DETAILS

Interpret:
A Fine Frenzy

Titel:
Iggy Pop unterm Weihnachtsbaum

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Autor:
Dominik Knauf
Kropp, 24.11.2008

INTERVIEWS

A Fine Frenzy - Iggy Pop unterm Weihnachtsbaum

A Fine Frenzy - Iggy Pop unterm Weihnachtsbaum

Die Sonne lacht über Kreuzberg an diesem wundervollen Sonntagnachmittag im November. Vielleicht zum letzten Mal in diesem Jahr ist es wenigstens eine Spur warm, Menschen schlendern durch die einladende Hasenheide, einem großen und gemütlichen Park direkt gegenüber vom „Ludwig-Beethoven-Hotel“. Dem Hotel, in dem Alison Sudol, besser bekannt als A Fine Frenzy, sich auf ihr Konzert am Abend im nahe gelegenen Columbia Club vorbereitet. Gleichzeitig empfängt sie mich zum Interview im Speisesaal des Hotels. Seit sie mit ihrem großen Hit „Almost Lover“ und dem Pop-Kleinod „One Cell In The Sea“ die Charts eroberte, ist über ein halbes Jahr vergangen. Doch abgehoben ist Alison Sudol nicht. Im Gegenteil. Die Menschen, die täglich mit ihr zu tun haben, schwärmen von ihrem vorbildlichen Lebenswandel, ihrer netten, einnehmenden Art. Und tatsächlich, als sie dann plötzlich vor einem steht, mit ihrem weißen Strickpullover, den dunkelblauen Jeans und ihren liebevoll zerzausten roten Haaren, kann man diese Schwärmerei nur zu gut nachvollziehen. Eine Tasse grüner Tee wird für sie bestellt, dann wird es Zeit, sich mit der Person hinter dem Pseudonym „A Fine Frenzy“ zu befassen.

Crazewire: Du übernachtest im „Ludwig-Beethoven-Hotel“. Klingt nach einem lustigen Zufall?

Alison: Ja, das ist es tatsächlich. Ich versuche jedoch immer Hotels in der Nähe von Parks zu finden, um so oft wie möglich in der Natur sein zu können.

Crazewire: Du bist also sehr naturverliebt?

Alison: Oh ja, speziell auf Tour kommt man schnell in einen ungesunden Trott: Tourvan – Hotel – Konzerthalle – zurück zum Hotel – wieder in den Van. Ein Spaziergang im Park wirkt wie ein Ausgleich dazu. Die Bäume, die Blumen, das Gras: das macht mich wirklich glücklich.

Crazewire: Also hat das ständige Touren neben all dem Stress auch seine positiven Seiten?

Alison: Auf alle Fälle, vor allem bei dieser Tour, da mein Terminplan dieses Mal mehr Freiheiten lässt. So habe ich die Möglichkeit, mir die Städte genauer anzuschauen, vor allem auch Orte und Plätze, die ich sonst nicht zu sehen bekäme. Und die europäischen Parks sind eine Klasse für sich. Man bekommt Abgeschiedenheit, Wildnis und Kultur, alles auf engstem Raum. Das unterscheidet sie grundlegend von amerikanischen Parks.

Crazewire: Hast du neben deiner Liebe zu europäischen Parks noch andere Angewohnheiten auf Tour?

Alison: Die meisten Dinge auf Tour werden zwar im Laufe der Zeit zu Routinen, aber viele feste Angewohnheiten habe ich nicht. Eine ist, dass ich sehr viel Tee trinke, vor allem auf der Bühne. Es hilft meiner Stimme, darüber hinaus wirkt es auch noch beruhigend. Außerdem versuche ich, wenn die Zeit es erlaubt, Museen zu besuchen. Erst kürzlich war ich im Van Gogh-Museum in Amsterdam und es war wirklich unglaublich. Außerdem war ich in den beiden Tate-Museen in London. Unbeschreiblich.

Crazewire: Hast du selber auch einmal versucht, dich künstlerisch zu betätigen? Ein Bild zu malen?

Alison: (lacht, Anm. des Verf.) Ja, aber ich war so schlecht. Alles was ich kann ist ein wenig Kritzeln. Ich kann eine Eule zeichnen. Aber darüber hinaus wird es schon schwierig. Meine Eltern haben einige von meinen Bildern bei sich zu Hause aufgehängt, so wie man es auch bei kleinen Kindern macht. Und genauso sehen die Zeichnungen auch aus. Also bleibe ich doch besser bei der Musik oder beim Schreiben. Ich habe gerade ein Kinderbuch geschrieben.

Crazewire: Worum genau geht es in der Geschichte?

Alison: Ich habe es gerade erst fertig geschrieben und es ist schwer zu erklären, ohne den Plot zu verraten. Es geht um zwei Kinder, die auf einer Insel mit sprechenden Tieren landen. Sie müssen hoch in die Luft und auf den Grund des Meeres. Ein großes Abenteuer. Das Schreiben an sich hat auch sehr viel Spaß gemacht. Einen Großteil schrieb ich unterwegs auf Tour. Nach den Shows gehe ich üblicherweise nicht mehr aus, da bin ich zwar zu fixiert um Schlafen zu gehen, aber auch zu müde um auszugehen. Die beste Zeit, um dann zu schreiben.

Crazewire: Du kriegst also die besten Ideen nach deinen Shows?

Alison: Ja, bereits geschriebene Musik zu spielen öffnet kreative Ströme, die man aber während des Konzerts nicht verarbeiten kann. Man erzeugt zwar neue Gefühle, aber man kann damit nichts Neues ausdrücken. All diese aufgestauten Gedanken kommen nach dem Konzert noch einmal hoch und das ist dann die beste Zeit, diese noch einmal einzufangen.

Crazewire: Du hast dir selber das Klavierspielen beigebracht. Hast du keinen Lehrer gebraucht?

Alison: Ich habe es versucht, ich hatte anfangs einen Klavierlehrer aber ich lernte – nichts, abgesehen von den Notennamen. Danach arbeitete ich mit einer Songschreiberin zusammen, die mir ein paar Akkorde zeigte und beibrachte, den Rhythmus zu halten. Dann jedoch lehnte sie es ab, mich weiter zu unterrichten, mit der Begründung, dass ich den Rest selber herausfinden sollte. Zunächst war ich ein wenig ängstlich, da ich begann, mich auf sie zu verlassen, aber im Nachhinein war es das Beste für mich, da ich meinen eigenen Stil entwickeln musste. Auf der einen Seite erschwert dieses Vorgehen natürlich einiges, da ich nicht einfach ein Musikstück aufgreifen und analysieren kann, aber auf der anderen Seite öffnen sich mir dadurch neue Möglichkeiten, da ich nicht durch Konventionen blockiert bin. Manchmal benutze ich unbewusst Akkordfolgen, wo mir Leute sagen: „Das kann so nicht funktionieren“. Aber scheinbar funktioniert es ja doch und im Nachhinein sagen mir dann dieselben Leute: „Deal!"

Crazewire: Wann genau hast du dann deinen ersten Song geschrieben und wovon handelte er?

Alison: Ich schrieb ein paar Songs als ich 14, 15 Jahre alt war. Einer davon hieß „Extraordinary“. Zu der Zeit fühlte ich mich ziemlich fremd und ausgeschlossen in meiner High School, egal wie sehr ich mich auch anstrengte, ich passte irgendwie nicht rein. Ich hatte zwar viele Bekannte, aber keine richtig guten Freunde, denen man alles anvertrauen konnte. Von daher fühlte ich mich immer einsam. In „Extraordinary“ geht es genau darum. Ich fühlte mich so gewöhnlich und die Welt um mich herum war so…außergewöhnlich. Ich suchte noch meinen Platz.

Crazewire: Klingt, als hättest du keine gute High-School-Zeit gehabt?

Alison: Nein. Einige Menschen haben sicherlich diese tollen Erinnerungen an ihre High-School-Zeit. Wir hatten zwar einen tollen Literaturkurs, in dem ich viel lernte, alles in allem war es aber eine sehr verwirrende Zeit für mich. Es gab da beispielsweise dieses Ritual, dass sich die beliebten Schüler immer vor der Schule versammelten und redeten, während die weniger beliebten Schüler sich im Schulgebäude trafen. Ich fand mich immer wieder im Schulgebäude wieder und wurde öfter gefragt: „Was machst du eigentlich hier bei uns?“ Es war nicht böse gemeint, eher neugierig. Auf der anderen Seite fühlte ich mich bei den populären Schülern immer einsam.

Crazewire: War das einer der Gründe, dass du dich nach der High School dafür entschieden hast, zunächst einmal eine Auszeit zu nehmen?

Alison: Ich hatte zwar alle nötigen Tests bestanden und hätte auch beinahe an jedes College gehen können, aber ich beschloss für mich, es zunächst einmal zu verschieben. Ich war 16, als ich die High School abschloss, was sehr jung ist. Ich wollte noch nicht aufs College. All die jungen Leute, die wilde Partys gefeiert hätten – und ich mittendrin. Das wäre so merkwürdig gewesen. Als ich dann alt genug für das College war, war es keine Option mehr für mich. Es gab dort nichts, was mich wirklich interessiert hätte. Also fing ich für mich an, klassische Werke zu lesen und mich mit Menschen zu unterhalten, die andere Interessen als ich hatten. Ich lernte sozusagen vom Leben.

Crazewire: Zu der Zeit entstand wohl auch dein erstes Pseudonym unter dem du auftratst: Alison Monro. In Anlehnung an Marilyn Monroe?

Alison: Oh je (verdreht die Augen, Anm. d. Verf.). Der Name entstand zu einer Zeit, als ich mich sehr unbehaglich fühlte. Ich hatte zu dem Zeitpunkt bereits so viele Songs geschrieben, wusste aber nicht, wo sie mich hinführen würden. Also musste ich einfach in eine andere Rolle schlüpfen, um meine Musik zu spielen. Jemand der mutig, unbefangen, halt: Rock 'n' Roll war. Der Name geht tatsächlich auf Marilyn Monroe zurück. Eines Tages, als ich am Chinese Theatre (weltberühmtes Kino in LA, in dessen Eingangsbereich die Filmstars ihre Handabdrücke in Zement verewigten, Anm. d. Verf.) vorbeikam, suchte ich nach ihren Abdrücken. Ich flippte völlig aus als ich feststellte, dass meine Hände genauso groß waren wie ihre. Darüber hinaus verkörperte sie für mich auch das Gefühl, selbstbewusst zu sein, selbst wenn sie dies nur in ihren Filmen und nicht im wahren Leben war. Nach ein paar Jahren hatte ich jedoch genug vom Pseudonym. Ich setzte mich also ans Klavier und der erste Song, den ich schrieb, war „Almost Lover“. Das öffnete mir die Augen. Ich musste aufhören, jemand anderes sein zu wollen.

Crazewire: Trotzdem trittst du ja unter dem Alias „A Fine Frenzy“ auf, einem Zitat aus Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ ( „The poet’s eye, in a fine frenzy rolling, Doth glance from heaven to earth, from earth to heaven“, Anm. d. Verf.). Hast du eine besondere Beziehung zu diesem Theaterstück?

Alison: „Ein Sommernachtstraum“ ist ein wundervolles Werk, sehr poetisch und farbenfroh. Doch an und für sich ist es das Zitat, das es mir angetan hat. Es drückt genau das aus, was ich beim Schreiben empfinde, weil ich dann alles um mich herum vergesse. In diesen Momenten bin ich nicht ansprechbar und wie in Trance. Und genau darum geht es in diesem Zitat. Ich könnte es nicht besser ausdrücken, also habe ich beschlossen, es einfach von Shakespeare zu klauen (lacht, Anm. d. Verf.).

Crazewire: Du durftest beim letztjährigen South By Southwest Festival den Auftritt der Stooges einläuten. Nicht gerade das, was man sich unter einem typischen Stooges-Support vorstellen würde.

Alison: Das Album war zu dieser Zeit noch nicht mal veröffentlicht und in der Luft war diese knisternde Atmosphäre. Ich war so aufgeregt. Ich meine, Iggy Pop ist einfach dieses „wild animal“, eine Gazelle. Das Publikum war bereits seit einer Woche auf diesem Festival und dementsprechend auch schon erschöpft und verkatert vom Feiern. Die Leute wunderten sich wohl im ersten Moment über mich, doch als wir dann unser ruhiges Set spielten, nahmen sich die Leute tatsächlich die Zeit, eine Minute durchzuatmen, bevor sie sich bei den Stooges voll verausgabten.

Crazewire: Hattest du auch die Möglichkeit, dich mit Iggy Pop zu unterhalten?

Alison: Nein, ich war zu eingeschüchtert. Ich meine – Iggy Pop! Plötzlich sprang er während seines Auftritts in die Menge, auf der Bühne tanzten all diese verrückten Gestalten und ich war damals noch sehr, sehr schüchtern. Da wir auf demselben Label sind, dachte ich mir, dass sich vielleicht eines Tages die Gelegenheit ergeben würde, Iggy Pop auf eine Tasse Tee einzuladen und ein gutes Gespräch mit ihm zu führen. Bislang hat sich das leider noch nicht erfüllt.

Crazewire: Wäre ein gutes Weihnachtsgeschenk, oder?

Alison: Oh ja, das wäre großartig, obwohl ich nicht mal wüsste, was ich sagen sollte. Vermutlich würde es irgendetwas total Dämliches sein, wie: „Oh, you’re so cool!“


 

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