DETAILS

Interpret:
Chelsy

Titel:
Etwas Gutes, etwas Solides

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Autor:
Bastian Küllenberg
Köln, 22.02.2010

INTERVIEWS

Chelsy - Etwas Gutes, etwas Solides

Chelsy - Etwas Gutes, etwas Solides

Chelsy gibt es seit 2002. Über die Jahre änderte sich die Besetzung, während Martin Arlo Kroll die Konstante als Songwriter blieb. So veröffentlichten die Mühlheimer einige EPs und 2005 ein erstes Album, ausführliche Touren führten quer durch die Republik und sorgten dafür, dass bei Nennung des Namens Chelsy so mancher zweimal nachdenkt, bevor er den Kopf schütteln muss. Anfang des Jahres ist mit Sweet Medicine" der zweite und zudem noch überaus überzeugende Longplayer der Band erschienen. Grund genug für ein ausführliches Telefonat.

Martin: Am Anfang war alles eigentlich noch viel szeniger. In der ursrpünglichen Besetzung waren alle Veganer und wir haben unheimlich oft bei Tierrechtsfestivals und solchen Veranstaltungen gespielt. Wenn man in einer Szene fest verankert ist, läuft alles auch sehr schnell an.

Crazewire: Wenn man eine Band über viele Jahre am Leben erhält, ohne Popstar zu werden oder davon Leben zu können, muss der Antrieb wohl in purer Liebhaberei bestehen.

Martin: Genau so ist es. Ich schätze es selbst auch so ein, dass das, was wir machen, überhaupt nicht kommerziell erfolgreich sein könnte, obwohl es recht poppig ist. Ich bin mir dessen schon bewusst, denn ich mag eingängige Melodien. Es ist ja auch so gedacht, dass man schöne Melodien hat und die Texte damit dann Hand in Hand gehen, aber dennoch weiß ich genau, die Bands aus Deutschland mit englischsprachigen Texten, die von ihrer Musik leben können, kannst du an einer Hand abzählen, wenn überhaupt. Mir würden jetzt gerade sogar nur zwei einfallen.

Crazewire: Die Guano Apes?

Martin: Die Beatsteaks und die Guano Apes, mehr wüßte ich jetzt auch nicht (lacht, Anm. d. Verf.). Selbst bei Bands wie Robocop Kraus funktioniert es nicht. Es geht nur darum, dass man das macht, was man machen möchte, sonst könnte man ja auch Schlagersänger werden. Das sind auch eingängige Melodien, schöne Texte und damit kannst du gutes Geld machen.

Crazewire: Es ist wirklich sonderbar, dass man als halb-professioneller Schlagersänger in Deutschland selbst ohne großartige Popularität durch Auftritte bei Vereinsfesten und anderen Veranstaltungen einen Lebensunterhalt bestreiten kann, während es für kleinere Indie Bands so schwer ist. Wie schwer es ist, durch ein Konzert eines unbekannteren Indie-Acts überhaupt 500 Euro umzusetzen, brauche ich dir sicher nicht zu erzählen.

Martin: Ja, das ist total krass. Oder nimm Leute, die in Coverbands auf Hochzeiten spielen. Die spielen zwar auch die ganze Nacht durch, aber verdienen bis zu ein paar Tausend Euro pro Auftritt.  Dennoch ist das alles nur Malocherei.

Es geht um Leidenschaft statt Maloche. Auch wenn es fünf Jahre gedauert hat, bis endlich Album Nummer zwei fertig gestellt war, sind Chelsy eine Band, die stets präsent war. Regelmäßige wie ausführliche Touren führten quer durchs Land, brachten den Namen in Gespräch und Hinterkopf. Mit der Veröffentlichung von „Sweet Medicine" stellen sich nun neue Aufgaben, ergeben sich Möglichkeiten. Dinge wie Vermarktung und Pressearbeit rücken ins Leben der Liebhaberband.

Martin: Es ist so, dass wir alle schon seit Jahren nur Teilzeitjobs machen, um alles mit der Band so machen zu können. Ich habe schon seit Jahren nur eine halbe Stelle, verdiene dadurch echt sauwenig, aber das ist eben der Preis dafür. Dessen bin ich mir bewusst und bei den anderen ist es genau so.

Crazewire: Nun ist das neue Album erschienen. Wie ist die Resonanz auf „Sweet Medicine" bisher?

Martin: Was mir auffällt ist, dass in allen Kritiken immer die Wörter „nett", „schön", „lieblich" und teilweise auch „harmlos" fallen. Ich glaube, nichts davon ist böse gemeint, auch wenn man es so auffassen könnte. Ich denke, es hat etwas damit zu tun, dass die Musik, die wir machen einfach schon sehr soft ist. Dadurch sticht man auch nicht extrem heraus. Wir werden demnach nicht groß abgefeiert, im Sinne von „großartige Platte", es wird eher immer mit „schön" und „nett" beschrieben. Ich merke, es findet schon Anklang, man wird also nicht niedergemacht, aber eben auch nicht frenetisch gefeiert. Wenn man so viel Zeit und Leidenschaft in eine Sache investiert, wünscht man sich natürlich schon manchmal mehr. Andererseits würde man ja nicht damit aufhören, nur weil einen jemand niedermacht. Was man fast zehn Jahre lang macht, das lässt man nicht mal eben sein.

Crazewire: „Nett" kann ja einerseits als Totschlagargument benutzt werden, anderseits aber auch wirklich ehrlich gemeint sein. Dass du ein netter Gesprächspartner bist, habe ich nun bereits bei verschiedenen Gelegenheiten gemerkt. Es ist ja zunächst einmal etwas Positives.

Martin: Das Blöde ist, die Leute brauchen immer Extreme, dass man auffällt, dass man heraussticht. Man muss entweder derbe Sprüche ablassen oder doch eine extrem markante Stimme haben, die aus dem Rahmen fällt, dass es den Leuten beinahe direkt aufs Auge gedrückt wird. Ich möchte etwas angenehmes machen, ich möchte mich niemandem penetrant aufdrängen.

Crazewire: Man braucht eine Menge Selbstreflexion, um zu erkennen, dass es kein Nachteil sein muss, etwas gutes, solides zu machen, was aber eben nicht besonders extrovertiert oder anders sein will.

Martin: Ich finde du hast es sehr gut ausgedrückt. Etwas gutes, solides, so sehe ich es auch. Uns gibt es jetzt eine ganze Weile, aber es ist eben erst das zweite Album. Ich stehe total auf Bands, die eine extreme Geschichte hinter sich haben, wie Deus etwa, dabei aber auch nie großartig aufgefallen sind. Davon bin ich Fan und nicht von diesen Bands, die mit dem Debütalbum durch die Decke gehen und dann erwarten alle, dass der Nachfolger genau so wird, was aber nicht passiert. Das ist ein blödes Spielchen, was einem, wenn man sich lange genug mit Musik beschäftigt, irgendwann auch echt zu doof wird.   

Crazewire: Aktuelle Strömungen und Hypes spielen eben doch eine große Rolle. Durch den Trend zu mehr Electro im Indieparty-Bereich gibt es derzeit zum Beispiel dort für eine Reihe Produzenten und DJs die Möglichkeit, verhältnismäßig große Gagen dadurch zu erzielen, dass sie alte Euro-Dance-Nummern remixen.

Martin: Man sollte schon so viel Abstand haben, dass man merkt, wenn eine Sache eben gerade besonders gehypet wird. Manchmal haben aber auch Bands Glück, die es schon lange gibt. Da machen die etwas über zehn Jahre und plötzlich ist es total angesagt und man fällt damit auf. Mit so etwas sollte man aber nicht rechnen. Leute, die sich wirklich mit Musik beschäftigen, bedauern das dann ja auch oft oder freuen sich zwar mit, sind aber gleichzeitig traurig.

Chelsy bleiben sich treu und haben kein Problem damit, dass sie wohl nie einen Hype anführen werden. Statt das schnelle Vergnügen, möchte man hier die Vorzüge einer stetigen Entwicklung auskosten. Dazu gehört es ebenso, die eigene Vergangenheit zu kennen und zu schätzen sowie sich nicht den positiven Möglichkeiten der Gegenwart zu verschließen.

Martin: Ich kenne es noch, Konzerte nur über das Telefon zu buchen, weil es das Internet so flächendeckend nicht gab. Wir nutzen zwar mittlerweile auch Myspace und solche Plattformen und profitieren davon, wie alle anderen auch. Aber wir haben diesen Background, dass man eben in einigen Dörfern schon jahrelang gespielt hat. Letztendlich denke ich schon, dass es häufig vorkommt, dass jemand sich an den Namen Chelsy erinnert und ihm einfällt, er hat uns vor vier oder fünf Jahren schon einmal gesehen. Lustigerweise habe ich schon mehrere Leute getroffen, die über drei Ecken eine EP von uns in die Hand bekommen haben. Ich glaube, das hat viel damit zu tun, dass wir damals in dieser Veganer- und Hardcore-Szene verwurzelt waren. Da hat man Sachen mehr rumgereicht, physische Sachen, wie CDs. Heute werden eher MP3s verschickt, die schnell verloren gehen oder die man löscht, wenn sie einem nicht direkt gefallen. Wenn man dagegen ins Musikregal so manch alter Szenegänger guckt, liegen da noch die verrücktesten Sachen und da liegt man dann eben auch noch.

Chelsy sind ein Paradebeispiel all dessen, was es bedeuten kann, hierzulande seine Leidenschaft in eine Indie Band zu stecken. Die Mühlheimer gehen lebendig und neugierig ins achte Jahr und strafen damit Oasis lügen, die ihrerzeit warnten, sein Leben nicht in die Hände einer Rock'n'Roll-Band zu legen.


Prunkstücke

 
 
 

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