Cracker - Mit steigender Lebenserfahrung immer besser
Über zwanzig Jahre im Geschäft und doch keine Spur von Ermüdungserscheinungen. Kaum hatten sich Cracker mit einem neu eingespielten Best Of-Album zurück in die Schlagzeilen der Fachpresse katapultiert, legte die Band mit „Greenland“ ein Studiowerk vor, dass ihren Ausnahmestatus in Sachen handgemachter Musik einmal mehr eindrucksvoll untermauerte. In diesen Tagen befinden sich Cracker auf einer ausgiebigen Tour, die sie später in diesem Jahr auch noch in unsere Breitengrade verschlagen wird. Zwischen den Auftritten fand Gittarist und Co-Songwriter Johnny Hickman die Zeit auf eine Email von
Crazewire zu antworten.
Crazewire: Nachdem es einige Jahre ziemlich ruhig um euch wurde, habt ihr nun in kurzer Zeit mit „Greatest Hits Redux“ und „Greenland“ zwei Alben veröffentlicht. Woher kommt dieser neu gewonnene Enthusiasmus für die Musik?Johnnny Hickman: Die “Greatest Hits”-CD war unsere Antwort darauf, dass wir von Plänen unseres ehemaligen Labels erfuhren, eine weitere „Greatest Hits“ zu veröffentlichen, obwohl wir schon vor sechs Jahren eine für sie zusammengestellt hatten. Wir dachten, das sei ziemlich scheiße von Ihnen und beschlossen daher, wie immer mehr Künstler im Moment, unsere größten Radiohits und die Publikumslieblinge neu einzuspielen und unsere eigenen „Greatest Hits“ auf unserem neuen Label Cooking Vinylzu veröffentlichen. Natürlich besitzt unser früheres Label die originalen Aufnahmen, aber David Lowery (
Sänger / Songwriter, Anm. d. Verf.) und mir gehören die Songs selbst, da wir sie geschrieben haben und die Veröffentlichungsrechte behalten haben. Unsere „Greatest Hits“ verkaufen sich recht gut, also vielleicht gibt es doch ein wenig Gerechtigkeit im oft so betrügerischen Musikgeschäft.
Crazewire: Ihr hattet ja einigen Ärger mit eurem ehemaligen Label Virgin und habt daher das Stück „It Ain’t Gonna Suck Itself“, das auch auf „Greatest Hits Redux“ enthalten ist, geschrieben. Haben die Leute von der Plattenfirma auf das Lied oder eure eigene „Greatest Hits“-CD direkt reagiert?Hickman: Unser ehemaliges Label war sehr verärgert, dass wir unsere CD am selben Tag veröffentlicht haben, wie sie. Natürlich haben sie sich aufgeregt und sogar versucht, uns zu stoppen. Wir haben aber einen großartigen Anwalt und wussten daher, dass wir vollkommen im Recht waren. Ich möchte nicht, dass die Menschen denken, wir empfänden für Virgin überhaupt keine Dankbarkeit, denn selbstredend hatten wir viele gute Jahre zusammen. Das Problem mit der Musikindustrie dieser Tage ist aber, dass alles im Zusammenhang mit den Künstlern unternehmerischer und unpersönlich geworden ist. Es scheint für diese riesigen, multinationalen Konzerne nichts weiter zu zählen, als Geld. Wir respektieren Geschäfte, aber nicht auf Kosten der Kunst.
Crazewire: Euer aktuelles Album „Greenlands” klingt für mich geradliniger und mehr denn je nach einem Rockalbum. Ich denke außerdem, dass die Texte persönlicher sind und dieses Mal sparsamer mit der Ironie umgehen. Stimmst du überein und wie denkst du, kam es dazu?Johnny Hickman: Das Album, welches eines Tages „Greenland” genannt werden sollte, wurde über etliche Jahre geschrieben und aufgenommen. Der Grund dafür ist, dass David und seine früheren Bandkollegen von Camper Van Beethoven sich vor drei Jahren wieder zusammengefunden hatten und er mit ihnen das wunderbare „New Roman Times“ aufnahm. Während sie das taten, habe ich ein Soloalbum namens „Palmhenge“ geschrieben und aufgenommen und es etwa zur selben Zeit veröffentlicht. Es freut mich sagen zu können, dass beide Alben von den Kritikern gut aufgenommen wurden und David und mir so nach 16 Jahren der Zusammenarbeit eine kleine Pause von einander verschafften. Wir sind trotzdem gelegentlich zusammen in Davids Studio gegangen und haben mit verschiedenen befreundeten Musikern Cracker-Songs eingespielt. Das Album ist phasenweise wirklich ein sehr rockiges Album und die Musik wurde in Reviews bereits mit den frühen Pink Floyd oder Led Zeppelin verglichen. „Greenland“ ist auch dank Davids Texten ein sehr persönliches Album geworden. Die Story ist offensichtlich in den Stücken und ein großer Teil der Geschichte dreht sich unbestreitbar um Verlust, seelische Qualen, Entfremdung und Einsamkeit, aber auch um Möglichkeiten, Erinnerung und Wandel. Wenn es um die reduzierte Ironie in den Texten geht, denke ich, ist das in einem gewissen Rahmen richtig. Dennoch gibt es selbstverständlich dieses Markenzeichen, den Humor, den wir teilen und Davids scharfer, origineller Verstand ist so intakt wie eh und je. Wenn nicht gar noch mehr, wage ich zu behaupten. Ich denke, das sind einige der besten Texte, die er geschrieben hat und sie haben mich sehr inspiriert, Musik darum zu weben und einige Songs mit zu schreiben. Während viele seiner Altersgenossen verwässern oder einfach jegliche Grenzen verlieren, wird er einfach mit steigender Lebenserfahrung immer besser.
Crazewire: David zählt als Mitglied zweier berühmter Bands wie Camper Van Beethoven und Cracker als Einfluss und Inspiration für andere Songwriter. Wie beurteilst du die Rolle deines Bandkollegen in der Musiklandschaft?Hickman: Ich ordne ihn in dieselbe Liga mit Songschreibern wie Paul Westerberg, David Byrne von den Talking Heads und Bob Dylan ein. Ich war immer ein großer Fan von Camper Van Beethoven und ich denke, man erkennt Davids Talent und wird es noch lange fühlen können. Wir freuen uns darüber, dass eine ganze Reihe junger Bands Cracker und Camper Van Beethoven zu ihren Einflüssen zählen. Bands, die gerade mal halb so alt sind wie wir, sagen das in letzter Zeit immer häufiger und auch auf unseren Konzerten waren im Lauf der letzten Jahre zunehmend jüngere Fans im Publikum.
Crazewire: Kannst du uns noch etwas über eure Pläne für die nahe Zukunft verraten? Was dürfen wir von Cracker erwarten?Hickman: Cracker wird es geben, so lange wir fühlen, dass es lebendig ist. Und im Augenblick ist das definitiv der Fall. Als Fan hoffe ich außerdem, dass Camper Van Beethoven weiterhin gelegentlich auftreten und neues Material schreiben werden. Es gibt keinen Grund warum man nicht alles tun kann und wir tun es. Man muss nur leidenschaftlich genug sein, die ganze Zeit dafür zu arbeiten. Und auch das tun wir.
Crazewire: Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, unsere Fragen zu beantworten.Hickman: Wirklich sehr gern geschehen. Wir freuen uns schon sehr, unser geliebtes Deutschland bald wieder zu sehen.