Interpret:
Creaky Boards
Titel:
Anti Folk 2009: Brooklyn liebt dich!
Autor:
Bastian Küllenberg
Wuppertal / Düsseldorf, 20.04.2009
Andrew Hoepfner liebt seine Musik und will raus zu den Menschen. Vor einiger Zeit führte ihn der Weg dabei auch nach Deutschland und weil es hier so nett war, sollte die Rückkehr nicht lange dauern. Also startete Andrew den Rundruf im Freundeskreis und trommelte so seine Band zusammen, die bereits bei den Aufnahmen zum aktuellen Album „Brooklyn Is Love“ geholfen hatte. Neben Schlagzeuger und Teilzeit-Keyboarder Mike Campbell sind es Gitarrist Darwin Deez und Dan Costello, der zwischen Gitarre und Keyboard wechselt, die Hoepfner am Bass begleiten, wenn es zur Kneipentour durch deutsche Kleinstädte geht.
Der Auftritt in einer fast leeren Bar bei Bekannten in Castrop Rauxel ist da Ehrensache und man hat nicht das Gefühl, als ließen sich die Musiker den Spaß nehmen. Auch wenn Konzerte wie das folgende, wo man ein respektables Publikum in der feinen Bochumer Goldkante begeistert, sicher mehr Freude machen, bei Creaky Boards stimmt die Chemie auch an lauen Abenden. Hier spielen Menschen zusammen, deren Beziehung sich nicht als Geschäftsvereinbarung definiert. „Wir sind alle zugezogen und kennen uns schon seit einigen Jahren. Mike und ich stammen auch beide ursprünglich aus New Yersey, fühlen uns aber in New York mittlerweile sehr wohl und heimisch“, bestätigt Hoepfner. So heimisch, dass man zum festen Bestandteil einer Musikerschar geworden ist, die in der Fachpresse bei aller klanglicher Vielfalt gern als Anti-Folk zusammengefasst wird.
Untrennbar mit der Creaky Baords - Clique verbunden ist daher das Sidewalk Cafe, jene Open-Mic-Örtlichkeit, wo schon Adam Green und die Moldy Peaches oder Jeffrey Lewis gemeinsam den Abend gestalteten. Dieser unzweifelhaft wichtige Ort wurde in der Vergangenheit ausreichend beschrieben und zum Ursprung zahlreicher Mythen gemacht. „Ich habe schon oft alleine dort gespielt oder auch mit den Creaky Boards als Band. Die Atmosphäre ist jedes Mal etwas besonderes. Man kann dort auch gut neue Sachen ausprobieren und bekommt immer viele Reaktionen, da dort auch eine Menge Musiker im Publikum sind“, gerät Andrew beinahe ein wenig ins Schwärmen. Doch längst ist nicht mehr alles so unbeschwert, Mieten sind gestiegen, Künstler der Szene entwachsen. Wie sieht es denn in Sachen New Yorker „Anti-Folk“ einige Jahre nach dem Hype aus? „Das Sidewalk Cafe ist die einzige Location in dieser Richtung in Manhattan, die noch funktioniert“, erzählt Dan Costello, der ebenfalls auf zahlreiche Soloauftritte dort zurückblicken kann. „Die Szene in Brooklyn wandert. Williamsburg war eine Zeit lang groß, doch auch dort wird es mittlerweile teuer und somit schwer, als Musiker zu überleben. Wir leben zur Zeit in Bushwick. Wer weiß, irgendwann ist die Szene draußen auf Coney Island.“ Dennoch fühlen sich Creaky Boards als Teil einer lebendigen Gemeinschaft, haben doch alle Bandmitglieder ihre eigenen Projekte und unterstützten sich gegenseitig. Man ist bekannt oder befreundet mit Leuten wie Herman Düne, Turner Cody oder The Wowz und teilt Bühnen und Proberäume.
Wie ist es denn zum Beispiel mit der derzeit wohl erfolgreichsten New Yorker Band MGMT? Gönnt man den Nachbarn den Erfolg? Kann man gar partizipieren? „No jealousy!" kommentiert Dan Costello. „Außerdem ist es doch so, dass MGMT zwar vor 1000 Leuten am Abend spielen, aber vielleicht nicht eine so gehaltvolle, interessante Unterhaltung führen, wie wir gerade." Darwin Deez, dessen Lockenpracht zumindest, gewisse Ähnlichkeit zu den Genannten Chartstürmern aufweist, ergänzt: „Ich kenne einen von ihnen flüchtig und wir telefonieren hin und wieder. Aber es gibt keine Zusammenarbeit, doch auch keinen Neid. Wir gönnen ihnen den Erfolg. Was die Frisur anbelangt, so habe ich von Natur aus starke Locken, was soll ich da tun? Ich habe das mit dem Stirnband bei irgendjemand gesehen und fand es gut.“ Angesprochen darauf, dass man durch derartiges Haarwerk oder Dinge wie einen weißen Sweater mit Leoparden-Druck, nicht nur bei ihm direkt erkennen könne, dass die Band aus einer Metropole kommt, erfährt man: „Bei uns laufen alle so rum. Das ist eine der schönen Dinge an New York. Es kommt so viel unterschiedliches zusammen und jeder ist sehr individuell.“
Bei all der Vielfalt, gibt es jedoch auch viele, die einfach mitmischen, um dabei zu sein. „In New York sind alle sehr hip und stylish. Doch wer nur seinen Style hat, ist eigentlich einfach unsicher. Man sieht, ob jemand nur so tut, als ob er ein Songwriter oder Musiker ist, weil er denkt, dass es ihm gut steht oder ob er es aus Überzeugung macht“, denkt Dan Costello, der neben seinem Engagegement bei Creaky Boards als Solo-Künstler unterwegs ist, sich seine Miete als Tontechniker und Studiomusiker verdient oder mit seinen Mitbewohnern einen eigenen Open-Mic-Abend unterhält. „Wir veranstalten seit einiger Zeit die Brooklyn Tea Party, bei der wir befreundete Künstler aber auch Leute von außerhalb einladen. Wir bewohnen eine altes Haus und haben bei uns im Wohnzimmer eine kleine Bühne gebaut.“ Es geht ums Selbermachen, Anpacken und die Freiheit und Unabhängigkeit, die man dadurch erhält. „Brooklyn Is Love“, das neue Album der Creaky Boards, wurde dementsprechend, wie könnte es anders sein, von Songwriter Andrew in seinem Wohnzimmer aufgenommen.
Doch von Heimstudio ist wenig zu hören, bei der Platte, die die Band auf Tour erfreulicherweise sogar in schicker Vinyl-Ausfertigung zum Verkauf anbietet und bereits nach der Hälfte der Auftritte Nachschub ordern muss. Ein reiches Orchester meint man zu hören, Phil Spector, The Zombies oder die Beach Boys kommen einem in den Sinn. Kein Wunder, dass da selbst Chris Martin, angeblich bei den New Yorkern hin und wieder Melodien stibitzte. Zumindest sofern man dem sympathischen kleinen Internet-Video glauben mag, das Andrew vor einiger Zeit ins Netz gestellt hat. Darin wird auf eine frappierende Ähnlichkeit der Melodie der Coldplay Single „Viva La Vida” und einem Lied aus Hoepfners Feder angespielt, das auch noch ausgerechnet „The Songs That I Didn't Write“ heißt. „Mir ist einfach aufgefallen, dass sich die Melodie ein wenig so anhört, wie mein Song. Es war einfach als kleiner Scherz gedacht, hat aber dafür gesorgt, dass Creaky Boards in einigen Blogs aufgetaucht sind“, enthüllt der Schelm seine ironische Schandtat.
Es bleibt zu hoffen, dass in Zukunft auch ohne Zeitungsenten und sonstige Schwindeleien, mehr Menschen auf die aktuelle Inkarnation der New Yorker Anti-Folk-Szene aufmerksam werden. Jemandem etwas Falsches vorzuspiegeln, um gemocht zu werden, haben Creaky Boards, Darwin Deez und Dan Costello ganz sicher nicht nötig.