Inpterpret:
Caribou
Titel:
...ist ein wenig schizophren
Autor:
Kai Töpel
Dresden, 24.08.2009
Die Person Daniel Victor Snaith wirkt zweigeteilt. Während er in der akademischen Welt mit einem Doktortitel in Mathematik - die Doktorarbeit kann man übrigens auch im Internet nachlesen - eigentlich ein erfolgreiches, geordnetes Leben führen könnte, ist er mit Caribou genau das Gegenteil. Spätestens mit seinem Album „Andorra" hat er auch hierzulande endlich das nötige Aufsehen bekommen und es mit einem eindrucksvollen Auftritt beim Melt! untermauert. Vorher trafen wir uns mit ihm zum Gespräch.
Crazewire: Wie gefällt es dir hier auf dem Melt? Freust du dich im speziellen auf eine Band?
Daniel Victor Snaith: Es ist wirklich eindrucksvoll hier und ich habe erfahren, es wird sogar noch besser wenn es dunkel wird. Ich will unbedingt Animal Collective sehen. Ganz einfach, weil ich sie immer sehen will, wenn ich kann. Ich bin einfach ein großer Fan und habe sie bestimmt seit einem Jahr nicht mehr gesehen. Außerdem legt mein Freund James Holden auf, dass werde ich mir bestimmt ansehen. Wir müssen zwar morgen weiter nach Belgien, aber das sollte kein Grund sein, nicht bis vier oder fünf zu bleiben.
Crazewire: Dein letztes Album ist bereits vor zwei Jahr erschienen. Wie kommt es, dass du jetzt eine kleine Tour einschiebst?
Daniel: Wir sind nur für ein paar Festivals unterwegs. Ich arbeite gerade an einem neuen Album, also ist dieses Jahr so was wie ein Brückenjahr. Deswegen halt nur diese kleine Tour.
Crazewire: Wie sehen denn die Arbeiten an deinem neuen Album aus?
Daniel: So ziemlich das komplette Jahr arbeite ich schon am Album, ich bin da nur sehr langsam. Ich denke es wird irgendwann im Frühjahr herauskommen. Ich bin wirklich gespannt, was dabei entstehen wird. Ich höre in letzter Zeit sehr viel Dance-Music, also wird es gar nicht mehr nach den 60s klingen. Ich bin einfach gelangweilt davon, dass mich Leute mit psychedelischen Bands vergleichen. Es wird aber sicherlich noch irgendwie nach Caribou klingen.
Crazewire: Werdet ihr denn jetzt auf der Tour schon neue Songs spielen?
Daniel: Ich fürchte nein. Wir haben angefangen ein paar neue Lieder zu proben, aber sie sind einfach noch nicht ganz fertig. Also muss das leider bis zum nächsten Jahr warten.
Crazewire: Es wird aber nicht wieder ein Album benannt nach einem Zwergenstaat, wie letztes Mal „Andorra", sein, oder?
Daniel: Was Namen angeht muss ich zugeben, ich hasse sie. Seien es Albumtitel, Liedernamen oder Bandnamen. Ich kann mich einfach darauf nicht einigen. „Andorra" kam eher in der letzten Sekunde, weil mir nichts anderes eingefallen ist. Also kein Liechtenstein nächstes Mal (lacht, Anm. d. Verf.).
Crazewire: Viele Deutschsprachige haben ja zuerst vielleicht an einer Anspielung an Max Frischs Drama „Andorra“ gedacht.
Daniel: Ja, das habe ich danach viel gehört, aber ich habe es leider immer noch nicht gelesen. Irgendwann muss ich mich damit mal beschäftigten, vielleicht erkenne ich dann eine Parallele.
Crazewire: Gerade dein Album „Andorra“ war verglichen zu deinen älteren Alben um einiges eingängiger und einfacher. Hast du dich zu dem Zeitpunkt sehr damit auseinander gesetzt?
Daniel: Ja, das stimmt, ich habe vorher oft versucht, improvisierter zu wirken und viel mit einzelnen komplexen Schichten zu arbeiten. Bei Andorra ging es eher darum, wirklich mal Musik zu schreiben, denn vorher habe ich das eigentlich nicht getan. Stattdessen habe ich einen Loop genommen und darüber wieder einen Loop gelegt und mich so voran gearbeitet. Bei „Andorra" ging es wirklich darum sich hinzusetzen und das Lied aufzuschreiben. Ich liebe wirklich viel Popmusik und ich habe immer schon viel Popmusik gehört, obwohl das nicht in meine Musik mit eingeflossen ist. Deswegen wollte ich es auf „Andorra“ konsequent einsetzen.
Crazewire: Caribou wird oft nur mit dir verbunden, aber auf der Bühne seid ihr eine richtige Band und auch jetzt sprichst du meist von euch als Band. Wie funktioniert genau eure Bandstruktur?
Daniel: Das ist ein wenig schizophren, weil ich es selbst kaum trennen kann. Also im Studio ist es eine Soloprojekt, weil ich dort alleine das Album mache. Aber wenn wir an der Liveshow arbeiten, sind wir eine richtige Band. Wir haben gerade an Liedern gearbeitet für die paar Festival Shows auf dieser Tour und da hat jeder gleiches Mitspracherecht.
Crazewire: Wäre es für dich denn auch interessant das Album mal als Band aufzunehmen?
Daniel: Darüber habe ich schon einmal nachgedacht, ich habe schon mit einigen anderen zusammengearbeitet, aber eigentlich nicht mit den Leuten aus meiner Band. Jeremy Greenspan von den Junior Boys war zum Beispiel auf der letzten Platte dabei. Ich denke, es liegt an der Art wie ich arbeite, denn ich gehe nicht ins Studio und arbeite da intensiv ein bis zwei Wochen an einem Album, sondern ich mache alles zuhause und arbeite da durchgehend an Details. Das heißt also, es dauert alles sehr lange und funktioniert meiner Meinung nach einfach besser alleine. Wer weiß, zu einem späteren Zeitpunkt werde ich es vielleicht wagen, aber nicht bei diesem kommenden Album. Irgendwie mag ich es auch, alleine zu arbeiten, da ist etwas Interessantes daran, Dinge selbst herauszufinden, was ich sehr genieße. Außerdem kommt dazu, dass wir in der ganzen Welt verstreut sind, es wäre wirklich schwer, uns für Studioaufnahmen zusammenzufinden. Obwohl, andere Bands schaffen es wohl auch.
Crazewire: Wie schwer ist es dann für euch, besonders die alten Songs, die viel auf Loops basieren, auf die Bühne zu kriegen?
Daniel: Es gibt einige Lieder, die wir niemals spielen. Sogar auf „Andorra“ gibt es ein paar, welche dafür geschrieben wurden ein Studiosong zu sein. Das ist natürlich irgendwie schade, aber ich will nicht limitieren, was aufs Album kommt. Ich will alles veröffentlichen, was auf die CD gehört. Wir haben beim Arbeiten an den Songs für das Live-Programm viele Lieder flexibler gemacht, wir können mehr mit ihnen herumspielen. Für mich sind Studio und Bühne einfach zwei verschiedene Dinge. Wenn es dann nachher im Konzert total anders klingt als auf dem Album, ist das für mich okay.
Crazewire: Wie du bereits sagtest, wird das neue Album mehr in Richtung Dance gehen. Ist das auch die Musik, die dich gerade am meisten inspiriert?
Daniel: Ich war schon immer ein großer Musikfreak. Ich bin immer offen für neue Musik, die ich noch nie kenne oder die ich mir lange nicht angehört habe und die endet dann oft als Einfluss in meiner Musik. So kann man sicherlich immer Musik erkennen in meinen Liedern, die mich gerade sehr bewegt.
Crazewire: Ist es bei deinen kommenden Songs dann eher aktuelle elektronische Musik oder eher Dinge aus den 80ern?
Daniel: Das variiert sehr. Zum Beispiel war James Holden ein großer Einfluss, als ich das letzte Album beendet habe. Mich interessiert seine Musik immer mehr, weil er immer weniger daran arbeitet, wie jemand der an Dance-Music arbeitet. Außerdem habe ich viel Detroit Techno gehört wie Moodyman oder Theo Parrish. Tanzmusik, die authentisch soulig ist.
Crazewire: Würdest du denn selbst auch auflegen oder Remixe anfertigen?
Daniel: Ich habe vor kurzem unter einem Alter Ego einen Remix für Cortney Tidwell gemacht für einen City Slang Sampler. Ich wollte einfach mal an einem Dancetrack arbeiten und City Slang hat jemanden gesucht, der einen Remix macht. In letzter Zeit arbeite ich immer mehr als DJ. Es ist also eine etwas seltsame Situation im Moment, bei der Dance-Music in Caribou mit einfließt. Ich kann mich aber nicht entscheiden, ob ich es strikt trennen will oder aufgeben möchte aufzulegen oder es einfach kombiniere.
Crazewire: Du bist ja nicht nur Musiker, sondern hast auch ein Mathestudium abgeschlossen. Ich fand ganz lustig, dass es von dir sogar Fotos gibt, wie du ein Atom hältst.
Daniel: Ich habe es nicht mehr benutzt, seitdem ich mein Examen geschrieben habe. Aber irgendwie ist es so ein Teil meiner Persönlichkeit, schon allein weil ich so viele Mathematiker in meiner Familie habe. Es ist also immer ein Teil von mir, aber im Moment mache ich nichts in diese Richtung, außer das ich interessiert bin. Zu diesen Fotos: der Fotograf, der diese Fotos geschossen hat, ist ein guter Freund von mir. Es ist ein gutes Beispiel dafür, wie ahnungslos ich bin: Ich habe nicht einmal gedacht, dass es mich wissenschaftlich aussehen lässt. Ich sehe wohl scheinbar ohnehin so aus. Es reflektiert aber irgendwie meine Persönlichkeit, dass ich gleichzeitig obsessiv für Mathematik und Musik bin.
Crazewire: War denn diese Zweigleisigkeit jemals ein Problem für deine Familie?
Daniel: Eigentlich nicht, meine Familie hat mich da sehr unterstützt und sie sind zu allen Auftritten gekommen, die in ihrer Nähe waren. Das größere Problem war, dass ich kurz vor meiner Dissertation gleichzeitig an einem Album gearbeitet habe. Das war einfach zu viel auf einmal, ich weiß selbst nicht, wie ich das geschafft habe.
Crazewire: Danke Daniel, dass du dir die Zeit genommen hast mit uns zu reden.