Inpterpret:
Dear Reader
Titel:
Afrika nicht romantisieren
Autor:
Kai Töpel
Dresden, 14.09.2009
Cherilyn MacNeil, die Frontfrau und das Herzstück der Band Dear Reader, ist vor allem eins: gesprächig. So kann es schnell passieren, dass man ein Interview mit drei Bandmitgliedern führt, von denen eigentlich nur eins redet. Kein Wunder das auch Menomenas Brent Knopf, der das Dear-Reader-Debüt aufnahm, und nach ihm City Slang, welche die drei unter Vertrag nahmen, dem Charme der jungen Südafrikanerin verfallen sind. Mit uns sprach sie, wie genau es zu dieser Konstellation kam und wie es ist, eine Pop-Band in Südafrika zu sein.
Crazewire: Ihr seid gerade auf Festivaltour unterwegs. Gerade bei eurer Musik stell ich mir es manchmal schwer vor, die gleiche Atmosphäre herzustellen, wie bei Club-Konzerten. Wie gefällt es euch persönlich?
Cherilyn MacNeil: Es kann richtig gut laufen, aber in erster Linie ist es vor allem anders. Wir haben einen sehr komplizierten Aufbau und brauchen viel Zeit beim Soundcheck. Manchmal hat man einfach nur fünfzehn Minuten und das reicht bei uns eigentlich nicht. Wir machen uns dann meist vorher verrückt und denken, dass es nicht klappen wird. In dem Sinne ist es also ziemlich spannend. Außerdem hat man die Chance vor Leute zu spielen, die einen niemals vorher gesehen haben. Es ist interessant zu sehen, ob man sie für sich gewonnen hat oder nicht.
Crazewire: Euer Album ist im Mai erschienen. Wie fühlt sich das Album jetzt für euch an?
Cherilyn MacNeil: Großartig. Wir sind total zufrieden, wie es bisher für uns gelaufen ist. Wir sind viel gereist und wir brauchen alle eine kleine Pause. Das werden wir im September machen und dann geht es schon wieder auf die nächste Clubtour. Die wird zusammen mit Ramona Falls sein, das Soloprojekt von Brent Knopf von Menomena. Er ist ein guter Freund von uns geworden. Da sind wir sehr aufgeregt, weil wir auch für ihn die Rolle der Band übernehmen werden. Wir müssen also in unseren freien Tagen seine Songs üben. Das wird sehr viel Arbeit, denn ähnlich wie bei Menomena ist es wieder komplizierte Musik. Nach der folgenden Tour haben wir dann endlich wirklich Zeit, den Kopf frei zu kriegen und an neuen Liedern zu Arbeiten.
Crazewire: Erzählt mir mal von der Beziehung zwischen euch und Brent. Wie kam der Kontakt zustande?
Cherilyn MacNeil: Ich habe eine Myspacenachricht an meine Lieblingsband geschrieben. Eigentlich hatte ich die zuerst gelöscht, weil ich dachte das wäre unglaublich dumm und peinlich. Dann habe ich es einfach noch mal geschrieben und ihn gefragt, ob es möglich wäre, zu uns nach Südafrika zu kommen und das Album mit uns aufzunehmen. Er hat uns geantwortet, dass er es gerne machen würde und wir hatten eine tolle Zeit zusammen. Ich weiß noch, als wir alle im Auto saßen, haben wir alle kein Wort gesagt. Wir waren alle so erfürchtig, dass wirklich Brent mit uns im Auto sitzt und unsere Musik aufnehmen will. Aber es hat großartig geklappt und jetzt sind wir alle sehr gut mit ihm befreundet.
Crazewire: War es euch dabei wichtig in Südafrika zu bleiben und nicht ihm nach Portland zufolgen?
Darryl Torr: Ich denke, dass es einfacher ist dort aufzunehmen, wo sich die Band wohl fühlt. Schon allein aus logistischen Gründen, weil unsere ganzen Instrumente in Südafrika sind.
Cherilyn MacNeil: Außerdem hat Darryl Zugang zu einem wirklich großartigen Studio in Johannesburg.
Crazewire: Als ich vor zwei Jahren mit Brent sprach erzählte er mir vom Deeler (Digital Looping Recorder, mit dem Menomena ihre Aufnahmen machen und demokratisch halten, Anm. d. Verf.). Habt ihr damit auch experimentiert?
Cherilyn MacNeil: Leider nicht, aber wir würden sehr gerne. Dafür bräuchten wir aber weitaus mehr Zeit. Vielleicht schaffen sie es demnächst mal.
Crazewire: Wie ihr schon gesagt habt, seid ihr aus Südafrika. Wie ist es für euch dann, in Europa zu touren und hier eine ganz andere Musikszene zu erleben?
Cherilyn MacNeil: Es ist schon ein riesiger Unterschied. Ich mein, wir haben Fans auch zuhause, aber das sind eher wenige. Man kann bestimmte Clubs spielen, aber von da entwickelt es sich nicht noch irgendwohin. Es gibt nicht große Ausbreitungsmöglichkeiten. Ich denke die Menschen hier sind weitaus mehr interessiert in Kultur und haben auch mehr Erfahrung mit Konzerten und Musik an sich. Es ist einfach ein ganz anderes Publikum. Es ist trotzdem schön für uns nach Hause zu kommen und dort ein paar Konzerte zu spielen. Das bleibt auch weiter so.
Crazewire: Wie seid ihr damals als Jugendliche denn an Musik gekommen bevor das Internet bei euch zugänglich war? Hatten eure Eltern alte Schallplatten oder hattet ihr andere Möglichkeiten?
Cherilyn MacNeil: Ich denke alles was besonders groß war, hat es auch zu uns nach Afrika geschafft. Zum Beispiel war natürlich auch Bob Dylan bei uns unglaublich groß, das gleiche bei Radiohead. Über das Radio hat man also auch bei uns viel gehört, was hier groß war. Wenn es aber um Indie-Bands geht, sieht es schon anders aus. Wir haben selbst in Afrika eigentlich keine Indie-Band gesehen. Also sind wir total aufgeregt, wenn wir Bands endlich live sehen, die uns viel bedeuten. Das ist wahrscheinlich das Härteste daran, in Afrika zu leben, dass man irgendwie isoliert ist von der restlichen Welt. Für uns ist es ein schönes Gefühl, dass Musik hier weitaus professioneller aufgezogen wird und wir viele gute Band sehen können.
Crazewire: Wie ist es für euch als Südafrikaner denn, Bands wie Animal Collective oder Vampire Weekend zu sehen, die sich auf Peter Gabriel, aber auch afrikanische Musik berufen?
Cherilyn MacNeil: Es ist schon irgendwie komisch. Wir hören diesen Einfluss andauernd, aber denken dabei nicht daran, ihn zu nutzen in unserer Musik. Ich denke, dabei geht es um den Abstand, den man hat. Wir sind so nah dran an diesem Sound, der Kultur, den sozialen Problemen und der Geschichte, dass es für uns unmöglich wäre. Wir sind so nah, aber gleichzeitig außen vor. Wir können das für uns nicht romantisieren. Aber es bleibt weiterhin ein seltsames Phänomen für uns. Warum Leute in Amerika, die tausende von Meilen entfernt wohnen, afrikanische Klänge benutzen? Für mich würde das sich nicht richtig anfühlen.
Crazewire: Gibt es denn ein allgemeines Interesse an Bands wie Animal Collective in Afrika?
Cherilyn MacNeil: Sicherlich. Die üblichen 200 Leute interessieren sich sicherlich auch für Animal Collective. Das sind meist die Selben die sich für Vampire Weekend und für andere interessieren (lacht, Anm. d. Verf.). Klar hast du deine paar Leute, die diese Bands hören und diese engen Jeans tragen, aber das ist wirklich eine kleine Szene. Wenn man sich in dieser Szene bewegt, kennt man irgendwann ohnehin jeden, weil sie so klein ist.
Crazewire: Die Texte von Dear Reader wirken oft wie kleine Erzählungen und Geschichten. Woher kommt dabei deine Inspiration?
Cherilyn MacNeil: Es sind kleine Dinge, dir mir passiert sind oder die mir am Herzen liegen. Es beginnt meist mit diesen kleinen Dingen und von da spinne ich das Thema oder die Geschichte weiter. Dabei ist es manchmal eine Übertreibung von Emotionen, die ich habe. Trotzdem bleibt es dabei ehrlich.
Crazewire: Hast du denn jemals überlegt mal ein Buch oder Kurzgeschichten zu schreiben?
Cherilyn MacNeil: Das würde ich wirklich unglaublich gerne. Ich schreibe sehr gerne Gedichte, aber ich weiß nicht, ob ich die Motivation hätte, ein ganzes Buch zu schreiben. Da braucht man schon einen echten Willen für. Aber ich liebe das Gefühl, das ich habe, wenn ich Bücher lese und sie sind definitiv eine große Inspiration für mich.
Crazewire: Überraschend für mich war besonders der Song „The Same“, weil er nicht eine fantasievolle Geschichte oder etwas persönliches erzählt, sondern mit dem Problem der Apartheid in Südafrika.
Cherilyn MacNeil: Jeder Song ist für mich sehr persönlich. Während ich schreibe, denke ich nicht darüber nach, dass andere Leute sich diesen Song anhören werden. Während ich einen Song schreibe bin ich in meiner eigenen Welt, in einer ganz verrückten Weise. Da bin ich eine Stunde lang ganz woanders und denke nicht darüber nach, wie wir es spielen oder aufnehmen werden. Es ist ganz seltsam, später dann auf der Bühne zu sein, vor vielen Menschen zu stehen und diese persönlichen Texte laut zu singen.
Crazewire: Ihr habt vor kurzem das Video zu „Great White Bear“ veröffentlicht, was eine etwas andere Story erzählt, als man es vielleicht aus dem Lied erahnt hätte. Warum habt ihr euch entschieden dort so direkt zu sein, statt dem Song ein wenig mehr Freiheiten zu geben?
Cherilyn MacNeil: Wir haben mit einer Firma zusammengearbeitet, die uns verschiedene Möglichkeiten vorgestellt haben. Eine dieser Möglichkeiten war sehr nah dran an der Vorstellung, die man wohl hat, wenn man den Text liest. Sie Sache ist, dass die Story von „Great White Bear“ an sich gar nichts mit einem Bären zu tun hat oder mit einem Wald. Deswegen mochte ich die Idee mit einer gänzlich anderen Geschichte aufzuwarten. Obwohl so weit ist es davon ja auch nicht entfernt. Dazu kam, dass ich wirklich die Idee mochte, dass „Great White Bear“ eine Kneipe ist. Es hat nichts wirklich mit dem Song zu tun, aber es passt eigentlich unglaublich gut in die Geschichte. Außerdem waren wir von diesem überraschenden Ende sehr angetan und von der Emotionalität im Video.
Crazewire: Vielen Dank für dieses Interview.