Inpterpret:
Alkaline Trio
Titel:
Back To The Roots
Autor:
Fabian Töpel
Köln, 16.03.2010
Alkanline Trio sind zurück, mit neuem Album sind sie Mitte Januar auf Promotour. In Deutschland hat man sich ausschließlich für Köln entschieden. An der Entfernung zwischen Hotel und Dom kann man bei solchen Terminen immer recht akkurat den derzeitigen Marktwert der Band erkennen. Das Hotel befindet sich dieses Mal in der Nähe des Ebertplatzes also schon etwas weiter vom Dom entfernt. Das Rockstargehabe haben sich die Jungs aber dennoch nicht abgewöhnt, und so sitzen Daniel Andriano und Derek Grant bereits am späten Nachmittag umringt von leeren Bierflaschen und Weingläsern im Aufenthaltsraum, um sich unseren Fragen zu stellen.
Crazewire: Ihr ward schon länger nicht mehr in Deutschland. Wie lange ist es her 2-3 Jahre?
Daniel Andriano: Nein! Machst du Witze? Es ist allerhöchstens 1,5 Jahre her. Außerdem war ich vor drei Monaten noch privat hier. Wir lieben es hier in Deutschland und werden im Frühjahr für eine längere Tour wiederkommen. Wir wissen noch nicht, wo wir spielen, aber es werden mehrere Shows zwischen Mai und Juni sein.
Crazewire: Ihr habt ein neues Label namens „Heart Skull Records" gegründet. Könnt ihr uns etwas davon berichten?
Derek Grant: Als wir anfingen dieses Album aufzunehmen, hatten wir kein Label. Im Laufe des Prozesses hat sich bei uns der Gedanke eingeschweißt, dass wir das Album selbst veröffentlichen wollen. Als wir dann über die Logistik und Distribution des Albums nachgedacht haben, wurden wir unsicher, wie wir das ganze angehen. Macht man Vinyl? Wo presst man die Sachen? Wer macht die Promotion und so weiter. Zu dem Zeitpunkt als wir über solche Sachen nachgedacht haben, meldete sich Brett von Epitaph Records und bot uns an das Album über sie zu veröffentlichen. Wir haben schon vorher zusammengearbeitet und er liebt die Band. Daraus ist eine Partnerschaft entstanden, bei der sie uns unter die Arme greifen und das Label, das wir leiten, unterstützen. Wir wissen noch nicht, ob es nur für Alkaline Trio ist, für Nebenprojekte oder ob wir andere Bands unter Vertrag nehmen werden. Ich glaube keiner von uns ist interessiert in den Business- oder Politikbereich der Musikindustrie einzusteigen aber es wäre toll Platten von Freunden herauszubringen. Wir werden erst einmal unsere Platte herausbringen und dann sehen wir weiter.
Crazewire: Wie wichtig ist Vinyl in eurer Szene?
Daniel Andriano: Es ist wichtig für uns Vinyl herauszubringen. Es ist mit Abstand meine liebste Art Musik zu hören, obwohl ich nur noch selten dazu komme sie zu hören. Ich liebe Platten. Ich liebe den Sound von Platten und ich mag die Idee, dass es eine A- und eine B-Seite gibt. Früher wurden Platten noch gezielt aufgebaut, um eine Spannung zu erhalten. Das vermisse ich sehr. Was noch schlimmer ist, dass die Industrie heute so sehr auf einzelne Songs ausgelegt ist. In Europa ist das schon länger der Fall, aber wir achten immer sehr darauf gute B-Seiten zu haben, um unseren Fans etwas zu bieten. Wir wollen wieder mehr Vinyl herausbringen.
Crazewire: „Agony & Irony" war sicher euer kommerziellstes Album in Bezug auf die Chartplatzierung. Wie ist eure Erwartungshaltung für das neue Album?
Derek Grant: Es ist sehr schwer so etwas vorauszusagen, und es war nie unser Antrieb. Ich denke wir sind so oder so zufrieden, egal was passiert. Wir freuen uns über Publicity jeder Art, ob es Chartseinstieg oder Fernsehauftritte sind, aber es war nie ein Ziel von uns. Unser Ziel war es, die beste Platte zu machen, die wir schreiben können und damit auf Tour zu gehen und die besten Konzerte zu spielen. Alles andere haben wir nicht in der Hand.
Daniel Andriano: Das ist das interessante daran. Wir haben nur bestimmte Dinge in der Hand. Wir können eine gute Platte rausbringen und etwas produzieren, wo wir alle voll dahinter stehen. Wenn die Platte dann in die Charts geht, fühlt es sich sehr gut an, weil dann klar ist, dass wir es auf unsere Art gemacht haben. Das Majorlabel hat beim letzten Mal geholfen die Songs ins Radio zu bekommen aber im Grunde war die Produktion für uns immer gleich. Wir haben immer nur Sachen gemacht, wo wir drei hinterstanden.
Crazewire: Wie kam es zum Bruch zwischen euch und dem Major Label?
Derek Grant: Es war eine übereinkommende Entscheidung. Wir waren nicht so zufrieden mit der Art und Weise wie gewisse Dinge abgelaufen sind und sie waren nicht so zufrieden oder hatten andere Erwartungen. Es lag aber auch daran, dass die Leute, die uns ursprünglich unter Vertrag genommen haben, gefeuert worden sind. Daher fiel die Entscheidung nicht schwer.
Daniel Andriano: Ich würde es ein geglücktes Experiment nennen. Die Platte war kein grandioser Erfolg aber was beide Seiten ausprobieren wollten war, ob es funktionieren könnte. Wir haben die Antwort darauf schnell genug bekommen, bevor jemand weh getan wurde. Wir durften eine Platte rausbringen, die wir sehr mochten und unsere Fans auch. Das Label hat dann entschieden, da wir nicht acht Millionen Platten verkauft haben, keine weitere Platte rauszubringen also machen wir es wieder auf unsere Art. We didn't get burned...
Derek Grant: Wir sind im Grunde sehr zufrieden mit dem Weg, den wir gegangen sind. Es gibt viele Bands, die nicht so viel Glück haben. Uns wurde nie in den kreativen Bereich hereingeredet und wir sind immer noch zusammen.
Crazewire: Ihr habt Brett Gurewitz von Epitaph Records eben erwähnt. Ist er so etwas wie der Godfather des amerikanischen Punks, der allen Bands Ratschläge gibt?
Daniel Andriano: Er redet viel mit den Leuten und hat eine sehr wichtige Band gegründet. Die Art und Weise wie er über einen so langen Zeitraum seine Unabhängigkeit bewahrt hat, seine und noch viele andere Bands herausgebracht hat, die man sonst außerhalb von Kalifornien nie kennen würde ohne ihn. Epitaph ist gewachsen und eine großartige Firma, die so lange Zeit unabhängig geblieben ist. Obwohl die Industrie an sich schrumpft, stellt Brett neue Leute ein und seine Firma wächst. Neben Ian McKaye ist er sicherlich einer der Godfathers des Indie/Punk, daher freut es uns sehr mit ihm zusammenzuarbeiten. Ich hab ihn kennengelernt, als ich 16 Jahre alt war, während einem Konzert einer Band, in der ich gespielt habe in Südkalifornien. Ich bin total ausgerastet, als ich gehört habe, dass Brett auf unserem Konzert war. Und nun 16 Jahre später arbeiten wir zusammen. Aber waren seit längerem in Kontakt und haben öfters rumgehangen mit Bad Religion, während der Vans Warped Tour zum Beispiel. Dass die Platte jetzt mit seiner Hilfe rauskommt, fühlt sich für uns an wie ein Lottogewinn. Nicht im finanziellen Sinne sondern auf emotionaler Ebene.
Crazewire: Ich bin überrascht, dass die Vans Warped Tour immer noch so erfolgreich funktioniert in den USA, obwohl die Bands immer älter werden und das Publikum gleich jung bleibt.
Daniel Andriano: Es wird einfach an die nächste Generation weitergegeben. Mit den Bands ist es aber genauso. Angefangen hat es natürlich mit den kalifornischen Punkbands aber die Musik hat sich auch verändert. Es ist eine Zeit lang härter geworden mit Hardcore und Metaleinflüssen, jetzt kommen viele Indie Bands dazu, die dort auftreten. Ich finde das großartig und ich glaube, dass es sonst auch nicht so erfolgreich wäre.
Crazewire: Zum neuen Album: Ich habe es gestern ein paar Mal gehört und mir ist aufgefallen, dass es schneller und einfacher gestrickt ist als die letzte Platte. Was waren die Einflüsse für das Album? Ich habe gelesen die Prämisse war, dass alles was auf der Platte ist auch live umsetzbar sein musste.
Derek Grant: Das war eine Zeit lang wichtig aber keine wirklich bewusste Entscheidung. Ich glaube wir wollten einfach eine ehrliche und sorglose Platte machen. Wir wollten zurück in eine Arbeitsweise, in der wir uns früher wohl gefühlt haben und Dinge so machen, wie wir sie lange nicht mehr gemacht haben. Es hat uns sehr viel Spaß gemacht und sehr spontane dringliche Momente hervorgebracht- Iich hoffe, dass das ganze auf der Platte rüberkommt und die Leute die Energie spüren, die vielleicht nicht diesselbe ist, wie die Band live zu sehen. Es ist aber etwas näher dran als die Platten davor.
Crazewire: Also ein bisschen „Back to the roots"?
Daniel Andriano: Der Satz hören wir immer wieder und es macht auch Sinn aber die Band will immer wachsen. Das ist unser Ziel: Wir wollen wachsen- Mit unseren Fans und im Songschreiben wollen wir das auch. Und das ist es, was wir getan haben bis zu dieser Platte. Jetzt wollten wir nur ehrlich und einfach bleiben, was das Songschreiben betrifft, so dass die Songs allein dastehen müssen. Ich glaube, dass wir auf dieser Platte zum ersten Mal mehr von uns selbst beeinflusst worden sind als von irgendjemand anderem. Unterbewusst wird man immer beeinflusst, und ich glaube, dass wir jetzt an einem Punkt waren, wo uns bewusst wurde, dass wir schon viele Platten aufgenommen haben, die immer noch sehr gut sind. Also, lass uns ein wenig von dem nehmen was uns immer stark gemacht hat.
Crazewire: Zu den Texten: Ein Stück auf dem Album heißt „Dorethy", der auf „Blue Velvet" verweist. Wie kam es dazu?
Daniel Andriano: Matt hat den Song geschrieben, daher ist es etwas komisch für uns darüber zu schreiben aber „Blue Velvet" ist für uns alle drei einer unserer absoluten Lieblingsfilme. Ich habe aber keine Ahnung wovon er handelt. Weißt du es? (wendet sich an Derek, Anm. d. Verf.)
Derek Grant: Ich habe nicht mit ihm darüber geredet aber das ist einer der ältesten Songs auf dem Album. Den Song hatten wir als Demo schon für „Agony And Irony" aber er hat es damals nicht aufs Album geschafft.
Crazewire: Aber es war keine Entscheidung des Labels den Song nicht zu nehmen damals?
Daniel Andriano: Nein, das war nicht ihre Entscheidung. Wir hatten zu dem Zeitpunkt sehr viele Songs fertig also hat unser Ansprechpartner beim Label gesagt wir sollten uns die zehn stärksten Songs auswählen für das Album. „Dorethy" war die Nummer elf und hat es damals nicht geschafft. Wir wollten immer stringente Platten machen, „Dorethy" hat damals nicht hingepasst aber wir hatten den Song immer im Hinterkopf und uns daher dafür entschieden nochmals daran zu arbeiten. Ich liebe das Lied, der Text ist einfach der Wahnsinn.
Derek Grant: Viele der Songs werden von Filmen und Literatur beeinflusst aber eher als Metapher für verschiedene Interpretationen und ich bin mir sicher es steckt eine gute Geschichte dahinter aber das weiß Matt sicher besser.
Crazewire: Der Song „Dine Dine My Darling" ist eine Misfits Hommage?
Daniel Andriano: Es ist eine Hommage an die Misfits aber die Hauptinspiration für den Song kam durch den Tod eines Freundes von mir, der einer der größten Misfits Fans war. Er ist vor ein paar Jahren gestorben sehr plötzlich gestorben und hatte nie die Chance sich zu verabschieden von seiner Freundin mit der er fast zehn Jahre zusammen war und jede Minute verbracht hat. Ich war sehr traurig ihn zu verlieren aber noch trauriger war ich, dass er nie diese Chance bekommen hat sich zu verabschieden. Also habe ich darüber nachgedacht, was ich machen würde. Ich habe versucht mich in seine Situation hineinzuversetzen, obwohl es mir widerstrebte. Er liebte die Misfits und er liebte es mit seiner Freundin zu essen. Das waren seine liebsten Dinge im Leben und die habe ich übersetzt auf mein eigenes Leben, was ich tun und sagen würde, wenn ich wüsste, dass ich sterben werde. Viele Menschen erhalten diese Möglichkeit nicht, also sollte man sie nutzen wenn man sie bekommt. Ich mag es auch sehr mit meiner Lady zu essen, daher hat der Song auch etwas wahres, obwohl es als Wortspiel begann und an die Misfits erinnern sollte. A bittersweet lovesong.
Crazewire: Eigentlich eine sehr schöne Aussage, trotz der traurigen Geschichte dahinter.
Daniel Andriano: Ja das war es auch was ich schreiben wollte. Ich wollte schon lange Zeit einen Song für ihn schreiben aber jedes Mal, wenn ich damit begann bin ich durchgedreht. Wenn ich den Song schon jede Nacht auf der Bühne singen sollte dann wollte ich mir keine Sorgen machen, dass ich zusammenbreche. Daher war es wichtig dem Song eine positive Botschaft zu geben.
Crazewire: Vielen Dank für das Gespräch!
Interview: Matthias Menzel und Fabian Töpel