Avocadoclub - Wir alle wissen, was in einem Porno passiert
Die kältegequälte Musikhörerschar erhielt jüngst wärmende Hilfe aus Berlin. Der Avocadoclub veröffentlichte kürzlich das Longplay - Debüt „Everybody’s Wrong“ und sorgte nicht nur im hauptstädtischen Kritikerdschungel für einigen Wirbel. Hauptverantwortlich hierfür zeichnet Songschreiber / Sänger Bendrik Muhs, der gerne bereit war sich den Fragen von
Crazewire zu stellen.
Crazewire: Aus der Biographie auf deiner Seite geht hervor, dass dein erstes 4-Spur – Aufnahmegerät dich maßgeblich beeinflusst hat. Kannst du dich erinnern, wie es sich angefühlt hat, zum ersten Mal eigene Songs von dir auf Band zu hören?Bendrik Muhs: Naja, das neue am 4-Spur-Recorder war ja sozusagen die Doppelung. Wie sich meine Stimme zur Guitarre anhört, dass wusste ich auch ohne die Maschine. Wie sich das aber anhört wenn man noch ein Keyboard oder eine Bass-Spur oder eine zweite Gesangslinie dazu aufnimmt, das war schon etwas extrem neues, wo ich gesehen habe, dass da ein ganzes Universum zu entdecken ist.
Crazewire: „Everybody`s Wrong“ ist nach einigen selbstproduzierten Eps nun die erste Veröffentlichung in Albumlänge. Bist du zufrieden mit dem Ergebnis?Bendrik Muhs: Ich denke schon. 3 Jahre Produktionszeit sind einfach auch immer ein guter Reifegradmesser. Ein Song auf den ich auch nach einem halben Jahr nach der Aufnahme noch richtig stehe, der wird mir wahrscheinlich auch noch später gefallen. So konnten viele Songs, die sich beim Wiederhören schnell abnutzen einfach über die Zeit ausgesiebt werden.
Crazewire: Hast du ein persönliches Lieblingslied auf dem Album?Bendrik Muhs: Nein, aber ich habe Favoriten, wie z.B. „The Doped White Mice“ , „Confessions Of A One-Trick Pony“, oder den Hidden-Track „The Ghost“.
Crazewire: Du hast den größten Teil der Stücke alleine eingespielt und auch in Eigenregie produziert. Hast du gerne alle Fäden selbst in der Hand?Bendrik Muhs: Ja, auf jeden Fall. Allerdings hat diese Arbeitsweise auch ihre Nachteile. Ein gewisser musikalischer Inzest ist nicht von der Hand zu weisen. Deswegen bin ich jetzt eigentlich extrem froh, dass ich mittlerweile eine Band habe, die mich als ihren freundlichen Diktator akzeptiert.
Crazewire: Musikalische oder textliche Zitate, wie zum Beispiel in „Confessions Of A One Trick Pony“ geben Anlass, dich als Kenner der Popgeschichte zu bezeichnen. Hast du ein Lieblingsjahrzehnt?Bendrik Muhs: Ich glaube für jeden Menschen ist letztendlich der Abschnitt eines Jahrzehnts prägend, der zwischen seinem 14- und seinem 21igsten Geburtstag liegt. Bei mir waren das die mittleren achtziger Jahre : Madness, The Specials, Aztec Camera, The Smiths und so weiter. Jeder sollte mal seine 3 absoluten All-Time-Favourites zusammenkramen, und er wird sehen, sie kommen aus dieser Periode seines Lebens. Es ist einfach die Zeit wo man musikalisch geprägt wird. In dieser Zeit habe ich mich aber auch extrem für die Musik der Sechziger Jahre interessiert. Da ist sicherlich auch was hängen geblieben.
Crazewire: Vielen deiner Lieder kann man eine Vorliebe für Brian Willson oder Burt Bacharach anmerken. Stimmst du zu?Bendrik Muhs: Ja, dieser Sixties Einschlag war bei mir immer da. „Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band“ lief zum Beispiel während meiner gesamten Kindheit in unserem Autoradio. Diese Platte habe ich glaube ich so oft gehört wie keine andere...obwohl, „Virgins and Phylistines“ von den Colourfield kommt wahrscheinlich sehr nah dran.
Crazewire: Welche anderen Künstler zählst du zu deinen Einflüssen?Bendrik Muhs: Ich bin auch sehr beeinflusst, durch das was in den 80iger Jahren aus den USA kam und sich New Pychedelia nannte. Mein großes Vorbild damals war die Band Game Theory aus San Francisco, deren Pop-Platten auch heute noch ziemlich unerreicht sind, die aber kaum jemand kennt. Scott Miller, Kopf von Game Theory, hat übrigens die Liner Notes zum Avocadoclub -Album geschrieben, worauf ich sehr stolz bin.
Crazewire: Ich habe mit großer Freude gelesen, dass du dich für Suburban Kids With Biblical Names begeisterst. Du behältst also auch die gegenwärtige Musiklandschaft im Auge? Hast du weitere aktuelle Favoriten?Bendrik Muhs: Klar, ich mag Bands wie die Mountain Goats, Of Montreal oder David & The Citizens. Aber auch durchaus manche Hip-Hop-Sachen wie A Tribe Called Quest oder EPMD, ich bin da nicht so auf einen Stil festgelegt.
Crazewire: Nach vielen Jahren hast du den Avocadoclub kürzlich von einem Studioprojekt in eine Band verwandelt. Wie kam es zu dieser Entscheidung?Bendrik Muhs: Ich wollte einfach aus meinem künstlerischen Elfenbeinturm heraus. Außerdem wäre es auch ziemlich schwer gewesen, dass Album auf die Bühne zu bringen.
Crazewire: Mit der Band im Rücken, ist eine Tour für den Frühling geplant. Welche Erwartungen hast du an die ersten Shows?Bendrik Muhs: Naja, die ersten Konzerte haben wir ja bereits hier in Berlin gespielt. Ich glaube das ist ein guter Test, weil gerade das Berliner Publikum sehr verwöhnt ist. Woran wir noch etwas arbeiten müssen ist unsere Präsenz. Das habe ich etwas unterschätzt, weil ich dachte wenn man auf der Bühne einfach gute Musik macht reicht das. Es gibt aber eben immer noch diese zweite Ebene der Darstellung der Musik, die bei Konzerten mindestens genauso wichtig ist. Da haben wir uns jetzt für die nächsten Konzerte ein paar Show-Effekte einfallen lassen.
Crazewire: Wie denkst du, es zu schaffen, das unstete Tourleben mit deiner Arbeit als Journalist zu verbinden? Hast du die heimliche Angst, Geschmack am Rock ’n’ Roll - Leben zu finden?Bendrik Muhs: Das ist ein guter Punkt. Natürlich, wenn man gerade am Wochenende einen guten Gig hatte, oder ein paar Tage im Studio an neuen Songs gearbeitet hat, und man sitzt dann am Montagmorgen in der Redaktion, das ist dann schon manchmal komisch. Aber wir sind ja nicht The Darkness, und so kriegt man das nach ein zwei Tagen wieder in den Griff.
Crazewire: Machst du deine weiteren Pläne in Sachen professioneller Musik auch vom Erfolg von Tour und Album abhängig?Bendrik Muhs: Da ich finanziell nicht von der Musik abhängig bin, sehe ich das relativ locker. Aber klar, wenn man viel Arbeit und Energie in so eine Platte rein steckt, und da passiert dann gar nichts, das wäre schon enttäuschend.
Crazewire: In der Vergangenheit hast du dir deine Brötchen beizeiten als Komponist für einige Filmmusiken verdient. Nach eigener Aussage hast du die Projekte recht wahllos angenommen. Bereust du etwas?Bendrik Muhs: Nein, ich wollte einfach in den Filmmusik-Markt rein, und da kannst du dir am Anfang, als unbeschriebenes Blatt, die Filme nicht aussuchen. Letztendlich kann ich aber hinter allen Sachen stehen, die ich bisher gemacht habe.
Crazewire: Wie häufig muss man sich Filmszenen ansehen, um die richtigen Töne dazu zu finden?Bendrik Muhs: Das ist sehr unterschiedlich. Manchmal findest du die richtige Akkordfolge nach ein paar Minuten, manchmal erst nach ein paar Tagen. Manchmal denkst du auch du hast etwas richtig cooles gefunden, und der Regisseur sagt einfach, dass er sich das so überhaupt nicht vorgestellt hat. Aber das ist das interessante am Score produzieren: Du musst dein Ego zügeln, du musst Stücke aufgeben können, du musst dich einlassen auf neue Situationen.
Crazewire: Wie komponiert man denn Musik für einen Pornofilm?Bendrik Muhs: Das ist eigentlich einfacher als Musik für eine Spielfilmszene zu schreiben, weil du nicht sosehr auf einzelne Details eingehen musst. Wir alle wissen was in einem Porno-Film passiert, die Musik transportiert hier nur eine bestimmte Stimmung durch die gesamte Szene. Mann kann sich das am ehesten wie die Produktion eines Dance-Tracks vorstellen. Du musst dein Thema einfach über 8-10 Minuten geschickt variieren. Und, gerade beim Porno ist es wichtig dass der Song nie in den Vordergrund rückt, er muss immer nur die richtige Stimmung schaffen.
Crazewire: Sind für die Zukunft weitere Soundtracks geplant?Bendrik Muhs: Ich arbeite gerade an einem italienischen Film, bei dem sogenannte IT-Musik gebraucht wird, d.h. teure Original-Musik wird gegen Neu-Kompositionen eingetauscht. In diesem Falle ist das Lou Bega mit Mambo No.5. Da die Produktionsfirma nicht weltweit die Kinorechte für den Song erwerben kann, wird ein Komponist gesucht, der den Song sozusagen von der Stimmung her kopiert, ohne die gleichen Harmonien und Melodien zu benutzen. Das heisst dann IT-Musik, etwas dass auch in der Werbung sehr häufig gemacht wird.
Crazewire: Rührt der Kontakt zu Oliver Korittke, der in eurem ersten Video zu sehen ist, auch aus einem deiner Film – Projekte? Wie kam es zu eurer Zusammenarbeit?Bendrik Muhs: Ich bin in Berlin, Friedenau aufgewachsen und Olli hat bei uns im Haus gewohnt. Daher kenne ich ihn schon lange bevor er richtig erfolgreich wurde, und wir sind immer noch befreundet. Er mochte den Song und war sofort bereit eine Rolle in dem Video zu spielen.
Crazewire: Wer hat das Video gedreht? Warst du an der Produktion kreativ beteiligt?Bendrik Muhs: Ja, das „Too Much Space“-Video habe ich mit zwei befreundeten Kamera-Männern im Prinzip im Alleingang und praktisch ohne Budget umgesetzt. Geschnitten habe ich das einfach zu hause an meinem Apple.
Crazewire: Zum Abschluss möchte ich dich noch bitten, aus aktuellem Anlass drei Alben für den beginnenden Frühling zu empfehlen.Bendrik Muhs: The Sparks „Hello Young Lovers“
Mountain Goats „The Sunset Tree“
Belle & Sebastian „The Life Pursuit“
Crazewire: Ich danke dir vielmals, für dieses Interview.