CRAZEWIRE Best Of:
Juni 2011
Autor:
Michael Weber
Köln, 06.07.2011
Damit das Handgepäck noch als Handgepäck durchgeht, nehmen wir nur das Nötigste mit. Bei einem erneuten releasreichen Monat hat Selektion höchste Priorität. In unserem Best Of Juni 2011 findet ihr unsere Lieblinge des vergangenen Monats: Bon Iver, Miami Horror, Friendly Fires, Destroyer und Wu Lyf.
Der Wolf heult wieder. Nur hat er sich diesmal in sein Rudel eingefunden, um gemeinsam mit seinem Bruder und seinen musikalischen Mitstreitern durch die Wälder von Wisconsin zu streifen. Bon Iver ist nicht mehr länger das Solo-Projekt von Justin Vernon, der sich einst für sein begnadetes Debüt zurückzog, um den Schmerz einer verflossenen Liebe zu verdauen. Er ist aus der Isolation zurückgekehrt, fokussiert das Leben um sich herum, widmet sich seiner Herkunft und vergisst nicht, woher er gekommen ist. Für „Bon Iver“ stellt sich Justin Vernon ganz in die schutzbringende Obhut eines Rudels, fungiert aber dennoch als Leitwolf, dessen eindringliches Geheul sich kristallklar von dem ins Mark fahrenden Chor seiner Band abhebt.
Track für Track nehmen Miami Horror den Zuhörer mit auf eine Reise durch ihre Synthies und Keyboards, durch ihren unglaublich guten Sound. Man kann sich ihr hingeben - der Musik, den Texten. Und wenn einem schon die ersten vier Tracks gefallen haben, hauen die Jungs mit „Sometimes” noch mal richtig einen drauf. Das pompös schillernde Synthie-Intro, eine Gitarre wie aus besten New Order-Zeiten und dann der Beat. Man ist gefangen und kommt nicht mehr heraus: „Sometimes when all that’s lost remains / Drink from the fountain of youth and never age again / Sometimes we jump across to every cloud / Fly away get lost and never bei found”.
Dass die Friendly Fires dabei nicht den einfachen Weg gehen und das Erfolgsrezept ihres Debüts eins zu eins kopieren, muss man ihnen groß anrechnen. Die Haken schlagende, disco-infiltrierte Nervosität, die Songs wie „Paris“ oder „Photobooth“ dereinst auszeichneten, ist einer Gelassenheit gewichen, die im positivsten Sinne auch Platz für George Michael („Hurting“) oder modern-smoothen R‘n‘B („Pala“) als Inspirationsquellen bietet.
Auf den Punkt muss Bejar [...] nicht kommen. Seine Song-Arrangements sind ungebunden, sie träumen einer Hookline hinterher und verlieren sich nur zu gerne in Details am Rand. Unkonzentriert wirkt dabei kein einziger Moment des Albums. Zwanzig Monate arbeitete der gebürtige Kanadier mit der zum acht-köpfigen Kollektiv gewachsenen Band an „Kaputt“. Dass dabei der Titel-Track mit seinem „Wasting your days / chasing some girls / alright, chasing cocaine through the backrooms of the world all night“ zur repräsentativen Hymne wird, bleibt Anfangs-Euphorie.
Der eigenen Symbolik verhaftet und im großen Kirchneraum live binnen drei Wochen eingespielt, klingt „Go Tell Fire To The Mountain“ schlussendlich auch. Ein geräumiges Großwerk, dessen letzte Töne sich in einem Hall-Spektakel der letzten architektonischen Windungen des Chors entfalten. Und dennoch: Obwohl der energetische Klangteppich auf schillernden Gitarren sich im Opener „L Y F“ schon in alle Richtungen entfaltet, bleibt „Go Tell Fire To The Mountain“ klaustrophobisch verkümmert.