Kategorie:
Tourbericht
Titel:
I Felt Like I Was Walking Through A Herzog Movie
Interpret:
Snailhouse
Datum:
21.05.2010
Lokation:
Düsseldorf, Trier, Steinfeld
Autor:
Christopher Szwabczynski
Steinfeld, 31.05.2010
In seinen jüngeren Jahren hatte sicherlich jeder mal den Wunsch oder die Hoffnung mit seinem musikalischen Idol ein so genanntes „Meet-And-Greet“ zu gewinnen. Ich, Tagträumer hab mir so etwas jedenfalls immer vorgestellt. Und als ich Ende 2008 das Album „Lies On The Prize“ von Snailhouse gehört hab, das wohl für den Rest meines Lebens reicht und diesen Singer/Songwriter anlässlich Crazewire's fünften Geburtstag in Bonn gar live gesehen hab, fing ich an zu träumen.
Snailhouse ist das Soloprojekt des kanadischen Musikers Micheal Feuerstack, der bereits seit 1990 unter diesem Namen Songs veröffentlicht. Mit Freunden gründete er 1992 die Indie-Rock Band Wooden Stars, die mit ihrer Zusammenarbeit mit Julie Doiron den Juno Award für das beste Alternative-Album im Jahr 2000 gewannen. Snailhouse gehört zu den bekanntesten Künstlern im kanadischen Raum und ist als Preisträger des Juno Awards in einem Atemzug mit Künstlern wie Neil Young und Rufus Wainwright zu nennen. Außerdem ist Mike Mitglied der Band Bell Orchestre, was ihn alles nicht davon abhält in regelmäßigen Abständen mit Snailhouse Alben zu veröffentlichen, die teils durch namenhafte Gastmusiker oder Produzenten heraus stechen. So mischte Arcade Fire's Drummer Jeremy Gara seine letzte Platte ab, die mich dann in den Bann zog. Mit neuen Songs, nur noch ohne Label für ein neues Album, ist Snailhouse wieder auf Europatour und ich hatte die Ehre ihn bei einigen seiner Konzerte begleiten zu dürfen. Es war ein Traum von einem Wochenende.
Freitag, den 21.05.10 Düsseldorf - Rocco's Bar
Nachdem ich meine mündliche Prüfung noch hinter mich bringen musste, stieg ich so schnell wie möglich in die Bahn gen Düsseldorf. Nach eineinhalb Stunden drückte ich mich aus dem viel zu vollen Zug und bekam einen Anruf von unserem Herausgeber Lasse, der die nächsten drei Shows für Snailhouse organisierte und mir sagte, dass Mike schon da sei und das Essen gleich fertig wäre. Genau das, was man hören möchte, nach einer solchen Reise. Nach ehrlichen Konversationen und einem wunderbaren Essen ging es auch schon bald zum Soundcheck des ersten Gigs. In Rocco's Bar in Oberbilk hieß es Möbel umstellen, Anlage und Merchandise aufbauen. Alles sehr ruhig und entspannt fand man sich bald schon in einer sehr eng gewordenen Bar wieder. Den Support machten Hello Piedpiper aus Köln. Die beiden Jungs der Kölner Pop-Band Stereo Inn bewiesen, dass sie auch nur mit zwei Gitarren und Glockenspiel und ohne Countryhemden und fünf Mann Kollektiv überzeugen können. Besonders Mike war von diesem seinen Support sehr angetan, und so konnte er zufrieden vor ein gut gelauntes Publikum steigen, das auch größtenteils während des gesamten Konzerts aufmerksam zuhörte. Nach drei, vier Zugaben, neuen Songs wie „Sentimental Gentelman“ und seiner Coverversion von Animals' „ Please Don't Let Me Be Misunderstood“ konnte man sich sicher sein, dass man mit fünf Euro viel zu billig weggekommen ist. Nun ja, die Zigarette danach hat gut geschmeckt und man konnte in zufriedene Gesichter der Künstler und des Veranstalters blicken. Alles gut.
Samstag, den 22.05.10 Trier - Miss Marples
Nach unruhigem Schlaf und gutem Frühstück ging es im Auto mit einer netten Crazewire-Crowd und einem glücklichen Mike auf die Autobahn Richtung Trier. Nach dreistündiger Autofahrt wurde man herzlich aber versoffen vom La-La-Part aka Jörkk von Schreng Schreng & La La in seiner Trierer Wohnung empfangen. Schreng Schreng & La La, die Zweimann-Chaostruppe um unseren Anwalt und Herausgeber, sollte für den Gig im Miss Marples den Support gestalten. Doch erst einmal hieß es ein wenig Kultur tanken in Trier. Nachdem uns Mike erklärt hat, was das „Porta Nigra“ eigentlich ist ging es in einem lockeren Spaziergang bei strahlendem Sonnenschein an den Kaiserthermen vorbei zum Amphitheater. Ein sehr sympathischer Nachmittag mit sehr, sehr sympathischen Menschen neigte sich dem Ende zu und der Abend konnte beginnen. Im Miss Marples bekamen wir kulinarische Verpflegung vom Feinsten, die sich als absolut notwendig erwies, als Grundlage für viel Alkohol. Schreng Schreng & La La begannen ihr sozialkritisch amüsierendes Set mit schlechten Partyartikeln und Seifenblasen en masse. Im Anschluss gab Mike wieder sein bestes und holte alles aus seiner Gitarre und Stimme raus, doch das Publikum erinnerte eher an ein Irish-Pub, indem die Musik durchaus als hochkarätig angesehen wird aber Bier und Klatsch viel wichtiger bleiben. Dennoch hatten wir einen guten Abend mit viel netten Menschen und Unmengen Ouzo und Bier – die Betreiber einer Bar sollten sich die Leute erst einmal anschauen, bevor sie die Getränke kostenlos zu Verfügung stellen – und am nächsten Morgen, als man sich unsere Gesichter betrachtete, wusste man plötzlich, wo der Begriff „Sex, Drugs & Rock 'n' Roll“ seinen Ursprung hat.
Sonntag, den 23.05.10 Steinfeld
Am nächsten Morgen mit riesen Kater und müden Augen ging es zurück in die Eifel. Dort nämlich sollte wir einen exklusiven Höhepunkt mit einem privaten Wohnzimmerkonzert und guten Freunden erleben. Das Wetter war an diesem Sonntag immer noch wie im Bilderbuch, und so ließen wir uns Eifler nicht nehmen, Mike die Orte zu zeigen, wo wir groß geworden sind und unsere Jugend verbracht haben. Mike hatte immer noch diesen zufriedenen Gesichtsausdruck, der sich bei dem Themendinner bei Lasses Vater über beide Backen ausgebreitet hat. Der dritte sehr familiäre Nachmittag neigte sich dem Ende zu und ich traf die letzten Vorbereitungen, um mein Wohnzimmer Konzerttauglich zu machen, legte eine gute Platte auf und die ersten Freunde kamen. Rund 25 Leute fanden sich an diesem Abend zusammen, um völlig überzeugt zu werden. Da besonders mein Freundeskreis nicht gerade von Singer/Songwriter-Liebhabern dominiert wird, war es um so schöner, nur zufriedene Gesichter zu erblicken nach einem zweigeteilten Set und nie enden wollenden Zugaben. Für mich ein sehr emotionaler Abend nach einem solchen Wochenende, das wohl nicht nur für mich das beste seit langem war. Dies wurde einstimmig per Kopfnicken mit geschlossenen Augen bei dem Bob Dylan „The Man In Me“-Cover bestimmt.
Snailhouse wird uns immer am Herzen liegen, auch wenn wir alt und Waise sind. Wieso er nur in seiner Heimat ein Superstar ist, kann man sich nicht erklären. Es wird wohl damit zusammenhängen, dass er sonst keine Zeit hätte, mit uns in der Eifel über Herzog-Filme zu reden und in der Sonne deutsches Bier zu trinken.
Video: „Fire Alarm"
SNAILHOUSE - Fire Alarm from Mitch Fillion on Vimeo.