Kategorie:
Spezialbericht
Titel:
Ein Jahr, so gut - Düsseldorf 2011 musikalisch
Interpret:
Various Artists
Datum:
01.01.2012
Lokation:
Düsseldorf
Autor:
Crazewire Redaktion
Köln, 11.01.2012
Kurz vor Mitternacht ist es an diesem Tag immer merkwürdig still in meiner Stadt. Fast bedächtig wartet man auf das Neue, Unbekannte. Von irgendwo her hallen „Schöne Maid“ und ein paar Böllerschüsse. Ein wirklich merkwürdiger Mash-Up. Was war eigentlich los, das man heute feiern könnte?
Es gab viele Baustellen in meiner Stadt und gibt es immer noch. Und manchmal erschein mir das Düsseldorf der Schlagzeilen als Potemkinsches Dorf. Alles Fassade. Wie dieser Eurovision Songcontest. Da wurde den Einheimischen Lena als Königin von Deutschland auferlegt und im Rahmen der großen Medienkirmes eine Werkschau der lokalen Musikszene inszeniert, bei der schließlich ein Schüler mit einer Bruno-Mars-Covernummer das Rennen machte. Gab es denn nichts Originelles?
Doch, natürlich – und wieder erwies sich der Salon Des Amateurs in Sachen Elektronik als Keimzelle. Die drei Jungs von Stabil Elite starteten mit der „Gold“-EP durch, erhielten von der Stadt den Förderpreis für Musik und schafften es bis in den Musikexpress. Plötzlich waren sie alle auf einer Dreiviertel-Seite versammelt: Stefan „Antonelli“ Schwander, Stefan „Mapstation“ Schneider, Pyrolator alias Kurt Dahlke … und alle haben sie schöne Platten gemacht. Schwander als Harmonious Thelonious, Schneider in diversen Kooperationen („Stunden“ mit Roedelius ist wohl besinnlicher als alle Weihnachtsplatten dieser Welt), Dahlke legte mit „Neuland“ ein unerwartet frisches, beschwingtes Werk vor. Und Hauschka alias Volker Bertelmann verewigte den Club am Grabbeplatz mit seiner Platte „Salon Des Amateurs“ und zeigte, dass Techno und Hip-Hop auch auf dem Klavier funktionieren können. In Düsseldorf wachsen noch immer Kunst und Musik zusammen. Bertelmann und Stefan Schneider machen Revolutionsmusik fürs neue Theater, Kreidler machen das Cover ihres Albums „Tank“ zum Papier für verstörende Fotografie. Ach ja, das Düsseldorf-Berliner-Quartett: Jeder der drei Gründermitglieder hat inzwischen ein Soloalbum vorgelegt. Nun auch Thomas Klein, der als Solyst alle Vorurteile über Schlagzeuger Lügen strafte. „Dim Lights“ ist ein Paradebeispiel für die Symbiose von Analogem und Digitalem – tiefgründig und schön.
Die Elektronikkünstler fahren den verdienten Lohn für ihre kreative Beharrlichkeit ein. Was war mit den Rockern? Hosen-Drummer Wölli Rohde drehte mit der Band des Jahres noch mal kräftig auf. Die komödiantische Inszenierung des eigenen Alters war mir in jedem Fall sympathischer als der 3D-Vooodoo von Kraftwerks Ralf Hütter. Irgendwann muss doch mal Schicht sein. Bei den einen später, bei anderen viel zu früh: 2011 schockte mit der Nachricht, dass die Hardcore-Helden von MyTerror sich auflösen. Der lange Atem war nach Dauertouren trotz übergroßem Sendebewusstsein nicht lang genug. Doch es ist wie bei At The Drive-In: eine Band löst sich auf, zwei gute Nachfolger entstehen. Gerüchten zufolge ist Sänger Schröda bereits mit Stigmas Gigi Mrdjanov und Our Lives Without Us-Frontmann Tom Jeske zu Gange. Man darf gespannt sein. Our Lives Without Us überraschten mit dem überfälligen Debüt, präsentierten Postgrunge in Reinform.
Es war auch ein gutes Jahr für The Plot & Dirty Sánchez. Die Hip-Hop-Band spielte beim Open Source Festival, räumte den Preis der Hans-Peter-Zimmer-Stiftung ab und gewann schließlich mit einer Nasenlänge vor dem Mighty Mammut Movement beim City Beats Contest. Und der Nachwuchs krawallt kräftig: Jolly Roger halten die Totenkopf-Fahne des Punk hoch und mit Cattelan, Eleven des ARTig-Projekts, ist eine eigenwillige Band am Start, die durchaus die Nachfolge der Nerd-Popper Kiesgroup antreten könnte. In Düsseldorf wachsen noch immer Kunst und Musik zusammen. Sagte ich das bereits? Die Rocker von ARTWON ARTOWN ARTNOW machten sich im Sommer selbst zum Ausstellungsstück und spielten in einer Session im Theatermuseum kurzerhand ein Album ein. Mit der neuen Bandförderung der Stadt im Rücken dürfte 2012 für das Trio das entscheidende Jahr werden.
Wem das Open Source, das Cover Me Bad oder das New Fall Festival zu groß waren, der ging in die Clubs oder in die Kunstvereine, wo die Indiefolker und Singer/Songwriter zuhause sind. Die Pionierarbeit von Stefan Honig, der im Bilker Metzgereischnitzel e. V. in jedem Monat ein anspruchsvolles Kulturprogramm organisiert, sollte sich bald auch auszahlen. Man munkelt, er steigt im kommenden Jahr in Sachen booking im Grand Hotel van Cleef ab. Das trockene Dach über dem Kopf sei ihm gewünscht. Auch sein Benevolent-Partner Martin Hannaford zieht mit schönen, eigenen Songs durch die Clubs der Stadt. Erwähnte ich es schon? Eine Band löst sich auf, zwei gute Nachfolger entstehen.
Die Frequenz der Böllerei nimmt zu. Vereinzelt leuchtet es schon bunt über den Dächern. 2012 rauscht heran. Welches mag der erste Song des Jahres sein? Ich öffne die Balkontür und lausche.
Autor: Michael „Sonny" Wenzel
Video: Stabil Elite - „Gold"
Stabil Elite - Gold (ITALIC Recordings) from italic on Vimeo.