DETAILS

Interpret:
Billy Bragg

Titel:
I used to be a punk rocker

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Autor:
Bastian Küllenberg
Wuppertal / Düsseldorf, 15.01.2009

INTERVIEWS

Billy Bragg - I used to be a punk rocker

Billy Bragg - I used to be a punk rocker

Lang, lang ist es her und doch höchst lebendig. Vor gut einem Vierteljahrundert erschien das Debütalbum und wurde zum Grundstein eines Musikers, der in der Folge zum Aushängeschild der britischen Singer/Songwriter und Punk - Gilde werden sollte. Billy Bragg, Mr. "New England", der "Milk Man Of Human Kindness", Autor zahlreicher Höhepunkte akustisch instrumentierten Aufbegehrens, ebenso wie feinfühliger Liebeslieder. Politisches Sprachrohr, Traditionalist und Bewahrer des Geistes Woody Guthries und ein aufmerksamer Beobachter menschlichen Lebens. Fast möchte man Legende sagen. Beim Gastspiel in Köln bot sich Crazewire tatsächlich die Gelegenheit zur Audienz beim Meister, doch von Zeremoniell und demutgebietender Starattitüde keine Spur. Und sonst so?

Billy Bragg: Ich wurde vor kurzem 50 und meine Frau organisierte eine Party für mich. I really could give a shit about being 50 or 51. Ich sehe da keinen Unterschied. Als ich bei dieser Party gebeten wurde, ein paar Worte zu sagen, sagte ich: "Wir sollten darauf trinken, dass ich in 25 Jahren nie für jemand anderen arbeiten musste, als mich selbst und immer noch meinen Lebensunterhalt damit verdienen kann und Spaß daran habe." Die Tatsache, dass auch heute hier in Köln wieder Leute gekommen sind, um meine Lieder zu hören ist einfach fucking brilliant.

Crazewire: Du sagst, du hast noch nie für jemanden gearbeitet. Aber immerhin hast du Verträge mit Bookern oder Labels. Seit einiger Zeit, erscheinen deine Alben beispielsweise bei Cooking Vinyl.

Billy Bragg: Richtig, doch sie arbeiten für mich, nicht ich für sie. Ich bezahle für die Pressung, ich bezahle alles, sie sind dafür zuständig, dass die Platte dann auch in die Läden kommt. Das Label übernimmt nur den Vertrieb, das war immer so. Wenn du dir die Rückseite von Alben ansiehst, steht bei den copyrights üblicherweise "p & c by the record company", doch bei mir ist das anders. Da steht "p & c Billy Bragg", was bedeutet, dass ich allein die Rechte an den Aufnahmen und den Liedern habe. Zu viele Songwriter geben diese Rechte mit ihren Labeldeals ab.

Crazewire: Hast du mal daran gedacht, dein eigenes Label zu gründen?

Billy Bragg: Do I have time to make a fucking label? I'm a singer/songwriter! Ich sehe keinen Sinn darin, ein eigenes Label zu betreiben, denn für diese Zwecke, kann ich immer jemanden beschäftigen, der diese Aufgaben übernimmt.

Crazewire: Nach nun 25 Jahren im Geschäft, was denkst du, hat sich verändert?

Billy Bragg: Viele Dinge haben sich geändert. Die Musikindustrie hat sich komplett verändert und sie ist immer noch in einem Zustand des Übergangs. Was sich jedoch nicht geändert hat, ist, dass die Leute hier in Köln im Dunklen stehen und meine Lieder hören wollen. Ich wette in 50 Jahren - da bin ich vermutlich nicht mehr hier - wird es immer noch Menschen geben, die vor der Bühne im Dunklen stehen, während jemand seine Lieder singt. Solange man sich auf diese Idee fokussiert, macht einem der Rest nicht mehr solche Angst. Es wird immer eine neue Generation von Songschreibern geben, das hört nicht mit uns auf.

Crazewire: Siehst du für dich eine Aufgabe darin, diesen jungen Songwritern mit deinem Rat weiterzuhelfen?

Billy Bragg: Für die neue Generation ist es nicht mehr unbedingt nötig, sich einem Label zu verschreiben. Als ich angefangen habe, machte es Sinn, denn wenn ich aus England wollte, dass meine Platte in Köln im Laden landet, musste das Label physisch die Tonträger herstellen und sie nach Deutschland verschicken. Heutzutage ist es nur noch drag & drop. Es gibt also keinen Grund, seine Rechte abzutreten. The name on the front of a record should be the name on the back. Das möchte ich gerne den jungen Künstlern mitgeben. Es besteht schlichtweg keine Notwendigkeit, Dinge wie einen 360 Grad-Deal einzugehen, bei dem das Label alle Aufgaben übernimmt und dir so die Kontrolle fehlt. Ich habe mich zum Beispiel immer bemüht, meine Alben günstiger anbieten zu könnne, als andere, da ich die Preise für zu hoch hielt. Nun geht es in eine komplett andere Richtung, was aber nicht zwingend eine schlechte Sache ist. Diese Leute, die meine Musik übers Internet tauschen sind keine Piraten, sie sind meine Fans for fucks sake. Ich werde meine Fans sicher nicht ins Gefängnis schicken. Ich werde sie suchen und finden, weil sie jemandem erzählt haben, dass sie meine Musik lieben? Fuck off! Es gibt andere Wege, um sich den Lebensunterhalt zu verdienen.

Crazewire: Es gibt aber eine ganze Reihe Künstler, die das anders sehen. Denkst du, das Internet hilft dem Künstler, sich zu emanzipieren?

Billy Bragg: If the artist could find a voice. Im Augenblick spricht die Industrie für den Künstler und verteidigt das alte Modell, was besagt: du unterschreibst einen Plattenvertrag und wir geben dir zwölf Prozent der Einnahmen. Der Grund dafür, dass wir dir nur zwölf Prozent geben können, ist, dass wir den Tonträger herstellen und nach Köln schicken müssen. Aber heute, machen sie das kaum noch und geben dir trotzdem nur diese zwölf Prozent, sogar von iTunes. That's a fucking stupidity! Dieses Modell versucht die Plattenindustrie zu erhalten, diese Rundumverträge, bei denen die Rechte an das Label gehen. Weißt du, wieviel Prozent ich mit Cooking Vinyl von meinen Plattenverkäufen bekomme? 80 Prozent! In Zeiten, da der Verkauf von physischen Tonträgern immer weiter abnimmt, gibt es keinen Grund mehr, warum Künstler nicht Album für Album unterschreiben sollten, so dass die Rechte zu ihnen zurück kommen und sie besser an den Einnahmen beteiligt werden. Darum möchte ich auch kein Label machen, ich bin Künstler und möchte Künstler sein.

Crazewire: In der Debatte darum, wie es mit physischen Tonträgern weitergehen wird und ob diese ganz aussterben werden, erlebt man derzeit eine Wiederkehr von Vinyl.

Billy Bragg: I like Vinyl, ich erzähle dir auch warum. Wenn wir beide hier zusammensitzen und ich möchte dir meine neue CD vorspielen, brauche ich zwangsläufig einen CD-Player. Möchte ich dir aber mein erstes Album auf Vinyl zeigen, könnte ich einen Stift oder ein Stück Plastik nehmen, die Platte darauf zum Drehen bringen und müsste nur eine Nadel auflegen, um etwas hören zu können. The music is actually there. Ich denke, das wird sich länger halten als CDs oder MP3. Vinyl is a good thing.

Crazewire: Also kaufst du deine Musik bevorzugt auf Vinyl?

Billy Bragg: Ich kaufe alle Arten, manchmal CDs manchmal MP3s. Wenn man unterwegs ist, ist es einfach praktischer, einen MP3-Player dabei zu haben.

Crazewire: Sag nicht, du hast einen iPod?

Billy Bragg: Ja, ich habe einen iPod, aber ich habe ihn nicht selbst gekauft, er wurde mir geschenkt. Ich spielte eine Show für Apple zusammen mit KT Tunstall und sie gaben mir diesen iPod Touch, der in meinem Büro herumlag, bis ein Kerl kam, um meinen Computer zu installieren und er mir meine Musik auf den Player kopiert hat. Jetzt kann ich ihn auch benutzen.

Die Aufmerksamkeit fällt kurz auf das Catering, dessen Auswahl an frischem Obst nebst Entsafter, verpackter Süßware und einer Kiste Tee, angesichts eines Punk Urgesteins dann doch etwas überrascht. "What does Ingwer Stück mean", fragt Mr. Bragg, um nach kurzer Übersetzung vorfreudig besagte Nascherei aus ihrerm Zellophangefängnis zu befreien. In dem Moment öffnet sich die Türe und der Soundmann tritt ein, um eine Batterie Bionade-Flaschen mit dem Verweis, das trinke ohnehin niemand, aus der Garderobe zu entfernen. Immerhin hat man noch verschiedenene Sorten Mineralwasser und einen Kasten Corona in der Hinterhand. Ob das eine persönliche Bestellung sei, erkundigt man sich, um den Faden des Gespräches wieder aufzunehmen.

Billy Bragg: Wir bekommen jeden Abend das selbe, aber manchmal gibt es noch kleine Extras. Man muss vorsichtig sein. Manchmal bekommt man Sachen, die man noch nie gesehen hat. Drei Sorten stilles Mineralwasser? (lacht, Anm. d. Verf.) Das ist lächerlich, sowas bekommen wir normalerweise nicht. Auch der Tee und die Süßigkeiten sind nicht auf unserer Liste, aber das ist alles sehr nett.

Crazewire: Allerdings vermisse ich das lokale Bier. Immerhin sind wir in Köln, trinkt ihr kein Kölsch?

Billy Bragg: Wenn man auf Tour ist, besonders in Deutschland, hat jede Stadt ihr eigenes Bier, was unterschiedlich stark ist. Du weißt also nie, wieviel du trinken kannst. Man braucht dann einfach eine Marke, bei der man weiß, wieviele Flaschen man verträgt, um ohne Kopfschmerzen aufzuwachen.

Crazewire: Wieviele Corona sind es denn?

Billy Bragg: About ten. Corona ist ja auch eigentlich kein richtiges Bier, es ist eine Limonade für Erwachsene. Doch ich mag Bier, trinke aber nicht mehr so viel. But I used to, when I was a punk rocker. 

Crazewire: You used to be a punk rocker?

Billy Bragg: I used to be a beer drinker and I used to be a punk rocker.

Crazewire: Sind die punk rocker Tage denn mittlerweile vorbei?

Billy Bragg: Nein, gestern Abend in Frankfurt im Batschkapp zum Beispiel, war ich sehr punk rock. Da habe ich als Zugabe mein komplettes erstes Album gespielt, in 15 Minuten.

Crazewire: Du spielst also auch heute noch deine alten Songs. Fällt es dir leicht, eine Verbindung zu ihnen herzustellen?

Billy Bragg: Es gibt Lieder, die mag ich und andere nicht mehr so sehr. Bei Konzerten mische ich gerne neue Stücke, mit alten Sachen und einigen Coverversionen.

Crazewire: Ich habe mich gefragt, wie es sich mit "New England" verhält, einem Stück - das ich persönlich sehr mag -was man aber auch ganz klar als deinen Hit-Song bezeichnen muss.

Billy Bragg: Wenn ich an einen Ort wie Köln komme und nehmen wir mal an, die Leute teilen deine Meinung über "New England", werden sie sich ärgern, wenn ich das Lied nicht spiele. "Come on, it's his best song, why doesn't he play it?!" Ich kann ihn spielen, aber ich muss es nicht. Es gab auch schon Konzerte, wo ich den Song nicht gespielt habe.

Crazewire: Aber du hast nicht die Nase voll davon?

Billy Bragg: Ich habe etwas über Paul Simon gelesen, wo es darum ging, dass er keine Lust mehr hatte, "Sound Of Silence" bei Konzerten zu spielen. Er hat das auch Bob Dylan erzählt und Bob Dylan sagte: "Ja, aber wenn ich auf ein Paul Simon -Konzert gehe, will ich 'Sound Of Silence' hören." Da dachte ich mir, verdammt, er hat Recht. (lacht, Anm. d. Verf.)

Crazewire: Wobei ja gerade Bob Dylan bei seinen Konzerten das genaue Gegenteil macht.

Billy Bragg: There is only one Bob Dylan.

Crazewire: Aber ihr beide teilt die Liebe zu Woodie Guthrie.

Billy Bragg: Das ist sehr wahr. Wir sind auf eine Art Teil einer Tradition, die Woodie Guthrie gegründet hat, einer Tradition politischen Songwritings.

Crazewire: Hast du Bob Dylan jemals persönlich getroffen?

Billy Bragg: Nein. Aber als wir "Mermaid Avenue", eine Sammlung alter Woodie Guthrie Songs, zusammen mit Wilco in Chicago aufnahmen, war Dylan in der Stadt, für ein Konzert. Ich holte Tickets für alle und wir gingen hin. Jeff Tweedy (Sänger von Wilco, Anm. d. Verf.) sagte zu mir: "Komm, geh' backstage und frag ihn, ob er zu uns ins Studio kommt." Ich antwortete nur: "Fuck off, Jeff. Es ist schwer genug in einem Studio zusammen mit Woodie zu sein, was wollen wir da mit Woodie und Dylan?" Was sollte man auch zu Bob Dylan sagen? "Hi Bob, I really like your records."? Das wäre zu peinlich. Aber vielleicht würde er ja auch fragen, wieviele verschiedene Sorten von stillem Mineralwasser ich bekomme, wenn ich in Deutschland auf Tour bin.


 

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