Interpret:
Aimee Mann
Titel:
No one wants to be invisible
Autor:
Bastian Küllenberg
Wuppertal / Düsseldorf, 13.10.2008
Seit den frühen Neunzigern ist Aimee Mann nun schon dabei, sich einen guten Namen im Musikgeschäft zu machen. Nach ersten Achtungserfolgen, gelang der Durchbruch auf größerer Bühne dank des Soundtracks zu "Magnolia" von Paul Thomas Anderson. Eine Oscarnominierung und zahlreiche weitere Auszeichnungen später, erhoffte sich Aimee Mann künstlerische Freiheit und Unterstützung durch ihr Label Warner, wurde jedoch bitterlich enttäuscht. Schließlich löste sie sich von ihrer Plattenfirma, um mit dem eigenen Super Ego Records neue Wege zu gehen. Dort veröffentlichte sie seither Alben, wie das sehr persönliche "Bachelor No.2" oder "The Forgotten Arm", bei dem die Lebensgeschichte eines Boxers erzählt wird. Anlässlich des Erscheinens der neuen Platte "@#%&*! Smilers", nahm sich Aimee Mann Zeit, Crazewire beim transatlantischen Telefonat einige Fragen zu beantworten.
Crazewire: Die letzten beiden Veröffentlichungen, waren Konzeptalben, nun kommt mit "@#%&*! Smilers" wieder eine reguläre Platte. Wie kam es zu der Entscheidung?
Aimee Mann: Nachdem ich diese Konzeptalben gemacht hatte, erinnerte ich mich wieder oft an mein persönliches Lieblingsalbum "I`m With Stupid". Bei dieser Platte waren viele der Songs sehr unterschiedlich und wurden auf ganz verschiedene Art produziert und aufgenommen. Diese Art zu Arbeiten genieße ich sehr und hatte einfach Lust, es beim neuen Album wieder so zu machen.
Crazewire: Der Klang von "@#%&*! Smilers" ist sehr voll und warm. Mir scheint, ihr habt bei den Aufnahmen sehr auf Keyboards und Orgeln gesetzt.
Aimee Mann: Tatsächlich gibt es auf der Platte keine elektrischen Gitarren. Unser Keyboarder kam mit einigen sehr interessanten Klängen an, die die Rolle der elektrischen Gitarre gut ausfüllen, allerdings auf eine deutlich spannendere, wärmere Art. Eine Gitarre nimmt oft sehr viel Raum ein und tritt so in Konkurrenz zum Gesang.
Crazewire: Bei Liedern wie "31 Today" oder "Borrowing Time" kann man das gut hören. Die Orgeln werden hier eher als zweiter Gesangspart benutzt.
Aimee Mann: Exactly! Eine Orgel kann einen ähnlichen Eindruck auf dich machen, wie die menschliche Stimme, daher ist es eine nette Ergänzung.
Crazewire: Das Stück "True Believer" ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit mit Grant-Lee Phillips. Wie ist das entstanden?
Aimee Mann: Wir sind schon seit einiger Zeit befreundet. Es gibt diesen Club namens "Largo", wo wir häufiger spielen und im Umfeld des Clubs existiert eine Gemeinschaft von Musikern, die sich miteinander austauscht. Ich kenne ihn und Grant Lee Buffalo also schon ein paar Jahre und denke, er hat eine der schönsten Stimmen im Rock. Die Musik zu "True Believer" existierte schon länger, aber ich wusste einfach nicht, was ich dazu schreiben sollte. Ich dachte, es wäre interessant zu sehen, ob ihm etwas einfällt. He has such an interesting mind. Er ist eine sehr exzentrische Person auf eine positive Art. Seine Idee, eine Geistergeschichte daraus zu machen, war etwas völlig anderes, als das, was mir ursprünglich vorschwebte. He was definitely an inspiration in many directions.
Crazewire: Gibt es andere Künstler, die dich derart inspiriert und dir Richtungen aufgezeigt haben?
Aimee Mann: Die grundlegenden Einflüsse stammen aus der Zeit, als ich ein Kind war. Bob Dylan, die Beatles, Neil Young und der frühe Elton John, diese Art classic rock aus den 60ern und 70ern. Das ist großartiges Songwriting, großartige Melodien und toller Gesang. Daneben haben mich später auch andere Singer/Songwriter wie Elliot Smith sehr beeinflusst.
Crazewire: Mittlerweile bist du selbst zu einer Inspiration für jüngere Musiker, besonders Musikerinnen, geworden. Wie denkst du darüber?
Aimee Mann: Ich denke, einen Einfluss auf andere Musiker zu haben ist etwas, worüber du nicht wirklich die Kontrolle hast. Manche Leute hören deine Musik und es bewegt sie überhaupt nicht, während andere etwas hören, das tief mit ihnen verbunden ist. Man kontrolliert es also nicht, sondern es ist eher ein glücklicher Zufall. Jeder wünscht sich ja irgendwie, einflussreich auf eine bestimmte Art zu sein und einen Eindruck bei den Menschen zu hinterlassen. No one wants to be invisible.
Crazewire: Ich kann mir vorstellen, dass es für eine junge Songwriterin nicht einfach ist, ihre Rolle zu finden und Klischees, wie etwa das des "netten Mädchens mit Gitarre" zu vermeiden. Kannst du dich erinnern, wie es war, als du mit der Musik begonnen hast?
Aimee Mann: Damals waren es eigentlich nur sehr wenige Frauen, die so etwas gemacht haben. Es gab einfach noch kaum Klischees, die man vermeiden musste. Man konnte so ziemlich machen, was man wollte. Was es zu vermeiden gillt, ist dass Leute immer noch denken, weibliche Singer/Songwriter seien eine Art novelty und man müsse sie besonders behandeln und nicht so ernst nehmen. Aber hoffentlich gehen diese Zeiten auch irgendwann von selbst vorbei. Ich denke, oft verfallen Frauen von selbst in diese auf's Aussehen reduzierten Klischees und finden es schwer, sich davon zu trennen, weil es sich so sicher anfühlt, Empathie durch ihren Sexappeal oder ihre Schönheit zu erzeugen. Leute, die mehr durch diese oberflächlichen Aspekte glänzen wollen, als durch ihre Musik, erscheinen mir aber üblicherweise eher uninteressant, daher widme ich ihnen keine Aufmerksamkeit. Wenn jemand sich zu viel Mühe gibt, besonders girly oder sexy zu wirken, finde ich das langweilig. Es sind einfach zwei verschiedene Sachen. Wenn ich außerordentlich hübsche Menschen oder Supermodels sehen möchte, kann ich in die Vogue gucken. Ich möchte nicht, dass die Leute ihr Image komplett ignorieren, denn es kann ein interessanter Aspekt sein, aber der Musik sollte mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden. The music does have to come first.
Crazewire: Im Albumtitel steht vor dem "Smilers" ein nicht näher bezeichneter Fluch. Ist damit das böse F-Wort gemeint?
Aimee Mann: Yeah, "Fucking Smilers". Aber du kannst es auch einfach "Smilers" nennen, mir ist das eigentlich egal. Es sollte einfach nach Cartoon aussehen, mit diesem Bild des kleinen Männchens, das sauer und schlecht gelaunt ist, immer wenn er jemand Grinsen sieht. Der Künstler der das Cover gemacht hat, heißt Gary Taxali und ist ein kanadischer Zeichner, von dem ich schon lange Fan bin.
Crazewire: Für die Artworks der Alben wurden auch in der Vergangenheit schon einige Male Cartoons benutzt.
Aimee Mann: I'm getting more and more into it. Seit einiger Zeit, zeichne ich auch selbst. Ich fange an, mir Grundlegendes über Cartoons anzueignen und habe überlegt, vielleicht irendwann einen graphic novel zu veröffentlichen. Ein sehr guter Freund von mir ist Romanautor und immer, wenn wir uns treffen, zeichnen wir etwas zusammen. Im Moment bin ich aber nur dabei, zu üben.
Crazewire: Ich kann dieses Interview nicht beenden, ohne zu fragen, wie es zu dem Gastauftritt als eine der deutschen Nihilisten in "The Big Lebowski" kam.
Aimee Mann: Es war ein Zufall. Ich hatte einen Freund, der mit einem der Castingdirektoren zusammenarbeitete und er sagte, mein Name sei bei einem der Meetings gefallen. Zu dem Zeitpunkt hasste ich das ganze Musikbusiness so sehr, dass ich einfach etwas anderes machen wollte. Es war weniger der große Wunsch, Schauspielerin zu werden, als viel mehr, eine Erfahrung zu machen, die nichts mit Musik zu tun hatte. Außerdem schien es eine interessante Rolle zu sein. Sie ist in deutsch und ich dachte mir: "Hey, sie ist Nihilistin. Sie kann nicht viele Emotionen haben, es kann also so schwer nicht sein". Daher ging ich schließlich zum großen Vorsprechen für diese 3-Sekunden Rolle (lacht, Anm. d. Verf)
Crazewire: Gab es denn irgendwelche persönlichen Bezüge zu Deutschland oder dem Nihilismus?
Aimee Mann: Zum Nihilismus nicht, aber ich habe es immer sehr gemocht, in Deutschland aufzutreten und ich liebe die deutsche Sprache. Es ist die einzige Sprache, die ich wirklich können möchte und ich habe es sogar schon mal versucht. Für mich hört es sich einfach schön und richtig an und eines Tages werde ich Unterricht nehmen, um es richtig zu lernen.