon immer etwas Politisches war. Was sich geändert hat, ist dass jetzt auch im elektronischem Bereich Sachen aufkommen, die früher zum Beispiel im Punk möglich waren. Leute bringen politische messages plakativ in die Musik mit rein und das ist schon ein neueres Phänomen. Es funktioniert nur in gewisser Weise. Es funktioniert insofern, dass ich merke, es kommen zum Beispiel sehr viele junge Leute auf die Konzerte, weil ich auf der Bühne ein Unbehagen, dass sie empfinden formuliere. Das war wie bei mir früher, als ich mit vierzehn auf meinem ersten Punkkonzert war. Da dachte ich: „Boah, was die da singen, das ist ja geil.“ Und so funktioniert das natürlich jetzt auch mit Electro, aber das war nie mein Anspruch zu sagen. „ich mach jetzt eine Protestband.“ Das ist Quatsch.

Crazewire: Ich hab dich immer als sehr politisch empfunden...

Torsun: Das bin ich. Aber der Punkt ist der: Ich mach Musik - mit Text. Und man schreibt natürlich Texte zu Themen, die einen beschäftigen. Und weil das bei mir sehr viele politische Themen sind, sind sehr viele politische Texte dabei entstanden. Wenn sich Leute davon angesprochen fühlen und eben das politische daran gut finden, dann freut mich das natürlich ungemein. Allerdings ist es schwierig so etwas von vornherein zu erwarten. Im Endeffekt ist das alles Pop und nicht unbedingt eine revolutionäre Kraft.

Crazewire: Du hast ja pünktlich zur WM den Song „Ten German Bombers“ rausgebracht. Welche Intention stand dahinter?

Torsun: Das war ganz klar Provokation. Als diese Idee gereift ist, gab es diesen englischen Fußballtrainer, der den englischen Fans verbieten wollte, in Deutschland diesen englischen Schlachtgesang zu singen. Daraufhin wollten wir genau das machen, dieses Lied und dieses Video. Dass es dann solche Kreise gezogen hat, konnte man nicht ahnen. Wir haben es zwar ein bisschen gehofft, aber nicht geahnt, dass dann auch wirklich selbst die internationale Presse darüber berichtet hat. Im Endeffekt ist es schon lustig. Der Song ist ja selbst auf den „Ballermann Fußballhits 2006“ gelandet. Das Label, dass das gemacht hat, hat uns mal die Beschimpfungsmails weitergeleitet, die sie dafür bekommen haben. Es ging ganz klar um Provokation und die hat in dem Maße auch funktioniert. Ich bin den Royal-Airforce-Fliegern wirklich dankbar für jeden abgeschossenen Nazibomber, das ist mir sogar wirklich total ernst, aber der Song funktioniert natürlich nur als Provokation.

Crazewire: Wenn du ein Gesetz ändern, streichen oder verabschieden könntest, welches wäre das?

Torsun: Ach Gott. Das ist jetzt nur in der Denke der bestehenden Gesellschaft. Mir geht es eigentlich eher darum: das bestehende Gesellschaftssystem ist eines, in dem der Mensch ein unterdrücktes, geknechtetes Wesen ist und von daher will ich eigentlich nicht irgendein Gesetz ändern, sondern das Problem ist eher, dass wir so einen bürgerlichen Staat haben, eine demokratische Grundordnung, in der Gesetze und so was geschrieben werden. Pragmatisch gesehen, so wie du die Frage gestellt hast, wäre es ein Gesetz, dass irgendwie eine andere Verteilung des Reichtums regelt, aber eigentlich ist das nicht meine Baustelle.

Crazewire: Zurück zur Musik. Können wir auch demnächst von dir erwarten, dass du Alben im Jahrestakt rausbringst oder gönnst du dir mal eine Pause?

Torsun: Ne, jetzt ist erstmal für Mai '09 ein erstes Release mit meinem anderen Projekt geplant. Für Egotronic ist das nächste Album für Anfang 2010 geplant, allerdings war es das letzte Mal auch so geplant - also für Anfang 2009 und dann kam sie doch im Herbst 2008. Also länger als eineinhalb Jahre wird es nicht dauern.

Crazewire: Welche deiner zukünftigen Shows sollte man auf keinen Fall verpassen?

Torsun: Ich weiß nicht genau, wann unsere nächste Shows sind, aber im Moment ist es einfach so, dass bei jeder Show eine gute Stimmung ist. Wenn bei den Lesern etwas in der Nähe ist, sollten sie auf jeden Fall da hingehen. Was auch immer wieder eine weitere Anreise wert ist, sind Hamburg, Frankfurt, Leipzig - das sind unsere absoluten Hochburgen und da ist immer die Hölle los.

Crazewire: In einem Satz: Politik ist ...

Torsun: ... ein wichtiges Übel, mit dem man sich befassen muss.

Crazewire: Drogen sind ...

Torsun: ... ein angenehmer Zeitvertreib.

Crazewire: Party ist ...

Torsun: ... auch ein angenehmer Zeitvertreib.

Crazewire: Vielen Dank für das Interview.


 

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