Interpret:
Angus & Julia Stone
Titel:
„Wir sind Götter!“
Autor:
Maximilian Burk
Köln, 13.12.2010
Angus Stone kann auch ohne seine Schwester. Dies stellte er 2009 mit seinem Solo-Projekt „Lady Of The Sunshine“ unter Beweis. Doch im Alleingang macht es offenbar nur halb so viel Spaß, daher erschien dieses Jahr das zweite Album der Geschwister Angus & Julia Stone, „Down The Way“. Wir trafen Angus vor dem Konzert in der Kölner Kulturkirche, um mit ihm über das Reisen und alte Fotoapparate zu sprechen.
Crazewire: Deine Texte sind teilweise von einer kindlichen Naivität geprägt. Schreibt da so eine Art Peter Pan in Dir?
Angus Stone: Kürzlich habe ich eine Dokumentation über Kinder gesehen und da hieß es: Die Kinder müssen nicht denken, sie tun es einfach. Sie spielen in ihrer Fantasie. Ihre Gedanken sind ein Wunderland. Wenn ich schreibe, ist ein Teil von mir immer noch ein Kind. Ich empfinde es als die schönsten Momente, wenn ich bei mir selber bin und schreibe, denn ich fühle, dass ich aus meiner Fantasie schöpfe und Peter Pan sein kann, wie du sagst. Oder ein Charakter aus einer anderen Welt. Ich kann in der Zeit springen und völlig frei sein. Es gibt endlos Möglichkeiten, einen Song zu schreiben.
Crazewire: Was findest Du besonders inspirierend?
Angus Stone: Alles ist inspirierend. Ein gutes Gespräch oder mit jemanden aufwachen und den ganzen Tag zusammen verbringen. Es ist niemals nur so, dass ich einen Song im Radio höre und mir denke, dass ich auch sowas schreiben will. Es ist mehr als das. Es ist der starke Stoff, der dich zum Weinen bringt. Geschichten von Liebe und Verlust aus meinem Leben. Reisen und Loslassen müssen. Immer wieder „Auf Wiedersehen“ zu sagen. Auf Reisen zu sein, das bedeutet, alle möglichen Farben von Emotionen zu fühlen. Emotionen, von denen man vorher nichts wusste. Man findet viel über sich heraus, wenn man unterwegs ist. Und da kommt meistens ein guter Song bei raus.
Crazewire: Reist du alleine?
Angus Stone: Ich reise immer mit meiner Familie.
Crazewire: Du meinst mit deiner Schwester?
Angus Stone: Auch. Ich meine alle, die ganze Crew. Wir leben zusammen in einem Bus. Und ich habe Freunde auf der ganzen Welt - meine Familie ist überall.
Crazewire: Das können nicht viele von sich behaupten. Gibt es einen Ort, an dem Du dich zuhause fühlst?
Angus Stone: Hier im Bus, im Moment. Ich hatte für vier, fünf Jahre kein Zuhause, da ich unterwegs war. Heimat ist da, wo ich bin.
Crazewire: Kannst Du dir vorstellen, eines Tages anzukommen und sesshaft zu werden?
Angus Stone: Ja. Das ist das schöne am Reisen. Man lernt viele Orte kennen. Und die schönsten Stellen merkt man sich für spätere Zeiten. Vielleicht komme ich eines Tages dorthin zurück und bleibe.
Crazewire: Welche Orte gefallen Dir besonders?
Angus Stone: Die Schweiz ist sehr schön. Und Kanada. Japan. Es ist endlos, auch Deutschland gefällt mir hier und da. Amsterdam - in einem Boot im Kanal zu leben, stelle ich mir schön vor. Ich mag das Leben in der Stadt. Bewegung. Außerhalb der Stadt gefällt es mir auch - hängt von meiner Stimmung ab.
Crazewire: Heute Abend spielt ihr in einer Kirche. Wie hältst Du es mit der Religion?
Angus Stone: Es gibt so viele Bedeutungen für das Wort „Gott“. Wir sind Götter. Jeder Mensch ist ein Wunder und das ist das spirituellste Erlebnis überhaupt. Für mich ist es das größte Wunder überhaupt, dass wir existieren. Aber ich denke nicht, dass das von einer eigenartigen Quelle kommt. Wenn ich Kirchen sehe, dann denke ich, dass viele Menschen eine vorgesetzte Wahrheit brauchen. Es gibt für mich aber keinen falschen oder richtigen Gebrauch des Wortes „Gott“. Es ändert im Endeffekt nichts daran, was Du bist. In der Religion geht es nur um die Geschichten und Erfahrungen anderer. Ich schreibe meine eigene Geschichte.
Crazewire: Draußen ist es schon fast dunkel und wir wollten noch Fotos vor der Kirche machen. Ich habe eine alte analoge Kamera mitgebracht. Den Fotos auf eurer Homepage ist zu entnehmen, dass Du auf alte Fotoapparate stehst.
Angus Stone: Ja, das stimmt. Ich mache viele Fotos mit einer Holga-Kamera, einer chinesischen Plastikkamera aus den Achtzigern. Sie ist sehr temperamentvoll und hat eine ganz eigene Persönlichkeit. Man führt eine richtige Beziehung zu der Kamera. Man kann so viel mit alten Dingen anstellen und soviel von ihnen lernen. Es ist wirklich wunderschön, und ich finde das Resultat tatsächlich qualitativ wertvoll.
Crazewire: Man hat es nicht immer leicht, für die Qualität eines Holga-Fotos zu plädieren. Man hat bei dem Entwurf einer chinesischen Volkskamera wohl auch eher Wert auf billige Produktion als auf Qualität gelegt.
Angus Stone: Im Gegensatz zur Digitalfotografie gibt es bei den Holga-Fotos keine Wiederholung. Alle Fotos sind individuelle Unikate. Wenn du mit einer Digitalkamera auf dein Motiv hältst, weißt du direkt, wie dein Foto aussehen wird. Bei der analogen Fotografie spielt der Zufall eine große Rolle, du weißt nie, was dabei rauskommt. Das ist spannend. Ich habe nichts gegen die Digitalfotografie. Es gibt genug tolle Fotografen, die digital arbeiten und ein gutes Auge haben.
Crazewire: Kennst du schon die iPhone-Application, welche den digitalen Fotos der integrierten Kamera einen analogen Lomo-Look verpasst?
Angus Stone: Ja, wie heisst das nochmal: Hipstomatic? Hipstomatic ist super. Das macht total Spaß. Du kannst diesen alten Look simulieren, Klasse. Man kann auch alte Charlie Chaplin-Filme mit einem Programm simulieren, dann bewegt sich alles so schnell mit dieser alten Klaviermusik dazu. Das sieht wirklich ulkig aus (lacht, Anm. d. Verf.).
Video: „Big Jet Plane“