Kategorie:
Spezialbericht
Titel:
Musik aus Köln im Jahr 2012
Interpret:
Die Drogen
Datum:
18.01.2012
Lokation:
Köln
Autor:
Fabian Töpel
Köln, 18.01.2012
Gerade findet die Cologne Music Week zum vierten Mal rund um den Stadtgarten statt. Seit mehreren Jahren bietet die CMW als Vorbote zur c/o pop die Möglichkeit aufstrebende Künstler aus dem Kölner Raum im belebten Umfeld der Passagen umsonst zu sehen.
Auffällig dabei ist, dass das Niveau der Bands auf sehr hohem Niveau liegt. Erstmals seit dem Wegfall von VIVA2, Spex und diversen Indieplattenfirmen, die vielen Bands wie Werle & Stankowski, Urlaub In Polen oder Blackmail, Anfang der 2000er Jahre noch mit geballtem Medieninteresse zu deutschlandweiter Bekanntheit verholfen hat. Doch wie kam es dazu?
Die Lücke, die das Sterben der Indielabels wie Haute Areal, Rakete und vieler anderer hinterlassen haben die Künstler mit eigenen Netzwerken aufgebaut.
Exemplarisch steht dafür das Künstlernetzwerk Power To Peter. Geleitet von Max Domma und dem ehemaligen Crazewire Schreiber Maik Schneitler hilft Power To Peter Bands beim Booken erster Gigs im Vorprogramm internationaler Künstler, der künsterlischen Gestaltung und vieles mehr. Außerdem wird mit gemeinsamen Parties und Konzerten eine eigene Identität und eine Marke geschaffen von der Bands wie Periscope, NIL, Beeline und andere profitieren. Ähnliches bildete sich im elektronischen Bereich, um die Dorfjungs. Noch ein paar jünger als die Macher von Power To Peter entwickelt sich dort gerade eine neue Marke um die poppigen Hufschlag & Braun, den Frickler Thomas Meckel und den straighten minimalistischen Sound von Marvin Horsch.
Vor ein paar Jahren hatte ich noch bei meinen Freunden von Coma beobachtet wie lange sich der Prozess mit einer Plattenfirma hinziehen konnte. Von den ersten Gesprächen mit Kompakt bis zum Release dauerte es ein paar Jahre. Heute scheint das Releasen beim großen Label gar nicht mehr zwangsläufig das größtmögliche Ziel zu sein. Eher schafft man seine eigene Marke und produziert und verkauft die kleine Auflage Vinyl auf eigene Faust und die MP3s über Beatport.
Bestes Beispiel für erfolgreiche Selbstpromotion ist David Hasert und seine Like Clique. Kein DJ in Köln wird kritischer beäugt, teils belächelt und von seinen Fans geliebt wie David Hasert. Mit seinem likeblog und der dazugehörigen Party schafft er es seit Jahren den beliebtesten Gossip aufzugreifen und zu verbreiten. Nach diversen Projekten und Singleveröffentlichungen erscheint im März sein langersehntes Debütalbum "Smalltown Boy". Gleichzeitig schafft er es immer wieder interessante Newcomer Bands vor seiner Party auftreten zu lassen. So spielten u.a. Chaos Mon Amour oder The Pollywogs ein paar ihrer ersten groß gefeierten Gigs im Rahmen der Like Party. Apropos The Pollywogs mit Sänger Bryan Kessler hat David Hasert sein Pendant in Sachen Polarisieren gefunden. Der 21jährige Sounddesigner hat mit The Pollywogs gezeigt, dass er in Sachen Sound, Bühnenperformance, Exzess und Sexappeal durchaus mit britischen Vorbildern aufnehmen kann. Seine Lofi-Produktionen und dem Namen xchesnud dürften aber auch den gemeinem älteren Indiefan gefallen. Wie er es geschafft hat innerhalb eines Jahres auch noch zu einem Resident DJ im Bootshaus zu werden ist wohl sein Geheimnis. Bryan Kessler provoziert aber er liefert auch ab und wird auch noch in fünf Jahren konsequent Musik machen.
Tolles gab es auch von Vimes zu entdecken. Die beiden Jungs stehen mit scharrenden Hufen in den Startlöchern mit einem Sound irgendwo zwischen Gitarrenmusik und Elektropop wartet dieses Duo 2012 auf den großen Startschuß. Xul Zolar kamen aus dem nichts und spielen auf Anhieb eine faszinierend eigenständige Mischung aus alten Cure Stücken und New Yorker Weirdo Pop a la Clap Your Hands. Vielleicht die Kölner Band mit dem größten Potential 2012. Die Band, der man ähnliches zutrauen könnte, die aber ihren Weg schon gefunden zu sein scheint sind PTTRNS. Sie veröffentlichen auf einem Indielabel, spielen auf der Fusion ohne aber auf den großen Musikbusinesszug aufspringen zu wollen. Dafür hat man schon zu viel erlebt.
Kompakt sorgte 2011 hauptsächlich mit internationalen Künstlern für Furore und wagte sich erstmals konsequent an Bandprojekte wie WhoMadeWho oder Gus Gus heran. Für den Sound of Cologne sorgte da schon eher das neu gegründete Label Magazine, dass mit seinem Sound Elektronik mit Krautrock verband und mit der Halle Deutz Air zumindest für einen Sommer ein wundervolles Zuhause hatte mit Hafenromantik eine Parallelgesellschaft in direkter Nachbarschaft des Bootshaus.
Das Sterben von etwas ist oft der Anfang etwas neues. Mit dem Tod der Papierfabrik und des Sensor Clubs im Frühjahr gewann das Odonien wieder an Wert. Die Macher der Papierfabrik gründeten in direkter Nachbarschaft zu Odonien den Schrebergarten und feierten dort Parties wie man sie als Kölner sich nur in den kühnsten Berlinfantasien hat vorstellen können. Auf einmal wurde der Sonntag zum neuen Partytag entdeckt. Partyreihen wie 200 oder Rheinrhythmik standen sinnbildlich für das neue Feierverhalten und den härteren Sound.
Hip Hop technisch gab es auch keinen Stillstand. Mit dem Club Bahnhof Ehrenfeld bekam die sehr aktive Oldschool Szene ein neues Domizil und Beatpackers Macher DJ Cem (u.a. bei Dickes B) eine neue Plattform für seine monatlich zelebrierten Beatpackers Live Events. Hip Hop Konzerte für Fans, inklusive Handtüchern zum Wedeln, die Cem jeden Monat bei Ikea einkaufen muss. Etwas vergleichbares gibt es in Deutschland nicht, so bekunden vieler der aufgetretenen Künstler. Dass daraus wiederum viel neues entsteht zeigt sich an Gruppen wie Projekt Gummizelle, Maat & Marek, Jona S oder dem phänomenalen Aufstieg von Flo Mega, dessen Homebase ebenfalls im CBE liegt.
Mit der Klubkomm und der gerade gegründeten c/o pop Booking soll die Kölner Szene nun auch wieder mehr Aufmerksamkeit außerhalb der Domstadt erhalten. “Geh doch nach Berlin” schrien Angelika Express noch 2004, doch wer jetzt noch nicht weg ist, weiß auch warum. Köln bietet schnellen Anschluss kurze Wege und eine familiäre Szene. Und selbst wenn man wie Teile von MIT, Aroma Pitch oder die Durchstarterin Dillon nach Berlin abgewandert ist, wusste schon Trude Herr “Niemals geht man so ganz”.