Interpret:
Ben Kweller
Titel:
Im Blick zurück entstehen die Dinge
Autor:
Tristan Klocke
Hildesheim, 02.02.2009
Es ist ja nicht so, als hätte er uns nicht gewarnt. Am Ende zum Schaffenszyklus seines selbstbetitelten Drittlings „Ben Kweller“ hat er es schon prophezeit: „Das Nächste wird ein Country-Album!“ Und tatsächlich: Die Bottlenecks gleiten auf und ab am Gitarrenbrett.
Mit der Klampfe bewaffnet zieht der 27-jährige wieder zurück in die Prärie und begibt sich damit auf die Spuren seiner musikalischen Sozialisation. Im Blick zurück entstehen die Dinge, im Blick nach vorne entsteht das Glück. Aus dem Vorraum des Konzertsaals im Hamburger Knust kann man einzelne Fragmente seiner Songs hören. Kweller ist ein wenig in Verzug. Schnell werden noch die letzten Instrumente auf ihr reibungsloses Zusammenspiel überprüft.
Als er sich nach ein paar Minuten an den spärlich - nur mit einem Teelicht - beleuchteten Tisch fläzt, bereitet seine Band im Hintergrund gerade den Soundcheck für eine stark countrylastige Cover-Version von Jimmy Cliffs Reggae Evergreen „You Can Get If You Really Want“ vor. Man kann Kweller seine texanische Herkunft förmlich ansehen: Über seinem schwarzem Button-Down-Hemd trägt er eine alte Jeansjacke und dazu eine gemütliche Cordhose mit Schlag. Die Kerze flackert im Wechsel seines Atemrhytmus, während er zu sprechen beginnt.
Crazewire: Du tourst nun schon wieder für ein paar Wochen. Was sind deine ersten Eindrücke?
Ben Kweller: Es ist wirklich großartig. Ich habe viele neue Songs gespielt und das Publikum mochte sie sehr. Das macht mich glücklich. Ich war mir da gar nicht so sicher, weil sie mehr nach Country und Western klingen - ziemlich amerikanisch.
Crazewire: Hast du dich nicht gewundert, das dass Publikum die Songs schon mitsingen konnte. Dein neues Album „Changing Horses“ erscheint in Europa erst am 6. Februar und es ist bereits im Internet zum Download aufgetaucht.
Ben Kweller: Ja, ich habe davon gehört (verdreht die Augen, Anm. d. Verf.) Es ist ... Ach, es passiert jetzt überall. Du kannst niemanden mehr trauen, es ist der Journalist der es weitergibt. Wir haben Kopien zu etwa zwanzig Journalisten in Amerika geschickt und irgendwer hat es einfach auf eine Website getan. Es ist wirklich ... (überlegt, Anm. d. Verf.) Es ist wirklich das Letzte, weil es den Fans einfach die Erfahrung nimmt, am Tag der Erscheinung in einen Plattenladen zu gehen und dort das Album zu kaufen. Das Cover des neuen Albums ist wunderschön und etwas besonderes. Es zerstört einfach das Erlebnis ... Naja, egal: Letzten Endes interessiert es mich nicht, weil ich einfach Musik mache und mich nichts davon abhalten kann. Wie auch immer. Es ist nur schade für die Fans. Das ist alles.
Crazewire: Kannst du dich noch an dein letztes Konzert in Deutschland erinnern?
Ben Kweller: Klar, ich erinnere mich. Ich glaube es war auf der Tour zu „On My Way“. Nein, ich war wegen „Ben Kweller“ hier. Ich war hier. Ich weiß nicht mehr ob es nur ein Promo-Trip war oder ob ich ein ganzes Konzert gespielt habe. Ich war Supportact für Grandaddy. Ich glaube, das einzige Konzert das ich je in Hamburg gespielt habe war für Radish im Jahr 1998. Fast zehn Jahre ist das jetzt her. Wow! (lacht, Anm. des. Verf.)
Crazewire: Du hast schon gesagt, das dein neues Album mehr nach Country klingen wird und dazu bist du von New York wieder zurück in deine Heimat Austin, Texas gezogen. Besteht eine Verbindungen zwischen diesen beiden Zügen?
Ben Kweller: Als ich das Album in Texas aufnahm, dachte ich mir: „Na, vielleicht will ich auch wieder hier leben“. Also nahmen wir das Album auf und ich kam zurück nach New York. Eines Tages sagte meine Frau: „Ben, lass uns nach Austin ziehen“. Während wir das Album aufnahmen, war sie mit unserem Sohn Dorian die Stadt erkunden. Sie hat sich dann einfach in Austin verliebt. Es ist viel bequemer dort mit einem Baby zu leben als in New York. Eigentlich kommt sie ja aus Connecticut in der Nähe von New York, das liegt im Nord-Osten. Lange Zeit wollte ich unbedingt nach Texas ziehen und sie hat sich geweigert. Als wir zurück in New York waren, hat sie es sich schließlich anders überlegt. Ich dachte: Großartig!“ (Macht eine Siegesgeste, Anm. d. Verf.)
Crazewire: Du hast schon mit sechs oder sieben Jahren mit dem spielen begonnen und dein Sohn Dorian ist jetzt wie alt?
Ben Kweller: Zweieinhalb Jahre. Und er spielt Schlagzeug.
Crazewire: Also kannst du schon mit ihm jammen?
Ben Kweller: Ja, ich habe schon mit ihm gejammt. Es ist ... sieh dir das an. (Startet ein Video auf seinem iPhone mit Sohn Dorian, der in der Mitte eines Schlagzeug-Sets sitzt und auf die Becken trommelt, Anm. d. Verf.) Ich habe auch ein Video davon, wie er sein erstes Schlagzeug-Set mit 17 Monaten bekommen hat. Bumba. Bumba. (Macht Drum-Sounds, Anm. d. Verf.)
Crazewire: Also taucht er auch in den Liner Notes von neuem Album auf?
Ben Kweller: (lacht, Anm. d. Verf.) Noch nicht. Er hat bis jetzt nichts aufgenommen ...Eines Tages vielleicht, in ferner Zukunft.
Crazewire: Texas ist dafür bekannt, eine republikanische Hochburg zu sein. Was hältst du in diesem Zusammenhang von dem Wahlsieg Barack Obamas?
Ben Kweller: Gott sei Dank. (verdreht die Augen und faltet seine Hände zum Gebet, Anm. d. Verf.) Das ist das Beste seit langem. Texas war früher über Jahre ein demokratischer Staat, bis Ronald Regan in den späten siebzigern alles verändert und kaputt gemacht hat. Dann kam die Familie Bush und hat alle ausgetrickst. Dieses Jahr war das Verhältnis in Texas fünfzig-fünfzig. Ich denke, eines Tages wird es ein Swing-State wie Ohio und Pennsylvania. Es ist nicht so schlimm wie in Kenntucky und Alabama... Rednecks.
Crazewire: Aber in Texas gibt es immer noch die Todesstrafe.
Ben Kweller: Ja, leider. Ich weiß. Die Todesstrafe. Warum es die noch gibt? Keine Ahnung. Fucking Hillbillies! Ja, scheiße. Wir brauchen Barack Obama. Ich bin wieder stolz, ein Amerikaner zu sein, wofür ich mich lange Zeit geschämt habe.
Crazewire: Lass uns nochmal zu deinem dritten Album „Ben Kweller“ zurückkommen, das du ganz im Alleingang eingespielt hast. Dieses mal hattest du auf deiner Website angekündigt, Mike Stroud würde Gitarre auf dem neuen Album spielen. Hat er es letztendlich getan?
Ben Kweller: Nein, nicht auf meinem neuen Album. Er hatte schon auf meinem zweiten Album gespielt und wir sind gute Freunde. Ich habe das mal in meinen Blog geschrieben und dann mit Mike darüber gesprochen, aber er hat nie die Zeit dazu gefunden, weil Ratatat in Europa war. Es hat also leider nicht funktioniert.
Crazewire: Aber warum hast du dich nicht dazu entschlossen erneut alleine zu arbeiten?
Ben Kweller: Das war nur das eine Mal. Einfach um auszuprobieren wie es ist. Es war ein Experiment. Am liebsten spiele ich aber mit anderen Menschen.
Crazewire: Also würdest du sagen, das dein letztes Album viel persönlicher war als dieses?
Ben Kweler: Nein, dieses Album ist auch sehr persönlich. Es sind einfach mehr Menschen, die darauf spielen. Ich weiß nicht... Vielleicht ist das letzte Album persönlicher, aber dafür mehr produziert und das neue ist weniger persönlich, aber freier arrangiert.
Crazewire: An dem Song „The Ballad Of Wendy Baker“ sollst du angeblich mehr als Zehn Jahre geschrieben haben?
Ben Kweller: Ich war sechzehn als ich mit dem Songwriting anfing. Jetzt bin ich siebenundzwanzig. Als ich in der Highschool war, hatte ich eine Freundin namens Wendy Baker, die während eines Autounfalls getötet wurde. Ein paar Tage nach ihrem Tod war ich in einem chinesischen Restaurant und bekam dort einen Glückskeks. Ich öffnete ihn und darauf stand „No One Loves Till It's Gone“. Also ging ich nach hause und schrieb den Song. Ich habe ihn nie veröffentlicht, weil er zu persönlich war. (überlegt, Anm. d. Verf.) Und ich wollte ihn nicht an alle weiter verschenken. Dieser Song war für mich und Wendy. Seitdem ist viel Zeit vergangen und meine Frau Liss sagte während der Arbeiten an meinem neuen Alben immerzu: „Ich mag den Wendy-Song, warum veröffentlichst du ihn nicht?“ Und ich sagte dann: „Neeeiiinnnn!“ Und dann veröffentlichte ich ihn doch.
Crazewire: Hast du einen umfangreichen Back-Katalog aus unveröffentlichten Songs?
Ben Kweller: Ja, ein paar davon sind gut verschüttet und noch nicht durch das Publikum erprobt. Irgendwann bringe ich vielleicht eine Anthologie raus und dann kann man sie hören.
Crazewire: Wie entwickelst du deine Songs? Erst die Lyrics, dann die Melodie oder andersherum?
Ben Kweller: Es ist die Melodie und Musik, dann schreibe ich Texte, die in das Puzzle passen. Zu hause arbeite ich mit einem Klavier und auf Tour wechsele ich zur Gitarre.
Crazewire: Was hat es mit dem Albumtitel „Changing Horses” auf sich?
Ben Kweller: Der Titel stammt von einer Mark-Twain-Kurzgeschichte. Ich liebe Mark Twain. Wenn man durch einen Fluss reitet, sollte man nie mittendrin das Pferd wechseln, weil man sonst herunterfallen und sterben könnte. Aber ich wechsele immer die Pferde (lacht, Anm. d. Verf.) Ich bin schnell gelangweilt.
Crazewire: Ist das auch der Grund warum du dich wieder dem Country-Style zugewandt hast?
Ben Kweller: Ja, das und der Umzug. Außerdem habe ich von meinem langjährigen Label ATO Records zu Rough Trade gewechselt. Es verändert sich viel... Vater sein, in Austin leben...
Crazewire: Du hast das neue Album mit Steve Mazur produziert. Erzähl uns etwas über deine Zusammenarbeit mit ihm und wie ihr euch kennen gelernt habt.
Ben Kweller: Steve ist mein Tontechniker. Er ist unglaublich gut darin, Sounds aufzunehmen, Mikrophone und EQ's zu konfigurieren. Wir sind ein gutes Team, weil er weiß wie sich etwas anhören muss und ich das Arrangement und Songwriting kenne. Ich habe Steve am ersten Tag der Aufnahmen zu der „Sha Sha“-Platte getroffen. Zweitausendeins bin ich ins Studio Sear Sound in New York gegangen und da war dieses langhaarige Kind mit einer Brille. Er war damals Assistent und sah sehr Nerdy aus. Wir wurden ziemlich schnell ziemlich gute Freunde und von diesem Zeitpunkt machte ich ein Album nach dem anderen mit ihm. Immer wenn ich etwas aufnehme ist er mit dabei. Steve ist ein Purist und bevorzugt analoge und klassische Aufnahmetechniken. Keinen digitalen Schwachsinn. No computer-fuck-that-shit.
Crazewire: Das klingt, als hättest du eine Abneigung gegen elektronische Musik? Mike Stroud spielt mit Ratatat schließlich auch keinen klassischen Indie-Rock.
Ben Kweller: Ratatat sind großartig. Mike Stroud gefällt Hip-Hop mehr als mir, dafür bin ich mehr von Blues und Folk angetan. Wir treffen uns irgendwo in der Mitte bei Rock'n'Roll und Country Music. Ich mag elektronische Musik, aber es ist nicht das was ich mache. Es ist einfach nicht meine Art. Vielleicht wenn ich Rap ausprobiert habe und andere Dinge, just for fun.
Crazewire: Du bist ja dafür bekannt, einer großer Verehrer von Nils Lofgren zu sein.
Ben Kweller: Er ist ein fantastischer Musiker, den leider nicht viele Menschen kennen. In den siebziger und achtziger Jahren war er in Deutschland verhältnismäßig populär. Er ist gemeinsam mit meinem Vater aufgewachsen und zur Highschool gegangen. Andernfalls hätte ich nicht von seiner Musik gehört. Nils hat auch Gitarre und Klavier mit Neil Young und Bruce Springsteen gespielt. Seine Soloalben sind wunderschön.
Crazewire: War er eine Art Idol für dich, zu dem du aufblicken konntest?
Ben Kweller: Sicher, ich bewundere ihn. Genauso wie Bob Dylan oder Neil Young.
Crazewire: Denkst du, das Musiker so etwas wie Vorbilder brauchen?
Ben Kweller: Musiker brauchen nichts wirklich unbedingt, aber für mich ist Nils ein Vorbild. Ich denke, wenn du ein Hobby hast oder etwas anderes das du gerne tust, dann wirst du auch Helden und Vorbilder finden. Das ist mitunter ein Grund warum du Dinge magst. Wenn du gerne Fußball spielst oder Basketball, dann hast du Lieblingsspieler. Wenn du dich für Autos interessierst, dann hast du ein Lieblingsauto. Du brauchst nicht zwingend Vorbilder, um ein guter Künstler zu sein, aber vielleicht motiviert es dich besser zu werden.
Crazewire: In Amerika läuft gerade die Verfilmung von F. Scott Fitzgeralds Kurzgeschichte „The Curious Case Of Benjamin Button“ an. Der Hauptcharakter Benjamin altert dort rückwärts. Er wird als alter Mann geboren und verjüngt sich dann zunehmend. Wenn man die Berichterstattungen über deine Person verfolgt, dann bekommt man stets den jungen fünfzehnjährigen Ben Kweller mit seinem überraschenden Erfolg präsentiert. Was denkst du über die Zeit und das Alter?
Ben Kweller: (lacht, Anm. d. Verf.) Es fühlt sich so an, als hätte ich schon eine Menge hinter mir. (überlegt, Anm. d. Verf.) Wie siebenundzwanzig fühle ich mich jedenfalls nicht, aber manchmal ist auch genau umgekehrt und dann kann ich nicht glauben, das ich schon so alt bin. Es ist jeden Tag anders... An manchen Tagen fühle ich mich alt, an manchen jung. Wenn ich auf der Bühne bin, fühle ich mich jung. Das ist toll. Rock'n'Roll keeps you young.
Crazewire: Hast du deinem Sohn Dorian einen Song auf dem neuem Album gewidmet?
Ben Kweller: Nicht auf meinem neuem, aber ich habe Lieder für ihn geschrieben: Kinderlieder. Vielleicht mache ich mal ein Album wie Kimya Dawson. (lacht, Anm. d. Verf.)
Crazewire: Was für zeitgenössische Musik hörst du sonst noch?
Ben Kweller: Ich mag Wilco, Jeef Tweedy und Conor Oberst von Bright Eyes. Sein neues Album ist perfekt. Wir waren gerade gemeinsam auf Tour. Die frühen Alben von Kings Of Leon, in denen sie mehr Southern-Rock bedienen, gefallen mir auch. The White Stripes, ich denke Jack White ist ein begnadeter Gitarrist und großartiger Künstler. Das gleiche gilt für Alan Jackson, ein bekannter Pop-Country Musiker in Amerika. Das ist etwas was ich als kleiner Junge gehört habe und ich liebte es. Nicht zu vergessen Old Crow Medicine Show, eine Art Bluegrass-Band.
Crazewire: Was ist mit My Morning Jacket?
Ben Kweller: Klar, Jim James ist ein sehr guter Künstler, aber wenn ich mich zwischen den beiden Bands Kings Of Leon und My Morning Jacket entscheiden müsste, wären es Kings Of Leon. Das ist wie mit den Beatles und den Stones. Entweder oder.
Crazewire: Gibt es schon Pläne für eine weitere Zusammenarbeit mit Ben Folds und Ben Lee?
Ben Kweller: Von mir aus gerne, aber es ist schwer, Ben Folds dazu zu bewegen.
Crazewire: Was kommt nach der Tour und Promotion zum neuen Album?
Ben Kweller: Ich komme zurück nach hause, wenn das Album am 6. Februar erscheint. Danach kommt eine Welttour und dann mal sehen, aber ich werde mein nächstes Album bald produzieren.
Crazewire: Was war der schrecklichste nicht-musikalische Job den du gemacht hast?
Ben Kweller: Es war der beste und gleichzeitig schrecklichste Job. Ich habe mal in einem Skating-Ring meiner Stadt gearbeitet - Soviel Pizza wie ich essen wollte. Ich war Jung, vielleicht ein Teenager. Freies Essen und weitere Vergünstigungen und ich konnte skaten. Klar, das war toll. Aber ich musste auch die Toilette putzen ... that fucking sucked. Ich hasse es WCs zu putzen.
Crazewire: Hast du einen Beruf gelernt?
Ben Kweller: Nein, das ist nur die Musik. Ich habe die Highschool geschmissen als ich fünfzehn war und einen Plattenvertrag mit Mercury für Radish angeboten bekam.
Crazewire: Bereust du deine Entscheidung?
Ben Kweller: Nein, ich habe nur andere Erfahrungen gemacht. Ich habe andere Dinge erlebt als Menschen, die zur Schule gegangen sind. Sie hatten nicht das Leben, das ich hatte und ich hatte nicht das Leben, das sie hatten. Das ist in Ordnung, weil jeder von uns unterschiedlich ist. Ich bereue nichts. Das ist mein Leben ...
Crazewire: Und es funktioniert ganz gut.
Ben Kweller: Richtig. (lacht, Anm. d. Verf.)
Crazewire: Vielen Dank für das Interview.